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Aus der Kategorie „Leidenschaft“ (Kurzgeschichten):

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Peter Schönau

Der Jockey

Pedro Bandejas sitzt im “Monserrate” und sieht zu, wie der Barmann seinen Mojito zelebriert. Er füllt zwei Löffel Zucker in das Glas, schüttet etwas Limonensaft dazu, gießt Mineralwasser hinterher und stopft etwas Pfefferminzkraut hinein. Dann zerkleinert er mit einem Stück Holz einen größeren Eiswürfel, läßt die Stücke in das Glas fallen und bedeckt alles mit einer großzügigen Dosis weißen Rums. Den Abschluß bildet ein kleiner Spritzer Agostura

Sein Mojito dampft, wie er nur im “Monserrate” dampft. Es ist das Eis, das Dampfwolken ausstößt.

Er sieht Isabel vor sich, nein, zuerst Yazmin, oder doch zuerst Isabel. Aber dann beschließt er, daß die Reihenfolge so unwichtig ist wie die Antwort auf die Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei.

Die eine wäre ohne die andere nicht denkbar.

Sie sind Schwestern.

Isabel ist die Jüngere.

Sie ist zierlicher als Yazmin, die schon mit vierzehn einen Meter und fünfundsiebzig Zentimeter mißt.

Er hat sich zuerst in Yazmin verliebt.

Yazmin ist durchschnittlich intelligent, alles an ihr ist handfest, wie die Erde, auf der wir gehen. Sie hat große Zähne, einen breiten Mund und schwarze Haare, die sie im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden trägt. Ihre Brüste sind groß aber fest, und er hat ihr immer wieder gesagt, daß sie keinen BH zu tragen braucht. Ihr Hintern ist muskulös und gleichmäßig rund, wie die zwei Hälften eines Apfels. Sie ist der mütterliche Typ und fühlt sich für Ehe, Familie und Kinder zuständig. Wenn sie ihren Höhepunkt erreicht, zerkratzen die Finger ihrer Hände seinen Rücken, wie die Krallen einer Katze. Aber in den Augen von Yazmin steht selbst in diesem Augenblick höchster Lust geschrieben: Ich will dich heiraten, ich will mit dir Kinder haben, und wenn du mich verrätst, wirst du es eines Morgens bereuen. Yazmin kennt nichts Komplizierteres als Domino, und Dinge, die sie nicht versteht, sind ihr verdächtig und riechen nach Unrat, der in ihrem Haus nichts zu suchen hat.

Sie ist Kindergärtnerin, denn mit Kindern kann sie gut umgehen. Er ist sicher, daß sie auch mit seinen Kindern gut umzugehen wüßte.

Aber er studiert gerade im zehnten Semester Mathematik.

Da denkt er an seine Karriere an der Universität und nicht an so bourgeoise Dinge wie Kinder und Familie.

Das versteht Yazmin nicht, und es kommt zum Bruch. Gott sei Dank ohne ein großes Drama, Yazmin vergießt nur einige wenige Tränen, mehr des Zornes als der Trauer.

Seltsam, er hätte Isabel nie für ihre Schwester gehalten. Und er hat es auch nicht gewußt, als er sie kennenlernt, über zehn Jahre später.

In einem Sommer. An der Universität. Er war Mitglied der Prüfungskommission, die Anfang Juli die letzten Prüfungen abnahm.

Sie studierte Mathematik.

Es war einer dieser feuchtheißen Julitage.

Die Prüfung fand im Lehrsaal 4 statt. Eine Ansammlung wurmstichiger, dunkelbraun gebeizter Holztische, davor hing - an der Stirnwand - eine Tafel, daneben befand sich eine Pinwand, vollgepflastert mit mathematischen Lehrsätzen.

Er war durch die Tischreihen gegangen und vor ihrem Tisch stehengeblieben.

Das fast leere Blatt hatte er angeschaut und dann auf die Uhr gesehen.

“Ihnen bleiben nur noch vierzig Minuten, Compañera“, hatte er gesagt.

Sie hatte zu ihm hochgesehen, mit diesen schwarzen Mandelaugen, die später noch mehr als einen Mann verzaubern sollten.

“Ich weiß“, hatte sie seufzend geantwortet und mit den Schultern gezuckt.

“Aber ich habe eine solche Leere im Kopf. Ich glaube, ich könnte hier noch Stunden sitzen, ohne daß mir die Lösung einfällt.”

Er hatte ihr mitfühlend die Hand auf die Schulter legen wollen. Doch mitten in der Bewegung war ihm klar geworden, daß diese Geste nicht angebracht war, und er hatte die Hand angehalten und war sich mit ihr statt dessen durch sein volles schwarzes Haar gefahren.

“Nicht verzweifeln, Compañera“, hatte er gesagt und nach kurzem Zögern hinzugefügt: “Die Leere hat den Vorteil, daß sie Platz läßt für andere Gedanken, denn wo schon ein Vogel nistet, kann kein anderer brüten. Ist es nicht so?”

Ohne ihre Antwort abzuwarten, war er weitergegangen.

Nach der Prüfung hatte er sie im Garten der Universität wiedergetroffen.

Sie stand vor der Statue mit der Büste Alexander von Humboldt und lächelte ihn an.

“Ihr ‘axiomatischer’ Hinweis war sehr wertvoll, Compañero.”

Er hatte gefühlt, daß er verlegen wurde und sich darüber geärgert.

Doch ihr Lächeln ließ ihn diese Reaktion schnell vergessen.

“Gehen Sie manchmal ins Coppelia?” hatte er statt dessen gefragt.

“Ja, ab und zu“, hatte sie geantwortet.

“Warum?”

“Ich dachte, ich könnte Sie zu einem Eis einladen.”

“Wann?” hatte sie nur gefragt und ihn ernst angesehen.

Er hatte sich geräuspert:

“Heute, wenn es Ihnen nichts ausmacht.”

Isabel ist in jeder Beziehung das Gegenteil ihrer älteren Schwester. Sie ist zart und schlank. Ihre Brüste sind spitz und klein, ihr Becken ist schmal, und ihr Hintern ist weniger ausladend als der ihrer Schwester, er ist flacher und fest, wie der eines Mannes.

Im Augenblick des höchsten Entzückens stößt sie kleine spitze Schreie aus, wie ein aufgestörter Vogel.

Sie bewegt sich unter und über ihm lustvoll wie eine Schlange zur Flöte des Fakirs.

Sie redet Gott sei Dank auch nie von Heirat, Familie und Kindern. Sie denkt in erster Linie genau wie er an ihre Karriere.

Seit kurzem hat er einen Nebenbuhler. Isabel leugnet das neue Abenteuer. Aber er weiß es besser. Sie trifft sich mit einem Jockey. Er ist zierlich wie eine Nymphe ist und hat einen Pferdeverstand. Das jedenfalls behauptet sein Informant.

„Du kennst doch dieses Sprichwort: Sag mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist.“

Ausgerechnet ein Jockey. In seinen Augen sind Pferde zwar sensibel, aber dumm. Fast genauso dumm wie die Kühe, die auf der großen Hacienda seines Vaters unter Königspalmen weiden.

Er stellt sich vor, wie sie sich lieben, sie und Perrot, heute abend, in einer heißen Julinacht. Irgendwo in der Stadt, in einer engen Wohnung ohne Klimaanlage. Er sieht den Schweiß auf ihren Körpern, der salzig auf seinen Lippen brennt, wenn ihre Zunge seine Zunge sucht.

 

Er ißt gezuckerte Apfelsinenstreifen zu seinem Kaffee.

Dann hebt er das Fernglas.

Das Rennen hat begonnen.

Die Jockeys sind farbige Punkte gegen einen blauen Hintergrund.

Er richtet das Glas auf den Jockey in den Landesfarben: blau, weiß, rot.

Er konzentriert sich auf ihn wie die Spinne auf die Fliege, die Katze auf die Maus, der Hund auf den Knochen.

Seine Gedanken bündeln sich. Die Adern an seinen Schläfen treten blau hervor.

Seine Hände beginnen zu schwitzen. Er unterdrückt seinen Atem.

Der Mann im blauweißroten Dreß mit der Nummer 2 ist der Favorit des Rennens über eine Distanz von 2000 Metern.

Er bittet Gott inständig darum, daß er sich den Hals brechen möge.

Doch leider tut Gott ihm diesen Gefallen nicht. Der kleine, zierliche Mann mit der Startnummer zwei gewinnt das Rennen.

Verbittert kassiert er am Wettschalter seinen Gewinn. Er hat auf den Sieger und auf Platz gewettet. Die Gewinnquote ist niedrig. Kaum jemand hat einen anderen Ausgang des Rennens erwartet.

Er ist morgen mit Isabel verabredet. Vielleicht wird er sie zur Rede stellen. Doch er kennt sie. Wenn er sie zu sehr in die Enge treibt, wird sie ihn verlassen.

Vielleicht kann er ihr und sich diese Entscheidung ersparen. Er denkt an Isabels Hals, den er so oft geküßt hat. Auf dem Weg über ihren Körper. Bis zu dem dunklen Dreieck zwischen ihren Beinen. Ihr Hals ist sonnengebräunt und schlank. Er kann ihn mit einer Hand umspannen, während die andere Hand sich auf ihren Mund preßt.

 

 




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Die Geschichte wurde auf Wunsch von Peter Schönau auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.08.2006. - Infos zum Urheberrecht




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