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Bewertung / Kommentare (12):
(Durchschnitt 1 - 10 Benotung/-en)
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Ingrid Drewing

Das tizianrote Haar

Es war gut, gut, dass sie sich Klarheit verschaffte. Alles Grübeln hatte ja zu nichts geführt. Endlich hatte sie gehandelt.
Gewiss, sie war sich schon etwas seltsam dabei vorgekommen, ihm heimlich zu folgen, um ihn auf frischer Tat zu ertappen. Aber, wie hieß es doch? „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ Andererseits, wenn das Vertrauen erst einmal weg war, was war dann überhaupt noch die Basis einer Liebesbeziehung?
Sie hatte allerdings gute Gründe, misstrauisch zu sein. Seit einigen Wochen benahm er sich höchst merkwürdig. Jeden Dienstag hatte er neuerdings abends immer noch ein wichtiges Kundengespräch, verließ die gemeinsame Wohnung immer etwas aufgemotzt, trug seine eleganten Lederschuhe, und ein neues Deo hatte er sich auch zugelegt. Wenn er dann drei Stunden später wieder nach Hause kam, wirkte er etwas müde. Versuchte sie, etwas über diese Kundengespräche zu erfahren, wiegelte er ab, indem er lächelnd sagte, dies wolle sie doch nicht wirklich wissen, das langweile sie nur.
Und nun hatte sie auch noch dieses tizianrote Haar auf seinem Jackett gefunden! Ihn direkt darauf anzusprechen, das hatte sie gleich verworfen. Er würde eine Ausrede finden, sich über ihre Eifersucht lustig machen und sagen, dass man nach fast 25 Ehejahren Bescheid wissen sollte…

Oh ja, sie wusste Bescheid! Der Müller von gegenüber hatte seine Frau auch gegen ein „jüngeres Modell“ eingetauscht; zeitgleich mit dem neuen Wagen, den er sich angeschafft hatte. Ja viele Männer in der Midlife-Crisis würden wohl gerne für ihre Ehefrau auch noch eine Abwrackprämie kassieren. Und die ahnungslose, arme Frau Müller, die ihre eigene Karriere für das Wohlergehen ihrer Familie, Mann, Kinder und Heim aufgegeben hatte, stand jetzt mit 47 Jahren vor dem Nichts. In diesem Alter noch einen Job zu kriegen bei jahrelanger Erwerbslosigkeit, das konnte sie ja wohl vergessen.
Das sollte ihr nicht passieren, sie würde gewappnet sein. Ihr holder Mann würde sie nicht vor vollendete Tatsachen stellen! Auch wenn sie wie jetzt hinter einem Baum stehen musste, um die Wahrheit herauszufinden.

Na bitte, jetzt klingelte er an der Tür! Nun würde es sich erweisen, was er für Gespräche führte. Sieh an, da war sie, die Schlange! Eine Vorstadtschönheit mit tizianrotem Haar lächelte ihn an( gut zwanzig Jahre jünger als er) und ließ ihn in ihr Haus.

Er betrog sie also tatsächlich! Sie merkte, wie sich alles in ihr zusammenkrampfte und schaute starr und fassungslos auf die Tür, hinter welcher ihr Mann gerade verschwunden war. Aber dann schossen ihr Gedanken durch den Kopf. Dumme Nuss, was ist los, du wolltest doch Klarheit, und jetzt hast du sie! Ja, aber etwas wissen und etwas ahnen, das ist ein großer Unterschied. Und der heißt Hoffnung. Man könnte sich ja geirrt haben. Was sollte sie nur jetzt machen? Für das Wochenende war ihre Feier zur silbernen Hochzeit mit der ganzen Familie geplant. Wie konnte er ihnen das nur antun? Die ganze schöne, heile Welt war wie ein Kartenhaus zusammengefallen, und sie lag darunter begraben! Na ja, ein Kartenhaus, welch blöder Vergleich! Wohl eher ein Erdbeben, alles Schutt und Asche. Ihr Humor rettete sie vor weiterem Selbstmitleid. Ihr Selbstwertgefühl meldete sich stolz zurück. Er würde sie nicht tränenüberströmt zu Hause vorfinden. Kurz entschlossen suchte sie ihren Frisör auf und ließ sich einen neuen Haarschnitt und eine neue Haarfarbe verpassen.
Auf seine Reaktion war sie gespannt. Dass er sie allerdings so entsetzt anschauen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Dann seine überflüssige Frage „Was hast du denn mit deinen blonden Haaren gemacht?“ „Ich wollte dich überraschen, du stehst doch neuerdings auf Frauen mit tizianroten Haaren“, antwortete sie ,sich zu einem sachlichen, aber liebenswürdigen Ton zwingend, obwohl sie innerlich kochte .Aber ihre mühsam aufrecht erhaltene Fassung brach in sich zusammen, als er lauthals zu lachen begann.
„Das ist eine Unverschämtheit sondergleichen, und du lachst!", rief sie empört.
Er trat auf sie zu, nahm sie in die Arme und versuchte sie zu beruhigen :"Ach, Schatz, schade, nun ist es keine Überraschung mehr! Ich nehme seit einigen Wochen Tanzunterricht, damit ich dir endlich nach 25 Ehejahren deinen Wunsch erfüllen und auf unserem Fest mit dir tanzen kann, und du hast gedacht, dass ich fremdgehe!“

Meine Güte, wie kann man nur so eifersüchtig sein! Sie fühlte sich wie ein ertappter Dieb, richtig mies. Und dann wurde ihr bewusst, was er für sie aus Liebe getan hatte. Gerührt und erleichtert küsste sie ihn und bat ihn ,ihr zu verzeihen.




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Die Geschichte wurde auf Wunsch von Ingrid Drewing auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2009. - Infos zum Urheberrecht




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