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Notizen zur Lyrik von Irina Valtscheva

Von Arno Böhler, Univ.Doz.Mag.Dr. (Philosoph und Filmemacher (GRENZ-film), Dozent am Institut für Philosophie der Universität Wien seit 1995; Projektleiter des FWF Forschungsprojekts zum Thema Materialität und Zeitlichkeit performativer Sprechakte. Text-Körper-Ereignis; Board des Nietzsche Circle New York. Gemeinsam mit Susanne Granzer Gründung der „wiener kulturwerkstätte GRENZ-film“ (1997)), 14.11.2006

"mein / name / liegt / am meeresgrund!". Mit diesen Worten beginnt Irina Valtscheva Ihr Manuskript. Der Satz ist wörtlich zu nehmen. Das Meer ist das Element Ihrer Sprache. Schreiben eine Form des Schwimmens. "Stell dir vor… / du schwimmst / im grasgrünen Wasser des Meeres / und atmest die Wärme deiner Gefühle". Das Wasser ist die mediale Tiefe, aus der die Schrift, das Gold, die Ringe der Vergangenheit, das versunkene Gedächtnis - auch das eines Mannes - auftauchen. Berauscht von dem, was das Meer an Reichtum birgt, entgleiten Ihr Ihre Jahre, Tage und Minuten. "Ich gehe nicht. Ich bleibe. / Ich habe jedes Recht. Gelitten. / Das Jahr, die Tage, die Minuten. Glitten. / Aus mir. Die Zeit…". Das von Ihr Erlittene wird ausgesprochen, um es als Gesagtes dem Gedächtnis der See lyrisch wieder zurück zu gegeben und damit endgültig entgleiten zu lassen.
Das Meer fungiert in Ihrer Dichtung jedoch nicht nur als ein Speichermedium, dass die Dinge, die sprachlichen Ringe der Zeit und das in der Zeit mit der Zeit Gesagte aufnimmt und archiviert. Es waltet auch als Medium einer alles umspannenden Innigkeit, in der sich die Dinge wechselseitig berühren, um einander angenähert zu werden. Ein Gedicht aus 7 Worten, das in der Mitte des Manuskriptes steht und den schlichten Titel Wasser trägt, zeugt davon. "Heute / ich / war / Wasser. / Ich / war / du."  Wasser. Ort der medialen Begegnung von Ich und Du. In ihm erscheinst Du in mir - ich in Dir. Flüssig, liquide, allesamt mit-ein-ander, in-ein-ander verschränkt. Auch heute noch. So wie damals… "Geboren / Geborgen / Im Wasser. / Schwimme / Damals."
Eingetaucht-sein in ein Du - in eine Welt, die Grösser ist als… meine, das ist es, wovon diese Dichtung zeugt. "Du bist / Die Worte / Die / In meinen Kopf / Lachen. / Deine Hand / Ist / In meiner Welt. / Ich schwimme. / In dir."  Wie die Gezeiten zirkuliert eines im anderen. Ich in Dir. Du in mir. Schmerzlich. Lustvoll. Ein Kommen, Gehen, Wiederkehren. Wehen der Zeit. "Was soll mir am Kommen und gehen liegen? / Was soll mir an dem w i e d e r k e h r e n d e n Schmerz liegen?"  "Exit(us)? / Ich lebe!".

Heute war ich Wasser, war ich du. Geboren. Angstfrei geborgen in Dir.
Die Dichtung von Irina Valtscheva atmet Wasser. In ihr tauchen wir ein in jenen Meeresgrund, in dem wir einst angstfrei geatmet haben. "Ich kann / Atmen / Das Wasser. / Angstfrei. / Wir sind / Angstfrei / Geboren. / Ich kann / Lachen. / Im Wasser. / Ich kann / Lachen. / Damals. / Im du." . Schwimmend geborgen im Du. Angstfrei. "Ich schwimme. / Ich schwimme… / Dich.".




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