Bewertung / Kommentare: (0 Benotung/-en, Anzeige der Durchschnittsnote ab 5 Bewertungen!) Die Geschichte wurde 819 mal gelesen.
Andre Schuchardt
Das Zauberschaf und die Milchmäuse
Vorlesung
– so kurz nach den Feiertagen? Gelegen in einem Zeitraum, den Hans
bereits als frei angesehen hatte? Das konnten sie doch nicht machen! –
Das ließ er auch nicht mit sich machen. An diesem Abend sollte eine der
größten Feiern des Semesters stattfinden und er hatte sie seit Wochen
in seinem Leben eingeplant; dorthin wollte er gehen. – Nichts und
Niemand würde ihn davon abhalten. Und selbst wenn er dann morgen noch
angeheitert zur Vorlesung müsste – wäre das so schlimm? – Ach, warum
sollte es! Seine Entscheidung stand fest.
Als
er am nächsten Morgen in seinem Bett aufwachte, erinnerte er sich kaum
an den gestrigen Abend. Was war geschehen? Sein Kopf fragte sich nach
den Ereignissen, doch entdeckte nur Nebel. Auf diese Art nicht weit
kommend, wollte er zumindest aufstehen – vor allem um zu sehen, warum
sich sein Kopf so seltsam anfühlte. Langsam sich aus dem Bett quälend,
bemerkte er bereits, warum es ihm so schlecht ging: Er hatte einen
Kater. Doch auf das, was ihn im Badespiegel erwartete, war er trotzdem
nicht vorbereitet.
Der
Kater, der es sich auf seinem Kopf gemütlich gemacht hatte – ein
schwarzes Prachtstück von einem Tier – war allmählich von dem
Geschaukel unter ihm wach geworden. Nun sprang er genervt davon und auf
den Boden herab, um im Schlafzimmer zu verschwinden. Verwirrt sah Hans
sein müdes Spiegelbild an. Als endlich das Geschehen in sein Hirn
vordrang, eilte er erschrocken dem Kater hinterher. Wo kam der her? Und
– wo war er hin? Er suchte das ganze Zimmer ab, doch fand nichts –
doch! Eine kleine Katzenklappe – in der Wand unter seinem Bett. War die
schon immer da gewesen? Er erinnerte sich nicht. Neugierig versuchte er
sie zu öffnen und hindurchzusehen, doch gelang es ihm nicht. Erst
musste er das Bett zur Seite schieben. Nachdem dies gelungen war, ließ
er sich auf alle Viere nieder und hob vorsichtig die Klappe. Ein helles
Licht blendete ihn.
Verwirrt
blinzelte er, als das Licht nachließ und stattdessen seine
Schläfrigkeit zurückkehrte. Noch immer kniete er, doch nun vor einem
Baumstamm – Baumstamm? Was war geschehen? Und wo befand er sich? Als er
sich umblickte, sah er überall nur Bäume. – Ein Wald. Doch wie war er
dorthin gekommen? Immer noch benebelt richtete er sich langsam auf,
spähte in alle Richtungen, doch sah – nichts. Er wollte schon
verzweifelt blind durch die Gegend stapfen, da vernahm er ein fernes
Miauen. Der Kater! – sein Kater. Auf das Geräusch zusteuernd geriet er
immer tiefer in den Wald. Immer wenn er kurz davor war einfach
aufzugeben und sich hinzusetzen, hörte er wieder das lockende Miauen.
Und schließlich kam er auf ein offenes Feld hinaus. Es begrüßten ihn
grüne Weiden, ein kleiner umzäunter Bereich, daneben eine große Scheune
und – ein Hundehaus. Aus dem Augenwinkel meinte er zu sehen, wie der
Kater in der Scheune verschwand. Sofort folgte er ihm. Doch etwas
versperrte ihm den Weg.
Ein
kleiner, struppiger und brauner Hund stellte sich zwischen ihn und die
Scheune. – Er gab keinen Laut von sich. In einem Verniedlichungsanfall
kniete Hans nieder und fragte diesen ’süßen Hund’ nach seinem Namen.
Als sich in seinem Hirn sogleich eine Antwort fand, musste er ein
erneutes Mal erstaunt aufblicken. Dies war das Andere Land und der
kleine Hund der Torwächter zur Welt der Menschen? – Eines war sicher,
Hans hatte mehr als nur einen Kater. Wenn es hier aber wieder heim
ging, so dachte er bei sich, bräuchte er bloß dieses Tor zu
durchschreiten. – Und wieder formten sich Gedanken ohne sein
willentliches Zutun. – Ja, er könnte hindurchtreten – hätten die
diebischen, düsteren Milchmäuse nicht den Schlüssel gestohlen. Nun aber
waren sie damit verschwunden und nur einer könnte den Schlüssel
wiederbringen – das Zauberschaf. Doch dieses lebte auf der anderen
Seite des Bierflusses und niemand traute sich, dort
hindurchzuschwimmen, da er für Bewohner des Anderen Landes tödlich war.
– Kein Problem, dachte Hans bei sich und machte sich auf den Weg.
Kaum
dass er unterwegs war, bemerkte er endlich, wie seltsam dies alles doch
war – oder war es das nicht? Er konnte sich einfach nicht entscheiden.
Die Blumen, die ihm nachsahen und -pfiffen, die kleinen vergnügt im
Gras tollenden Gummibärchen sowie die überall um ihn herum flatternden
Schokolinge – irgend etwas war nicht ganz richtig. Und sollte er nicht
woanders sein? Doch letztlich vergaß er diese Überlegungen wieder, als
er endlich an den Bierfluss kam. Groß und Gelb sprudelte er dahin und
davon, während saure Fische in ihm herumschwammen. Hans hatte keine
andere Wahl als hineinzuwaten; der Fluss schien überall gleich tief und
breit zu sein und Zeit eine Brücke zu suchen hatte er nicht – wobei:
gäbe es eine Brücke, wären doch schon andere zum Schaf gegangen, oder?
Vorsichtig durchquerte er also den Fluss, doch musste dabei ein Stück
weit schwimmen und schluckte dabei viel Bier. Am anderen Ende
angekommen war er nass und roch nach dem Getränk – doch war fröhlich.
Nun galt es das Schaf zu finden.
Nicht
weit vom Fluss entfernt begann das Käseland, wo alles aus Käse war:
Boden, Hügel, Bäume, Sträucher – selbst die Bäche waren flüssiger Käse.
Vorsichtig stapfte er über den harten Käseboden durch das weiche
Käsegras. Plötzlich dann kam er ins Reich der Milchmäuse: Ein riesiges
Schloss aus weißer und schwarzer Schokolade war inmitten des Käselandes
erbaut worden. Staunend durchschritt er das große offene Tor ohne zu
wissen wo er da hin ging – und wurde sofort von den Mäusen angegriffen.
Mit Händen und Füßen versuchte er sich zu wehren, doch ihre Macht war
größer. Schließlich landete er im kühlen Verlies der Anlage.
Verzweifelt
ließ er sich auf dem Boden nieder – dies war nicht sein Tag. Während er
noch überlegte, was er tun solle, hörte er von der Nachbarzelle her ein
Blöken – Mäh! – War es? – Konnte es sein? Eilig lief er zur Tür seiner
Zelle, blickte durch die Gitterstäbe und rief nach dem Schaf. Ein
weiteres Blöken antwortete ihm – und er verstand. Schnell stellte er
sich und seine Aufgabe vor – doch das Schaf wusste bereits alles; nicht
umsonst war es Zauberschaf genannt. Es erklärte ihm, was zu tun sei:
Alles im Schloss war aus Schokolade – ein gar tödlicher Stoff für das
Schaf –, die aber auch zu hart für Menschenzähne wäre. Das Schaf aber
würde ihm ein Gebiss herbeizaubern, das kräftig genug sei. Dann könnte
Hans sie beide befreien – und danach würde das Schaf ihn zum Schlüssel
führen. Die Milchmäuse hatten es nur fangen können, da sie es im Schlaf
vorgefunden hatten – nochmal würde das nicht geschehen.
Froh
jemanden zu haben, der ihm Anweisungen gab, tat Hans alles was das
Schaf verlangte. Es zauberte ihm mit einem Mäh-Zauber stärkere Zähne
herbei, mit welchen Hans sich durch die Tür beider Zellen fressen
konnte. Zusammen mit dem Schaf – das auf zwei Beinen ging – eilte er
tiefer in die Verliese des Schlosses. Immer wieder stellten sich ihnen
Milchmäuse entgegen, immer wieder besiegten sie diese Ungeheuer: oft
mit magischem Feuer, das sie schmolz; selten mit dem neuen Gebiss von
Hans; manchmal indem das Schaf sie einfror; hin und wieder mal traten
sie auch einfach nur auf die Biester. Letztlich erreichten sie das
Innere des Schlosses: Eine riesige unterirdische Kammer, in der eine
gewaltige Maschine immer wieder neue Milchmäuse ausspuckte. Und endlich
sahen diese beiden Helden auch, wofür die dunklen Mäuse den
Torschlüssel benötigten: Nicht nur, dass sie den Menschen den Zugang in
das Andere Land versperren und sich selbst in das Menschenland bringen
konnten – vor allem aber diente er als Ersatz für einen abgebrochenen
Hebel, der die Maschine ein- und ausschalten konnte. Das Schaf drängte
Hans, sich den Schlüssel zu greifen – doch da kamen bereits Hunderte
von kleinen Milchmäusen auf sie zu. Und während das Schaf all seine
Zaubertricks ausspuckte, von flüssigem Feuer bis hin zu Schwärmen von
Ameisen, rannte Hans zu der Maschine, schaltete sie aus und zog denn
Schlüssel: Sie waren siegreich; es kamen keine neuen Milchmäuse mehr
und die verbliebenen zogen sich zurück.
Wieder
an der Oberfläche konnte das Schaf nicht aufhören ihn immer wieder zu
loben und ihm zu danken. Eine große Bedrohung war dem Anderen Land
erspart geblieben, die alles hätte überfluten könnten. Hans aber war
glücklich genug allein mit dem Schlüssel. Endlich konnte er wieder heim
– Heim? Was war das gleich? – Als sie den Bierfluss erreichten, nahm er
zwar noch einmal einen großen Schluck, doch baden musste er nicht mehr:
Das Schaf zauberte ihnen beiden eine Brücke über diesen gefährlichen
Strom herbei. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis sie zurück bei
der Scheune und dem kleinen goldbraunen Hund waren. Dieser kam fröhlich
kläffend angerannt und umsprang sie mehrmals zur Begrüßung. Doch Hans,
dem der Gedanke kam, er sei zu spät zu etwas, konnte nicht mehr
verweilen. Nach einer kurzen Verabschiedung ging er mit dem Schlüssel
in die Scheune und steckte ihn in ein Schlüsselloch am hinteren Ende –
und drehte ihn um. Aus dem Augenwinkel erhaschte er plötzlich einen
Blick auf den Kater.
Nach
seinem Erwachen tat ihm alles weh; daran änderte selbst das weiche Bett
nichts. Schlimmer noch – ein Blick auf die Uhr verriet ihm: Die
Vorlesung hatte er längst verschlafen. So beschloss er sich noch einmal
umzudrehen und weiterzuschlafen, bis der Kater weg wär.
ENDE
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diese Geschichte liegen beim Autor (Andre Schuchardt). Die Geschichte wurde auf Wunsch von Andre Schuchardt auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank! Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte. Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.09.2009. - Infos zum Urheberrecht
Hat Dir diese Geschichte gefallen? - Dann lies doch mal einen dieser Beiträge:
Durch Träume und Visionen wurde ich zu einer ganz besonderen und geheimnisvollen Art des Schreibens hingeführt: Dem Inspirierten Schreiben! Eine „innere Stimme“ diktierte, was meine Hand aufschrieb, ohne eine einzige Silbe zu verändern! Nie wusste ich vorher, welches Thema an der Reihe sein würde.
Das Buch "Komm, ich zeige dir den Weg!" gibt ungewöhnliche Antworten auf die ewig uralten und doch immer wieder neuen Fragen der Menschen nach ihrem Woher und Wohin, nach dem Sinn des Lebens und seiner zu Grunde liegenden Wahrheit.
Was inspiriertes Schreiben ist und wie mein persönlicher Weg dorthin voller spiritueller Erfahrungen ausgesehen hat, beschreibe ich ausführlich im Vorwort als "Chronik meines Weges".
Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig! Sollte Sie aber nur dazu dienen die Autoren zu beleidigen, behalten wir uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!
Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private eMails an den Autoren Kontaktdaten anzeigen
Für Beiträge von unseren Besuchern in den Foren und Links auf Seiten außerhalb der Domain "www.e-stories.de"übernehmen die Betreiber
von e-Stories.de keine Haftung.