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Peter Schönau

Ein alltäglicher Auftrag

Der Taxifahrer, der ihn am Morgen über den Washington Lake zum Flughafen fuhr, hatte einen harten osteuropäischen Akzent. Er war Pole. Als Solidarnoscz-Aktivist abgeschoben, war er zusammen mit seiner Frau vor zwölf Jahren in die Staaten gekommen; außer vierhundert Dollar hatte er noch Zuversicht, Optimismus und jede Menge Energie mitgebracht. Stolz berichtete er von seinem Aufstieg zum Inhaber eines Taxiunternehmens mit zehn Fahrern, die ihr eigenes Taxi hatten und an den Einnahmen beteiligt waren. Die ersten Jahre waren nicht einfach gewesen, aber jetzt hatte er es geschafft.

"Ja”, sagte sein Fahrgast, ein Mann mittleren Alters im blauen Trenchcoat, mit sandbraunem, schütterem Haar, "Sie haben es wirklich geschafft."Der Taxifahrer erzählte von seiner Frau und seinen beiden Kindern. Er kramte in seiner Brieftasche und gab dem Fahrgast ein Bild. "Meine Frau und die beiden Kinder", sagte er erläuternd. Der Fahrgast nickte anerkennend und gab ihm das Foto zurück. Ein feiner Sprühregen hatte sich wie ein Schleier auf den See gelegt und versperrte die Sicht auf den schneebedeckten Gipfel des Mt. Rainier.
 „Wohin soll die Reise gehen?“ fragte der Taxifahrer höflich.
 „Nach Fort Lauderdale.“
 Der Taxifahrer lachte.
 „Florida, das Wetter wird dort sicher besser sein als hier.
 Haben Sie in Fort Lauderdale geschäftlich zu tun?“
 Der Fahrgast nickte.
 „Kann man wohl sagen. Ich arbeite für eine Firma, die Insektenvertilgungsmittel herstellt. Eines unserer erfolgreichsten Produkte ist ein Mittel zur Bekämpfung von Termiten. Ich bin ein Kammerjäger.“ Er lachte. „Ein Auftragskiller“.
 
 
Der Flug von New York nach Ft. Lauderdale dauerte ziemlich genau drei Stunden. Als die Maschine auf dem Ft. Lauderdale Hollywood International Airport landete, war es 21.05 Ortszeit, wie eine freundliche Stimme aus dem Cockpit vermeldete.
Seit er sich vor dem Abflug-Gate in Seattle eingefunden hatte, waren ungefähr zehn Stunden vergangen. Er war müde und hoffte, daß das Schubert Motel ihn nicht im Stich lassen würde. Entgegen seiner normalen Praxis hatte er kein Zimmer reserviert.
 Da er kein Gepäck hatte, auf das er warten mußte, saß er schon nach wenigen Minuten in einem Taxi und erklärte dem Fahrer den Weg zu seinem Ziel. Die meisten Taxifahrer, die er bisher in Ft. Lauderdale kennengelernt hatte, stammten aus Haiti. Sie waren vor dem Bürgerkrieg, Not und Hunger geflohen. Aber ihre Ortskenntnisse waren erbärmlich. Die Fahrt ging Downtown. Vor der Brücke über den Middle  River bog der Fahrer nach rechts ab.
 Der junge Mann mit dem blonden Bürstenhaarschnitt in der Lobby des Schubert Motels sprühte vor Entgegenkommen.
 September war für Ft. Lauderdale kein Monat der Hochsaison. Es gab noch genügend freie Zimmer, die alle mit Suite bezeichnet wurden. Belegt mit Attributen wie „King“, „Luxury“ und „President“. Entsprechend unterschiedlich waren die Preise. Außerdem waren Zimmer mit Blick auf den Pool teurer als Zimmer, die diesen Blick nicht boten.
 Er erhielt eine Suite im ersten Stock.
 Der Weg zu seinem Zimmer führte am Pool vorbei. Drei Männer lehnten am Rand des Beckens. Ihre Brust leuchtete kalkig im Mondlicht. Das Wasser umspielte ihre Schamhaare. Als er seine Sachen ausgepackt hatte, fühlte er sich plötzlich nicht mehr müde, sondern vor allem hungrig. Die rote Anzeige der Digitaluhr auf dem Nachttisch neben dem riesigen Doppelbett war gerade auf 21.56 gesprungen. Der normale Amerikaner nahm das Dinner früher zu sich. Aber heute war Samstag, Wochenende. Überall in der Welt war es der Tag in der Woche mit dem stärksten Andrang in den Restaurants. Das Schubert Motel war nicht weit von der Gateway Plaza mit mehreren Geschäften und Restaurants entfernt. Er beschloß, dort sein Glück zu versuchen.
 Tatsächlich hatte er noch die Auswahl zwischen einem Thai-Restaurant, einem mexikanischen Restaurant und einem Sushi-Restaurant. Er entschied sich für Sushi.
 Während er den rohen Fisch abwechselnd in eine braune Brühe tunkte und mit einer winzigen Menge einer grünen Masse bestrich, die seine Kehle zum Brennen brachte, und dazu japanisches Bier trank, ging er noch einmal jede Phase des Auftrags durch, der ihn nach Ft. Lauderdale geführt hatte. Er kam zu dem Schluß, daß es keinen Grund gab, seine Ausführung zu verschieben.
 „Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen“, sagte er leise. 
 Bei seiner Rückkehr war der Pool leer. Aber in mehreren Zimmern brannte noch Licht, und er hörte Musik. Ein Kamerateam mit einigen „Divas“ des Pornofilms war angereist. Morgen waren einige „Shootings“ geplant. Er hatte diese Informationen von dem jungen Mann in der Rezeption erhalten, der ihm jedoch nur erzählt hatte, was er schon wußte. Abgesehen von einer Information, die ihm noch gefehlt hatte. Die Nummer des Zimmers, in dem Denis wohnte. Er hatte gefragt, ob auch Denis zu dem Filmteam gehörte.
 Der Mann in der Rezeption hatte dies bejaht.
 „Sie kennen sich?“
 „Oberflächlich.“
 „Er hat die Suite 215. Allerdings ist er nicht allein“, setzte er vielsagend hinzu.
 Denis war nie allein. Sein letzter Schwarm war ein leptosomer Jüngling von achtzehn Jahren. Er achtete immer auf die Einhaltung dieser Altersgrenze. Sie garantierte die ständige Stimulanz, die ein Künstler nach seinen Worten benötigte, und sie erleichterte die Beendigung einer Beziehung. Jugend tröstete sich schnell. Außerdem war es wie auf dem Arbeitsmarkt. Sie hatte es bei der Stellensuche leichter. Aber manchmal stand die Welt Kopf. Ein jugendlicher Liebhaber konnte sehr nachtragend sein. Und eine materielle Entschädigung war kein Allheilmittel gegen verschmähte Liebe und verletzte Eitelkeit. Ein Klischee, sagte er sich. Doch manchmal lagen Klischee und Wirklichkeit dicht beieinander.  Der Jüngling war einer der drei Badenden gewesen, die er am Pool beobachtet hatte.
 
 
Auf der Außentreppe, die zum ersten Stock führte, saßen zwei Männer. Licht aus einem Zimmer fiel auf sie. Einer hielt in der rechten Hand eine Bierflasche. Seine linke Hand umfaßte den Nacken des anderen Mannes. Sie preßten ihre Körper gegeneinander und küßten sich. Behutsam machte er kehrt und wählte den Aufgang auf der anderen Seite. Vor dem Zimmer 215 blieb er stehen. Er steckte seine Codekarte in den Schlitz über dem Türgriff. Die grüne LED leuchtete auf und er drückte auf die Klinke. Wie gut, daß er im Sommer eine Woche zum Reinigungspersonal des Schubert-Motel gehört hatte und seitdem wußte, wie man die Software für die elektronischen Türöffner programmierte.
Im Zimmer war es dunkel. Aber die Jalousien der Fenster ließen etwas Licht hinein, so daß die Umrisse des Bettes in der Mitte, zwischen Bad und Fernseher, sichtbar waren.
 Die Bettdecke lag halb auf dem Boden und gab den nackten Körper auf dem weißen Laken frei. Sein Blick wanderte von den Füßen über die Waden zu den Schenkeln. Einen winzigen Augenblick verharrten seine Augen auf der Beuge zwischen Gesäß und Wirbelsäule, wanderten zu den muskulösen Schulterblättern, dann zum Nacken, wo sie endgültig am dunklen Haaransatz Halt machten.
 Er hob seinen rechten Arm und schoß zweimal.
 
 
Nach dem Motto Vorsicht ist besser als Nachsicht rief er von seinem Zimmer den Empfang an und beauftragte den jungen Mann mit dem blonden Bürstenhaarschnitt, ihn telefonisch um sieben Uhr zu wecken. Doch wie immer, wenn er Angst hatte, nicht rechtzeitig aufzuwachen, schlief er schlecht – trotz des Weckauftrags – und war schon hellwach, als das Telefon klingelte.

 

 

 

 

 

 

 




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Die Geschichte wurde auf Wunsch von Peter Schönau auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.01.2006. - Infos zum Urheberrecht




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