Aus der Kategorie Science-Fiction (Kurzgeschichten):
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Karl Bednarik
Die Sternkarte der Quaronen
Vorwort:
"Markgraf Leopold III suchte den Brautschleier seiner Gemahlin Agnes, welcher vom Winde verweht wurde. Nach der wundersamen Wiederentdeckung des Brautschleiers gründete er das Stift Klosterneuburg am Ort seiner Auffindung." Das oben erwähnte Zitat ist natürlich ein klassischer Fall von Geschichtsfälschung, wie er im dunklen zwanzigsten Jahrhundert des öfteren vorkam. Hier erfahren Sie, was wirklich passierte:
Ein kleiner Urlaub:
Graf Frederik von Hombug besuchte Fürst Klaus von Irrwitz gerne in seiner Freizeit. Fürst Klaus von Irrwitz war nicht nur der Erfinder des Mirg-Lochers (ultrahoch magnet-beschleunigte Eisen-Mikropartikel) und anderer phantasievoller Waffensysteme, wie zum Beispiel dem Raum-Zeit-Zerhacker, der das Universum in voneinander unabhängige Raum-Zeit-Hyperwürfel zerlegte (eine gute Methode, um Corned Beef herzustellen), nein Fürst Klaus von Irrwitz besaß auch eine halbwegs taugliche Zeitmaschine. Selbst besaß er ja kaum Zeit um sie auszuprobieren, deshalb war er immer dankbar für freiwillige Versuchspersonen. Graf Frederik von Hombug interessierte sich besonders für das zwanzigste Jahrhundert, von dem im vierten Jahrtausend nur wenig bekannt war. Fürst Klaus von Irrwitz empfahl Graf Frederik von Hombug die Zeit ab dem Jahre 1970 und suchte einen geologisch stabilen Ort im alten Vienna, etwa zehn Zentimeter oberhalb des alten Stefansplatzes. Graf Frederik von Hombug empfand ein Gefühl des Fallens, das aber leider nicht nach zehn Zentimetern aufhörte. Tatsächlich plumpste er zehn Meter tiefer in weiche Betonmasse, neben ihm ragten unangenehm spitze Stahlstäbe auf. Fürst Klaus von Irrwitz hatte vergessen, daß in den Jahren um 1970 im alten Vienna eine U-Bahn gebaut wurde. Graf Frederik von Hombug schleppte sich aus diesem Schlamm, und warf seine sorgfältig vorbereitete zeitgenössische Kleidung weg. Glücklicherweise fand er in einer Bauhütte, die er aufbrach, einen gebrauchten Overall. Sein noch intakter Taschencomputer erklärte ihm, daß man in dieser Verkleidung auf dem sogenannten Wiener Flohmarkt nicht weiter auffallen würde.
Galaktischer Zwischenfall:
Das transphotonische Raumschiff Querch von Stokth wurde von einem Mirgschen Trägerschlachtschiff gestellt. Nach dem gnadenlosen thermonuklearen Schlagabtausch verwehten beide Schiffe als glühende Plasmawolken im leeren Weltall. Wie es schien, hatten die Mirgs das Prinzip der friedlichen Koexistenz noch nicht ganz begriffen. An Bord der Querch von Stokth befand sich ein Objekt, das von solchen harmlosen Waffenentladungen unmöglich vernichtet werden konnte. Das war die Sternkarte der Quaronen. Auf einem gluonenstabilisierten Neutronennetz waren die humanoiden Stützpunkte unserer Galaxis als leuchtende Ionen eingezeichnet. Ein primitiver Humanoider aus dem zwanzigsten Jahrhundert hätte einen schwarzen Schal mit etwas Silberflitter darauf gesehen. Dieses Neutronennetz wurde auf etwa zwanzigtausend Grad Celsius erhitzt, als es mit fünfzig Kilometern pro Sekunde in die Atmosphäre der Erde eintrat. Irgendein primitiver Eingeborener schenkte diesen Schal, den er im Wald gefunden hatte, etwas später seiner ebenso primitiven Partnerin, um seine primitiven Ziele bei ihr zu erreichen.
Ein kleines Zeitparadoxon:
Eigentlich hatte Graf Frederik von Hombug geglaubt, sich endlich etwas entspannen zu können, als er sich unter das bunte Volk des Wiener Flohmarktes mischte. Das Fiepen seines Taschencomputers wäre eigentlich gar nicht erforderlich gewesen, denn wenn jemand einmal eine quaronische Sternkarte gesehen hatte, dann vergaß er ihren Anblick niemals wieder. Unauffällig aktivierte Graf Frederik von Hombug seinen Telesuggestor, und sagte: "Die Sternkarte. Gib sie mir." Die primitive Eingeborenenfrau starrte verständnislos ins Leere. Erst als Graf Frederik von Hombug die Umschreibung "Schal" verwendete, führte das zu einer annehmbaren Reaktion. Hinter Graf Frederik von Hombug bewegten sich zwei Humanoide etwas schneller, als ein humanoides Nervensystem erlaubte. Graf Frederik von Hombug schaltete seine Polarisatorbrille auf Technokennung, und siehe da, es waren Kampfroboter der Mirgs. Glücklicherweise waren die Mirgs außerhalb des Wassers bei einem g Schwerkraft nur in Pizzaform erhältlich, ein Nachteil ihres quallen-ähnlichen Körperbaus. Ihre atmosphärischen Kampfroboter, von denen sie außerhalb des Wassers Gebrauch machten, waren schnell, tödlich, und ziemlich schwachsinnig. Ohne sich um eventuelle Zeitparadoxa zu kümmern, zog Graf Frederik von Hombug seinen Gigawattlaser. Schließlich ging es ab nun um eine Sternkarte der Quaronen. Was anschließend passierte, wurde in den verschiedenen Lokalzeitungen ausgiebig und erfolglos beschrieben. Da Graf Frederik von Hombug als überzeugter Transhumanist mit gewaltigen Mengen von biotronischen Implantaten ausgestattet war, erinnerte sein Körperinneres ein wenig an den Organismus einer Borg-Killer- Drohne. Darüber hinaus verfügte er aber noch über kreative Intelligenz und eine dynamische Persönlichkeit, Eigenschaften, die eine Borg-Killer-Drohne zumeist vermissen ließ. Wahrscheinlich hätte er die Legemutter aller Mirgs samt ihrer Leibwache-Elite-Division mühelos niedermachen können. Hier im zwanzigsten Jahrhundert allerdings, mußte Graf Frederik von Hombug darauf achten, daß er nicht jemanden, der zu seinen Vorfahren gehörte, einfach umnietete. Graf Frederik von Hombug stellte seinen Gigawattlaser auf drei Stufen unter Völkermord. Was Graf Frederik von Hombug aber am meisten haßte, waren kreischende Zivilisten, die dauernd durch sein Schußfeld rannten. Bei In-Atmo-Duellen mußte man außerdem noch darauf achten, daß die Strahl-Energie nicht über zehn hoch siebzehn Gigawatt pro Quadratmillimeter stieg, denn sonst wurde die vernichtende Sauerstoff-zu-Eisen-Fusion ausgelöst, eine Reaktion wie sie vor Jahrtausenden auf dem Mars passiert war. Da lobte sich Graf Frederik von Hombug die lockeren Ex-Atmo- Duelle, wo der Waffenenergie nach oben hin keine Grenzen gesetzt waren. Nachdem die kreischenden Zivilisten alle irgendwo hin verschwunden waren (wahrscheinlich ihr Urinstinkt), eröffnete Graf Frederik von Hombug endlich sein Wirkungsfeuer. Die Gebäude in der Umgebung wankten, aber sie hielten stand. Schließlich hatte Graf Frederik von Hombug seinen Gigawattlaser nur auf zerfetzen, und nicht auf zerschmettern eingestellt.
Donau-Walzer:
Nachdem sich der Wiener Flohmarkt ein klein wenig in ein blutiges Massaker verwandelt hatte, zog sich Graf Frederik von Hombug zur Donau zurück. Er schaltete gelassen das Gashaltefeld ein, um weiter atmen zu können, und spazierte unter Wasser weiter. Leider hatten die Mirgs noch einen Kampfgleiter absetzen können. Dieser jagte natürlich jene Brücke in die Luft, unter der Graf Frederik von Hombug zuerst Deckung gesucht hatte. Das erschütterte Graf Frederik von Hombug nur wenig, denn er befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits unter der Floridsdorfer Brücke, die einen noch baufälligeren Eindruck machte (sofern das noch irgendwie möglich war). Der Taschencomputer teilte Graf Frederik von Hombug mit, daß die sogenannte "Reichsbrücke" im August des Jahres 1976 tatsächlich grundlos eingestürzt war. Graf Frederik von Hombug fragte sich, wie sehr er eine Komponente eines komplizierten Zeitparadoxons war. Nachdem der Kampfgleiter der Mirgs seine Gravitations- Bombe abgeworfen hatte, schleuste er, wie von Graf Frederik von Hombug erwartet, ein Landekommando aus. Für Graf Frederik von Hombug war das sehr günstig, für die Mirgs aber eine sehr schlechte Idee. Die Mirgs hatten sich schlicht und einfach vom vielen Wasser verlocken lassen. Graf Frederik von Hombug wußte, daß sich die Mirgs als Meeres-Bewohner in Süßwasser nach kurzer Zeit auflösen würden. Graf Frederik von Hombug wanderte aus gutem Grund in die Richtung stromaufwärts, denn die Mirgs als quallenartige Meeres-Bewohner waren gar nicht in der Lage gegen eine starke Strömung zu schwimmen. Die aufgequollenen Leichen der Mirgs wurden anschließend in den Turbinen der stromabwärts befindlichen Donaukraftwerke klein gehäckselt. Das Wrack des Mirg-Kampfgleiters verschwand für volle zweitausend Jahre in den Sedimenten der Lobau, erst Fürst Klaus von Irrwitz hat es nachher ausgraben lassen.
Rückkehr:
Graf Frederik von Hombug legte ein langes Brett über die Baugrube der neuen U-Bahn am Wiener Stefansplatz. Nachdem er sich genau auf die richtige Stelle gestellt hatte, drückte er den Rückholknopf. Unmittelbar danach stand Graf Frederik von Hombug zehn Zentimeter tief im Perserteppich von Fürst Klaus von Irrwitz. Graf Frederik von Hombug versuchte einen Schritt, und lag flach auf dem Boden. Man mußte ihn an den Knöcheln mit einem Laser-Projektor vorsichtig aus dem Perserteppich heraus schneiden. Glücklicherweise war die in seinem Wege stehende Materie auf Grund des Pauli-Ausschließungs-Prinzips für Fermionen quantenmechanisch in den Hyperraum katapultiert worden, denn sonst hätten seine Knöchel irgendwelches Teppichmaterial enthalten. Wahrscheinlich hatte sich das lange dünne Brett über der Baugrube der alten U-Bahn-Baustelle um zehn Zentimeter durchgebogen. Graf Frederik von Hombug nahm sich vor, in Zukunft (oder in der Vergangenheit) immer noch ein Telefonbuch unterzulegen. Fürst Klaus von Irrwitz war echt begeistert als Graf Frederik von Hombug von seiner Zeitreise zurückkehrte, denn nicht alle seine Versuchspersonen kamen lebend zurück, und manche waren bis heute verschollen. Graf Frederik von Hombug überreichte Fürst Klaus von Irrwitz die erbeutete Sternkarte der Quaronen. Fürst Klaus von Irrwitz scannte diese sofort in seinen Supercomputer, und dieser verkündete anschließend: "Identisch mit der in der Schedirschlacht erbeuteten Sternkarte." Fürst Klaus von Irrwitz setzte hinzu: "Ich frage mich nur, wie wir diese Sternkarte vor zweihundert Jahren in der Schedirschlacht erbeuten konnten, wenn wir sie schon vor zweitausend Jahren im alten Wien bekommen haben. Das Beste wird sein, wir senden sie in das zwanzigste Jahrhundert zurück." Graf Frederik von Hombug deutete behutsam an, daß, wenn er schon den Kurier spielen mußte, er doch bitte nicht auf dem Stefansplatz von 1976 abgesetzt werden wollte. Fürst Klaus von Irrwitz, der von seinem Planungs-Fehler mit der alten Wiener U-Bahn schwer erschüttert war, machte deshalb den Vorschlag, die Sternkarte der Quaronen in das noch nicht existierende Klosterneuburg des frühen Mittelalters zu transportieren. Auf diese Weise konnte die Sage von Klosterneuburg doch noch Realität werden.
Sechs Bilder und eine Bauanleitung für ein Zeit-Triebwerk:
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diese Geschichte liegen beim Autor (Karl Bednarik). Die Geschichte wurde auf Wunsch von Karl Bednarik auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank! Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte. Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.04.2007. - Infos zum Urheberrecht
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