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Peter Schönau

Die Waschsalonbesitzerin

Im Innenhafen dümpelte die Nachbildung der "Santa Maria" in einer leichten Brise. Kolumbus stand auf seiner Säule, zu dem großen Abenteuer entschlossen, und für den letzten Tag des Jahres war es zu warm.
 Die Taxis krochen über die breiten Boulevards wie gelbe Schnecken; die Ramblas waren am späten Nachmittag genauso verstopft wie die Ausgänge des Kinos in der Ronda de Universidad, das die Zuschauer am Schluß der Nachmittagsvorstellung des neuesten Films mit Tom Cruise, der schon seit acht Wochen in Barcelona lief, verließen.
 Im Hotel "Princesa Sofia" wurden die letzten Vorbereitungen für den großen Silvesterball getroffen.
 Es war sieben Uhr abends, der Waschsalon in der Carrer Balmas leerte sich. Für Teresa Valdez war heute ein großer Tag. Sie hatte eine Karte für den Silvesterball im Hotel "Princesa Sofia" erstanden. Schon seit Tagen lag das Abendkleid aus gelbem Tüll bereit, mit den dazu passenden Schuhen. Auch den Schmuck, den sie tragen würde, hatte sie schon ausgesucht. Teresa Valdez war eine wohlhabende Frau. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie in den letzten zehn Jahren eine Kette von Waschsalons aufgebaut, dann war ihr Mann vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und die acht Waschsalons gehörten jetzt ihr. Kinder aus ihrer Ehe gab es keine. Dafür war es jetzt im übrigen zu spät. Andererseits war sie mit fünfundvierzig Jahren noch nicht zu alt, um noch einmal zu heiraten; außerdem war sie eine gute Partie.
 Sie hatte versucht herauszufinden, an welchem Tisch sie heute abend sitzen würde und wer ihre Tischpartner sein würden. Doch auch der dezente Hinweis auf ein kräftiges Trinkgeld hatte ihr diese Information nicht verschafft. Sie würde sich überraschen lassen. Wer weiß, dachte sie, als sie zum letzten Mal ihre Frisur prüfte, sicher nahmen am Silvesterball in einem der besten Hotels der Stadt keine armen Schlucker teil.
 Sie hatte für halb zehn ein Taxi bestellt. Als der Taxifahrer klingelte, warf sie einen letzten prüfenden Blick in den Garderobenspiegel. Vom Ergebnis dieser Prüfung befriedigt, schloß sie die Haustür hinter sich und bestieg das Taxi. Der Verkehr war zu einem Rinnsaal ausgetrocknet. Es gab zwei Tage im Jahr, an denen Taxis in Barcelona Mangelware waren: Heiligabend und Silvester. Sie befanden sich auf der Diagonal, als im Scheinwerferlicht am Straßenrand plötzlich ein Fußgänger auftauchte, der heftig mit den Armen ruderte. Jemand auf der Suche nach einem Taxi, dachte sie und musterte die Gestalt mitleidig. Es war ein junger Mann in Lederjacke und Jeans. Er huschte an ihr vorüber. Sie wollte sich schon wieder in ihr Sitzpolster zurücklehnen, als sie aus den Augenwinkeln sah, wie er dem Taxi eine obszöne Geste als letzten Gruß nachschickte. Hinterher kam es ihr vor, daß gar nicht sie es gewesen war, die den Taxifahrer aufgefordert hatte anzuhalten. Das Taxi bremste mit quietschenden Reifen. Der junge Mann schien einen kurzen Augenblick zu überrascht, um zu reagieren. Doch die Frau im Taxi winkte ihm zu. Er lief auf sie zu, beugte sich zu ihr herunter, öffnete den Wagenschlag. Und nach kurzem Zögern setzte er sich neben sie. Das Taxi nahm seine Fahrt wieder auf. Der junge Mann lächelte sie dankbar, aber schweigend an. Bisher hatte er kein einziges Wort gesagt. Nicht einmal „danke“, dachte sie etwas irritiert. Der Taxifahrer warf dem neuen Fahrgast durch den Rückspiegel einen fragenden Blick zu, und Teresa Valdez musterte ihn verstohlen von der Seite. Im Licht der vorbeieilenden Straßenbeleuchtung sah sie einen jungen Mann, dessen Alter sie auf fünfundzwanzig Jahre schätzte. Sein Haar war schwarz, es stieß gegen den Kragen seiner Lederjacke. Vielleicht hatte er ihren Blick bemerkt, jedenfalls strich er sich mit einer nervösen Bewegung einige lange Strähnen dieses schwarzen Haares aus der Stirn und warf dabei den Kopf in den Nacken.
 Ihre Augen trafen sich, doch seine Augen blieben im Dunkel, und sie konnte ihre Farbe nicht erkennen. Aber sein Blick zog sie an. Sie hatte diesen Blick den Katzenblick getauft. Es war der Blick des ungezähmten Raubtiers, der Blick des Jägers. Kalt und doch glühend. Andererseits wirkte er auf sie seltsam verloren. Erst als er die Lippen öffnete und mit den Händen gestikulierte, begriff Teresa Valdez: Er war taubstumm. Sie lächelte ihn an, aber weder sie noch der Taxifahrer begriffen, was er wollte.
 Teresa Valdez wußte nicht, ob sie später bereuen würde, was sie jetzt tat, doch sie dachte nicht darüber nach. Sie bedeutete dem Taxifahrer umzukehren und sie nach Hause zurückzufahren. Der Taxifahrer brummte etwas, was wahrscheinlich einen stummen Protest ausdrückte, dann kratzte er sich am Hinterkopf und wendete den Wagen. Der junge Mann sah sie fragend an. Erst als sie vor dem Haus von Teresa Valdez hielten, begriff er. Teresa bezahlte den Taxifahrer und stieg aus. Als sie den Hausschlüssel aus ihrer Handtasche kramte, winkte sie ihrem Mitfahrer, der immer noch im Taxi saß, zu. Als er nicht sofort reagierte, winkte sie ihm ungeduldig ein zweites Mal zu, und diesmal folgte er ihrer Aufforderung.
 Die Rücklichter des Taxis verschwanden hinter der nächsten Straßenbiegung, als Teresa die Tür öffnete und ihren Besucher am Aufschlag seiner Lederjacke in das Haus zerrte. Er folgte ihr zögernd, wie ein Hund, der unvermutet zu einem neuen Herrn gekommen ist, von dem er noch nicht weiß, was er von ihm halten soll. Der junge Mann gestikulierte. Teresa verstand, er wollte ein Stück Papier und etwas zum Schreiben. Sie nickte. Bevor sie ihm einen Notizblock und einen Kugelschreiber gab, dirigierte sie ihn in das Wohnzimmer und forderte ihn auf, sich in einen der tiefen Sessel zu setzen. Er nahm Papier und Kugelschreiber und fing an zu schreiben. Schließlich riß er ein Blatt vom Notizblock und gab es ihr. Er hatte seinen Namen darauf geschrieben: Esteban Gutierrez. Sie unterstrich "Esteban" mit dem Kugelschreiber und schrieb darunter in Blockbuchstaben TERESA. Er nickte, und zum ersten Mal lächelte er. Teresa holte aus dem Wandschrank zwei Gläser und ging in die Küche. Im Kühlschrank war noch kaltes Huhn von gestern. Im Brotfach fand sie Weißbrot. Sie stellte Huhn und Brot auf den Tisch, legte die Bestecke dazu und öffnete eine Flasche Riojas Reserva, den sie für besondere Gelegenheiten aufbewahrt hatte. Sie ließ den Wein etwas ziehen. Esteban hatte seine Lederjacke abgelegt, er verfolgte ihre Bewegungen und lächelte ab und zu. Sie schenkte den Wein ein, und sie prosteten sich zu. Der Wein war schwer, und bald sah sie nicht mehr in das lächelnde Gesicht von Esteban sondern tiefer, wo sich unter den Jeans seine Männlichkeit wölbte. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Es war schon lange her, daß sie mit einem attraktiven Mann geschlafen hatte. Sie zog Esteban zu sich heran und rollte mit ihm auf den dicken Teppich. Sie preßte seine Schenkel gegen ihr Gesicht und zog ihn langsam aus. Mit einem Ruck öffnete sie dann den Reißverschluß ihres Abendkleides und streifte es sich hastig vom Körper. Esteban kniete auf ihr. Er bohrte sich in sie hinein, sie stöhnte erlöst, und der Silvesterball im Hotel „Princesa Sofia“ war auf einmal weit weg.
 Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war Esteban schon aufgestanden. Er saß im Wohnzimmer, in dem gleichen Sessel wie am Abend vorher. Teresa zog sich einen Morgenrock an und ging in die Küche. Sie kochte Kaffee. Dann holte sie den Notizblock und den Kugelschreiber hervor und schrieb "Adios, Esteban" auf das Blatt. Sie riß es ab und reichte es ihm. Er las, seine Augen wanderten zu ihr und sahen durch sie hindurch. Er trank seinen Kaffee nicht aus, stand auf und ging. Seitdem waren beinahe drei Monate vergangen.
 Teresa Valdez arbeitete hart, ihre Wachsalons liefen gut. Trotzdem hatte sie Esteban nicht vergessen, denn manchmal dachte sie an den Silvesterball im Hotel „Princesa Sofia“ und daran, daß sie auf den nächsten Silvesterball noch neun Monate warten mußte.

 




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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.10.2006. - Infos zum Urheberrecht




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