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Die Geschichte wurde 2022 mal gelesen.


Hartmut W.H. Köhler

Ein Killer namens Irish Boy

Die Strahlen der Morgensonne, welche durch das kleine Fenster in der oberen Hälfte der weißgetünchten Lehmwand schien, berührten mit ihren feinen Lichtfahnen, in denen man unzählige Staubkörnchen tanzend sehen konnte, das eiserne Rohrgestell des breiten Bettes.
Dan beobachtete diese in der Luft schwebenden Staubwölkchen und richtete sich in dem Bett auf. Das Rohrgestell quitschte leise unter der Last seines Körpers.
Dan pustete in die Sonnenstrahlen und sah zu, wie sich die Wölkchen teilten, um sich dann wirbelnd wieder zusammmenfanden. Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen und seine Augen bekamen einen besonderen Glanz. Er erinnerte sich, wie er als Kind oft diese Staubgebilde beobachtet und versucht hatte sie zu fangen. Jedoch erinnerte er sich auch, dieses Phänomen nie oft gesehen zu haben, denn er war auf einer Farm im Norden Nebraskas geboren worden und die Witterung dort oben hatte nicht oft eine solch kräftige Morgensonne scheinen lassen.
Dan verliess das Bett und ging zu der alten Kommode hinüber. Aus der grossen Messingkanne goß er sich Wasser in die Porzellanschale und steckte sein Gesicht in das kühle Nass. Mit einem kleinen Stück geruchloser Seife wusch er sich anschliessend seine kurzgeschnittenen Haare, bevor er sich das restliche Wasser über Kopf und Oberkörper schüttete. Prustend schüttelte er sich die Nässe vom Körper.
Dan sah sich im Zimmer um, welches er erst spät in der Nacht bezogen hatte.
Es war nur ein kleines Hinterzimmer einer fast noch kleineren Bodega und die weißen Wände und die niedrige Decke zeigten unzählige Spuren von erschlagenen Mosquitos und anderen störender Insekten. Das altersschwache Bett stand gegenüber der Kommode und war bezogen mit sauberer, aber abgenutzter blassblau karierter Wäsche. Neben dem Bett, unterhalb des kleinen glaslosen Fensters, welches eher einer Schiessscharte glich, stand ein mannshoher, stellenweise blinder Spiegel und ein oftmals grob reparierter Lehnstuhl mit rissigen hölzernen Armlehnen. Der Fussboden des Zimmers war mit groben Steinen gepflastert und in den Fugen zwischen den Steinen, erkannte man noch die tiefen Rillen eines harten Reisigbesens.
Dans Gepäck, eine ausgefranste Reisetasche und ein kleiner leinener Sack, lagen vor dem Stuhl und seine Kleidung war von Josephina ordentlich über die Armlehnen gelegt worden.
Dan hatte Josephina am Abend in der Bodega kennengelernt. Sie hatte sich zu ihm an den Tisch in der abgelegensten Ecke des Schankraumes gesetzt. Sie hatte ein rotes Kleid getragen, welches ihr ausladendes Dekolleté durch einen tiefen Ausschnitt unterstrich. Ihre schwarze Haare hatte sie mit einem feinen Spitzenband zu einem Zopf zusammengebunden. Ihre hohen Wangenknochen und die vollen Lippen hatten seinen Blick abgelenkt von der gebrochenen Nase. Sie war keine Schönheit, wie man sie in den vornehmen Lokalen der grossen Städte sah, doch besaß sie eine außergewöhnliche natürliche Attraktivität, welche Dan schon nach wenigen Sekunden in den Bann gezogen hatte. Er war dankbar für ihre Anwesenheit, denn sie lies ihn nicht mehr an die zurückliegenden Anstrengungen der Reise und den schweren Gang am nächsten Tag denken.
Nun war dieser Tag angebrochen, doch die Erinnerung an die vergangene Nacht liess ihn in einem angenehmeren Licht beginnen.
Josephinas leidenschaftlicher Körper und die zärtlichen Stunden der Nacht hatten Dan viele Sorgen vergessen lassen. Sorgen, welche sich an diesem Morgen, an diesem Tag wieder unweigerlich in seine Gedanken drängen würden.
Er ging zum Stuhl hinüber und zog sich seine Hosen an, dann nahm er das Hemd und schlug es kurz in der Luft aus. Staub der Reise mischte sich mit dem tänzelnden Staub in den Sonnenstrahlen.
Dan schälte sich in das Hemd und knöpfte es langsam zu, dann stülpte er sich die festen Hosenträger über die Schultern. Schliesslich schlüpfte er in die schweren Stiefel, in dem er mit beiden Händen an den Shalfen in den Schäften zog. Es waren Stiefel aus feinem Schweinsleder, wie er sie schon in jungen Jahren auf der Farm getragen hatte und die er regelmässig mit Fett einrieb. Riefen, Kratzer und Druckstellen von langen Reisen, vielen Märschen und der Abrieb von Steigbügeln zeigten sich auf dem braunen Leder. Dan hatte nie etwas von den spitze und hochhackigen Reitstiefeln gehalten, denn diese Farmstiefel waren bequemer beim gehen und robuster gefertigt, auch wenn sie an den Füsen schwerer waren.
Dan steckte sich seine Taschenuhr in die kleine Tasche seiner Hose und befestigte die schmale silberne Kette der Uhr an einem der Knopfriemen seiner Hosenträger.
Die Uhr war ein Geschenk seines Vaters, der sie lange selbst getragen hatte. Auf seinem Sterbebett hatte er sie in Dans Hand gelegt.
Dan wusste, könnte diese Uhr sprechen, so würde sie viel über das harte Leben eines Farmers im nördlichen Nebraska berichten können. Ja, Dan selber hatte dieses fast erbarmungslose Leben auf der Farm bis zu seinem fünfzehnten Geburtstag zu spüren bekommen, denn sein Vater war an diesem Tag in der alten zugigen Farmhütte gestorben, fast genau ein Jahr nachdem auch Dans Mutter an den Folgen einer Lungenentzündung verstorben war.
Die Farm hatte nie viel Ertrag gebracht, denn obwohl das Land fruchtbar war, hatte Jake O`Harahan, Dans Vater, immer wieder Rückschläge erleiden müssen und als die Farm durch den Bürgerkrieg lange Monate nicht richtig bewirtschaftet werden konnte, weil Jake O`Harahan eingezogen worden war und Linda O`Harahan mit Dan auf sich alleingestellt das Land bearbeiteten mussten, es jedoch nicht schafften, erholte sich die Farm und die Familie nie wieder richtig. Linda O`Harahan hatte später noch eine Fehlgeburt erlitten und dieser schwere Schlag des Schicksals hatte sie in eine tiefe seelische Krankheit geworfen. Zwei Jahre litt sie unter dem Verlust des Kindes, dann erwischte sie in einem kalten Winter die schwere Lungenentzündung.
Dans Vater hatte den Tod seiner Frau nie gänzlich überwunden, auch wenn er immerwieder mit Dan lachte, aber in stillen Abendstunden hörte man ihn an Linda O´Harahans Grab weinen.
Der Tod des Vaters zog für Dan eine schwere Zeit nach, denn plötzlich standen die Vertreter der örtlichen Bank auf der Farm und verlangten den Verkauf des Landes. Dan war zwar noch ein Junge, doch wusste er, dass mit diesen Forderungen auch sein Leben auf der Farm zuende waren und schon bald ließ man ihn dies auch spüren. Franklin Gossip, der Direktor der örtlichen First Nebraska Citizen Bank hatte ihn von zwei wilden Schlägern aus dem Haus und von der Farm jagen lassen. Dan hatte nur ein paar Kleidungstücke und den alten Colt seines Vaters mitnehmen können, ehe die Knüppel der beiden Schläger ihn hart trafen und zur Flucht zwangen.
Dan erinnerte sich an die unsägliche, mit Trauer gemischte Wut, welche ihn damals übermannt hatte und an die regnerische Fluchtnacht, in welcher er, zusammengekauert unter einer Eiche im nahen Hügelgebiet, den Racheplan geschmiedet hatte, der sein Leben vom nächsten Tag an verändern sollte.
Dan war am frühen Morgen in die Stadt gegangen und hatte die beiden Schläger betrunken auf dem Gehsteig vor Devlins Bar gefunden. Sie hatten ihre Belohnung in der Nacht versoffen und der Tod nahm sie schlafend zu sich. Dreimal hatte Dan aus dem Revolver auf jeden von ihnen gefeuert. Zwei Schüsse in die Brust und einen Schuss in den Bauch. Dann hatte er den Revolver geladen und war, unter den Blicken der aus den Schlaf gerissenen Bürger der kleinen Stadt, langsam die Strassen hinunter gegangen. Die Bank hatte gerade geöffnet und Franklin Gossip und Walter Sheppard, sein Kassierer, zählten die Bestände aus dem schweren Geldschrank, als der junge O`Harahan durch die schwere Tür trat. Gossip starb mit sechs Kugeln in seinem Leib und Sheppard kauerte vor Angst am Boden, als Dan die Bank mit dreihundert Dollar in der Hosentasche und dem alten Colt in der Hand verliess. Dreihundert Dollar, soviel wie die O`Harahan Farm wert gewesen war.
Dan hielt den Revolver in der Hand, denn er trug und benutzte ihn immer noch. Seit diesem Tag vor sechs Jahren hatte ihm dieser Revolver gute Dienste geleistet, denn seit diesem Tag war der junge Dan O`Harahan bekannt als Irish Boy, der Killer Irish Boy.
Dan verfluchte diesen Titel, denn nie hatte er einen solchen Ruf erstrebt. Er hatte an diesem Morgen nur seine Eltern und seine eigene Demütigung rächen wollen, doch die Morde an den Schlägern und dem Bankdirektor hatten ihn auf die Liste der meistgesuchten und gefährlichsten Verbrecher Nebraskas gebracht. Und die Reisen in den Jahren danach hatten ihn immer wieder mit dem Tod konfrontiert, denn seine unrühmliche Bekanntheit lockte viele Galgenvögel an, die sich mit Irish Boy messen wollten. Heute wusste Dan, dass der damalige Akt der Rache ihn in den tiefen Bann eines schrecklichen todbringenen Fluches gezogen hatte. Dan hasste dieses Leben als Zielscheibe, welches er sich durch eine unüberlegte Tat selbst auferlegt hatte. Er wusste, nur der eigene Tod würde ihn von diesem Fluch befreien können und so hatte er sich eines Tages ein neues Ziel gesetzt: Er wollte sich nicht mehr gegen den Tod verteidigen, er begann ihn zu suchen. Und doch wollte er es dem Tod nicht zu leicht machen, den Sieg zu erringen, also ging er den Weg der vielen Glücksjäger und Galgenvögel, welche ihn gesucht hatten und gestorben waren. Er suchte nach besseren Schützen als er es war, nach den Männern mit berüchtigten Namen und Geschichten.
Dan betrachtete den Revolver noch eine Weile, wog ihn in der flachen Hand. Kimme und Korn hatte er abfeilen lassen, um die Waffe schneller ziehen zu können ohne sie im Holster zu verhaken, und auch den Abzug hatte er bei einem Waffenschmied in Missouri bearbeiten lassen, so dass er leichter und geschmeidiger funktionierte.
Er nahm den Waffengurt vom Stuhl auf, steckte den Revolver in den Holster und schnallte sich den Gurt um die Hüfte. Er trug den Revolver links unterhalb des Bauches und der Griff wies nach rechts.
Dan stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich mit zusammengekniffenen Augen. Er sah einen schmächtigen Mann mit einem fahlen Gesicht und schmalen Lippen. Er war noch nie sehr kräftig gewesen und die hinter ihm liegenden wilden Jahre hatten Furchen in seinem Gesicht hinterlassen, welche ihn älter erschienen liessen. Der Irish Boy war ihm schon lange nicht mehr anzusehen.
Dan stellte seine Füsse schulterbreit auseinander und ging leicht in die Knie. Die linke Hand versteckte er hinter dem Rücken und den rechten Arm ließ er am Körper herabhängen. Innerlich zählte er bis drei, dann schoss seine rechte Hand empor, schwang hinüber zu seiner linken Hüfte und seine Finger legten sich schnell, aber sicher um den Griff des Revolvers. Mit einer fast unsichtbaren schnellen Bewegung glitt die Waffe aus dem Holster und der Lauf zielte mit tödlicher Sicherheit auf Dans Spiegelbild.
Eine halbe Stunde später trat Dan Irish Boy O`Harahan auf den Gehsteig vor der Bodega. Er trug einen breitkrempigen Hut und schlürfte heissen Kaffee aus einem verbeulten Blechbecher den ihm Maria, die Köchin der Bodega, in die Hand gedrückt hatte.
Sein Blick folgte der staubigen Strasse, welche von grauen und weissen Lehmbauten gesäumt war. Nicht jedes Haus besaß einen Gehsteig und die wenigen Gehsteige die vorhanden waren, wurden kaum mit Menschen gesäumt. Hier und das saßen einige Männer im Schatten der Vordächer und unterhielten sich oder genossen den frühen Morgen.
Dan war sich sicher, dass man auch über ihn sprach an diesem Morgen, denn spätestens seit Josephina sein Zimmer verlassen hatte, würde man wissen, dass ein bewaffneter Gringo in der kleinen mexikanischen Stadt angekommen war. Und der Grund des Aufenthaltes dieses Gringos befand sich am Ende der staubigen Hauptstrasse in einem kleinen Hotel.
Der Kaffee hinterliess nach jedem Schluck einen äußerst bitteren Nachgeschmack auf Dans Zunge. Mit einer kurzen Bewegung schüttete er den Kaffee aus und stellte den Becher dann auf eine der Fensterbänke.
Er zog sich die Krempe des Hutes tiefer in die Stirn und ging langsam die Strasse hinab. Man sah ihm nicht an, wie gespannt sein Körper war und welche Überlegungen seine Gedanken beherrschten.
Dan kannte den Mann in dem Hotel nicht nur vom Hörensagen, denn er war ihm vor zwei Jahren schon einmal begegnet und sah ihn nun wieder vor seinem geistigen Auge. Der Mann war groß, kräftig und immer fein gekleidet. Sein pockennarbiges Gesicht war immer glattrasiert und seine schulterlangen Haare wirkten gepflegt. Slimfinger Gregory, nannte man ihn wegen seiner schlanken gepflegten Hände und er hatte den Ruf einer der schnellsten und sichersten Revolverschützen zu sein. Dan hatte den Mann, dessen wahrer Name Gregory Arthur Haynes war, in Texas einen Kampf austragen sehen und wusste um die Geschwindigkeit seiner Hand und die Treffsicherheit des Mannes.
Dan wusste, diese Begegnung mit Slimfinger Gregory würde es dem Tod, den er suchte und hoffte zu finden, nicht zu leicht machen.
Er hatte schon fast die Hälfte der Strasse hinter sich gelassen, als Josephina aus der Tür eines Krämerladens trat und sich ihm in den Weg stellte.
„Du willst zu dem grossen Gringo?“ Ihre Stimme klang ehrlich besorgt und ihr trauriger Blick drang tief in seinen ein.
Dan nickte und wollte an ihr vorbei treten, doch sie hielt ihn am Arm.
„Er wird dich töten!“ Sie sah das Glitzern in seinen Augen und verstand.“Du willst, dass er dich tötet!“
Dan schloss seine Augen für einen Moment, bevor er auf Josephina herab und in ihren sorgenvollen Blick sah.
„Es sollte dich nicht interessieren, Mädchen, denn du kennst mich nicht.“
Sie trat erschrocken zurück, denn seine Stimme hatte brutal und hart geklungen. Sie senkte ihren Kopf und liess Dan vorbei gehen.
„Du bist nicht der Mann den ich letzte Nacht kennengelernt habe,“ hörte er ihre Stimme, als er ein paar Schritte weiter gegangen war. „Der Mann in meinen Armen war ein anderer!“
Dan schüttelte den Gedanken an diese Worte ab und bemerkte wie seine Hände zu schwitzen begannen und feucht wurden. Irgendetwas machte ihn nervös. Waren es womöglich doch die Worte des Mädchens, die ihn gegen seinen Willen berührt hatten, oder das Gefühl vielleicht die letzten Atemzüge in seinem verworrenen Leben zu machen? War es die Hoffnung auf eine Erlösung durch den Tod oder die Angst, dass bevorstehende Duell als Sieger zu bestehen?
Dan hatte den Gehsteig vor dem Hotel erreicht. Das Haus war eines der wenigen zweistöckigen Gebäude an der Strasse und hatte eine Front aus Holz, ähnlich wie sie in den amerikanischen Städten gebaut wurden. Drei breite Fenster erlaubten einen Blick in die Räume des Erdgeschosses, doch konnte Dan niemanden hinter den Vorhängen entdecken. Vorsichtig näherte er sich der doppelflügigen Tür. Er rieb sich seine Handflächen an seinem Hemd trocken und berührte dann mit seiner linken Hand die Türklinke. Seinen rechten Arm liess er leicht baumeln, doch waren seine Muskeln gespannt, als er die Tür öffnete und vorsichtig eintrat.
Er stand in einem grossen Raum, dessen hintere, der Tür gegenüberliegende Wand von einer Treppe und einer breiten Theke eingenommen wurde. Weder auf der Treppe, noch hinter der Theke konnte er einen Menschen entdecken, doch der ganze Raum lag im Halbdunkel und die Sicht war nicht sonderlich gut. Gut ein halbes Dutzend runde Tische, jeder bestückt mit vier Stühlen, standen verteilt vor der Theke und Dans Blick musterte jeden Tisch einzeln.
Erst spät sah er den Mann am letzten Tisch in der hintersten Ecke des Raumes.
„Du hättest tot sein können!“ hörte Dan die leise, krächzende Stimme von Slimfinger aus der Dunkelheit der Ecke. „Das durch die Tür einfallende Licht hatte dich zu einer guten Zielscheibe gemacht.“
Dan trat einige Schritte näher, bis er Gregory Haynes Gesicht halbwegs erkennen konnte. Würde dies das Gesicht sein, welches er als letztes auf dieser Welt sehen würde?
„Ich wusste, dass sie mich nicht einfach abknallen würden, Gregory!“
Haynes legte beide Hände auf die Tischplatte. „Oh, du kennst meinen Namen? Kenne ich dich auch?“
„Dan O`Harahan.“
„Hmm,“ raunte Haynes. „Was treibt dich in dieses gottverlassene Nest? Ich hörte du seist in Texas an einer Weidefehde beteiligt!“
„Die Fehde ist vorbei!“ antwortete Dan kurz.
Haynes nickte langsam. „Und nun suchst du eine neue, persönliche Fehde?“
Dan erstaunte es nicht, dass Haynes wusste, weshalb er hier war. Männer ihres Schlages trafen sich meist nur aus zwei Gründen, nämlich um gegen Bezahlung für jemand Anderes nebeneinander zu kämpfen, oder um sich in einem tödlichem Streit zu messen. Dans Anwesenheit war für Haynes also eindeutig.
„Überleg es dir noch einmal, Irish Boy! Noch können wir Beide in verschiedene Richtungen abreisen.“ Seine Stimme war ruhig.
Dan bewegte seine Lippen, doch kein Wort drang aus seiner Kehle. Er fühlte wie sich seine Zunge rauh belegte und seine Hände wieder feucht wurden. Langsam wischte er sich die Rechte am Hosenbein ab, während sich Haynes ganz langsam von seinem Platz erhob und um den Tisch herumkam.
„Hier drin?“ Nun hörte Dan eine kalte und entschlossene Stimme.
Haynes trug einen feinen Gehrock und deutlich zeichneten sich die zwei Pistolen darunter ab. Vorsichtig öffnete Haynes zwei Knöpfe des Rockes und zog ihn dann aus. Mit der linken Hand legte er ihn über die Lehne eines nahen Stuhles.
Dan bewunderte und beängstigte die unglaubliche Ruhe dieses Mannes und er glaubte schon die Kälte seines nahen Tod in den Adern zu spüren. Er gab sich alle Mühe, doch konnte er die aufkommenden zweifelnden Gedanken nicht unterbinden.
Er erinnerte sich an Josephinas Worte: „Du willst, dass er dich tötet!“ Nun, vor Haynes stehend, drangen die Worte durch seine Gedanken und er fragte sich, ob er wirklich so sicher war, dem Tod begegnen zu wollen. War es Angst vor dem Tod, die seine Hände schwitze liessen und seine Kehle trocknete? Hatte er sich nicht seit Monaten sehnlichst gewünscht seinen Meister und somit seinen Tod zu finden, um diesem Leben zu entfliehen? Diesem Leben durch eine tödliche Kugel zu entweichen, welches vom Tod anderer und dem Fluch der ewigen Flucht bestimmt war?
Dan konnte im Schatten des Raumes nicht die Augen seines Gegners erkennen und wusste nicht was sich in Haynes Innerem abspielte, was dieser Mann dachte und fühlte. Hatte dieser Mann, der vielen Männern schon den Tod gebracht hatte, ebenfalls Angst vor dem eigenen Tod?
Dans Blick richtete sich auf die beiden Waffen an Haynes Hüften und er fragte sich, wieviele Menschen wohl durch diese glänzenden Revolver den Tod gefunden hatten. Würde er, der den Ruf als guter Schütze besass, gegen diesen kaltblütigen Mann bestehen können? Er spürte plötzlich den Wunsch, den Tag noch einmal beginnen zu können, um dieser Begegnung auszuweichen. Dann wieder wünschte er sich den Tod sofort herbei, um von seinen Gedanken, die ihn in diesem Moment innerlich zerreißen zu drohten, befreit zu werden.
„Nun?“
Haynes Wort drang leise, aber eindringlich, durch seine Gedanken und liessen ihn aufschrecken. Wie lange sann er schon nach? Wie lange stand er schon regungslos vor seinem Gegner?
„Bei Drei!“ sagte er mit dem Mut plötzlich einschiessendem Adrenalins.
„Eins...“ zählte Haynes.
Dans Blick heftete sich auf Haynes gespreizte, sich bewegende Finger.
„Zwei...“
Kein anderer Laut war in dem Haus zu vernehmen und es schien, als würde der Tod schon mit erdrückender Stille Einzug halten, um parat zu stehen einen der Kontrahenten zu sich zu holen.
„Drei...“
Dans Hand schoss empor, seine Finger berührten die Kleidung. Alle Gedanke waren schlagartig verschwunden und nur noch Reflexe bestimmten Dans Bewegungen. Seine Knie knickten leicht ein und sein Körper drehte sich nach links, während der Revolver wie an unsichtbaren Fäden gezogen in seine Hand sprang, die Finger sich um Griff und Abzug legten und der Arm zum Ziel herumschwenkte.
Der ohrenbetäubende Lärm der Schüsse zerriss die Spannung und die Stille in dem Raum.
Irgendetwas riss Dan zu Boden und er spürte, wie er hart mit Schultern und Kopf auf den Dielen aufschlug, jedoch drang keine Schmerz durch seinen Körper. Ein Schleier, wie ein schnell aufziehender dichter Nebel, legte sich über seinen Blick und als er versuchte die Augen zu schliessen, umarmte tiefste Dunkelheit seine Sinne.

Es waren leise, unwirkliche Stimmen.
„.....hat Glück gehabt!“
„Was wird bleiben?“
Dan hörte diese Stimmen durch ein tiefes Rauschen und Schwindel bemannte seine Gedanken. Er versuchte die Augen zu öffnen, doch gelang es ihm nicht. Es schien als würde sich sein Körper verweigern.
Ein toter Körper bewegt sich nicht. Der Tod hat mich erlöst!
„Die Kugel in der Brust hat die Lunge nicht verletzt,“ sagte eine der unwirklichen Stimmen,“denn eine Rippe hat sie aufgehalten. Aber die andere Kugel hat sein Handgelenk zerissen.“
„Wird er überleben?“ Es war Josephinas Stimme und Dan vernahm sie nun plötzlich sehr klar, doch immer noch leise.
„In ein paar Monaten wird er wieder auf den Beinen sein, doch wird er seine rechte Hand nie wieder benutzen können!“
Dans Gedanken schienen nun zu explodieren. Er war nicht tot, schoss es ihm durch den Kopf. Er war verletzt, der Tod hatte ihn nicht gewollt. Er wollte schreien, wollte Gevatter Tod wegen seiner Auswahl verfluchen, doch auch seine Lippen und Stimmbänder schienen ihm nicht zu gehorchen.
Der Fluch, dachte er, mein Fluch wird mich weiter verfolgen und quälen. Mein Fluch gestattet mir nicht die Ruhe des Todes. Er will mich nicht gehen lassen.
Seine Augenlider öffneten sich leicht und schemenhaft konnte er zwei Menschen erkennen.
„..wird er seine rechte Hand nie wieder benutzen können!“ erinnerte er sich plötzlich an die Worte, die er vor wenigen Sekunden vernommen hatte.
Der Fluch! Die rechte Hand! Sie hatte ihm den Fluch gebracht. Die rechte Hand hatten den tödlichen Fluch hervorgerufen. Sie hatte die Waffe geführt, die den Fluch mit dem Tod vieler Menschen gefüttert hatte.
„....nie wieder benutzen können!“ wiederholte er in Gedanken. „....seine rechte Hand....“
Er hatte es geschafft, erkannte er plötzlich. Er hatte den Tod und den Fluch überlistet. Haynes Kugel hatte Dans Fluch überlistet, denn sie hatte dem Fluch die Nahrung geraubt. Ohne seine rechte Hand würde er nie wieder eine Waffe führen können und nie wieder dem Fluch seine Nahrung geben. Nie wieder!
Er spürte wie zarte Lippen seine Wange berührten und er wusste, dass dies Josephinas Lippen waren. Er erinnerte sich an den sorgenvollen Ausdruck in Josephinas Augen, Minuten vor seiner Begegnung mit Haynes und er dachte, dass er ohne seinen Fluch, vielleicht einen neuen Anfang seines Lebens mit einer Frau wie Josephina beginnen könnte. Vielleicht ein Leben mit Josephina.
Der Wunsch nach Schlaf bemannte seinen Körper und seine Sinne und Dan begrüsste diesen Wunsch, denn er wusste, wenn er erwachte, würde der Fluch ihn verlassen haben.
Er ließ sich in den Schlaf fallen, in einem Schlaf zu einem neuen Leben.

Anmerkungen von Hartmut W.H. Köhler zur Kurzgeschichte:

Irgendwie mochte ich die alten Western schon immer!!
:-)




Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diese Geschichte liegen beim Autor (Hartmut W.H. Köhler).
Die Geschichte wurde auf Wunsch von Hartmut W.H. Köhler auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.12.2002. - Infos zum Urheberrecht




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