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Andre Schuchardt

Das Zauberschaf und die Milchmäuse

Vorlesung – so kurz nach den Feiertagen? Gelegen in einem Zeitraum, den Hans bereits als frei angesehen hatte? Das konnten sie doch nicht machen! – Das ließ er auch nicht mit sich machen. An diesem Abend sollte eine der größten Feiern des Semesters stattfinden und er hatte sie seit Wochen in seinem Leben eingeplant; dorthin wollte er gehen. – Nichts und Niemand würde ihn davon abhalten. Und selbst wenn er dann morgen noch angeheitert zur Vorlesung müsste – wäre das so schlimm? – Ach, warum sollte es! Seine Entscheidung stand fest.

Als er am nächsten Morgen in seinem Bett aufwachte, erinnerte er sich kaum an den gestrigen Abend. Was war geschehen? Sein Kopf fragte sich nach den Ereignissen, doch entdeckte nur Nebel. Auf diese Art nicht weit kommend, wollte er zumindest aufstehen – vor allem um zu sehen, warum sich sein Kopf so seltsam anfühlte. Langsam sich aus dem Bett quälend, bemerkte er bereits, warum es ihm so schlecht ging: Er hatte einen Kater. Doch auf das, was ihn im Badespiegel erwartete, war er trotzdem nicht vorbereitet.

Der Kater, der es sich auf seinem Kopf gemütlich gemacht hatte – ein schwarzes Prachtstück von einem Tier – war allmählich von dem Geschaukel unter ihm wach geworden. Nun sprang er genervt davon und auf den Boden herab, um im Schlafzimmer zu verschwinden. Verwirrt sah Hans sein müdes Spiegelbild an. Als endlich das Geschehen in sein Hirn vordrang, eilte er erschrocken dem Kater hinterher. Wo kam der her? Und – wo war er hin? Er suchte das ganze Zimmer ab, doch fand nichts – doch! Eine kleine Katzenklappe – in der Wand unter seinem Bett. War die schon immer da gewesen? Er erinnerte sich nicht. Neugierig versuchte er sie zu öffnen und hindurchzusehen, doch gelang es ihm nicht. Erst musste er das Bett zur Seite schieben. Nachdem dies gelungen war, ließ er sich auf alle Viere nieder und hob vorsichtig die Klappe. Ein helles Licht blendete ihn.

Verwirrt blinzelte er, als das Licht nachließ und stattdessen seine Schläfrigkeit zurückkehrte. Noch immer kniete er, doch nun vor einem Baumstamm – Baumstamm? Was war geschehen? Und wo befand er sich? Als er sich umblickte, sah er überall nur Bäume. – Ein Wald. Doch wie war er dorthin gekommen? Immer noch benebelt richtete er sich langsam auf, spähte in alle Richtungen, doch sah – nichts. Er wollte schon verzweifelt blind durch die Gegend stapfen, da vernahm er ein fernes Miauen. Der Kater! – sein Kater. Auf das Geräusch zusteuernd geriet er immer tiefer in den Wald. Immer wenn er kurz davor war einfach aufzugeben und sich hinzusetzen, hörte er wieder das lockende Miauen. Und schließlich kam er auf ein offenes Feld hinaus. Es begrüßten ihn grüne Weiden, ein kleiner umzäunter Bereich, daneben eine große Scheune und – ein Hundehaus. Aus dem Augenwinkel meinte er zu sehen, wie der Kater in der Scheune verschwand. Sofort folgte er ihm. Doch etwas versperrte ihm den Weg.

Ein kleiner, struppiger und brauner Hund stellte sich zwischen ihn und die Scheune. – Er gab keinen Laut von sich. In einem Verniedlichungsanfall kniete Hans nieder und fragte diesen ’süßen Hund’ nach seinem Namen. Als sich in seinem Hirn sogleich eine Antwort fand, musste er ein erneutes Mal erstaunt aufblicken. Dies war das Andere Land und der kleine Hund der Torwächter zur Welt der Menschen? – Eines war sicher, Hans hatte mehr als nur einen Kater. Wenn es hier aber wieder heim ging, so dachte er bei sich, bräuchte er bloß dieses Tor zu durchschreiten. – Und wieder formten sich Gedanken ohne sein willentliches Zutun. – Ja, er könnte hindurchtreten – hätten die diebischen, düsteren Milchmäuse nicht den Schlüssel gestohlen. Nun aber waren sie damit verschwunden und nur einer könnte den Schlüssel wiederbringen – das Zauberschaf. Doch dieses lebte auf der anderen Seite des Bierflusses und niemand traute sich, dort hindurchzuschwimmen, da er für Bewohner des Anderen Landes tödlich war. – Kein Problem, dachte Hans bei sich und machte sich auf den Weg.

Kaum dass er unterwegs war, bemerkte er endlich, wie seltsam dies alles doch war – oder war es das nicht? Er konnte sich einfach nicht entscheiden. Die Blumen, die ihm nachsahen und -pfiffen, die kleinen vergnügt im Gras tollenden Gummibärchen sowie die überall um ihn herum flatternden Schokolinge – irgend etwas war nicht ganz richtig. Und sollte er nicht woanders sein? Doch letztlich vergaß er diese Überlegungen wieder, als er endlich an den Bierfluss kam. Groß und Gelb sprudelte er dahin und davon, während saure Fische in ihm herumschwammen. Hans hatte keine andere Wahl als hineinzuwaten; der Fluss schien überall gleich tief und breit zu sein und Zeit eine Brücke zu suchen hatte er nicht – wobei: gäbe es eine Brücke, wären doch schon andere zum Schaf gegangen, oder? Vorsichtig durchquerte er also den Fluss, doch musste dabei ein Stück weit schwimmen und schluckte dabei viel Bier. Am anderen Ende angekommen war er nass und roch nach dem Getränk – doch war fröhlich. Nun galt es das Schaf zu finden.

Nicht weit vom Fluss entfernt begann das Käseland, wo alles aus Käse war: Boden, Hügel, Bäume, Sträucher – selbst die Bäche waren flüssiger Käse. Vorsichtig stapfte er über den harten Käseboden durch das weiche Käsegras. Plötzlich dann kam er ins Reich der Milchmäuse: Ein riesiges Schloss aus weißer und schwarzer Schokolade war inmitten des Käselandes erbaut worden. Staunend durchschritt er das große offene Tor ohne zu wissen wo er da hin ging – und wurde sofort von den Mäusen angegriffen. Mit Händen und Füßen versuchte er sich zu wehren, doch ihre Macht war größer. Schließlich landete er im kühlen Verlies der Anlage.

Verzweifelt ließ er sich auf dem Boden nieder – dies war nicht sein Tag. Während er noch überlegte, was er tun solle, hörte er von der Nachbarzelle her ein Blöken – Mäh! – War es? – Konnte es sein? Eilig lief er zur Tür seiner Zelle, blickte durch die Gitterstäbe und rief nach dem Schaf. Ein weiteres Blöken antwortete ihm – und er verstand. Schnell stellte er sich und seine Aufgabe vor – doch das Schaf wusste bereits alles; nicht umsonst war es Zauberschaf genannt. Es erklärte ihm, was zu tun sei: Alles im Schloss war aus Schokolade – ein gar tödlicher Stoff für das Schaf –, die aber auch zu hart für Menschenzähne wäre. Das Schaf aber würde ihm ein Gebiss herbeizaubern, das kräftig genug sei. Dann könnte Hans sie beide befreien – und danach würde das Schaf ihn zum Schlüssel führen. Die Milchmäuse hatten es nur fangen können, da sie es im Schlaf vorgefunden hatten – nochmal würde das nicht geschehen.

Froh jemanden zu haben, der ihm Anweisungen gab, tat Hans alles was das Schaf verlangte. Es zauberte ihm mit einem Mäh-Zauber stärkere Zähne herbei, mit welchen Hans sich durch die Tür beider Zellen fressen konnte. Zusammen mit dem Schaf – das auf zwei Beinen ging – eilte er tiefer in die Verliese des Schlosses. Immer wieder stellten sich ihnen Milchmäuse entgegen, immer wieder besiegten sie diese Ungeheuer: oft mit magischem Feuer, das sie schmolz; selten mit dem neuen Gebiss von Hans; manchmal indem das Schaf sie einfror; hin und wieder mal traten sie auch einfach nur auf die Biester. Letztlich erreichten sie das Innere des Schlosses: Eine riesige unterirdische Kammer, in der eine gewaltige Maschine immer wieder neue Milchmäuse ausspuckte. Und endlich sahen diese beiden Helden auch, wofür die dunklen Mäuse den Torschlüssel benötigten: Nicht nur, dass sie den Menschen den Zugang in das Andere Land versperren und sich selbst in das Menschenland bringen konnten – vor allem aber diente er als Ersatz für einen abgebrochenen Hebel, der die Maschine ein- und ausschalten konnte. Das Schaf drängte Hans, sich den Schlüssel zu greifen – doch da kamen bereits Hunderte von kleinen Milchmäusen auf sie zu. Und während das Schaf all seine Zaubertricks ausspuckte, von flüssigem Feuer bis hin zu Schwärmen von Ameisen, rannte Hans zu der Maschine, schaltete sie aus und zog denn Schlüssel: Sie waren siegreich; es kamen keine neuen Milchmäuse mehr und die verbliebenen zogen sich zurück.

Wieder an der Oberfläche konnte das Schaf nicht aufhören ihn immer wieder zu loben und ihm zu danken. Eine große Bedrohung war dem Anderen Land erspart geblieben, die alles hätte überfluten könnten. Hans aber war glücklich genug allein mit dem Schlüssel. Endlich konnte er wieder heim – Heim? Was war das gleich? – Als sie den Bierfluss erreichten, nahm er zwar noch einmal einen großen Schluck, doch baden musste er nicht mehr: Das Schaf zauberte ihnen beiden eine Brücke über diesen gefährlichen Strom herbei. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis sie zurück bei der Scheune und dem kleinen goldbraunen Hund waren. Dieser kam fröhlich kläffend angerannt und umsprang sie mehrmals zur Begrüßung. Doch Hans, dem der Gedanke kam, er sei zu spät zu etwas, konnte nicht mehr verweilen. Nach einer kurzen Verabschiedung ging er mit dem Schlüssel in die Scheune und steckte ihn in ein Schlüsselloch am hinteren Ende – und drehte ihn um. Aus dem Augenwinkel erhaschte er plötzlich einen Blick auf den Kater.

Nach seinem Erwachen tat ihm alles weh; daran änderte selbst das weiche Bett nichts. Schlimmer noch – ein Blick auf die Uhr verriet ihm: Die Vorlesung hatte er längst verschlafen. So beschloss er sich noch einmal umzudrehen und weiterzuschlafen, bis der Kater weg wär.

ENDE





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Die Geschichte wurde auf Wunsch von Andre Schuchardt auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.09.2009. - Infos zum Urheberrecht




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