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Die Kälte der Wüste und die Hitze des Nordens
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Honeybunny



Anmeldungsdatum: 04.03.2006
Beiträge: 1049
Wohnort: bei den Bienchen und Blümchen

BeitragVerfasst am: Mi Nov 18, 2015 3:34 pm    Titel: Antworten mit Zitat

Zedar stand auf dem Balkon der zu seinen Gemächern gehörte…seinem goldenen Käfig. Nie hätte er daran gedacht, dass es einmal so weit kommen würde. Sein Blick glitt über das Land der Norska, das nur für so kurze Zeit das seine gewesen war, bis zu den Bergen, hinter denen Eleif lag, das ewig grüne Land. Er vermisste es. Seine kräftigen Hände umklammerten die Balkonbrüstung, welche anfing zu bröckeln. Er hatte immer noch Kraft. Er hatte immer noch Macht, aber er konnte sie nicht für sich nutzen. Der dunkle Gott hatte eine Verbindung zu ihm hergestellt, er wusste genau, was Zedar tat, oder wo er sich befand, also verhielt sich der Schmied so unauffällig wie möglich. Es musste einen Ausweg geben. Als Zedar die Schlunde geöffnet hatte, war er davon ausgegangen, dass ER die Macht über alles erhalten würde, dass ER nun an Stelle von Ak´ra´drogan über diese Welt herrschen würde, dass die Dämonen SEINE Sklaven wären. Er hatte es alles anders geplant. Der Schmied fragte sich, wann alles begonnen hatte schief zu laufen. Und was war die Quelle der Macht für den dunklen Gott? Woher kamen Götter? Wie entstanden sie? Er schürzte seine vernarbten Lippen und strich sich über die glänzende Glatze.
Glaube. Glaube war der Schlüssel zur Göttlichkeit. Ak´ra´drogan hatte die Motraki, ein mächtiges Volk, das nicht umsonst die Seelensammler genannt wurde. Ein Gott war nur so mächtig wie der Glaube seiner Anhänger. In Motrak lag sein Ursprung. Seine Kraft wurde gespeist durch abertausende von Seelen, durch die blutigen Rituale der Motraki und durch ihren unerschütterlichen Glauben an den Dunklen. Was würde passieren, wenn die Motraki ihren Glauben verlieren würden? Wenn sie Ak´ra´drogan nicht mehr unterstützen würden oder sich sogar gegen ihn stellen sollten? Und was würde passieren, wenn die letzten freien Menschen ihren Glauben an den Gott des Lichtes verstärken würden? Könnte man ihn dann auch in diese Welt bringen und ihm ein menschliches Äußeres verleihen? Brauchte ein Gott das überhaupt? Zedar trommelte nachdenklich mit den Fingern auf die bröckelnde Brüstung. Nein, ein Gott brauchte keine menschliche Gestalt um ein Gott zu sein, aber es half den Glauben aufrecht zu erhalten und zu verstärken, es half ihm, einen direkten Zugriff zu bekommen. Was ein Mensch sah, glaubte er auch. Selbst die Anhänger des Lichtes glaubten, dass es Ak´ra´drogan gab, seit er in menschlicher Gestalt auf dieser Welt wandelte und machten ihn allein dadurch noch mächtiger. Es war verzwickt. Konnte es eine Möglichkeit geben den Glauben an den Dunklen zu schwächen?

Arilin beobachtete die weiße Wolke, die sein Atem in der klirrend kalten Morgenluft des ewig roten Waldes erzeugte und lächelte. Helle Sonnenstrahlen brannten sich einen Weg durch die wabernden Nebelschwaden, die federleicht durch den Wald zogen und das Licht golden reflektierten. Seine nackten Füße machten knirschende Geräusche auf dem mit Reif überzogenen Laub, das den gesamten Boden in einer weichen Schicht bedeckte. Arilin ging leichtfüßig zwischen den Bäumen mit den großen, tiefroten Blättern in Richtung Schneegrenze und blieb dort stehen.
Nur wenn man genau hinsah und wenn man wusste, dass es dort war, konnte man den leichten Schimmer in der Luft sehen, der wie eine Wand vom Boden bis zum Himmel reichte und den Schnee scharfkantig von der Baumgrenze abspaltete. Keine Schneeflocke schaffte es auf diese Seite der Grenze. „Sie sind schon so nah.“ sagte er und hob seine Hand in Richtung der schimmernden Grenze, berührte sie jedoch nicht.
„SIE wird sie den Rest des Weges führen, es kann nicht mehr lange dauern, bis es soweit ist.“ erklang eine helle, weibliche Stimme neben Arilin und er drehte den Kopf zu Lamira. Ihr silbrig gesträhntes, blondes Haar floss ihren Rücken in großen Wellen hinab, der Blick aus den großen, leicht schrägstehenden Augen ging in die Ferne und hatte etwas Schwermütiges.
„Freust du dich, sie wieder zu sehen?“ fragte Arilin und Lamiras graublaue Augen leuchteten kurz auf.
„Sie ist meine Tochter, natürlich freue ich mich.“
„Du wirkst als hättest du Angst.“
„Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen, sie ist verzweifelt, sie wird mich dafür hassen, was ich ihr angetan habe, wundert es dich, dass ich Angst habe?“ schnappte die zierliche Frau neben ihm.
Arilin nickte und sein goldblondes Haar fiel ihm in das nachdenkliche Gesicht, dem man plötzlich sein Alter ansah. „SIE wird es nicht zulassen, dass sie dich hasst. SIE hat das Opfer von dir verlangt. Liharas Schicksal wurde mit dem IHREN verbunden.“
„SIE ist nicht mehr so mächtig, wie SIE einst war. Der Dunkle hat bereits zu viel Macht an sich gerissen. Nur noch wenige glauben an SIE. Darum ist es so wichtig, dass Lihara mit IHR hier her kommt, aber ich fühle, wie sie versucht gegen ihr Schicksal anzukämpfen. Sie fühlt, dass sie mit IHR verbunden ist, dass es ihr Schicksal ist und sie weiß, was es bedeutet. Würdest du dich nicht auch dagegen wehren, wenn du wüsstest dass es ansonsten deinen Tod bedeutet?“ schnappte Lamira.
„Ihr Tod ist noch nicht gewiss. Noch hat der Dunkle nicht gewonnen.“
„Aber er wird gewinnen, wenn SIE sich noch mehr Zeit lässt. Warum musste SIE die Gestalt eines Kindes annehmen?“
„SIE wurde wiedergeboren, auch der Unaussprechliche wurde wiedergeboren, nur hat dies niemand bemerkt, er wurde von den Motraki in der dunklen Dimension aufgezogen. Auch Götter haben einen gewissen Zyklus zu durchlaufen, wenn sie menschliche Gestalt annehmen wollen, auch wenn es bei ihnen schneller geht.“ Arilin hob eine goldene Augenbraue als die Grenze zwischen dem ewigen Eis und dem Roten Wald kurz aufleuchtete und drehte sich um. „Wir müssen zurück. Es sind Motraki und Dämonen in die nördliche Zone eingedrungen.“
„Motraki…“ Lamira spuckte aus und erhielt eine weitere hochgezogene Augenbraue von ihrem Begleiter.
„Entschuldige. Es ist nur so, dass ich nervös werde. Wir brauchen Mandrek, wir brauchen die beiden Drakafrauen, wobei wir bei keiner von den Frauen wissen, wo sie sind und bei Mandrek nur eine Ahnung haben, wo er sich rumtreibt. Gleichzeitig braucht SIE mehr Anhänger, mehr Menschen, die wirklich an SIE glauben, wie stellt SIE sich vor, dass wir das alles schaffen sollen? Wir sind keine Götter.“
Sie erreichten die Pferde, die in der Nähe angebunden waren und schwangen sich auf deren Rücken.
„Wir sind ihre Diener, Lamira. Wir müssen dafür sorgen, dass IHRE Macht wächst und sie bereit ist, sich dem Dunklen entgegen zu stellen. Reite du zum Tempel, ich werde die Luranakrieger bereit machen und sie los schicken.“
Lamira nickte und Arilin verschwand zwischen den roten Bäumen. Ihr Blick glitt wieder zu der unsichtbaren Grenze und sie seufzte. Sie hätten früher handeln müssen. Hätte die Erleuchtete sich nur nicht so viel Zeit gelassen….

Ein eisiger Schauer lief Keisha über den Rücken, als sie die rauen Worte hinter sich hörte. Es war eine beschwörende Stimme, angenehm, rauchig und einlullend, dennoch verlieh die fremde, abgehakte Sprache ihr etwas Gefährliches. Die Bestie gegenüber der Draka brüllte vor Wut und Keisha spürte ein gewisses Ziehen in ihrem Kopf. Sie war umkreist. Vor ihr der Dämon, hinter ihr…ja, was war hinter ihr?
„Wenn du dich ruhig verhältst, wird dir nichts passieren. Unser Herr braucht dich lebend.“
Diese Stimme kannte Keisha. Damon…es war Damons Stimme, aber nicht mehr. Das kleine bisschen, was sie selbst war, schrie sie von innen her an, rief ihr Befehle zu, versuchte sie dazu zu bringen, sich dorthin zu versetzen, wo sie Jorek und die anderen hin gebracht hatte, doch der wütende und zornige Teil ihrer Selbst ignorierte sie. Ihr Blick hielt an dem der Bestie ihr gegenüber fest. Einen Augenblick noch…noch einen Moment länger, dann lächelte sie und drehte sich um. Sie legte ihren Kopf schräg und sah Damon in die hellen Augen. Augen die aus dem Hintergrund heraus gelb leuchteten. Hinter ihm standen Motraki und einer von ihnen war vor getreten und redete ununterbrochen in diesem einlullenden Tonfall.
Keisha lauschte ihm, während Damon die Hand ausstreckte. „Keisha, leg das Schwert weg. Wir werden dir helfen. Die Motraki halten den Dämon zurück, komm mit mir. Ich bringe dich zu Keral und deiner Schwester….“
Die grünen Augen der Draka leuchteten kurz auf. „Zhara ist tot.“ antwortete sie knapp. Dann deutete sie auf den Motraki, der in der ersten Linie stand und die Beschwörung murmelte. Sie lächelte, aber es war keine Freude in diesem Lächeln, kein Gefühl, nur pure Kälte. „Töte ihn.“ sagte sie, leise und ohne weitere Gefühlsregung.
Der Dämon hinter ihr katapultierte sich über sie hinweg, sie roch den Schwefel, spürte die Hitze, die von ihm ausging und dann verstummte das Gemurmel abrupt. Keishas Blick verfing sich in dem eines der anderen Motraki. Seine lila Augen funkelten kurz auf, dann fächerten die anderen Motraki und Norska neben ihm und vor ihm aus. An deren Spitze stand Damon.
Der Dämon, der soeben den letzten Bissen des Seelensammlers verschlungen hatte, blickte auf und sah beinahe schon unsicher zu der Draka. Diese wandte ihren Blick nicht von Xh´Moro ab. „Wenn er mich will, muss er mich schon selbst holen. Glaub mir, ich werde nicht zögern seine eigenen Waffen gegen ihn einzusetzen. Wegen ihm ist meine Schwester tot, wegen ihm habe ich Freunde und Familie verloren. Sag ihm, ich werde alles in meiner Macht stehende tun um ihn zu vernichten, und wenn es das Letzte ist, was ich tun werde.“
Xh´Moro trat vor. „Er kann dir deine Schwester wieder bringen. Er könnte dir jeden wieder bringen, den du willst. Wir können ihre Seelen finden und sie wieder herstellen. Nur er hat die Macht, dir zu helfen.“ Sein Blick streifte den Dämon. „Du bist mächtiger geworden, als ich gedacht habe, das muss ich gestehen. Ich vermute, dass noch etwas von Maddakors Abkömmling in dir zurückgeblieben ist. Auch dies können wir entfernen, wenn du es zulässt. Wir können dir helfen, die deinigen zu retten und er wird dir ein eigenes Reich gönnen, indem du und deine Lieben in Frieden leben könnt. Er wird dich behandeln wie eine Königin. So wie du es verdienst.“
Seine Stimme war rauchig, beinahe sanft und er rollte jedes Wort, als wäre es eine Geliebte. Wenn seine Stimme Substanz gehabt hätte, sie wäre weich und rosa gewesen. Keisha spürte wie sein Geist den ihren mit unsichtbaren Fingern liebkosten, wie er ihr Bilder von Zhara, Syrian, Sirkka, Keral und vielen anderen vor die inneren Augen hielt, er zeigte ihr ein grünes Tal in dem sie glücklich leben konnten….
Keisha biss ihre Zähne zusammen, bis ihr Kiefer schmerzte. Dann kam ein knurrender Laut über ihre Lippen, der sich auf denen der Bestie hundertfach wiederspiegelte. „Töte sie alle.“ presste sie zwischen ihren Zähne hervor und der Dämon sprang.
Xh´Moros lila Augen hielten Keishas Blick noch einen Moment lang, dann wandte er sich beinahe gemächlich der tobenden Bestie zu, die soeben zwei Norska verschlungen hatte.
Du hattest deine Chance Wüstenblume. Seine Stimme erklang in ihrem Kopf, als der markerschütternde Schrei des Dämons sie in die Knie zwang.

Jorek blinzelte in die Sonne. Wie lange hatte er schon keinen blauen Himmel mehr gesehen? Neben ihm raschelte etwas und er konnte die Hand des großen Nomaden gerade noch packen, ehe er einen Dolch in die Brust des bewusstlosen Drakas gerammt hätte.
„Ruhig Großer. Wir sollten uns erstmal umsehen, wohin uns Keisha gebracht hat. Lieber töte ich ein paar Dämonen, als einen offensichtlich wehrlosen Draka. Arian, halte deinen Bruder in Schach.“
Der kleinere Nomade lachte trocken auf. „Eine Ameise soll einen Bären aufhalten? Berron hatte noch nie viel für mich über, warum sollte ich ihn aufhalten können? Mir ist dieser Draka egal….“ er verstummte und sah auf die Spitze des silbernen Pfeils, welcher neben ihm im roten Baum eingeschlagen war. Auch Berron und Jorek hielten überrascht inne. Keiner hatte die Ankömmlinge bemerkt.
„Nun gut, jetzt, da wir eure Aufmerksamkeit haben…wer seid ihr, was wollt ihr, und vor allem…wie beim Licht Luranas kommt ihr hier her?“ Gut ein Dutzend hochgewachsener Männer mit rötlicher Lederrüstung, die sich perfekt an die Umgebung anglich, führten ihre Pferde auf die kleine Lichtung. Keiner von ihnen hatte sein Schwert gezogen, und der Schütze schulterte seinen Kurzbogen mit einer geschmeidigen Geste, die zeigte, dass diese Männer auch ohne gezogene Waffen mehr als nur gefährlich waren.
Arian starrte auf die in das Leder des Brustharnischs eingebrannte Flamme die jede der Rüstungen zierte. „Krieger des Lichts…Ihr seid Krieger des Lichts! Ich dachte das ist nur eine Legende…“ er verstummte als er den belustigten Blick des Sprechers bemerkte.
„Jede Legende hat einen wahren Ursprung.“ sagte dieser und musterte Jorek, der immer noch die Pranke von Berron umklammert hielt, der wiederrum den Dolch immer noch nicht los gelassen hatte. „Ihr scheint euch nicht ganz sympathisch zu sein, so wie es aussieht, aber Eleifa hatten noch nie viel für das fahrende Volk über.“ Sein Blick wanderte zu Syrian. „Ihr seid eine seltsam zusammen gewürfelte Gruppe. Wie seid ihr hier her gekommen?“
Jorek entwand Berron mit einer schlangenhaften Bewegung den Dolch und steckte ihn sich selbst in den Gürtel. „Wir wurden durch ein Wegetor geschickt.“
Der Krieger des Lichts sah Jorek mit hochgezogenen, goldblonden Augenbrauen an. „Ein Wegetor? Von wo aus?“
Der Eleifa hob die Schultern. „Irgendwo ein paar Tagesreisen vom Schlund entfernt…nördlich von Nordwacht gesehen….falls Euch der Schlund oder Nordwacht was sagt.“
Die Augen des Kriegers wurden noch ungläubiger und zwischen seinen Begleitern wurde leise gemurmelt. „WER hat dieses Wegetor erschaffen, und warum? Es sollte nicht möglich sein, soweit nördlich ein Wegetor zu erschaffen und dann auch noch hier her. Niemand kann so mächtig sein….“
Ein anderer Krieger des Lichts unterbrach ihn. „Nardork, wenn Dämonen es so weit geschafft haben…vielleicht sind die Grenzen nicht mehr so sicher, wie sie einmal waren, vielleicht lassen die Zauber allmählich nach…“
„Eine Draka hat uns hier her geschickt. Sie hat uns vor einem Dämon beschützt und wollte, dass wir sicher sind…“ Jorek stockte. „Ich hätte bei ihr bleiben sollen.“
Nardork nickt nachdenklich. „Arskor, du und Fario bringt die beiden in die Stadt des Lichts. Kommt nach, so schnell ihr könnt und bringt die zweite Garnison mit. Die Situation ist schlimmer, als erwartet.“ er wandte sich an die Fremden. „So sehr mich eure Geschichte auch interessiert, wir werden unsere Unterhaltung auf ein anderes Mal schieben müssen. Geht bitte mit Arskor und Fario mit ohne Widerstand zu leisten, euch wird nichts geschehen, solange ihr euch ruhig verhaltet.“ Mit diesen Worten nickte er seinen Männern zu und sie führten ihre Pferde an ihnen vorbei.
Jorek starrte sah ihnen nach. Selbst ihre Pferde bewegten sich beinahe lautlos über das rote Laub, das den Waldboden bedeckte.
Die beiden Wachen, die ihnen zugeteilt wurden, wirkten nicht besonders erfreut darüber, zurück bleiben zu müssen. „Lasst uns gehen.“ sagte Arskor barsch und nickte in Richtung des Drakas. „Hebt ihn auf mein Pferd. Dann ist er auch außerhalb der Reichweite von diesem dort.“ fügte er an Jorek gewandt hinzu während er zu Berron sah.

Lihara ließ sich am glatten Stamm eines alten Baumes hinabgleiten und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Heiße Tränen liefen ihre Wangen hinunter und gefroren schnell zu kleinen Kristallen in ihren langen Wimpern. Sie wollte nicht sterben. Die junge Nomadin strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wandte ihren Blick gen sternenklaren Himmel. Es hatte schon vor längerer Zeit aufgehört zu schneien und ein rötlicher Vollmond tauchte die Welt in seinen Schimmer. Was war der Plan der Götter? Welche Götter waren darin verwickelt? Gab es überhaupt noch andere Götter als den Dunklen? Und wenn ja, wie konnten sie es zulassen, dass der Dunkle so mächtig wird?
Knirschende Schritte schreckten sie aus ihren Gedanken auf und sie sah Kass, die auf sie zukam. Das Kind fest in ihren Armen. Es erschien Lihara schon wieder ein Stück größer. Kass wischte mit einer Hand den Schnee von einem Felsen, ehe sie sich darauf nieder ließ.
„Es muss nicht so kommen, wie du es gesehen hast.“ sagte sie ruhig und lockerte währenddessen abwesend die Decke um das Mädchen, um dem schlafenden Kind etwas mehr Bewegungsfreiheit zu geben. „Teile deines Schicksals können geändert werden, aber deine Aufgabe wird die Gleiche bleiben.“
Lihara hob eine silberblonde Augenbraue. „Kass? Bist du das?“
Die Frau ihr gegenüber lächelte sanft. „Nein, sie ist aber hier drin. Ich werde ihr ihren Körper in Kürze wieder geben. Meine Kraft reicht nicht für einen längeren Aufenthalt aus, ich benötige sie derzeit um zu wachsen.“ Ihr Blick streifte das Kind in ihren Armen.
„Wer bist du?“ fragte Lihara, obwohl sie die Antwort darauf bereits ahnte.
„Du weißt, wer ich bin. Und ich brauche dich. Ich werde viele Menschen brauchen, um gegen den Dunklen anzukommen. Ich werde deine Kraft benötigen, ich habe dich bei deiner Geburt auserwählt.“
„Warum ich?“ Die Nomadin rieb sich die geröteten Augen und wischte die gefrorenen Tränen vom Gesicht.
„Warum nicht du?“ fragte Lurana und ihre Augen blitzten belustigt. „Du hast eine Stärke in dir, die nur wenige haben und du wirst die Männer des alten Volkes leiten. Ohne, dass sie es merken, versteht sich, ich weiß wie stur Männer sein können, wenn es darum geht einer Frau zu folgen….Ragnarhim hat etwas für dich übrig.“
„Hast du da etwas daran gedreht?“ fragte Lihara offen und sah der Göttin direkt in die Augen. Diese lachte glockengleich.
„Es ist erfrischend, jemanden zu treffen, der sich nicht vor einem auf den Boden wirft.“ sie zwinkerte. "Um zu deiner Frage zu kommen, nein, an den Gefühlen der Menschen kann kein Gott etwas ändern. Wir könnten versuchen, sie zu beeinflussen, aber dies ist nicht meine Art. Außerdem ist er zu willensstark dafür. In seinen Gebeten an mich spricht er genauso offen wie du mit mir…“ sie sah auf, als sie schwere Schritte im Schnee vernahmen. „Ich werde mich zurückziehen, aber sei gewiss, ich werde tun, was in meiner Macht steht, um dich zu schützen. Auch ich kann die Zukunft nicht vorhersagen, ich kann sie nur erahnen und einzelne Blicke auf Varianten davon werfen. Und was immer auch passiert. Kass wird dir helfen, da bin ich mir sicher.“ mit diesen Worten erhob sie sich und verschwand zwischen den Bäumen.
Ragnarhim trat mit zwei weiteren Wilden aus dem Wald und sah sich um, bis sein Blick an Lihara hängen blieb, die immer noch am Baum lehnte und nun mit großen Augen zu ihm aufsah. Sein Blick flackerte kurz und wurde einen Wimpernschlag lang weich, aber es war so kurz, dass Lihara unsicher war, ob sie es sich nicht eingebildet hatte. Wieso sollte er etwas für sie über haben? Sie hatte gesehen, wie er mit Frauen umging. Frauen waren für ihn notwendiges Übel zur Fortpflanzung. Er war ein Wilder.
„Die Frau mit dem Kind, wo ist sie hin?“ fragte er barsch und Lihara seufzte, als sie sich erhob.
„Sie ist zurück ins Dorf gegangen, sie hat etwas Ruhe gesucht. Sie läuft nicht weg, keine Angst.“ erwiderte sie ruhig und ging selbst an ihm vorbei zurück in Richtung Dorf. Das Feuer brannte noch immer und der rote Schein der Flammen vermischte sich mit dem des Mondes. Sie sollte die Männer der Wilden leiten? Wie sollte sie das anstellen?
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Honeybunny



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BeitragVerfasst am: Fr Jan 15, 2016 12:32 pm    Titel: Antworten mit Zitat

Kibwana war froh, endlich das Boot verlasen zu können und störte sich noch nicht einmal daran, dass sie durch dichtes Schilf und das eisige Wasser waten mussten, um an Land zu kommen. Alles war besser, als dieses schaukelnde Ungeheuer. Wenn der Draka es nicht besser gewusst hätte…er hätte gesagt, dass es sich hier um einen Dämon handelte, der nur darauf aus war, ihn zu quälen. Mit verbissener Mine betrat er das Ufer und säuberte seine Schlammverkrusteten Füße im Schnee, ehe er seine Schuhe wieder aus dem kleinen Reisesack packte und anzog. Auch Aurelia folgte seinem Beispiel und sah dann in Richtung Nordfeste. Sie waren am Rand des ehemaligen Eleifalagers angelangt und immer noch zeugten zerfetzte Zeltplanen die im schneidenden Wind wehten von dem, was hier vor nicht allzu langer Zeit passiert war. Kibwanas Blick glitt über die Schneehaufen, die überall verstreut lagen. Er musste nicht nachdenken um zu wissen, was sie waren. Zum Glück war der Schnee gnädig gewesen. „Es ist zu ruhig.“ murmelte die Eleifa. „Viel zu ruhig.“
Der Draka verdrehte die Augen. „Das hast du schon ein paar Mal gesagt.“ mit diesen Worten ging er mit sicheren Schritten in Richtung des schmalen Hohlwegs, der zur Festung hinauf führte.
„Kibwana, bist du des Wahnsinns?“ Aurelia lief ihm hinterher.
„Wenn sie uns noch nicht entdeckt haben, segle ich freiwillig von hier bis zu den grünen Inseln des Westens.“ brummte der Krieger. „Sie sind neugierig, was wir vorhaben, schließlich sind wir die einzigen Idioten, die sich in diese Richtung bewegen. Vielleicht denken sie auch wir sind welche von ihnen…egal was es ist, ich werde das jetzt hinter mich bringen. Ich will wissen, wie weit wir kommen. Hier rumzuschleichen wird nichts bringen, diese Festung konnte noch nicht einmal Mandrek einnehmen.“
Aurelia öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch der Draka unterbrach sie mit einem „Bei den alten Göttern, muss es in diesem verfluchten Land so kalt sein?“
„So kalt…“ Aurelia fasste sich an den Kopf. „Dämonen mögen keine Kälte. Als der Dunkle hier angekommen ist, hat er das Land erwärmt…mir wird es erst jetzt klar, in den letzten Zwei Tagen ist es stetig kälter geworden….es ist immer noch zu warm für einen normalen Norskawinter, aber es ist kälter geworden….“ ihre Augen verengten sich und sie sah zur Feste hinauf. „Der Weg dorthin ist verschlammt, nicht mehr verschneit, das zeugt davon, dass es dort noch „Dämonenfreundlicher“ ist. Irgendetwas hat sich verändert.“
„Glaubst du, dass jemand den Dunklen aus der Ferne bekämpft?“ fragte Kibwana und sah sich misstrauisch um.
„Ich kann mir nichts anderes vorstellen, es hat sich was verändert, es ist wieder kälter geworden, auch die Wolkendecke ist in den letzten Tagen dünner geworden. Das Licht wird wieder heller.“ Sie atmete tief durch. „Egal, lass uns so locker wie möglich da hoch gehen und tun wir einfach so als wären wir Diener des Dunklen.“ Sie warf einen Blick gen Himmel. „Möge der Gott des Lichts uns beistehen.“
„Göttin des Lichts.“ berichtigte Kibwana und die Eleifa sah ihn fragend an.
„Wie kommst du darauf, dass er weiblich ist?“
Er zuckte mit den Schultern. „So habe ich es gelernt. Aber bei Göttern weiß man es ja nie so genau. Vielleicht ist er oder sie beides.“

Ein bitterer Geschmack hatte sich in ihrem Mund ausgebreitet und selbst mit geschlossenen Augen sah sie immer noch Lichtblitze und Sterne. Ihr Kopf dröhnte als wäre er mit Gewalt gegen einen Felsen geschleudert worden. Ein Erinnerungsfetzen tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Ja, sie war gegen einen Felsen geschleudert worden. Der Angriff des Motraki war überraschend und schnell gewesen. Keine Spielchen, keine Warnung, kein Anzeichen, dass er mit ihr Kämpfen würde…nunja, Kampf konnte man es auch nicht nennen. Er hatte mit einer Bewegung den Dämonen getötet, der auf ihr Kommando gehört hatte und sie mit einem Blick gegen den Felsen geschleudert. Den Geschmack in ihrem Mund kannte sie. Das Kraut, das verhinderte, dass man seine Kräfte benutzen konnte. Es verhinderte schlicht und ergreifend, dass sie sich genug konzentrieren konnte.
Keisha wurde sich jetzt erst darüber bewusst, dass sie auf einer weichen Unterlage lag und zugedeckt war. Nach und nach drangen nun auch die Geräusche um sie herum in ihr Bewusstsein ein.
„Wie sieht es mit ihren Verletzungen aus?“ Das war die Stimme des Motraki.
„Verletzungen? Sie war fast tot, als Ihr sie hergebracht habt.“ die weibliche Stimme war vorwurfsvoll.
„Fast tot ist noch nicht tot. Antworte mir, Weib.“
„Sie heilt erstaunlich schnell. ich habe so etwas noch nie gesehen. Ihre Wunden haben sich quasi von selbst geschlossen. Aber ich glaube nicht, dass sie in den nächsten Tagen aufwachen wird. Die Überwachung durch Euch rund um die Uhr wird nicht notwendig sein.“
„Was du glaubst ist irrelevant. Ich werde dieses kleine Miststück keine Sekunde aus den Augen lassen, und nun geh.“
Keisha hörte Rascheln und dann das Geräusch einer Tür. Kurz darauf spürte sie feuchten Atem in ihrem Gesicht. „Ich weiß, dass du zuhörst, deine Mauern sind durch das Extrakt der Sadoriblüte kannst du deine Kräfte weder verschleiern, noch benutzen. Und deine Gedanken liegen nun offen wie ein Buch.“
Sie öffnete die Augen und sah in die lilafarbenen Xh´Moros. Er hatte seinen Gesichtsschleier abgenommen und sein schmallippiger Mund war zu einem Lächeln verzogen, das einen Blick auf spitzgefeilte Zähne freigab. „Sobald du wieder genug Kraft hast um laufen zu können, werde ich dich zu deinem neuen Herrn bringen.“
„Er hat mich schon einmal gehen lassen. Was will er von mir?“ fragte Keisha und war schockiert über ihre eigene, brüchige Stimme.
„Das was in deinem hübschen Köpfchen steckt. Es würde schon reichen, wenn du einfach in seine Dienste eintrittst und ihm Treue schwörst. Wenn nicht, ist dein Tod wahrscheinlich auch hilfreich.“ Mit diesen Worten setzte er sich in einen großen Sessel direkt neben ihrem Bett, jedoch ohne dabei den Augenkontakt zu unterbrechen. Sie fühlte seine geistigen Finger und hörte seine sanften Worte: „Nun schlaf, dein Körper braucht Erholung.“ Die Welt um sie herum wurde wieder dunkel und sie verfluchte ihren Geist, dass er sich so einwickeln ließ.
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BeitragVerfasst am: Fr März 04, 2016 8:45 am    Titel: Antworten mit Zitat

„So hört doch, der Dunkle wird nicht mehr lange auf seinem Thron sitzen und uns tyrannisieren, die allmächtige Lichtgestalt Luranas wird sich ihm entgegenstellen und ihn zurück in die dunkle Dimension schicken, auf das er dort für immer gefangen gehalten wird.“ Der alte Mann nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Feldflasche in der sich alles andere als Wasser befand und rülpste lautstark. „Ihr müsst nur daran glauben.“ fügte er hinzu, ehe er sich einen weiteren Schluck genehmigte.
„Und von was träumst du Nachts so?“ fragte ein ausgemergelter Norska und zog seine Kinder näher zu sich um sie vor der Kälte der einbrechenden Nacht zu schützen. Das Lagerfeuer der Flüchtlinge war niedrig gehalten und zu schwach um alle zu wärmen.
„Lurana hat uns verlassen, würde es noch einen Gott des Lichtes geben, glaubst du nicht, er oder sie hätte schon längst eingegriffen? Die halbe Bevölkerung der uns bekannten Welt ist ausgelöscht worden. Dämonenfraß.“ er strich seiner Tochter über die langen, verfilzten, blonden Haare. „Wir werden weiter in Richtung der Berge ziehen dort, hat man uns gesagt, gibt es Aufständige denen wir uns anschließen können. Wir sind noch viel zu weit im Norden. Nur mit Gewalt werden wir uns die Dämonen vom Hals schaffen können. Die Götter haben uns im Stich gelassen.“
„Sie unterstützt uns bereits. Hast du nicht gemerkt, wie die Angriffe der Dämonen in letzter Zeit zurückgegangen sind? Irgendetwas passiert.“ Der Alte wischte sich den Mund ab und fing an sich eine krumme Pfeife zu stopfen.
Ein weiterer Norska stocherte mit einem langen Stock im Feuer herum. „Ich bin bei Ragnar, ich habe den Glauben an weitere Götter schon länger abgelegt. Wir müssen uns selbst helfen. Im Moment glaub ich nur an einen Gott und diesen kann ich nicht leiden.“
Das Mädchen im Schoß Ragnars rührte sich und starrte mit seinen großen blauen Augen in die Flammen. „Ich glaube Arikus. Lurana wird uns helfen. Sie musste sich nur vorbereiten. Unsere Mutter hat immer an Lurana geglaubt….“ ihre kleine Hand klammerte sich um ein Medaillon, das an einer Lederschnur um ihren Hals hing und ein Bild ihrer Mutter enthielt. Ihrer Mutter wie sie gewesen war, ehe der Dämon sie übernommen hatte und ehe ihr Vater sie mit dem blauen Schwert hatte töten müssen.
„Und du siehst, wo es sie hin gebracht hat.“ murmelte ihr älterer Bruder.
„Lurana hat ihre Seele zu sich genommen, ehe der Dämon ihr wehtun konnte. Vater hat es gesagt, dass es so ist.“ rief das Mädchen und funkelte den Jungen wütend an.
Ragnar seufzte. „Deine Mutter ist bei Lurana, Sarina, aber Lurana ist ganz weit weg von hier. Sie kann uns nicht helfen.“
„Wir müssen nur glauben. Glaube kann Berge versetzen.“ grunzte Arikus und wickelte sich in seine zerschlissene Decke. Kurz darauf fing er an laut zu schnarchen.
Sarina verschränkte die dünnen Arme vor der Brust und schmollte. „Lurana ist ganz nah bei uns, ich weiß das.“
„Wenn du das weißt…“ Ragnar strich ihr über den blonden Schopf. „Schlaf meine Süße. Wir müssen früh weiter ziehen.“ er sah zu dem anderen Norska und dieser nickte. „Ich übernehme die erste Wache.“
Ragnar legte sich zu seinen Kindern und schloss die Augen, während über ihren Köpfen ein silbriger Vollmond den Schnee um sie herum zum Glitzern brachte.

Akh´ra´drogan tobte innerlich. SIE war erwacht, SIE mischte sich ein. SIE hatte kein Recht dazu. Dies war seine Welt, dies waren SEINE Sklaven und er würde SIE zerquetschen. Er öffnete seine Faust und lies den zerquetschten Weinkelch zu Boden fallen. Es reichte. Seine Dämonen wurden durch die aufkommende Kälte geschwächt und das würde er nicht zulassen. Am Ende schöpften diese minderwertigen Menschen noch Hoffnung und fingen an, an Lurana zu glauben. Er winkte einen Motraki zu sich heran, nahm seinen Kopf zwischen die Hände und zog sich all seine Kraft heraus. Als der leblose Körper des Seelenfängers zu Boden glitt, trat Xh´Moro ein. Sein Blick schweifte von dem Toten zu seinem Gott und er wirkte nicht begeistert. „Man tötet nicht die Hand die einen füttert.“ bemerkte er ruhig. „Wenn Ihr weiter Motraki tötet, gibt es bald keine Seelenfänger mehr und was würdet Ihr ohne Seelen tun?“
„Ich brauche Euer Volk nicht mehr Xh´Moro. Die Menschheit nährt mich mit ihrem Glauben, mit ihrer Angst und Verzweiflung. Ich bin nicht mehr von Euch abhängig, also achtet darauf wie Ihr mit mir sprecht.“
Die lila Augen des Motraki blitzten kurz auf, ehe er sich verbeugte. „Verzeiht, Eure Göttlichkeit. Ich bin hergekommen um zu sagen, dass sie wach ist und ich sie zu euch bringen kann, wann immer Ihr wollt.“
Der dunkle Gott nickte. „Bringt sie zu mir.“

Keisha wurde mehr durch die Gänge der Nordfestung gezerrt, als das sie selbständig ging. Ihr Körper war immer noch schwach und sie fühlte sich ausgemergelt und erschöpft. Die Kräfte, die sie im Norden gezeigt hatte, hatten eher sie benutzt, als dass sie sie gelenkt hätte. Sie musste aufpassen, dass ihr inneres, wütendes Ich sie nicht überwältigte, denn diesem Teil ihrer Persönlichkeit war es egal, ob sie lebte oder nicht. Dieser Teil wollte sich rächen.
Die schweren Türen zum Thronsaal öffneten sich und sie fand sich zum Zweiten Mal in ihrem Leben vor Akh´ra´drogan auf die Knie geworfen. Keisha hob den Blick und sah zu dem Gott, dessen Gestalt so schön war, dass man fast vergessen konnte wie hässlich sein Inneres eigentlich war.
„Hallo Keisha, so sieht man sich wieder.“ Er lächelte, doch seine Augen funkelten wie glühende Kohlen.
„Was wollt Ihr von mir?“ fragte sie und richtete sich mühsam auf. Ihre Wache wolle sie wieder auf die Knie zwingen, trat jedoch auf eine Geste des Dunklen hin zurück.
„Wer sagt, dass ich etwas von Dir will?“
„Warum sonst würdet Ihr mich hier her bringen lassen? Ihr braucht mich für irgendetwas, genauso wie Mandrek und Zedar mich für etwas gebraucht haben. Ich KANN Euch aber genauso wenig helfen wie diesen beiden. Ganz abgesehen davon, dass ich es nicht WILL.“
„Ich kann dir beibringen, mir zu helfen. Ich kann dir zeigen, wie du deine Kräfte kontrollieren kannst und was du alles damit vollbringen kannst.“
„Warum sollte ich Euch helfen? Es gibt keinen Grund. Alle die ich geliebt habe sind tot, gestorben, weil es Euch gibt, weil Ihr Zedars und Mandreks Hand geführt habt. Tötet mich. Erlöst mich endlich!“ die letzten Worte schrie sie.
Akh´ra´drogan lehnte sich zurück und führte seine Fingerspitzen vor seiner Brust zusammen. „Ich kann dir alle deine Lieben zurück bringen. Das Reich der Toten steht unter meiner Macht. Ich kann sie dir zurück bringen und dir ein Stück Land geben, groß genug für dich und deine Lieben. Ihr könnt in Frieden leben.“
„Ich glaube Euch kein Wort.“ zischte Keisha und ihre grünen Augen funkelten zornig. Sie spürte wie ihr Inneres ich wieder nach den Zügeln griff und versuchte sich zu beruhigen, auch wenn sie sich fragte, warum sie eigentlich noch kämpfte.
Der dunkle Gott lächelte milde und die Luft neben seinem Thron begann zu schimmern. Zwei Draka stolperten aus der Luft hervor und sahen sich verwirrt um. Die Frau erblickte Keisha und schrie kurz auf, versuchte zu ihr zu gelangen, rannte jedoch gegen eine unsichtbare Wand.
Keishas Augen weiteten sich. Das konnten nicht ihre Eltern sein. Der Dunkle war ein Lügner.
„Nun, ich kann auch deine Schwester und all die anderen zurückbringen. Du musst mir nur ein paar Gefallen tun. Es gibt ein paar Schlüsselpersonen in dieser Welt, die mich davon abhalten, die vollständige Macht zu ergreifen. Das ist lästig. Du bist eine davon und ich brauche dich auf meiner Seite.“
„Das sind nicht meine Eltern. Ihr seid ein Lügner und Betrüger….“ etwas unsichtbares ergriff sie und schleuderte sie gegen eine Wand. Sie spürte Blut ihren Hinterkopf hinunterlaufen und der dunkle Gott stand plötzlich direkt vor ihr. Sein Gesicht eine wütende Fratze, seine Augen feuerrot.
„Ich lüge nicht. Mein Wort ist mein Wort und ich halte es. Wenn ich dir sage, dass ich dir deine Familie zurückgeben kann, dann ist es so. Wenn ich sage, dass du und deine Lieben in Frieden leben könnt, dann entspricht das der Wahrheit. Wenn es eines gibt, was ich nicht bin, dann ein Lügner.“
Die unsichtbare Kraft ließ die Draka los und sie sackte auf den Boden. Akh´ra´drogan sah auf sie herab.
„Und ich verspreche dir, wenn du mir nicht hilfst, wenn du nicht auf meine Seite kommst, werden deine Lieben leiden. Für immer.“
Ein Feuersturm hüllte die beiden Draka neben dem Thron ein und Keisha hörte ihre Schreie. Sie sah in die Augen des Gottes und ihr wurde klar, dass er es ernst meinte.
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Es lebe die Versultheit und ein Hoch auf Kokostanien!
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Randall Flagg



Anmeldungsdatum: 18.12.2007
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BeitragVerfasst am: Fr März 04, 2016 9:19 pm    Titel: Antworten mit Zitat

Unter ihr rauschte das Meer, über ihr kreischten die Möwen. Merihsa klammerte sich an die Ränder des Korbes, während sie langsam ihrem Ziel entgegenschaukelte. Die Kette mit den unterarmdicken Gliedern war von einem der höchsten Räume des Tempels in den Klippen bis zum Fuße des Leuchtturms gespannt, der kaum einen Steinwurf entfernt aus der schäumenden See stach. Zwei Ordensschwestern bedienten die Winde, die den Korb knarrend und knarzend in Bewegung setzte. Merihsa sah zurück, zu den hoch aufragenden Klippen, die sich sowohl nach Norden wie Süden zum Horizont zogen. Darin hatten findige Steinmetze vor wer weiß wie vielen Jahren den Tempel der Verbannten geschlagen. Kammern, Balkone, Fenster, alles grub sich in den Steilhang und wäre von einem ungeübten Auge sicher übersehen worden.
Rumpelnd schlug der Korb am Ende seiner Reise auf und warf Merihsa beinah zu Boden. Sie jedoch sprang beherzt hinaus auf den schroffen Fels, der das winzige Eiland bildete. Unermüdlich fraßen die Wellen am Gestein, spülten heran, Gischt spritze auf und geduldig zog sich das Wasser wieder zurück. Merihsa sah den hellen Turm hinauf und bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend. Sie spürte, dass sich die Dinge für sie verändern werden. Noch mehr, als sie es bisher getan haben und auch noch schneller als zuvor. Seitdem sie die Verwundeten in der Wüste gefunden hatte und ihr Dorf daraufhin überfallen worden war, war sie in einem unentrinnbaren Mahlstrom gefangen und wurde immer tiefer und tiefer darin verwickelt. Hatte sie etwas übersehen? Eine Abzweigung? Einen Ausweg aus allem? Eine rotgestrichene Tür versperrte den Eingang zum Leuchtturm. Musste sie dadurch? Was hinderte sie daran, einfach umzukehren und den Geschehnissen ihren Lauf nehmen zu lassen ohne ihre eigene Einmischung?
Sie tat einen Schritt nach vorn und streckte die Hand nach dem Türgriff aus. Der Mahlstrom wirbelte unentwegt und hatte einen massiven Sog, dem sie hoffnungslos ausgeliefert war. Oder auch nicht?
Sie öffnete die Tür.
War sie es vielleicht selbst, die die Dinge vorantrieb?
Tiefe Schwärze schlug Merihsa entgegen. Rief nach hier.
Hatte sie sich je geweigert? Je versucht, einen anderen Weg einzuschlagen?
Sie trat hinein.
Geschah etwa alles aus ihrem eigenen Wunsch heraus?
Hinter ihr fiel die Tür knarrend ins Schloss.
Die Dunkelheit brach auf und Merihsa begann zu fliegen. Kein Körper, sondern nunmehr ein Bewusstsein im freien Fall. Die Welt in ihrer Ursprünglichkeit tat sich vor ihr auf. Sintflutartige Regenfälle ergossen sich aus kilometerhoch auftürmenden Wolken und erschufen reißende Flüsse in braches Ödland. Wiesen und Wälder sprossen aus dem schlammigen Grund hervor und überzogen bald das Antlitz der Erde. Wesen begannen scheinbar aus dem Nichts zu sprießen. Tausendfüßler, Vierbeiner, Zweibeiner… Ein urstarker Wind fegte Merihsas Sein über die ersten kruden Siedlungen der haarigen Menschen. Mit wachsendem Erstaunen beobachtete sie, wie Familien sich bildeten, Clans, Freundschaften und Fehden. Hochzeiten und Krieg. Das Blutvergießen war nicht weniger schrecklich, als zu ihrer Zeit, wenngleich wilder und völlig ungezügelt. Es überkam sie der Drang, ins Geschehen einzugreifen – mit allmächtiger Hand die Ereignisse zu lenken. Menschen zusammenzuführen und Störenfriede aus dem Weg zu räumen. Und mit diesem Wunsch war sie nicht allein…
Die Menschen begannen einfache Bräuche einzuführen um den Göttern zu huldigen. Manche ehrten sie mit Gebeten und boten ihnen einfache Opfergaben aus Früchten, Nüssen und etwas Fleisch an. Andere verfolgten blutigere Rituale und scheuten nicht davor zurück, schlagende Herzen jungfräuliche Frauen darzubieten um vor Unwettern und Missernten gefeit zu sein. Scheiterhaufen erhellten die Nächte und gellende Schreie schallten durchs Dunkel. Es nährte die Götter, aber entfachte auch einen Zwist, der nie wieder beigelegt werden sollte. Plötzlich führten die Menschen Kriege im Glauben, ihren Göttern damit Ehre zu erweisen, doch jeder Tropfen vergossenen Blutes riss die Kluft zwischen ihnen nur noch weiter auf.
Bis einer der Ersten Götter versuchte, dem ein Ende zu setzen.
Eine große Stadt am Meer, umringt von hohen Mauern und einer Göttin des Mutes, der Weisheit und Güte gewidmet. Legion um Legion eines Heeres in Bronze und Stahl gehüllter Krieger brandete gegen die Bollwerke bis sich nach jahrzehntelangem Schlachten ein beispielloser Sturm erhob. Das Meer begann zu brodeln, Orkane fegten übers Land, abertausende Blitze zuckten und das Donnergrollen allein brachte Mauern zum Einstürzen. Die Erde tat sich auf und verschluckte die Stadt unter wütendem Getöse.
Der wütende Gott hatte die Anhänger seiner Gemahlin mit einem Handstreich vom Antlitz des Erdballs gewischt. Dieser Eingriff in die Geschicke der Welt konnte und durfte von den anderen Göttern nicht ungeahndet bleiben, denn es war ihnen allen strikt verboten, sich in das Geschehen auf Erden einzumischen.
Dieser Erste Gott, Akh’ra‘drogan, wurde bestraft.
Merihsa sah ihn durch die aufgewühlte Wolkendecke hinabstürzen. Seiner Göttlichkeit beraubt brach er in drei Teile, die an verschiedenen Enden der Welt niedergingen und sich tief hinab ins Erdreich gruben – bis in die Unterwelt. Ohne zu wissen, warum, begann Merihsa auf einmal zu verstehen. Akh’ra‘drogan wurde nicht selbst gespalten, nicht sein Körper, sondern seine Seele. Während seine Anhänger, die sich später als Motraki bezeichnen sollten, seinen sterbliche Hülle fanden und mit Opfergaben anreicherten, entglitten ihnen die beiden Bruchstücke seiner Seele – jene Stücke, die ihn wieder vollständig machen könnten. Ihn zum Gott machten.
Die Seelen wurden in Menschen wiedergeboren. Generationen über Generationen. Unzählige Gesichter tauchten vor Merihsa auf und verschwanden wieder. Eine lange Reiche Wiedergeburten, alle mit dem Mal des Dunklen und seinen Kräften versehen bis zum heutigen Tag. Die Frau, die vor ihr erschien hatte smaragdgrüne Augen und strotzte nur so vor Kampfeswille. Sie beherbergte einen Teil der Seele, die Akh’ra‘drogan brauchte, um wieder zum Gott zu werden. Und der andere Teil war…
Urplötzlich brach die Vision zusammen und Merihsa fand sich in einem Raum im Leuchtturm wieder. Sie starrte in die Augen einer Frau mit dunklen Haaren, braunen Augen und gebräunter Haut. Sie starrte in einen Spiegel.
„Nun verstehst du, woher deine Kräfte kommen“, krächzte eine Stimme.
Sie wirbelte herum und suchte mit pochendem Herzen nach dem Sprecher. Hohe Regal vollgestopft mit unfassbar vielen Büchern umgaben sie – schienen den Raum nach oben hin ins Unendliche zu dehnen. Kleine rote Blätter rieselten von dort herab, wie blutige Schneeflocken.
„Komm näher, Kind“, verlangte der Fremde. „Lass dich ansehen.“
Vor einem ungemein hohen Fenster, durch welches man auf die See, den stahlblauen Himmel und die kreisenden Möwen blicken konnte, stand ein ausladender Schaukelstuhl. Darin schien eine voluminöse Gestalt zu sitzen und ganz leicht, kaum merkbar, zu schaukeln. Ein leises Ächzen flüsterte durch den Raum.
Merihsa begann vorsichtig den breiten Stuhl zu umkreisen. Ihre Füße wurden von dem weichen Teppich beinah verschluckt. Mit jedem Schritt gab sie darauf Acht, nur ja nicht auf eines der roten Blätter zu treten, die beständig von der im Dunkeln verschwunden Decke rieselten.
Als sie die Gestalt schließlich im Licht des einfallenden Tages erkannte, musste sie sich gleich zwei Irrtümer eingestehen. Zum einen war es nicht der Fremde selbst, sondern seine Kleidung, die ihm Fülle verlieh. Unzählige Lagen Stoff, Tunikas, Talare und sonstige Gewänder. Ganz so, als würde er frieren, dabei stand Merihsa der Schweiß auf der Stirn.
Zum zweiten kam das Ächzen nicht vom alten Holz des Stuhles, in dem er hin- und herschaukelte, sondern wurde offenbar mühsam von den alten Lungen des Fremden durch dessen rissige Lippen nach außen gepresst und dann pfeifend wieder eingesogen. Er war alt, ganz ohne Frage. Kahl und fleckig und die Haut wies die Blässe einer Leiche auf. Wirklich irritiert war Merihsa aber von der Binde, die seine Augen verdeckte.
Der blinde Seher, dachte sie und bekam Gänsehaut.
„Ahh… da bist du ja. Ich habe lange auf dich gewartet und jetzt… bist du hier…“ Sein Atem war ein kränkliches Rasseln und jedes Wort bereitete ihm sichtliche Mühe. Dennoch bekam er ein erheitertes Glucksen zustande. „Ich sehe, du hast Fragen. Vielen Fragen, die unter deiner Haut kribbeln, wie eine Horde Ameisen.“ Der Vergleich belustigte ihn offenbar, denn weitere Glucksgeräusche entrannen seiner faltigen Kehle.
„Wer seid Ihr“, fragte Merihsa, nachdem sie endlich den Mut aufbringen konnte, ihren Mund zu öffnen. „Woher wisst Ihr von mir und…?“
„Nein, nein!“, fauchte er sie an. „Nicht so. Sei nicht so einfältig, Kind! Das sind die falschen Fragen. Es spielt keine Rolle, wer ich bin, sondern…“
Sie wartete einen Moment, in dem nur sein rasselnder Atem und das ferne Kreischen der Möwen zu hören war. Dann fragte sie: „Wer… bin ich?“
Der Seher gluckste und nickte zufrieden. „Sehr gut… jaahh… sehr gut, wirklich. Darum geht es schließlich, nicht wahr? Du wirst deine Antwort finden. Doch dafür musst du hier hin…“ Erst jetzt nahm Merihsa das Buch wahr, welches aufgeschlagen im Schoß des Sehers lag. Es war alt und verstaubt, mit einem metallbeschlagenen Einband. Über die offengelegten Seiten wand sich ein in fremder Sprache geschriebener Text und darunter befand sich die kunstvolle Zeichnung zweier Bäume. Sie wuchsen nebeneinander aus dem Boden, neigten sich einander zu und ihre Kronen vereinten sich, sodass eine Art Tor entstand. Ein blutrotes Blatt war leicht wie eine Feder darauf gelandet. Merihsa beugte sich nach vorn um es von der Buchseite zu streichen.
„Nicht!“, fuhr eine Stimme dazwischen. Es war Abu, der im Türrahmen stand, die Hände in den weiten Ärmeln seiner Kutte verschwunden, und sie finster anstierte. „Geht nicht zu nah ran.“
Sie wusste erst nicht, wovon er sprach, doch sobald sie darauf achtete, wurde sie des dunklen Sogs gewahr, der von der gebrechlich wirkenden Gestalt ausging. Die Lippen des alten Mannes wichen zurück und entblößten lange spitze Zähne. Sein ganzer Körper schien sich aufzubäumen und auf sein Opfer stürzen zu wollen. Merihsa wich jäh zurück und sogleich sank der Seher wieder kraftlos in seinen Stuhl zurück und wippte langsam vor und zurück. Und vor und zurück. Vor und zurück…
Als er erneut sprach musste Merihsa einen Schrei unterdrücken. „Finde die untote Stadt. Du kannst sie nicht verfehlen, steigt aus ihr doch bereits der Brodem der Unterwelt hervor. Schwarz und stinkend. Meterhoch zum Himmel hinauf und verdunkelt die Sonne.“ Er begann wieder zu gackern und zu glucksen, dass sein ganzer Körper bebte. Blechern hallte sein Gelächter von den Bücherregalen wider, fuhr Merihsa ins Mark und von oben fielen weiter unablässig die roten Blätter unbekannter Bäume. Und fielen, und fielen. Leise, wie ein Flüstern…

Varren starrte auf die pechschwarze Rauchsäule, die sich vor ihm in den leicht verhangenen Nachthimmel erhob und die funkelnden Sterne zu verschlucken drohte. Schon seit sie mit ihrem kleinen Trupp das erste Mal an Quarth vorbeigeritten waren hatte er insgeheim, auch wenn es ihn jetzt wie damals erschauderte, wissen wollen, was dieses rußgeschwärzte Ungetüm erschaffen hatte. Jetzt fand er sich im Angesicht eines schier unglaublich großen Scheiterhaufens wieder und wünschte, seine Neugier wäre für immer unbefriedigt gewesen. Denn statt Holzscheite speisten menschliche Körper die schwächelnde Glut.
Ihr Führer mit der Schlangennarbe im Gesicht, Alketh, hatte ihn und den König hier her geführt – ins verdorbene Herzen der Stadt. Vorbei an Horden wandelnder Untoter und beunruhigendem grünen Nebel.
„Wir verbrennen sie tagsüber“, sagte Alketh und wickelte sich erneut die Tücher um Mund und Nase, wohl um dem üblen Geruch von verbranntem Menschenfleisch zu entgehen. „Die Leichen, meine ich. Am Tag gehen wir durch die Gassen und sammeln sie ein. Dann verbrennen wir sie hier.“
„Warum?“, wollte Amwendu wissen, dessen Gesicht eine Mischung aus Ekel, Terror und Faszination zur Schau stellte.
„Als ein Zeichen“, erwiderte Alketh im Brustton der Überzeugung.
„Ein Zeichen?“, fragte Varren misstrauisch. „Wofür? Für wen? Wie meint Ihr da-…“, doch weiter kam er nicht, da sich eine Gruppe Unbekannter aus dem Dunkel der Gassen schälte und auf sie zu spurtete. Keine Untoten, diese führten Waffen mit sich. Und bald waren sie so nah, dass Varren nicht nur Ajoka und Elros erkennen konnte, sondern zu seiner großen Erleichterung auch Santori, der von zweien der Fremden getragen wurde.
„Alketh, du hast unseren hohen Besuch also gefunden!“, rief ein verschleierter Krieger in nachtblauem Gewand. Ja, ein Krieger. Varren erkannte es an der Art, wie sich der Mann bewegte, dass er es hier mit jemandem zu tun hatte, den man nicht unterschätzen sollte. Es könnte ein heißes Tänzchen werden.
„Ich hatte schon immer eine Schwäche für die hohen Leute, Raghar.“ Und zu den beiden, die Santori trugen rief er: „Zamula, Kondak, alles gut bei euch?“
„Beweg‘ einfach deinen lahmen Hintern, Alketh!“
„Ja, der Kerl ist schwerer, als er aussieht.“
Alketh nickte und ging schließlich schnurstracks auf den Berg verkohlter Leichen zu, wandte sich noch einmal um und winkte: „Hier entlang!“
Zögerlich folgten Amwendu und Varren und der Hauptmann staunte nicht schlecht, als er den schmalen, von Holzplanken gestützten Gang zwischen den aufgestapelten Toten entdeckte. An seinem Ende befand sich ein niedriger steinerner Torbogen, der wiederum eine eiserne Tür umschloss. Alketh öffnete sie mit einem großen Schlüssel. „Hereinspaziert, hereinspaziert in unseren…“ Er grinste. „Hof der Wunder!“
Ein Wunder war es, dass sich niemand die Knöchel im Dunkeln brach, sich niemand den Kopf an der niedrigen Decke aufschlug und niemand an der stickigen Luft und dem Geruch nach Verbrannten erstickte. Sie folgten fackelbeschienenen Gängen tief hinein in die Eingeweide der Stadt. Der Boden war uneben und stand teilweise unter Wasser, die Wände waren feucht und von der Decke tropfte es. Mühsam schoben sie sich durch die schmalen Korridore unter der Erde. Von den Wänden hallten ihre Schritte und ihr Schnaufen wider.
Varren hielt die ganze Zeit über das Heft seines Schwerts fest umklammert und fragte sich, was geschehen würde, griffe man sie hier unten an. Es kam ihm wie eine Todesfalle vor. Doch bald schon wurde seine Aufmerksamkeit von anderen Dingen beansprucht. Sie kamen an Abzweigungen vorbei, durchschritten hohe Kammern und immer wieder taten sich links und rechts Nischen und Alkoven auf.
Bei den Göttern, dachte er. Dies ist eine Stadt. Eine unterirdische Stadt. Und dann: Nein, nicht nur eine, dies sind mehrere Städte. Über die Jahrhunderte vom Wüstensand verschluckt und neu errichtet worden. Ruinen auf Ruinen…
Schließlich traten weitere Fremde aus den Schatten hervor. Bewaffnet mit Messern, Stöckern, Säbeln und allem, was sie sonst so hatten finden können. Jemand schob sich an ihnen vorbei nach vorn. Es war der Krieger im nachtblauen Gewand, der Raghar genannt wurde. „Willkommen in unserer bescheidenen Behausung“, sagte er und lächelte. An die anderen gewandt sprach er: „Bringt unseren bewusstlosen Freund zu dem Alten. Und ihr: versorgt unsere Gäste. Sie wirken ausgehungert und dem Verdursten nah. Ach, und behandelt sie mit dem nötigen Respekt! Immerhin haben wir es hier mit unseren König zu tun.“
Ein Raunen ging durch die kleine Schar, die sich mittlerweile schaulustig auf den Gang drängelte. Varren betrachtete die verwahrlosten Gestalten genau und fühlte sich unangenehm an seine jungen Jahre im Dienste des Königs erinnert. Damals, als er Widerstandsnester wie dieses beinah tagtäglich ausgeräuchert hatte um die Feinde der Monarchie verstummen zu lassen. Und heute? Heute gehörte er wohl selbst zum Widerstand…
Er sah junge Kerle, Frauen, Alte und Kinder. Ihnen allen stand die Angst ins Gesicht geschrieben und die dunklen Ringe unter ihren Augen, sowie die hohlen Wangen und dreckverschmierten Gesichter sprachen Bände. Doch hier und da blitzte ihm auch so etwas wie ungestümer Trotz entgegen. Einem Trotz gegenüber dem Tod und dem Elend. Und dem Wandel, den die Welt genommen hatte. Ja, sie würden kämpfen und sterben. Bloß wofür?
Varren und Amwendu folgten Zamula und Kondak, die Santori zwischen sich trugen. Ihr Weg führte weiter ins Gewölbe hinein bis zu einer geräumigen Kammer mit zahlreichen Säulen und gewölbter Decke. Varren glaubte darin eine alte Zisterne zu erkennen, die einst eine blühende Metropole über sich mit frischen Wasser versorgt haben musste. Vor vielen, vielen Jahren…
„Ah, endlich“, sprach jemand. „Endlich seid ihr gekommen.“ Im Schein der Fackeln saß ein alter Mann auf dem Boden. Er war in helle Gewänder gehüllt und hielt einen knorrigen Wanderstock in den Händen.
„Wir haben einen-“, begann Zamula, doch der Alte schnitt ihr das Wort ab.
„Ich weiß, ich weiß. Legt ihn zu mir!“ Er wies auf ein paar Decken, die vor ihm ausgebreitet lagen. Santori wurde darauf niedergelassen, dann stellten sich alle im Halbkreis um ihn herum. Der Alte beugte sich vor und erst jetzt erkannte Varren, dass er offenbar blind war, denn dort, wo die Augen sein sollten, klafften furchtbare Narben, als ihm etwas Abscheuliches die Augäpfel herausgerissen.
„Ahhh, ja…“, stöhnte der Alte, während seine faltige Hand auf Santoris Brust ruhte. „Der letzte seiner Art…“
Amwendu kniete nieder und fragte: „Wer seid Ihr?“
„Einst nannte man mich O’klabar, Anführer der Majaktji. Doch nun bin ich nur noch ein alter Mann, dem die Gabe des Sehens geschenkt wurde.“ Er lächelte matt, wie um zu zeigen, dass er diesen Widerspruch selbst nicht erklären könne. „Und ihr“, fügte er hinzu, „seid gerade rechtzeitig gekommen.“
„Rechtzeitig?“, schaltete sich Varren ein. „Wie meint Ihr das?“
„Na, weil sie bereits auf dem Weg hierher ist.“
Sie?“ Der König und sein Hauptmann warfen einander verwirrte Blicke zu. „Von wem sprecht ihr?“
Doch O’klabar kicherte nur leise und wog vor und zurück. Etwas Kleines segelte von oben herab in seinen Schoß. Erst glaubte Varren, es handelte sich um eine Fliege, dann erkannte er das Blatt. Es war blutrot. Er sah auf und erkannte, dass, was er zuvor für Säulen gehalten hatte, in Wirklichkeit zu Stein erstarrte Bäume waren. Und jene zwei unter denen der alte Mann saß, vereinten sich in ihren verzweigten Kronen. Sie schienen ein Tor zu bilden.
Und zum Leben zu erwachen.

Der Mann mit den vielen Namen erreichte die Ruinen Marrhadras und war nicht weiter verwundert, sie bewohnt vorzufinden. Im Gegenteil, denn seine Quellen hatten ihm genau das verraten. Und deswegen war er hier.
Das goldene Banner mit der blauen Mondsichel darauf wehte über den Zinnen des Toreingangs. Die Eherne Legion hatte hier Stellung bezogen um sich gegen die Dämonen zu verteidigen. Und kaum, dass Zolan sein Pferd vor den verschlossenen Toren zum Halt brachte, erschienen mehrere gerüstete Gestalten mit Bögen und Speeren bewaffnet auf den Mauern.
Jemand rief: „Ihr da, Halt! Dämon oder nicht? Sprecht rasch oder Euer Leben sei verwirkt!“
Zolan schirmte seine Augen gegen die Sonne ab und sah hinauf. „Ich möchte mit Salomon sprechen“, rief er. „Sagt ihm, dass Varann gekommen ist um seinen Gefallen einzufordern.“ Dieser alte Name, den er schon seit einem knappen Jahrzehnt nicht mehr benutzt hatte, ging ihm immer noch erstaunlich leicht über die Lippen. Aber er vergaß eben nie einen Namen. Besonders seine eigenen nicht.

Drystan liebte seine neugewonnenen Kräfte; liebte es, wie sich die kalten Luftströme unter seine Flügel schoben, sich in dem pechschwarzem Gefieder verhingen und ihm Auftrieb gaben. Oberhalb der Wolken erschien die Welt darunter kaum mehr als eine Illusion zu sein. Ein Hirngespinst, ein Fiebertraum. Hier oben eröffneten sich ihm so viele Möglichkeiten. Das Denken wurde frei, schrankenlos und gebar Vorstellungen, von denen die eine wilder war als die nächste. Mit einem Streich ließen sich Luftschlösser errichten und wieder einreißen. Ein Wolkenreich entstand – den Göttern so nah.
Mit einem Mal schlang er die Flügel eng um seinen kleinen Vogelkörper und stieß in halsbrecherischen Tempo durch die Wolken hinab, dem Erdboden entgegen. Norska tat sich vor ihm auf, streckte sich flach und dicht bewaldet gen Süden. Das schmale Band des Flusses, den die Einheimischen Hamirs Hand nannten, glitzerte in der untergehenden Sonne. Unter ihm befand sich der mächtige Gebirgszug, der Norska von den unbekannten Landen hoch oben im Norden trennte. Die Burg Nordwacht, zu Anfang nicht mehr als ein dunkler Punkt im dreckigen grau-weiß der Berge, wuchs mit seinen mächtigen Mauern und hohen Türmen zu beeindruckender Größe heran. Wirklich beeindruckend, ja geradezu ehrfurchtgebietend war jedoch das tiefschwarze Loch zum Fuße des Gebirges im Norden. Der Eintritt in die Unterwelt.
Drystan drehte eine Ehrenrunde über den Schlund, ehe er an dessen Rand zur Landung ansetzte und sich im Moment der Landung zurück in seine menschliche Gestalt wandelte.
Die anderen waren schon da. Motraki. Anhänger des Dunklen. Zusammengekommen aus allen Ecken und Winkeln des Nordens. Norska und Nomaden.
Er reihte sich zwischen ihnen ein und spürte zum ersten Mal in seinem Leben ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Akzeptanz. Seit der Verunstaltung seines Äußeren war es ihm nicht mehr gelungen, derartiges zu empfinden. Er hatte sich von der Außenwelt abgekapselt und sämtliche Gefühle weggeschlossen. Jetzt brach dieser kleine Bereich seines Herzens auf, ergoss sich in ihn und er empfing diese neugewonnen Kräfte mit offenen Armen, vermengte sie mit den Mächten des Dunklen und fiel in den Singsang der anderen Motraki mit ein.
Es hatte erneut zu schneien begonnen. Südlich der Berge taute das Land, doch hier oben hielt es der ewige Winter noch in seinen kalten Fängen.
Der Dunkle erschien in der Luft, einige Meter über dem Schlund schwebend. Als hätte man ein Kerze entzündet, flammte schwarzen Feuer auf, dem der Gott entstieg. Und in diesem Moment verstand Drystan, was er und die seinen da sangen. Es war eine Beschwörung. Kaum hatte er den Gedanken fassen können, da schwoll der Wind an, ließ ihre Kleidung flattern und blähte seinen Talar auf. Schneeflocken schossen ihm ins Gesicht und schmolzen sofort, denn er glühte von innen heraus, als hätte man ihn entfacht.
Ein markerschütternder Schrei ertönte, gefolgt von einem Getrampel, das die Erde erzittern ließ. Hufe. Große, schwere Hufe. Der Wind schwoll abermals heran, fegte Schnee über das Tal, nahm den Chor der Motraki auf und schließlich entsprang dem Wirbel aus Schnee, Eis und Gesang eine Höllenkreatur, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es erinnerte an ein Pferd, doch hatten Kälte und Finsternis es zu unnatürlicher Größe und grotesker Form wachsen lassen. Einst pechschwarz waren seine Flanken von Raureif überzogen und die wehende Mähne, sowie der peitschende Schweif erinnerten an Altweiberhaar. Furchterregender als das Tier war nur dessen Reiter. Von abnormen Wuchs thronte auf der Bestie und spornte sie an.
Nimbur…, schoss es Drystan über den Kopf. Der alte König…
Nur wenig an ihm erinnerte noch an seine einstige menschliche Gestalt. Die Rüstung, schwarz wie die Seele des Trägers, war mit ewigem Eis durchsetzt. Das Cape, welches ihm Nordwind hinter ihm flatterte war zerschlissen. Die Krone auf dem Haupt wirkte selbst wie gezacktes Mordwerkzeug. Am Schlimmsten war jedoch die von langem ergrautem Haar umrahmte Fratze. Die großen Augen glühten mit eisblauem Feuer, die Nase bestand nur noch aus zwei dunklen Schlitzen und unter einem wehenden Rauschebart grinste ein gefletschtes Maul mit spitzen Fangzähnen hervor. Mit einer Klaue hielt er die Zügel seines Rosses, in der anderen schwang er ein leuchtendes Schwert, welches ein Sterblicher niemals hätte halten können. Allein der Anblick dieser Waffe konnte seine Feinde in die Flucht schlagen.
Der Dämonenkönig drehte eine Runde um den Schlund, wobei Wirbel aus Schnee und Eis aufgeschleudert wurden und der Boden unter den Hufen seines Pferdes erbebte.
„NIMBUR!“, donnerte die Stimme des Dunklen durchs Tal. Der Dämon riss an den Zügeln, sodass sich sein Höllenross zu voller Größe aufbäumte.
„Von neuem bist du auferstanden um dein Werk ein für alle Mal zu beenden! Geh‘ nun und töte! Geh‘ nun und reinige den Norden von der Plage des Fremden Volkes! Geh!“
Nimbur sah zu Akh’ra’drogan hinauf, dann wanderte sein Blick über die anwesenden Motraki und als die eisblau glühenden Augen Drystan erreicht hatten, schien er den ganzen Hass und Bosheit zu spüren, die dieser gequälten Seele für Jahrzehnte innewohnten. Und sich jetzt einen Weg nach draußen bahnten. Drystan war dankbar, ihn nicht als seinen Feind zu wissen.
Plötzlich hob Nimbur sein Schwert hoch über den Kopf und stieß einen gutturalen Schrei aus, der einem Donnergrollen gleich über die schneebedeckten Hänge des Tales rollte. Nichts geschah. Alles hielt den Atem an, sogar der Schneefall setzte für einen Moment aus. Dann erwachten die Toten zum Leben. Überall ringsum den Schlund herum erhoben sich die Gefallen. Krieger, die ihrem König einst auf seinem Feldzug gegen den Norden gefolgt waren, nahmen wieder ihren Platz an seiner Seite ein. Verdorben und zu bizarren Kreaturen verunstaltet. Ihre Zahl schien unendlich und selbst, als Nimbur bereits in die Tiefen des Waldes vorangeritten war, entstiegen dem frostigen Grund noch weitere Dämonen.
Eine Hand legte sich Drystans Schulter und der Dunkle sprach zu ihm: „Mein treuester Diener. Für Euch habe ich einen ganz besonderen Auftrag.“

Varandyl saß am Rande des Springbrunnens und schaute gebannt ins dahinplätschernde Nass. Ein Zauber hatte Besitz von ihm ergriffen und anstatt der Spiegelungen auf dem Wasser oder den kleinen goldenen Fischchen, sah er etwas völlig anderes. Sein Blick war in die Ferne gerichtet, tief hinein in den ewig roten Wald. Zu ihr… der Weberin mit ihren Fäden und Netzen.
Und sie sprach zu ihm: „… zu mir… bring sie… zu mir…“
Jemand trat von hinten an ihn heran: „Mein Herr?“
Das Bild schwand. Blinzelnd kam Varandyl wieder zu sich und sah sich um. Er befand sich im Hof, inmitten des säulenumschlossenen und efeuumrankten Atriums seines Anwesens.
„Mein Herr?“, wiederholte der Neuankömmling. „Verzeiht meine Störung, aber… die Fremden. Sie werden bald hier sein.“
Varandyl wischte sich das schlohweiße Haar aus dem Gesicht. „Mit wem sind sie unterwegs?“
Der Bote, offenbar froh, dass sich sein Herr und Meister wieder gefangen hatte, wirkte mit einem Mal sichtlich gelöst. „Mit Nardorks Männern. Sie haben eine Eule geschickt.“
„Gut. Das ist gut. Und wo ist Lamira?“
„Soweit ich weiß ist sie noch nicht wieder zurückgekehrt, mein Herr.“
Das war sogar noch besser. Lamira war… emotional, vorsichtig ausgedrückt. Bei diesem Treffen konnte das durchaus von Nachteil sein.
„Wollt Ihr die Fremden in Empfang nehmen?“
Varandyl richtete sich zu voller Größe auf und strich seine feinen Kleider glatt. „Das werde ich wohl.“ Als Oberste Ministral der Stadt des Lichts war es seine Aufgabe, sich um derartige Angelegenheiten zu kümmern. Sein Blick schweifte über den Boden aus geädertem Marmor und wenn er sich ganz stark konzentrierte, dann konnte er sogar das Tapsen nackter Kinderfüße hören. Und ihr Lachen…
„Wie viele waren es noch gleich?“, fragte er den Boten
„Vier, mein Herr.“
„Sind auch Frauen dabei?“
„Ähm… nein, ich befürchte nicht… mein Herr.“
Varandyl nickte und kämpfte die Trauer nieder. Sein Blick wanderte weiter bis zu den zwei Bäumen am äußersten Rand des Hofes. Ihre blutroten Kronen vereinten sich am höchsten Punkt und bildeten so etwas wie ein Tor ins Nirgendwo oder Überall.
Bald, dachte er. Schon bald sind wir wieder vereint, mein Schatz. Schon bald…
Und dann: … zu mir… bring sie zu mir…
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Honeybunny



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BeitragVerfasst am: Di Apr 12, 2016 1:15 pm    Titel: Antworten mit Zitat

Er saß auf seinen Fersen und blickte hinab auf die Stadt, welche die Kaltwasserfeste umgab. Eine einst blühende Stadt die tausende von Besuchern und Zuwanderern angezogen hatte. Er musste zugeben, die Dämonen, die dort derzeit herrschten, machten ihre Arbeit gut. Viele von den zerstörten Gebäuden waren beseitigt und durch neue ersetzt worden, nur hier und da sah man noch dunkle Rußflecken und Geröll herumliegen. Die Kaltwasserfeste, einst aus dem Felsen selbst herausgeschlagen worden, war ebenfalls umgestaltet worden. Die Öffnungen waren kleiner und liesen weniger Licht in das Innere, auf der obersten Ebene gab es nun eine glatte Fläche auf der größere Dämonen landen konnten, wenn sie Flügel besaßen und er konnte einige erkennen, die dort ankamen und ihre Gestalt veränderten, ehe sie die Festung betraten. Einst war auch er ein Bewohner gewesen. Es kam ihm vor als wäre es Jahre her, dabei hatte er noch vor wenigen Monaten eine goldene Rüstung zur Schau getragen und sich darüber beschwert, dass sein Vater lieber in leichter und schlichter Lederrüstung auftrat. Nun hatte er begriffen, dass diese so unscheinbare Kleidung seines Vaters viel praktischer in der Wüste war, als eine schwere, metallene Rüstung. Seine hockende Gestalt zeichnete sich dank den lockeren, farblich angepassten, Leinenhosen und der leichten Lederrüstung kaum von der braunbeigen Umgebung ab.
Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er von seinem Pferd gezogen und beinahe getötet worden war. Die Bevölkerung war aufgebracht gewesen und nun endlich verstand er warum. Eine breite, immer noch rötliche Narbe zog sich quer über sein Gesicht. Usamaa verdeckte sein blindes, milchiges Auge nicht mit einer Augenklappe. Er trug die Narbe mit Stolz und um sich daran zu erinnern, dass er einst verblendet gewesen war. Viele seiner Untertanen waren noch dort unten, wurden versklavt, verspeist und gefoltert. Des Nachts zogen Untote durch die Straßen und machten Jagd auf noch verbliebene Menschen, die im Schutze der Nacht dem Grauen entfliehen wollten. Die Welt war zu einem wahrgewordenen Alptraum geworden.
Der Prinz dachte an seine Pflegeschwestern und seinen Vater. Vermutlich waren sie alle tot. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Nun gut, bei Keisha war er sich nicht sicher, sie würde sich vermutlich sogar mit dem Dunklen Gott persönlich anlegen.
Der Sand neben ihm wirbelte trotz absoluter Windstille hinauf und verfestigte sich zu einer weiblichen Gestalt. Eine ihm nur zu bekannte Stimme erklang in seinen Ohren. „Wieder finde ich dich an dem gleichen Ort. Wirst du mir wieder nicht sagen, was du vor hast? Traust du mir immer noch nicht?“
Usamaa drehte sich nicht um. Er wusste, was ihn erwarten würde. „Ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass du nicht meine Gedanken lesen sollst und auch, dass du nicht DIESE Gestalt annehmen darfst.
„Aber sie ist so oft in deinen Gedanken. Sie und die andere, die so ähnlich aussieht.“ Keishas Gestalt zerfiel und bildete sich neu als Zhara.
Der Prinz schloss seine Augen und bemühte sich, nicht in sein altes Temperament zurück zu fallen. „Du sollst KEINE der Gestalten aus meinem Kopf annehmen. Ich will diese Diskussion nicht jeden Tag führen müssen, Skardak.“
Skardak war nicht sein richtiger Name, aber er war besser. Den richtigen Namen hätte Usamaa niemals aussprechen können, ohne sich dabei die Zunge zu verknoten oder abzubeißen. Er hatte Skardak an dem Tag kennen gelernt, an dem er fast gestorben war. Der Dämon hatte ihn gerettet. Warum, wusste Usamaa bis heute nicht. Skardak sprach nicht darüber und wurde extrem wütend, wenn man ihn danach fragte.
Der Sanddämon seufzte beinahe schon zu menschlich und glitt wieder in die Gestalt eines Usamaa unbekannten Drakas.
„Du weißt, dass ich mich von Emotionen ernähre….“
Nun endlich sah der Draka den Dämonen an. „Aber nicht von MEINEN. Du willst, dass ich dir traue, dennoch nährst du dich jeden Tag von mir, ohne dass du vorher fragst. Außerdem habe ich dir gesagt, dass ich allein sein will….“
„Ich habe Nachricht aus der Stadt der Nacht.“ sagte Skardak und seine Augen loderten kurz rötlich auf. Usamaa erhob sich und klopfte sich den Sand von der Kleidung. „Dann sprich.“
„Warum sollte ich dir die Nachricht geben, wenn ich nichts von dir bekomme?“
Der Prinz schüttelte den Kopf. „Dann behalte die Nachricht für dich und schieb sie dir sonst wo hin. Ich werde dir nicht als Nahrungsquelle dienen. Jedes Mal wenn du dich von meinen Emotionen nährst, verliere ich mehr von meiner Menschlichkeit. Wenn das so weiter geht, interessiere ich mich wirklich bald nicht mehr für das Schicksal meines Volkes….“
Skardak verdrehte die Augen. „Ich würde dir nicht so viele nehmen, dass es dich deiner Menschlichkeit beraubt, so ist es doch diese, die mich so fasziniert. Ihr Menschen seid allgemeinhin sehr faszinierend. Ich habe mich einst nur von Emotionen wie Wut, Trauer, Angst und Hass genährt, nun bin ich auf den Geschmack von anderen Emotionen gekommen, sie sind wie Delikatessen….Warum kümmert dich dein Volk überhaupt? Du lebst, ich werde dich beschützen, was willst du mehr?“
Usamaa seufzte. „Einst hätte mir das gereicht. Aber ich habe dazu gelernt. Mein Volk und ich, wir sind eins. Ihr Schicksal wird das meine sein….was ist die Nachricht aus der Stadt der Finsternis?“
Der Dämon lächelte schräg. „Diese gebe ich dir noch kostenlos, bei der nächsten will ich etwas von dir.“
„Was genau?“ fragte der Draka mit hochgezogener Augenbraue.
„Das werde ich dir sagen, wenn es soweit ist.“ antwortete der Dämon und nickte in Richtung Wüste. „Lass uns zu den anderen gehen.“
Usamaa folgte ihm in die hinteren Dünen und Skardak begann zu sprechen.

„Pst….seid ihr taub? Hierher….“ Alkar verdrehte die großen Augen, formte einen Schneeball und warf ihn nach dem ungleichen Paar. Zielsicher traf er die Frau am Hintern und er kicherte leise. Dass sie so schnell bei ihm war, damit hatte er allerdings nicht gerechnet. Sie packte ihn am Ohr und zog ihn aus der Grube, in der er sich versteckt hatte. „Verflucht sollt Ihr sein, lass mich runter….“ zischte er und riss sich mit einem beherzten Zug los. Die Eleifa starrte ihn ungläubig an. „Was tust du hier und wer bist du?“ fragte sie.
„Alkar heiße ich und ich will euch helfen, also seid ein bisschen netter.“ schmollte er und rieb sich das rote Ohr.
Der Draka musterte ihn. „Ist es nicht ein bisschen gefährlich für ein Kind deines Alters, hier alleine rum zu laufen? Wie willst du uns helfen?“
Alkar sah ihn aus schier riesig großen blauen Augen an. „Es ist überall gefährlich, falls Ihr das noch nicht bemerkt habt. Ihr wollt da rein, ich habe euch beobachtet und belauscht. Ich kann euch rein bringen…für einen kleinen Gefallen…“
Kibwana legte den Kopf schief und packte ihn plötzlich am Arm um ihn mit eisernem Griff fest zu halten. „Ganz ruhig, ich will nur etwas überprüfen.“ er zog Keishas Schwert und ritzte den Jungen in den Arm.
„Au…was bei den sieben Höllen des Dunklen sollte das?“ fluchte das Kind und rieb sich nun anstelle des Ohrs den Arm.
Der Draka steckte das Schwert wieder ein und lächelte plötzlich freundlich. „Es war nur ein Test…Dämonen reagieren etwas anders auf die Klinge dieses Schwertes.“
Aurelia kam direkt zur Sache, sie war immer noch etwas überrascht darüber, dass sie den Jungen bis jetzt nicht bemerkt hatte. „Was willst du als Gegenleistung?“
Der Junge grinste und zeigte die für Norska so typischen riesigen Zahnreihen. Sein Blick bekam etwas Verschlagenes. „Tötet den stinkenden Schmied, er hat meine Mutter auf dem Gewissen.“
Aurelia lachte leise. „Das passt perfekt mit unseren Plänen zusammen. Bring uns rein.“
Alkar nickte und verschwand, flink wie ein Wiesel wieder in der Grube, aus der er hervorgekommen war. Kibwana folgte ihm auf den Fersen, nur Aurelia blieb etwas zurück und sah sich um. Was, wenn man sie auch von der Festung aus beobachtet hatte? Ihr Blick glitt zu dem steilen, zerklüfteten Felsen zu dessen Füßen sie sich befanden. Sie hatte tatsächlich das Gefühl beobachtet zu werden. Dennoch riss sie sich zusammen und folgte den beiden anderen, die bereits in eine von einem kleinen Fluss ausgeschwemmte Höhle verschwunden waren.

Zedars Hand lag auf dem Seelenschwert. Dort lag sie in letzter Zeit sehr oft. Es strahlte seit einer Weile eine tiefe Dunkelheit aus…nein, Dunkelheit war nicht das richtige Wort, so war Dunkelheit nur die Abwesenheit von Licht…das was das Schwert ausstrahlte war etwas anderes….etwas schwärzeres, etwas Bedrohlicheres. Als er es angefertigt hatte, hatte er nicht nachgedacht, er hatte nach einem Plan gearbeitet den er nicht selbst gemacht hatte. Das Wissen, wie er arbeiten musste, war einfach da gewesen und erst vor einigen Monaten, als er dem Dunklen bei dem letzten Schlund in die Augen gesehen hatte, war ihm bewusst geworden, wer ihm diesen Plan in den Kopf gesetzt hatte. Er war geleitet worden wie eine Marionette. Der alte Schmied fragte sich wie lange schon. Hatte Akh´ra´drogan ihm eingeredet, er wolle die absolute Macht? Hatte er das auch mit Maddakor gemacht? Mit wem hatte er sonst noch gespielt?
Er beobachtete von seinem Balkon aus, wie die drei Gestalten am Fuße der Festung in einer Senke verschwanden. Er hätte Alarm schlagen können. Er hätte einen Dämon hinab senden können…er hätte mit seiner Macht rausgreifen und sie von einem Felsen erschlagen lassen können…seine rauen Finger strichen über die Stelle an der Brüstung, die er vor kurzem zerstört hatte. Er wollte aber nicht.
Die großen Flügeltüren zu seinen Gemächern öffneten sich und zwei Dämonen in Gestalt von Norska traten ein. Man konnte mittlerweile wirklich nicht mehr sagen, wer besessen und wer noch menschlich war, aber Zedar war sich sicher, dass sich hier in der Festung nichts menschliches mehr aufhielt, von der Nahrung der Dämonen und Keisha mal abgesehen.
„Der Dunkle wünscht Eure Anwesenheit.“ grollte einer der Dämonen und rotes Feuer loderte in seinen Augen auf. Die Dämonen mochten Zedar nicht, so hatte Zedar sie als erster unterdrückt. Zedar hatte ihren Herren, Maddakor, einst zu einem Schoßhund gemacht, der von dem Dunklen nun noch schlechter behandelt wurde, als Zedar selbst.
Er wurde von den Gardisten bis zu den schwarzen Türen des Thronsaals geführt und als sich diese öffneten explodierte sein Seelenschwert regelrecht vor Finsternis. Er konnte sehen wie dunkle Schleier hinausgriffen und Akh´ra´drogan sowie die Person vor ihm berührten. Die Frau mit den tiefroten Haaren drehte sich um, ihre Unterlippe war aufgeplatzt und getrocknetes Blut zierte die Seite ihrer Schläfe, dennoch glühten ihre schimmernden Augen herausfordernd.
Akh´ra´drogan selbst trug ein selbstgefälligen Gesichtsausdruck zur Schau. „Wir sind miteinander verbunden. Ich fühle mich fast schon wieder vollständig. Fehlt nur noch ein Teil…“
Die Draka blickte Zedar einen Augenblick lang direkt in die Augen, dann wanderte ihr Blick zu dem Schwert und folgte den dunklen Schwaden zu dem Gott. Sie fühlte wie ein Teil ihrer Selbst, der Teil, den sie immer mit aller Kraft zu unterdrücken versuchte, der Teil, der sie im Norden übernommen hatte, sich rührte, sich in Richtung des Dunklen streckte und sich langsam aber mit aller Gewalt an die Oberfläche kämpfen wollte.
„Du wolltest wissen, wie du mir helfen sollst…nun, ich brauche einen Teil deiner Seele…nein, das ist falsch, eigentlich ist es ein Teil MEINER Seele, der leider in deinem hübschen Kopf steckt. Das Seelenschwert wird ihn von deiner Seele trennen und mir zuführen. Allerdings benötige ich davor noch den letzten Teil, dieser steckt in einer anderen Draka. Aber keine Angst, ich werde sie finden und vielleicht zieht sie das Dunkle in ihr auch von selber zu mir und zu dir.“
„Und wenn Ihr wieder vollständig seid…was passiert dann? Was werdet Ihr mit dieser Welt machen?“ Keisha rieb sich das getrocknete Blut von der Lippe, die Haut darunter war bereits wieder verheilt.
Der Gott lächelte. „Ich werde diese Welt zu einem besseren Ort machen.“
„Für Dämonen?“ giftete sie trocken.
„Für meine Diener und Anhänger. Diese Welt steht mir zu. Und es gab schon immer den Kreis des Lebens. Es wird immer eine mächtigere Spezies geben. Bisher war dies der Mensch…aber nun werdet ihr zur Nahrungsquelle und zu Sklaven.“ er nickte in Richtung Zedar. „Sieh dir diesen Menschen an. Einst einer der mächtigsten dieser Welt, er hätte alles haben können, er hätte diese Welt beherrschen und sie formen können.“ er lächelte kalt. „Und nun gehört er mir. Er ist meine kleine Marionette und er wird es sein, der deine Seele von der meinen trennt.“
Zedar erschauderte. Das war also der Grund, aus dem er noch am Leben war. Er hatte sich schon gewundert, was der Dunkle von ihm wollte und warum er ihn wie einen Hund in dieser Festung hielt. Er fragte sich nur warum nicht einer seiner Dämonen diese Aufgabe übernahm.
„Was ist, wenn er sich weigert?“ fragte Keisha. „Was ist, wenn ich mich dagegen wehre, Euch den Teil meiner Seele zu geben? Wenn es so einfach wäre, Eure Seelen zusammen zu führen, warum wollt Ihr unbedingt, dass ich Euch helfe? Warum nehmt Ihr euch nicht einfach das, was Ihr wollt?“ Nun war es an ihr zu lächeln und Zedar lief erneut ein Schauer über den Rücken. Das Lächeln der Draka war beinahe das eines Raubtiers.
„Ich muss Euch den Teil meiner Seele freiwillig geben, nicht wahr? Und da Zedar das Schwert geschmiedet und mit ihm die Schlunde geöffnet hat, muss er das Schwert führen. Es ist auf ihn geprägt. Wenn er tot wäre….was dann?“ Ihre Augen glühten in grünem Feuer als sie sich erneut in Zedars Richtung bewegten.
Akh´ra´drogans Augen wandelten sich von tiefschwarz zu dunklem, bedrohlichen rot. „Denk an deine Familie, sie wird leiden, wenn du mir nicht hilfst.“ Erneut erklangen die verzweifelten Schreie ihrer Eltern in der Luft. „Überleg es dir gut. Eine Seele kann nur eine gewisse Menge an Schmerz verkraften, ehe sie bricht.“ er wedelte mit der Hand. „Xh´Moro, bring sie weg.“
Der Motraki trat vor und wollte Keisha gerade am Arm packen, als diese sich auf Zedar stürzte. Den Dunklen konnte sie nicht töten, aber Zedar war sterblich. Der muskelbepackte Schmied wich überrascht zurück, war aber nicht mehr schnell genug um ihr auszuweichen und wurde von der Draka zu Boden gerissen. In ihrer Hand erschien ein Dolch, den Zedar als den des Motrakis erkannte. Wie in Zeitlupe und unfähig zu reagieren, sah er wie sie ihn hob und das dunkle Metall auf ihn niederraste.
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BeitragVerfasst am: Di Mai 24, 2016 12:46 pm    Titel: Antworten mit Zitat

Mandrek hatte Keishas Spur erneut verloren. Seine Finger glitten nun über die Spuren von anderen. Es war eine größere Gruppe. Sie hatten einen Toten zurück gelassen und waren weiter gen Norden gezogen. Seine weißblauen Augen durchsuchten die unmittelbare Gegend nach weiteren Spuren. Er war sich sicher, dass Keisha nicht mehr hier war. Ihr Zorn, ihre Wut und auch etwas anderes, etwas Dunkles, was für ihn bis vor Kurzen noch ein Leuchtfeuer in der Nacht gewesen war, all das war verschwunden. Dennoch zog ihn irgendetwas weiter in den Norden. Er richtete sich wieder auf und gab seinen Männern das Zeichen weiter zu ziehen. Mandrek war immer noch überrascht von der Menge an Menschen, die ihm folgten. Draka, Eleifa, Norska und sogar ein paar Nomaden, die sich auf dem Weg in den Norden angeschlossen hatten. Sicher gab es hin und wieder Streit, ab und zu endete dieser auch blutig, aber niemals mit Toten. Er hatte sogar gesehen, wie eine Drakakriegerin einen Eleifa geküsst hatte und ihn zu einem Spiel Namens „Küss die Kriegerin“ herausgefordert hatte. Mandrek hatte den Eleifa noch zwei Tage später mit einem verwirrten Blick und leichter Röte im Gesicht herum laufen sehen, während eine Gruppe Schwertschwestern ihn kichernd verfolgt hatte.
Der Herr der Eleifa fragte sich, wann sie auf die Wilden des Nordens stoßen würden. Eine große Gruppe wie die ihre konnte nicht lange unbemerkt durch die Gegen laufen. Aber vielleicht hatten sie Glück und sie schreckten die Wilden allein mit ihrer Anzahl ab.
Die andauernde Kälte war jedoch etwas anderes. Viele, vor allem die Draka, litten stark darunter, auch wenn sie versuchten, es sich nicht anmerken zu lassen. Aber selbst für Eleifa war dies eine Grenzerfahrung. Den dunklen Wolken nach zu urteilen, würde es auch bald wieder schneien. Mandrek seufzte und richtete seinen wärmenden Umhang, danach nahm er einen tiefen Schluck aus seiner Feldflasche. Er hatte wieder angefangen dieses Kraut zu schlucken. Er brauchte die Kräfte, die es ihm verlieh, auch wenn er wusste, dass er dadurch seinen Körper ans Limit brachte. Seit dem er den Namen des Dunklen nicht mehr erwähnt hatte, ging es ihm auch besser. Dieser kleine geistige Kampf mit dem Gott hatte ihn mehr gekostet, als er gedacht hatte. Er selbst war kein Gott, auch wenn er vermutlich auch nicht ganz menschlich war, aber er hatte definitiv nicht die Kraft, sich dem Dunklen auf Dauer mit solchen kleinen Spielchen zu widersetzen…nur ab und zu…er lächelte und flüsterte „Akh´ra´drogan“ sofort spürte er, wie viel Kraft es ihn kostete, sich dem wütenden Blick des Gottes zu stellen. Dennoch zauberte es ein breites Grinsen aufs Gesicht und er stieß mit neuem Schwung zu seiner kleinen, zusammengewürfelten Armee.
Ein Norska-Scout kam in diesem Moment angerannt. Trotz seines massigen Körperbaus bewegte er sich in dem tiefen Schnee, als wäre es fester Boden. Er kam neben Mandrek zum Stehen und begann zu reden, ohne irgendetwas von einer Ehrbezeichnung von sich zu geben. Das hatten Norska und Draka gemeinsam. Sie akzeptieren ihn als derzeitigen Anführer, aber definitiv nicht als König und sie liesen ihn auch spüren, dass er sich erst beweisen musste um ihren Respekt zu verdienen.
„In zwei Meilen gibt es ein Dorf. Es ist mehr oder weniger primitiv, aber das war auch nicht anders zu erwarten. Die Bewohner…bei den alten Göttern, es sind allesamt Riesen. Ich glaube sie hätten mich auch gesehen, wenn sie nicht alle in einem Langhaus gesessen wären um sich zu beraten. Wenn dieses unverständliche Gebrummel von ihnen Reden sein soll…nun, um es kurz zu machen, sie haben eine Handvoll Gäste….Es sind Nomaden, Norska und ein Säugling das aussieht wie ein Draka. Eine seltsame Mischung….aber was am wichtigsten ist…Keral ist bei ihnen….“
Mandrek sah ihn abwartend an, ehe er mit der Hand wedelte. „Und Keral ist…?“
Der Gesichtsausdruck des Norskas wurde kalt. „Der Mann, den Ihr mit einem Kragen ausgestattet habt um ihn in die Nordfeste zu schicken, damit er dort den König tötet und auf dem Weg zu ihm so viele Norska wie möglich….der Keral, der beinahe gestorben ist, als die Draka ihm den Kragen abgenommen hat. Der Keral für den Keisha beinahe gestorben ist, als sie ihn von diesem teuflischen Ding befreit hat. Der Keral, welcher wie ein Bruder für den König ist. Der Keral, dem jeder Norska bis in den Tod folgen würde, ohne mit der Wimper zu zucken….“
„Oh….“ murmelte der Eleifa. „DER Keral.“ er schürzte seine Lippen und seine Hand verkrampfte sich um die Feldflasche….ja…das war zu einer Zeit, in der er gedacht hatte, dass Zedar Recht hatte, das Zedar der einzig wahre Herrscher war…in einer Zeit in der er unter ständigem Einfluss seiner Kräutermischung gestanden hatte…er öffnete die Feldflasche und schüttete den Inhalt in den Schnee. Kurz über lang wären ihm die Kräuter sowieso ausgegangen.
Der Norska beobachtete ihn ausdruckslos, nickte dann aber kurz und lies sich zurück zu seinen Männern fallen. Mandrek war sich sicher, dass er ihnen die Nachricht überbrachte, denn kurz darauf erklang ein ohrenbetäubendes, freudiges Gebrüll aus der Ecke der Nordmänner. Mandrek verzog sein Gesicht. So viel dazu, sich unauffällig zu verhalten.

Keral lauschte den Worten von Ragnarhim. Je mehr Zeit er unter den Wilden verbrachte, desto besser verstand er sie. Mittlerweile war er sich sogar sicher, dass er diese Sprache sprechen konnte, er wollte es jedoch noch nicht zeigen. Genauso wenig wie er zeigen wollte, dass er alles verstand. Immer wieder spürte er den Blick von Graisch auf sich ruhen und er konnte beobachten, wie der alte Nomade Ragnarhim genauso betrachtete. Auch Keral musste mittlerweile zugeben, dass sie sich sehr ähnlich waren. Aber das konnte auch Zufall sein. Er glaubte noch nicht so ganz daran, dass seine Mutter einen Wilden als Liebhaber gehabt hatte.
Die obersten der Gemeinschaft diskutierten nun schon seit Stunden, wie sie weiter vorgehen sollten. Sie redeten ständig etwas von einer Legende, von dem Kind des Lichts und immer wieder wurde die kleine Draka damit in Verbindung gebracht. Er konnte die Kleine sehen, wie sie zusammen mit Kass im Schnee spielte. Sie konnte bereits laufen, dabei war sie erst wenige Tage alt. Sie versuchte auch immer wieder zu sprechen, hatte aber noch Mühe, die Worte zu formen, was sie sichtlich nervte. Lihara, die normalerweise immer in ihrer Nähe war, hatte sich zu den Frauen der Wilden gesellt und brachte nun Bier und frisch gebackenes Brot in das Langhaus, wo die Versammlung an einem großen, runden Tisch abgehalten wurde. Sie schenkte Ragnarhim zuerst ein und als sie weiter ging, konnte Keral sehen, wie er ihr nachsah.
Graisch, der neben ihm saß und immer wieder so tat, als würd er übersetzen, ergriff das Wort. Er war gut in der Sprache der Wilden. „Ich habe mich mit meinen Leuten besprochen. Wir sollten in den Norden ziehen. Das Kind muss dorthin gebracht werden.“
Einer der Wilden rülpste, ehe er sprach. „Deine Leute. Das sind Frauen und dieser….“ er machte eine abwertende, nicht gerade freundliche Geste in Richtung von Keral. „…Halbling. Wir lassen uns nichts von euch sagen.“
Lihara verdrehte die Augen, stellte den Krug mit schäumenden Bier so fest auf den Tisch, dass er überlief und atmete tief durch. „Es reicht.“ rief sie und gestikulierte ungeduldig zu Graisch, dass er übersetzte. „Ihr sitzt hier bereits seit Tagen und kommt nicht zu einer Einigung. Die einen wollen abwarten, die anderen das Kind opfern und die nächsten wollen in den Süden oder Norden. Das Kind gehört zu uns, also werden wir nun entscheiden, und ich entscheide, dass wir gen Norden gehen. Man erwartet die Kleine dort bereits. Ihr habt alle festgestellt, dass sie kein normales Kind ist. Wir müssen sie unterstützen, dann wird sie uns helfen, diese Welt von dem Dunklen zu befreien.“
Einer der Wilden, ein grauhaariger Riese stand auf und sah sie wütend an. „Schafft das Weib hier raus. Sie hat hier nichts zu suchen. Frauen sind nur zu einem gut. Dieses Kind dort draußen, es ist ein Dämon. Das Kind des Lichts ist männlich. Warum lassen wir diese Fremden überhaupt mit an unseren Tisch? Warum diskutieren wir mit ihnen? Wir sollten sie töten.“
Graisch übersetzte mit hochgezogenen Augenbrauen und Lihara spürte, wie er sich seiner Macht öffnete und konnte aus dem Augenwinkel beobachten wie Kerals Hand zu seiner Streitaxt glitt.
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BeitragVerfasst am: Mi Aug 10, 2016 12:24 pm    Titel: Antworten mit Zitat

Aurelia hielt Kibwana am Arm zurück. „Wenn wir jetzt reingehen, sind wir tot.“ zischte sie und spürte, wie angespannt der Draka war. Sein Blick hatte sich an der Frau mit den tiefroten Haaren festgesaugt, die gerade von dem Dunklen gegen die Wand geschleudert worden war. Der Norska Junge stand zwischen ihnen und funkelte Zedar wütend an. Er hatte sie bisher ungesehen durch die Kanalisation hinauf in die Festung bis zum Thronsaal gebracht. Immer wieder hatten sie ausweichen müssen, andere Wege eingeschlagen und ab und zu mussten sie in verschlossenen Zimmern Zuflucht suchen, um nicht entdeckt zu werden. Hierbei hatte sich der Junge als wahrer Künstler erwiesen. Er war schneller mit einem Dietrich, als Aurelia es jemals gewesen war.
„Du hättest Zedar sicher auch alleine töten können, wenn du dich in sein Zimmer geschlichen hättest.“ hatte Aurelia ihn gefragt. Er hatte sie nur angesehen und den Kopf geschüttelt. „Er hätte es gemerkt. Er hat es immer gemerkt, wenn ich versucht habe mich anzuschleichen. Dann hat er gelacht und einmal hat er mir beinahe mein Handgelenk gebrochen.“
Nun hatte sich die Draka wieder aufgerappelt und sie giftete den Gott an, als wäre dieser ein normaler Mensch. Die Eleifa hob überrascht die Augenbraue. „Du kennst sie?“ fragte sie Kibwana.
Der Draka nickte. „Sie ist die Pflegetochter des Königs. Ihr Name ist Keisha und sie ist eine unserer besten Kriegerinnen.“
„Warum lebt sie noch?“ fragte Aurelia und erntete dafür einen entsetzten Blick von ihrem Begleiter. „Nicht böse gemeint, mein Freund, aber warum lässt ER sie am Leben und lässt es zu, dass sie sich so benimmt…“ in diesem Augenblick riss sich Keisha von dem Motraki los und stürzte sich auf Zedar. Sie hielt einen schwarzen Dolch in der Hand und ließ ihn auf das Herz des Schmieds niederrasen.
Wie in Zeitlupe sprang der Dunkle auf, machte eine werfende Geste, doch die Draka bohrte ihren Dolch bereits tief in das Herz des alten Schmieds. Ein beinahe schon erleichtertes Lächeln erschien auf dem vernarbten Gesicht und in dem Moment wurde die Draka von Zedar weggeschleudert. Sie versuchte sich noch an seinem Schwertgürtel festzuhalten, doch dieser löste sich und sie wurde quer durch den Thronsaal geworfen. Das schwarze Schwert löste sich aus seiner Scheide und schlitterte über den Marmorboden in Richtung Tür….genau auf der gegenüber liegenden Seite von Aurelia und Kibwana.
Der Gott beugte sich über Zedar, wollte nach dem Dolch greifen, der immer noch in dessen Brust steckte, wich jedoch zurück und knirschte mit den Zähnen. „Nimm diesen Seelendolch weg, Xh´Moro und befördere die Seele dieses Hurensohns sofort wieder in seinen Körper, oder ich verspreche dir, dass er als nächstes in deinem Herzen landet.“

Keisha richtete sich schwerfällig wieder auf. Mindestens eine ihrer Rippen war gebrochen, aber ihr Körper tat bereits alles, um sich wieder zu heilen. Dennoch spürte sie, wie sie langsam ihre Kraft verließ. Der Motraki beugte sich über den massigen Körper des Schmieds und zog unter ununterbrochenem Gemurmel den schwarzen Dolch langsam aus Zedars Brust.
Akh´ra´drogan hatte die Waffe nicht berühren können. Das musste sie sich merken, wenn sie nach diesem Versuch noch einmal eine Chance bekommen würde. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung an einer der Nebentüren zum Thronsaal war. Ein Draka späte durch den Schlitz und sein Blick war auf das schwarze Seelenschwert geheftet. Keisha hob eine Augenbraue, sah zum Schwert Zedars und noch einmal zurück zu dem Draka. Dieser nickte unmerklich und Keisha bewegte sich langsam in Richtung der schwarzen Waffe. Weit kam sie jedoch nicht. Zedar sog mit einem scharfen Atemzug Luft ein und richtete sich keuchend und hustend wieder auf.
Der Dunkle schien durchaus erleichtert zu sein und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Draka. „Wenn ich dich nicht noch brauchen würde….“ zischte er.
Keisha lächelte kalt. „Tötet mich doch. Den Teil Eurer verfluchten Seele bekommt Ihr nicht freiwillig von mir. Ihr braucht mich, ich brauche Euch nicht….“ etwas packte sie am Hals und zerrte sie quer durch den Thronsaal auf Akh´ra´drogan zu. Dabei kam sie an dem schwarzen Schwert vorbei und verpasste ihm noch einen Tritt in die Richtung des Drakas, während sie so tat, als würde sie sich gegen die unsichtbare Kraft wehren. „Ich habe lange genug versucht, nett zu dir zu sein. Jetzt ist Schluss damit. Ich bin gespannt, wie viele Qualen eine Draka aushalten kann, ehe sie aufgibt.“ er stieß sie in Richtung Xh´Moros. „Viel Spaß mit ihr.“

Kibwana schnappte sich das Schwert, als es im Rahmen der Tür zum Stillstand kam. „Raus hier.“ zischte Aurelia, als der Draka zögerte. „Keisha….“
„Komm schon. Sie kann durchaus auf sich selbst aufpassen, das hast du gerade gesehen.“
„Ihr habt versprochen, Zedar zu töten…“ der junge Norska funkelte sie an.
„Zedar war tot. Diese verdammten Motraki können ihn immer wieder ins Leben zurück holen. Wir können hier nichts mehr tun. Aber ich verspreche dir bei meinem Leben, dass ich ihn töten werde, wenn die Schlunde geschlossen sind und der Dunkle besiegt wurde.“ Die Assassine zerrte den zögernden Draka mit sich und nahm ihm gleichzeitig das Schwert ab um es in ihren Gürtel zu stecken. Sie hatten, wofür sie gekommen waren. Wenn sie die Waffe zu Mandrek bringen konnten, würde er die Schlunde schließen können…zumindest hoffte sie das.
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BeitragVerfasst am: Di Okt 25, 2016 9:13 am    Titel: Antworten mit Zitat

Ragnarhim beobachtete einen Augenblick lang, wie die Spannung sich aufbaute und kurz bevor die erste Faust oder die erste Waffe geschwungen werden konnte und nach einem langen Zug von seinem Bier, stand er auf. „SCHLUSS JETZT.“ rief er und lies seine mächtige Faust auf den Tisch fallen, so dass die dicke Holzplatte tatsächlich einen Sprung erlitt.
Sofort kehrte Ruhe ein und die versammelten Menschen sahen in seine Richtung. „Das Kind ist kein Dämon. Wir werden in Richtung Norden ziehen. Das ist hiermit beschlossen.“ Er setzte sich wieder und riss sich ein großes Stück Brot vom Laib um sich dieses in den Mund zu stopfen.
Der grauhaarige Wilde starrte ihn wütend an. „Du hast dich von dieser Hexe beeinflussen lassen. Sie ist auch ein Dämon. Sieh dir ihre Hautzeichnungen an. Sie ist nicht menschlich. Du bist nicht mehr in der Lage diesen Clan zu führen.“
Ragnarhim hob eine seiner dicken Augenbrauen und sah den anderen ruhig an. „Willst du mich herausfordern Krandargon?“
„Wenn es die einzige Möglichkeit ist, dich von diesem Wahnsinn abzuhalten, ja, dann fordere ich dich.“ Krandargon funkelte den Clanführer mit tiefbraunen Augen an und schlug seine Axt in den Tisch. „Ich fordere dich Ragnarhim zu einem Duell auf Leben und Tod. Mögen die Götter den beschützen, der Recht hat.“
„Dann ist es beschlossen. Morgen bei Sonnenaufgang auf dem heiligen Platz.“ Ragnarhim nickte in Richtung der Versammlung. „Der Rest kann schon mal anfangen zu packen, nach dem Duell werden wir in Richtung Norden ziehen.“
Krandargon funkelte ihn an. „Wir werden sehen.“ brummte er, stand auf und verließ mit knapp der Hälfte der Männer das Langhaus, auf eine Handbewegung des Clanführers hin, verließ auch der Rest den Raum.
Graisch seufzte. „Wir haben dann wohl ein Problem…“
„Ihr werdet gehen. Heute Nacht.“ sagte Ragnarhim.
Lihara sah ihn überrascht an. „Glaubt Ihr nicht, dass Ihr ihn besiegen könnt? Ihr klangt so selbstsicher?!“
Der Wilde sah ihr einen Augenblick lang direkt in die Augen, dann schüttelte er den Kopf. „Krandargon hätte vor ein paar Jahren den Clan anführen können, hätte er gewollt. Er hat mir zu liebe auf den Sitz verzichtet. Er ist mein Onkel und der beste Krieger, den wir haben.“ Er stand auf, ging auf Lihara zu und zog sie, noch ehe sie reagieren konnte, an sich und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Als er sich wieder von ihr löste, grinste er. „Aber das war es wert.“ mit diesen Worten verließ auch er das Langhaus und lies die kleine Gruppe allein zurück.
Keral konnte sein Grinsen nicht unterdrücken, als Lihara dem Wilden verwirrt hinterher sah und auch Graisch lachte leise. „Da hat wohl jemand einen Verehrer gefunden.“ Keral stand auf. „Wir sollten Kass und die Kleine einsammeln.“

Arilin zögerte und erschauderte kurz, als er durch den schimmernden Schleier des Schutzwalls ritt. Die Kälte kroch sofort in seine Knochen und lies seinen Atem zu weißen Wolken werden. Sein Pferd schnaubte kurz und stampfte ungeduldig mit den Hufen. Seine Krieger folgten ihm dichtauf und ihre Rüstungen änderten sich binnen Sekunden von einem tiefen Rot zu einem matten schneeweiß, das sich perfekt an die Umgebung anpasste. Auch ihre Pferde waren in braun und weißtönen gehalten, darauf hatte er geachtet. Die Welt hinter dem Wall war gefährlich und er würde keine Risiken eingehen. Es dauerte eine Weile bis die Hundertschaft sich versammelt hatte. Arilin ritt ein wenig voraus um auf den nächstgelegenen Hügel zu kommen. Vor ihm breitete sich eine weiße Landschaft aus die hier und da von dichten Wäldern unterbrochen war. Über ihren Köpfen zogen dunkle, schneegeschwängerte Wolken entlang und hier und da zuckte ein Blitz über den Himmel. Es war kein besonders fröhlicher Anblick.
Nardork ritt hinter ihm den Hügel hinauf. „Wir sind dann bereit. Wo sollen wir als erstes suchen?“
„Die Zeichen aus dem Tempel waren eindeutig. Wir müssen in das Dorf Ragnarhims und zwar schnell.“

Lamira hielt ihren Kopf gesenkt und achtete darauf, dass der Helm fest auf ihrem Kopf saß. Dadurch, dass dieser beinahe das gesamte Gesicht verdeckte war sie gut getarnt, dennoch hatte sie Befürchtungen, dass Arilin sie an ihren Augen erkennen konnte. Kaum, dass sie die letzten Anweisungen im Tempel des Lichts gegeben hatte, war sie in ihre alte Uniform geschlüpft und hatte sich den ausschwärmenden Lichtkriegern angeschlossen. Sie zog ihren warmen, weißen Fellumhang enger um die Schultern und folgte der Hundertschaft in Richtung Süden. Dort draußen war sie irgendwo. Ihre Tochter. Und sie würde sie beschützen, koste es was es wolle. Aus dem Augenwinkel heraus konnte sie sehen, wie weitere Hundertschaften an anderen Stellen des Walls in den Schnee vorstießen und ebenfalls in Richtung Süden ritten. Sie würden von drei Seiten kommen. Sie hoffte, dass die Motraki ihre Schwierigkeiten mit dem alten Zauber des Nordens hatten, aber sie spürte, dass dieser Zauber schwächer wurde und die konnte die Anwesenheit der Dämonen beinahe schon fühlen.
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Honeybunny



Anmeldungsdatum: 04.03.2006
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BeitragVerfasst am: Di Jan 03, 2017 2:11 pm    Titel: Antworten mit Zitat

Xh´moro betrachtete die vor ihm liegende Draka mit seinen lila Augen. Sie erwiderte seinen Blick furchtlos und hatte ihre vollen Lippen zu einem schmalen Strich zusammen gepresst um ihren Schrei zu unterdrücken. Ihr schlanker Körper lag auf einer Streckbank und der Motraki hatte es sich nicht nehmen lassen, die Räder soweit wie möglich zu drehen, ohne sie zu töten.
„Glaub mir, wenn ich diesen kleinen Teil deiner Seele nicht benötigen würde, ich würde das Rad noch um eine Umdrehung weiter drehen. Ich mag es nicht, wenn man mich bloßstellt. Du hast keine Ahnung, was du anrichten hättest können, wäre Zedars Körper noch länger von seiner Seele getrennt gewesen.“ Er strich über den Seelendolch an seiner Seite.
Keishas Augen funkelten in grünem Feuer. „Dein dunkler Gott wird diesen Teil seiner Seele niemals freiwillig bekommen.“ zischte sie durch zusammengepresste Zähne hindurch.
Der Motraki legte seinen Kopf schräg und schüttelte den Kopf. „Akh´ra´drogan ist nicht das schlimmste, was dieser Welt passieren kann. Wir hätten ihn im Griff.“
„Wir? Ihr Motraki? Ihr glaubt Ihr hättet ihn im Griff? Wenn er alle drei Teile seiner Seele hat, wird er zu mächtig für Euch werden.“
Die lila Augen des Motrakis blitzten belustigt auf. „Wer sagt, dass ich ihm alles geben werde? Ich werde die Zeremonie durchführen, ich kann sie jederzeit abbrechen, wenn ich der Meinung bin, dass er genug hat.“ Er strich ihr eine tiefrote Locke aus ihrem Gesicht. „Wenn es soweit ist, wirst du mich anflehen, mir den Teil deiner Seele zu übergeben, das verspreche ich dir. Du kannst jederzeit nach mir rufen, ich werde sogleich da sein und dich erlösen.“ Er lockerte die Streckbank ein wenig und öffnete die Tür zu dem dunklen Verlies. Ein halbes Dutzend Dämonen in Norskakörpern wartete dort. „Habt euren Spaß mit ihr, aber achtet darauf, dass sie am Leben bleibt….“ er blickte zurück und kicherte. „Wie gesagt, meine Liebe…..ruf einfach nur nach meinem Namen „Xh´Moro“ und ich befreie dich.“ mit diesen Worten verließ er mit rauschendem Gewand die feuchten Räume und die Norska fluteten die kleine Kammer.

Zedar zuckte zusammen, als er den ersten wütenden Schrei aus dem Verlies vernahm. Xh´Moro war gerade wieder an die Oberfläche getreten und der Schmied funkelte ihn an. „Was macht ihr mit ihr?“
„Ich? Ich mache gar nichts. Die Freunde des Dunklen erfreuen sich an ihrem Körper. Sie kann die Sache jederzeit beenden, es ist ihre Wahl. Was kümmert es Euch überhaupt? Sie hat Euch getötet.“ der Motraki stockte. „Wo ist Euer Schwert?“
Die Augen des Schmieds weiteten sich kurz und er griff an die Stelle wo normalerweise das schwarze Schwert gehangen hatte. „Es muss noch im Thronsaal liegen…“ er drehte sich auf dem Absatz um und rannte zurück.

Lihara kümmerte sich gemeinsam mit Kass darum, Pferde aus dem Stall Ragnarhims zu satteln und fertig zu machen. Das Kind stand in ihrer Nähe und sah mit den großen, viel zu weisen Augen in Richtung der Baumgrenze. „Sie kommen.“ sagte Kass und Lihara wusste, dass SIE sprach.
„Wer kommt?“ fragte die Nomadin und zurrte den Sattelgurt einer stämmigen Stute fest. Sie war sich nicht sicher, ob sie auf diesen riesigem Pferd reiten könnte. Diese Tiere waren eher dazu gedacht schwere Lasten durch den Schnee zu ziehen, als dass man auf ihnen ritt.
Kass blickte nun ebenfalls in Richtung der Baumgrenze. „Alle. Die Dämonen…“ sie deutete nach Süden. „Mandrek…“ sie deutete nach Westen „und mein Volk.“ sie nickte in Richtung Norden und Osten.
Lihara stockte in ihrer Bewegung einem weiteren Pferd einen überdimensional großen Sattel aufzulegen und starrte Kass an.
„Was wollen die alle hier?“
Kass und das Kind drehten sich beide gleichzeitig mit einem Lächeln um. „Mich.“

Kibwana, Aurelia und der Junge liefen einen dunklen Gang der Nordfeste entlang in Richtung der Abwasserkanäle die in das Tunnelsystem führten. Sie hatten den Eingang gerade erreicht, als Alarm ausgelöst wurde.
„Schnell jetzt.“ zischte Aurelia und lies sich in das stinkende Loch fallen. Kibwana folgte sogleich, nur der Junge zögerte.
„Wenn du nicht sofort hier her kommst, werde ich dir deinen Kopf an die Wand nageln….“ fauchte die Assassine und Alkar sprang mit panischem Blick in die braune Brühe. „Ein bisschen leiser, wenn es geht…“ murrte die Eleifa und zerrte ihn mit sich in Richtung der Tunnel. „Wie kommt man hier am schnellsten wieder raus?“ Sie schob Alkar vor sich und der Junge zögerte kurz um sich zu orientieren, dann rannte er los. Kibwana und Aurelia hatten beinahe Schwierigkeiten, mit dem flinken Kind mit zu halten, bis er plötzlich an einer Ecke abrupt stehen blieb.
„Diese kleine Kanalratte, ich wette mit dir er hat das Schwert….“
„Wenn er es hat, versucht er vermutlich gerade Zedar damit aufzuspießen…“
„Der Schwächling bekommt es doch gar nicht erst hoch. Ich glaub nicht, dass er es hat…aber vielleicht sind hier andere eingedrungen…wir müssen diesen Idioten finden, nur er kennt sich hier wirklich aus.“
Die drei Stimmen wurden immer deutlicher und das Platschen der näher kommenden Füße immer lauter.
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