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Aus der Kategorie „Krimi“ (Kurzgeschichten):

Bewertung / Kommentare (5):
(Durchschnitt 1.2 - 5 Benotung/-en)
Die Geschichte wurde 7514 mal gelesen.


Hartmut Urban

Der Falschspieler oder das doppelte Paulchen

Der Falschspieler oder das doppelte Paulchen


Trilogie – Teil 1:

Kleinstadtkrimi rund ums Rathaus



von
Hartmut Urban





Orte:
Wohnzimmer der Familie Schulze-Backes,
das Café Crohn
die Amtszimmer in den Rathäusern der Städte
- Über an der All kurz: Über/All sowie
- Hinterwurmbach.


Darsteller:
Mutter Schulze-Backes
Die Zwillinge: Peter und Paul Schulze-Backes
Sohn des Bauunternehmers: Bott Dorn
Architektenbüro: Nimm & Nimm, Kunz Nimm jun.
Café & Konditorei Crohn: Rolf Morbus
Kreditvermittler: Klau G. Bern
Apothekergatte: Hugo Spanner
Bürgermeister von Über/All
1. Stellvertreter des Bürgermeisters
2. Stellvertreter des Bürgermeisters
Versammlung der besseren Bürger der Stadt
Sokrates
Vorzimmerdame in Über/All: Adelgunde Weiß
Vorzimmerdame in Hinterwurmbach: Tusnelda Schwatz
Hauptamtsleiter: Hinz Waldzeck
Personalratsvorsitzender: Hans-Theo Eitert


(Redakteur: genannt „der Kaugummi“)
(Sekretärin des Redakteurs)
(Vater: Willi Dorn, Mutter: Wilma, geb. Saubermann)
(Kulturamtsleiterin: Vera Waldzeck)
(Amtsleiter: Hedwig Wiesbaden)
(Anneliese)
(Geliebte, genannt „Maggi")


Vorwort zum Schauspiel:

Der Autor hat über Jahrzehnte als naher Beobachter kommunalpolitischer Irrungen und Wirrungen vielfältigste, oft hautnahe Erfahrungen selbst sammeln können, die kaum aus der Erinnerung zu tilgen sind. Warum auch?

Kommunalpolitik an sich wird oft als ein heißes Thema empfunden, das viele auf den Plan ruft, die sich persönlich oder in der Sache angesprochen fühlen. Hier glauben sich viele Menschen auszukennen, mitreden zu können, Urteile abgeben zu dürfen. Bitte schön…

Doch das vorliegende Schauspiel ist und bleibt Fiktion und erhebt keinen Anspruch, die Wirklichkeit spiegeln zu sollen, können oder gar zu müssen. Es zielt nicht darauf ab zu belehren. Wenn es als kurzweilig empfunden wird oder gar anregt, künftig den Blick zu schärfen, dann hat es viel erreicht.

Fiktion und Erfahrungswelt gehen oft unmerklich ineinander über. Ähnlichkeiten zu lebenden Personen und Sachverhalten werden wohl beinahe Überall irgendwie vorkommen, sind aber meist zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.

Ich danke all denjenigen, die mir mit Rat und Tat zur Seite standen, insbesondere meinen klar und reichlich sprudelnden Quellen, die mir Einblicke in ungeahnte Welten verschafften und auch denjenigen, die eher unfreiwillig Anregungen gaben und so irgendwie wohl auch literarisch zu kommen…  Geniale Idiotie über jede Schmerzgrenze hinaus macht letztlich unsterblicher als ein wirklich verantwortungsbewusstes Handeln ein Leben lang je schaffen könnte.

Sämtliche Protagonisten einer jeden Kommune sind in erster Linie Schauspieler, so bot es sich an, die Trilogie als Schauspiel zu verfassen, auch wenn vielerorts eher Trauerspiele dem staunenden Bürger geboten werden. Es steht dem Autor nicht an, darauf zu verweisen, dass sich das willfährige Publikum jenseits aller Fiktion ihre Schauspieler selbst zu wählen pflegt. Nur so viel an dieser Stelle: Der Autor dankt insbesondere auch jenem speziellen Publikum für die exorbitante Besetzung des Ur-Stückes, dass ihm unzählige wertvolle Anregungen geliefert hat. 






Erstes Bild.
Zuhause bei Familie Schulze-Backes. Biederes Ambiente. Bild mit dem röhrenden Hirsch über der altmodischen abgeschabten Couch. Die Mutter sitzt am Kamin und strickt.


Mutter: Peter! (kurze Pause)
Peter! (längere Pause)
Peter, wo steckst du schon wieder?
(Peter kommt herein.)
Peter: Ich habe nur kurz die Nachrichten verfolgt. Es stimmt, was die Leute reden.
Mutter: Nein!
Peter:Doch! In Hinterwurmbach ist ein Journalist im Rathaus erschlagen worden. Der Verdächtige hat sich verschanzt. Es sind möglicherweise auch Bürger und Mitarbeiter des Rathauses als Geiseln genommen worden.
Mutter: Oh Gott!
Peter:  Um sie nicht zu gefährden, ist eine Nachrichtensperre verhängt worden. Augenzeugen der Tat werden gerade vernommen. Eine erste Pressekonferenz ist für 19.30 Uhr angesetzt.
Mutter: Ach Gottchen, hoffentlich ist unserem Paulchen nichts passiert. War er im Fernsehen zu sehen?
Peter: Nein.
Mutter: Hast du was über ihn erfahren?
Peter: Nein, man kommt auch telefonisch nicht mehr durch. Das Rathaus ist hermetisch mit einem Großaufgebot an Polizeikräften abgeriegelt, die Telefonleitungen sind gekappt, da der Täter noch im Gebäude vermutet wird. Trotz der vielen Fernsehteams erfährt man praktisch nichts Genaues.
Mutter: Ach Gottchen, das ließe sich gewiss unser Paulchen nicht entgehen, der wäre bestimmt jetzt groß und breit im Fernsehen zu sehen. Wohlmöglich ist unser Paulchen mittendrin! Der Junge hat aber auch ein Pech!
Peter: Das Opfer soll ein sehr bekannter investigativer Journalist sein, daher das große überregionale Interesse der Medien. Alle Sender sind auf dem Rathausplatz aufgefahren und berichten derzeit live vom Geschehen.
Mutter: Was für ein Investor?
Peter: Investigativ, Mutter, investigativ! Das Wort kommt vom Lateinischen vestigum und heißt Spur . Hier bedeutet es so viel wie kritisch untersuchender, enthüllender Journalismus.
Mutter: Da ist dem armen Teufel wohl sein Beruf zum Verhängnis geworden. Doch was soll es denn schon in diesem verschlafenen Städtchen am Rande der Republik zu untersuchen oder gar zu enthüllen geben? Alle Leute sind dort so nett, so freundlich, sehen nicht aus wie Spitzbuben. Wenn es dort was zu enthüllen gäbe, dann vielleicht eines Tages das Denkmals für unseren Paul. Ach weißt du noch letzte Woche das Oktoberfest, war das nicht schön?! Und der Wirt, Herr Spatz oder so, hat mir persönlich die Hand geschüttelt…
Peter: Ich war nicht dabei, Mutter. Auch glaube ich, du hast eine allzu idyllische Vorstellung von Hinterwurmbach, dort gibt es genauso viele Spitzbuben und ordentliche Leute wie überall.
Mutter: Mag sein, davon verstehe ich nichts. Wenn du den Paulchen ans Telefon bekommst, sag Bescheid. Ich bete zu Gott, dass unserem Paulchen nichts passiert ist.



Zweites Bild.
Achtundzwanzig Jahre zuvor. Wieder zuhause bei Familie Schulze-Backes. Das bekannte biedere Ambiente. Bild mit dem röhrenden Hirsch über der altmodischen abgeschabten Couch. Die Mutter sitzt an gleicher Stelle am Kamin und strickt.


Mutter: Paul! … Paul! … Paueeehl! - (Keine Antwort.) Paueeeeeeehhl! (Keine Antwort. Nach einer Weile) Peteeer!
(Peter kommt kurz daraufhin herein.)
Peter: Ja Mama, was gibt’s ?
Mutter: Wo steckt bloß wieder unser Paul?
Peter: Ach, der ist nur noch kurz mit seinen Kumpels was trinken.
Mutter: Was schon wieder! Sag nicht, in der verruchten Bar! Und das um diese Zeit? Hat er nicht morgen Deutsch im schriftlichen Abitur?
Peter: Ich mach das für ihn. Englisch, Physik und Mathe habe ich doch auch schon für ihn geschaukelt. War ein Kinderspiel. Auch zu den mündlichen Prüfungen gehe ich für ihn, das habe ich ihm versprochen.
Mutter: Ach Peter, wenn wir dich nicht hätten… Nur gut, dass ich euch von Anfang an auf zwei unterschiedliche Gymnasien in verschiedenen Nachbarstädten geschickt habe. Nur so war es möglich, dass Gott all die Jahre seine schützende Hand über Paul gehalten hat.
Peter: Ich würde mich ungern als Gottes Hand sehen.
Mutter: Mach dich nicht lustig über Gott!
Peter: Aber irgendwann muss Paul selbst für sich einstehen. Gott und ich können nicht immer für ihn da sein.
Mutter: Wenn ich eines Tages nicht mehr bin, wer soll sich den dann um Paulchen kümmern?
Peter: Du meinst, Gott allein schafft das nicht?
Mutter: Peter, jetzt reicht es aber!
Peter: Mama, mir macht es ja nichts aus, seit Jahr und Tag immer nur als mittelmäßiger Schüler zu gelten, nur weil ich jede zweite Prüfung für Paul schreiben musste und er regelmäßig jede Prüfung in meinem Namen total versaut hat. Auch, dass er im Unterricht oft in meinem Namen den größten Unsinn verzapft hat, habe ich hingenommen.
Mutter: Es hat bisher gut geklappt, keiner kann euch auseinander halten, auch wenn der Hals von Paul so viel länger ist als deiner.
Peter: Auch Paul wird sein Abitur schaffen, das hab ich dir und ihm versprochen. Die Lehrer rätseln noch nach so vielen Jahren, wie das zur möglich ist, dass wir beide nur immer zwischen den absoluten Extremen pendeln. Auf jede gute Leistung folgte mit vorhersehbarer Bestimmtheit der totaler Reinfall und umgekehrt. Präzise wie ein Uhrwerk!
Mutter: Ach Peter, ich weiß, du hättest der absolute Top-Schüler mit der Aussicht auf ein Hochbegabtenstipendium werden können. Nie hast Du auch nur den kleinsten Fehler gemacht, immer nur deine Nase in all die Bücher gesteckt. Was für einen gesunden Jungen auch nicht nur gut ist.
Peter: Schon gut Mama!
Mutter: Weder in deinen Prüfungen, noch in denen, die du für Paul gemacht hast, gab es je den leisesten Grund zur Beanstandung.
Peter: Mama, es war gut, wenn ich im Hintergrund für ihn die Arbeit verrichtet habe und er im Rampenlicht stand und sich feiern ließ. Aber irgendwann beginnt nach dem Abitur der Ernst des Lebens, auch für Paul.
Mutter: Paul möchte doch so gern Anwalt werden. Ich sehe ihn schon vor mir: mit Ehrfurcht einflößender Robe hält er sein Plädoyer vor den zwölf Geschworenen.
Peter: Mama, unser Rechtsstaat kennt keine zwölf Geschworenen.
Mutter: Ach wirklich? Das ist aber schade. Aber reden kann Paul wie ein Priester, dem man irgendwann alles glauben muss, weil vor lauter bedeutsam klingender Worte man nicht mehr ein noch aus weiß. Er kann die Leute so für sich einnehmen, so viel Geld damit verdienen. Paulchen hätte ja dann auch als Anwalt eine eigene Sekretärin, die ihm die lästige tägliche Arbeit wie den Schriftkram abnimmt. Mit der Rechtschreibung hat er es ja wahrlich nicht, aber reden kann er… Das Alltägliche liegt ihm nicht, da kann man halt  nichts machen.
Peter: Aber Mama, ich möchte doch gerne Medizin studieren, das weißt du doch!
Mutter: Willst du wirklich, dass Paul vor die Hunde geht? Willst Du, dass er so endet wie dein Vater?
Peter: Nein!
Mutter: Also studiere mit und für ihn erst einmal Jura. Wenn Paul erst mal Anwalt ist, dann kannst Du Medizin studieren so viel und so lange du willst. Gerade Mediziner mit einem Jurastudium vorweg sind selten und sehr gefragt. Das hab ich neulich noch in der Zeitung gelesen.
Peter: Noch einmal rund acht Semester auf der Uni das gleiche Spiel? Zweimal das erste Staatsexamen. Danach noch das Referendariat auf beiden Schultern. Dann zweimal das zweite Staatsexamen. Das ist eine halbe Ewigkeit! Habe ich nicht auch irgendwann einmal das Recht, meinen eigenen Weg zu gehen und selbst bestimmt glücklich werden zu dürfen? Muss ich denn ein Leben lang für Paul die Kastanien aus dem Feuer holen, während er sich allabendlich mit finsteren Gestalten amüsiert?
Mutter: Peter!
Peter: Ja ich weiß, Mama. Ich hätte das nicht sagen sollen. Ich hatte das Glück, als Erster geboren zu werden, Paul hatte halt Pech. Ich weiß! Paul würde auch für mich einstehen, wenn ich im Geburtskanal stecken geblieben wäre, mit meiner Nabelschnur um den Hals. Wenn ich zu wenig Sauerstoff bekommen hätte, würde Paul bestimmt auch für mich einstehen, ich weiß!
Mutter: Ihr seid eineiige Zwillinge und füreinander bestimmt. Du hattest wahrlich das Glück als Erster das Licht der Welt zu erblicken, und Paul ist halt eine Zangengeburt. Die Fügung hat aus euch siamesische Zwillingen im Geiste gemacht. Ihr gehört einfach zusammen!
Peter: Aber wo bleibe ich mit meinen Wünschen, meinen Zielen, meinen Träumen? Ich bin nicht so wie Paul! Wir haben komplett andere Interessen und vollständig unterschiedliche Erwartungen an das Leben. Ich habe mich dreizehn Jahre während der gesamten Schulzeit auf Paul und seine Eskapaden eingestellt, ihm den Rücken frei gehalten und meine Neigungen zurückgestellt. Ich hätte z.B. gern weiterhin Klavierunterricht gehabt, aber Paul war das ja zu langweilig. Er hat das Geld lieber heimlich ins Wirtshaus gebracht. Selbst die engelsgleiche Anneliese aus der Unterprima, die ich wirklich von ganzem Herzen geliebt habe und ihr niemals unzüchtig zu nahe gekommen bin, genau die hat er in meinem Namen geschändet und mich nachher verhöhnt.
Mutter: Peter! So darfst du nicht reden! Du bist dazu bestimmt, auf Paul aufzupassen, ihm zu helfen. Allein auf sich gestellt wird er jämmerlich scheitern, er trinkt den Alkohol schon jetzt wie sein Vater ohne jedes Maß. Und das mit den Weibern gefällt mir auch nicht. Eben ganz der Vater.
Peter: Ich ekle mich vor dem Alkohol wie vor dieser Art Frauen, mit denen sich Paul umgibt.
Mutter: Guter Junge! Geht jetzt lieber schlafen, du hast schon ganz kleine Augen.
Peter: OK. Sag Paul, wenn er doch früher nach Hause kommt und du noch wach bist, er kann auch auf meine Abiturfeier gehen. Die Feten sind an unterschiedlichen Tagen. Ich mach mir sowieso nichts draus.



Drittes Bild.
Sieben Jahre später im Rathaus von Über/All. Das Amtszimmer des Bürgermeisters ist altehrwürdig, die Tradition pflegend, eingerichtet, als hätte man seit über dreihundert Jahren hier nichts mehr geändert. Der Bürgermeister studiert seine Akten. Die Mutter wischt im Amtszimmer des Bürgermeisters mit dem Staubtuch über die freien Stellen des schweren, reichlich verzierten Eichenschreibtisches und leert still, beinahe unmerklich den Papierkorb.

Bürgermeister: Frau Schulze-Backes, sie sind heute so nachdenklich, um nicht zu sagen: traurig. Ich kenne Sie seit so vielen Jahren, immer haben sie Lebensfreude und Zuversicht ausgestrahlt. Auch, als sie die Familie mit ihrer Hände Arbeit über Wasser halten mussten, weil ihr Mann keine Arbeit annehmen wollte und trank. Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen, als sie vor über zwölf Jahren hier angefangen haben. Selbst nachdem ihr Mann gestorben ist, haben sie nicht so dreingeschaut. Und das war wahrlich ein Schlag für sie. Was ist los?
Mutter: Ach Herr Bürgermeister! Sie haben selbst so viele Sorgen. Die Politik fordert jeden Tag ihre volle Aufmerksamkeit. Was soll ich sie mit meinen kleinen Sorgen auch noch belasten?
Bürgermeister: Nur raus mit der Sprache, Frau Schulze-Backes! Sie haben doch selbst dann noch hoch erhobenen Hauptes zu ihrem Mann gestanden, als man ihn nach einem Herzinfarkt am Vorabend der Abiturfeierlichkeiten ihrer Söhne tot aus dem Freudenhaus geholt hat. Sie sind – unter uns gesagt - seit Jahren hier im Rathaus die einzige Kraft, die voll und ganz mein Vertrauen genießt. Also ich habe noch fünf Minuten Zeit bis zum nächsten Termin, dem Unternehmerfrühstück.
Mutter: Zu viel der Ehre! Lassen sie es gut sein und bereiten sie sich lieber auf das wichtige Treffen vor, ich weiß, die Stadtkassen sind leer und sie brauchen dringend Unterstützung von der Wirtschaft.
Bürgermeister: Wenn sie mir nicht sofort sagen, was los ist, sage ich kurzerhand das Meeting ab.
Mutter: Um Gottes Willen! Das können sie nicht machen! Ich sage es ihnen. Aber erst nach ihrem Treffen mit den Unternehmern.
Bürgermeister: Versprochen?
Mutter: Ja.

(Zwei Stunden später. Der Bürgermeister tritt wieder in sein Amtszimmer ein, dicht gefolgt von der Vorzimmerdame Frau Weiß mit einem dicken amtlichen Unterschriftenmappe.)
Bürgermeister: Gut, gut Frau Weiß, das kann warten. Legen sie die Mappe auf meinen Schreibtisch und forschen sie nach, in welchem Zimmer jetzt gerade Frau Schulze-Backes den Amtsschimmel beseitigt. Er wiehert mich jeden Tag aufs Neue an. Manchmal habe ich den Verdacht, Frau Schulze-Backes ist die einzige, die hier im Hause wirklich arbeitet. Schicken sie mir die Gute Seele sofort hierher.
(Der Bürgermeister blättert unruhig in der Mappe herum, bis Mutter Schulze-Backes endlich eintritt.)
Mutter: Sie haben mich rufen lassen?
Bürgermeister: Gute Frau Schulze-Backes, haben sie wirklich geglaubt, ich hätte vergessen, was wir vorhin besprochen haben?
Mutter: Nein, nein! Aber ich denke, sie haben Wichtigeres zu tun, als sich die Sorgen und Nöte einer Putzfrau anzuhören.
Bürgermeister: Sie sind für mich keine Putzfrau, das möchte ich nicht mehr hören, für mich sind sie eine echte Perle! Ohne mich zum Beispiel würde das Rathaus sehr gut auskommen, das habe ich oft bemerkt, wenn ich länger unterwegs war, vielleicht sogar besser. Aber ohne sie, Frau Schulze-Backes, läuft hier schon nach zwei Tagen nichts mehr rund. Also raus mit der Sprache, was ist los?
Mutter: Ach wissen sie, ich mache mir große Sorgen um den Paul. Der ist zwar inzwischen Rechtsanwalt, aber gewonnen hat er noch keinen einzigen Prozess. Im Gegenteil, jetzt will er schon gar nicht mehr zu Gericht gehen. Die Kanzlei, in der er untergekommen ist, droht ihm gar, auf seine Dienste ganz verzichten zu wollen. . Selbst eine klare Verkehrsbußgeldsache soll er aus Formalfehlern, wie die sagen, verbockt haben. Ich weiß nicht mehr ein noch aus…
Bürgermeister: Ach Frau Schulze-Backes! Wenn es mehr nicht ist. Ich kenne den Paul schon seit vielen Jahren, der kann reden wie ein Buch und trinken wie ein Loch. Den können wir gut in der Politik gebrauchen. Wir sind ein konservatives Rathaus und haben alle wichtigen Posten mit unseren Leuten besetzt. Leider müssen wir seit der letzten Wahl mit den Sozis koalieren. Die verlangen schon lange einen Posten in der Verwaltung von ihrer Couleur. Da sie inzwischen leider ein bisschen mitbestimmen, können wir auf Dauer ihnen das nicht verwehren. Sagen sie dem Paul, er soll bei denen so schnell wie möglich eintreten und sich dann für den bald frei werdenden Posten als Rechtspfleger und Umweltguru bewerben. Wir werden den Sozis in diesem Falle den Triumph gönnen und ihr Sohn wäre versorgt. Ich verlasse mich aber darauf, dass er in allen wichtigen Fragen auf seinen Bürgermeister hören wird, nicht wahr, Frau Schulze-Backes?
Mutter: Aber ja! Das verspreche ich ihnen. Da sorge ich höchstpersönlich dafür, wenn es sein muss.
Bürgermeister: Gut, gut Frau Schulze-Backes, also ist die Sache abgemacht?
Mutter: Ja! Ja! Ja!




Viertes Bild.
Sieben Jahre später. Der Bürgermeister von Über/All sitzt anlässlich einer Krisensitzung im Amtszimmer mit seinen Stellvertretern zusammen.

Bürgermeister: Meine Herren. Die Sache wird brenzlig. Unser Justiziar und Umweltschutzdezernent, Paul Schulze-Backes, hat wieder einen Bock geschossen. So kann das nicht weitergehen. Wir setzen uns der Gefahr aus, dass das Rathaus als Ganzes öffentlich immer mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Ich bin als Bürgermeister politisch-moralisch grundsätzlich verantwortlich für alle, was im Rathaus geschieht, ob ich vorher davon wusste oder nicht, ob ich persönlich eine Unterschrift geleistet habe oder nicht, das spielt letztlich keine Rolle. Auch dieEinheit der Verwaltung verbietet es uns, den Paul als Sozi allein öffentlich verantwortlich zu machen. Am Ende müsste ich als Verwaltungschef zurücktreten. Die Ratsherren sind schon richtig sauer auf uns. Wenn diese Stimmung anhält, sehe ich selbst für die Wiederwahl unserer Partei in die Regierungsverantwortung schwarz.
Erster Stellvertreter: Der Paul ist ein lieber Kerl, eigentlich einer von uns, aber von Recht und Ordnung hat er nicht den leisesten Schimmer. Er hält sich an keine Gesetze und Verordnungen, ja, er kennt sie nicht einmal. Das glaubt uns keiner, wo er doch nachweislich ein studierter Volljurist ist. Ob Zivil-, Straf- oder Verwaltungsrecht, da kennt sich ja allemal mein Hund besser aus, und der war nicht mal auf einer Baumschule.
Bürgermeister: Ja, ja unser Paul. Und dabei ist sein Zwillingsbruder Peter, der jetzt sein Medizinstudium abschließt, ein wahres Talent, das merkte man sofort, wenn er – leider viel zu selten - für den Paul eingesprungen ist. Der schmeißt hier im Rathaus den Laden, bereitet Vorlagen vom Feinsten vor, gewinnt jeden noch so aussichtslos erscheinenden Fall, vertritt unsere Stadt nach außen souverän wie kein anderer. Der wäre es…!
Erster Stellvertreter: Na machen sie mal halblang, lieber Bürgermeister, sonst glaube ich fast noch, sie wollen hier eine Wahlrede für ihren Nachfolger im Amt halten. Der Peter ist unbestechlich, mit dem können wir keinerlei Gentleman’s Agreement schließen, der holt uns noch unsere verborgensten Leichen aus dem Keller, fein säuberlich katalogisiert und aufgereiht. Dann sind wir alle zusammen weg vom Fenster und zwar für immer!
Bürgermeister: Oh Gott! So weit habe ich ja noch gar nicht gedacht…! Das ist ja wirklich eine reale Gefahr, wenn der Peter erst mal Doktor ist und es ihm in den Sinn kommen sollte, gegen mich als unabhängiger Bürgermeisterkandidat zu kandidieren… Nicht auszudenken! Der gewinnt glatt und macht was aus der Stadt, die Herzen werden ihm zufliegen und wir sind die Gelackmeierten. Ich habe noch so viele Verpflichtungen. Dann ginge alles den Bach runter, das Chalet in der Schweiz, die Segeljacht an der Ostsee, meine teure Geliebte, meine geliebte Ehe, meine Ehre, einfach Alles…!
Zweiter Stellvertreter: Bei mir sieht es nicht viel anders aus. Ich habe da eine Idee. Im Internet steht, in Hinterwurmbach suchen sie einen Bürgermeister. Mit Peter Schulze-Backes Hilfe könnten wir den Paul sicherlich dorthin wegloben. So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Paul gibt doch hier den Sozi ab und Hinterwurmbach sucht – wie es der Zufall will - nur einen Sozi als Bürgermeister, und zwar, der Volljurist ist. Die finden wohl keinen in den eigenen Reihen. Wir loben den Paul als unentbehrlichen Volljuristen hier weg und die bekommen einen Volltrottel nebst Genie. Bevor die das gemerkt haben, ist genügend Zeit vergangen, die Angelegenheiten hier zu regeln. Außerdem ist das weit genug weg, am anderen Ende der Republik. Vielleicht schlagen die beiden dort ja irgendwann Wurzeln.
Bürgermeister: Jaah! Das könnte funktionieren. Und Frau Schulze-Backes ist mir noch einen Gefallen schuldig.




Fünftes Bild.
Der Bürgermeister von Über/All und Mutter Schulze-Backes im Amtszimmer.


Bürgermeister: Frau Schulze-Backes, ich habe sie rufen lassen, um ihnen zu sagen, wie sehr wir die Dienste ihres Sohnes Paul schätzen. Nur ungern verzichten wir auf einen so versierten Juristen, der zudem noch den Umweltschutz in unserem Hause und draußen in der Natur – sagen wir mal - auf den Kopf gestellt hat. Einige wenige behaupten zwar, wir müssten die Umwelt vor Paul schützen. Aber seien sie versichert, das sind nur wenige, eher unbedeutende Stimmen.
Mutter: Herr Bürgermeister, wir kennen uns schon so lange. Wenn sie so diplomatisch daher reden, stimmt was nicht. Also was hat mein Sohn wieder angestellt?
Bürgermeister: Frau Schulze-Backes, ich traue es mich eigentlich kaum zu sagen, aber ihr Sohn hat als Vertretungsberechtigter unseres Hauses und Volljurist im Alleingang hinter meinem Rücken – und ich betone ausdrücklich: hinter meinem Rücken - das total verseuchte Grundstück mit der ehemaligen wilden Mülldeponie darunter an den größten Steuerzahler und Neubürger der Stadt als besonders günstiges Baugrundstück verkauft und privat eine exorbitante Provision kassiert. Der Rohbau der prächtigen Villa steht schon und nun sind sie dahinter gekommen. Man fordert den Kopf von Paul, anderenfalls wird die Firma staatlich subventioniert umsiedeln. Am geplanten neuen Standort, nicht weit von uns entfernt, gibt es ein derart großzügig gefördertes Grundstück im Gewerbegebiet direkt an der Autobahn mit Schienenanbindung. Die Fördergelder sind schon zugesagt. Man macht die Entscheidung davon abhängig, dass wir den Paul rausschmeißen. Nur gut, dass die beiden das unter Alkoholeinfluss im Wirtshaus allein geregelt hatten. So traut sich unser erster Unternehmer der Stadt nicht, die ganze Sache an die ganz große Glocke zu hängen, ohne sich selbst der Lächerlichkeit preiszugeben und zudem möglicherweise strafrechtlich wegen Bestechung einer Amtsperson selbst verfolgt zu werden. Wir können mit einem blauen Auge davonkommen, wenn wir hier weitere Zugeständnisse auf Kosten der Steuerzahler machen.
Mutter: Und was soll ich nun tun?
Bürgermeister: Frau Schulze-Backes, die Fügung will es, dass die Sozis in Hinterwurmbach, das ist „jwd“, janz weit draußen am äußersten Rand der Republik, einen wirklich versierten Bürgermeister suchen. Es soll unbedingt ein Volljurist sein. Aber die Sozis dort wollen auch, dass der Bewerber nicht zu viel von Politik versteht, also sich nicht einmischt in die inneren Angelegenheiten des Rathauses. Die regieren dort schon seit Jahrzehnten ganz allein und brauchen nur ein Aushängeschild als Bürgermeister. Die wollen unbedingt einen exzellenten Bewerber verhindern, weil der die dort alle in den Sack stecken würde. Sie fürchten, der würde wirklich gute Politik machen und bräuchte die Partei bald nicht mehr. Die suchen einen pflegeleichten Bürgermeister. So eine Art Frühstücksdirektorin Sachen Politikzum Vorzeigen. Ist das nicht genau das, was Paul am besten kann?
Mutter: Ja, wenn er hier nicht mehr tragbar ist und wenn er sich dort bloß aus der Politik und dem Rathauskram heraushält und nur die Feste feiert wie sie fallen,  dann ist ihm die Stelle in dem Nest bestimmt auf den Leib geschneidert. Den Leuten jederzeit nach dem Munde reden, überall den lieben Paul spielen und frei saufen, das würde ihm schon gefallen. Und immer will er im Mittelpunkt stehen, nur kein Foto verpassen, damit er sich auch jeden Tag in jeder Zeitung sehen kann, halt ganz das Gegenteil von Peter. Der arbeitet lieber im Stillen, unauffällig aber präzise. Warum sind die beiden nur in jeder Hinsicht so grundverschieden?
Bürgermeister: Liebe Frau Schulze-Backes, wobei wir beim Stichwort wären: Sie müssen mir eins versprechen. Einen Bürgermeister kann man ohne Fleiß und Durchblick auf Dauer nicht erfolgreich vortäuschen. Es muss am Ende doch auch ein gutes Stück Qualität her. Der Peter hat doch bald sein Medizinstudium abgeschlossen, oder?
Mutter: Ja, warum?
Bürgermeister: Dann müsste der vormittags ins Rathaus von Hinterwurmbach für den Paul, sozusagen auf halbe Stelle die Arbeit erledigen und nachmittags und in den Abendstunden könnte Paul das Regiment übernehmen. Peter wäre dann nachmittags frei und würde seiner Neigung als Arzt nachgehen. Das wäre die ideale Lösung für beide, und jeder könnte nach seiner Façon glücklich werden.
Mutter: Das könnte gut passen. Peter steht immer sehr früh auf und hat sein halbes Tageswerk verrichtet, wenn Paul noch in den Federn lieg. Abends ist es umgekehrt, Peter geht am liebsten schon mit den Hühnern ins Bett und Paul macht die Nächte durch. Das geht schon seit Jahren so.
Bürgermeister: Ich weiß, Frau Schulze-Backes, bei uns im Rathaus war Paul nie vor zwölf zu sehen. Nur wenn Peter ausgeholfen hat, war sein stets übervoller absolut chaotischer Schreibtisch bereits vor 9 Uhr am zweiten Tag blitze blank und alles zur Zufriedenheit auf den Weg gebracht.
Mutter: Gut, ich werde mit Peter reden müssen, aber gefallen wird ihm die Idee bestimmt nicht, verlassen sie sich drauf. Ich weiß nicht, ob ich ihm das zumuten kann. Er möchte doch so gern voll und ganz als Arzt arbeiten.
Bürgermeister: Frau Schulze-Backes, schicken sie mir doch einfach den Peter nach seiner Promotion her, vielleicht kann ich ihn ja überzeugen, beides zu tun.




Sechstes Bild.
Der Bürgermeister mit Peter Schulze-Backes im Amtszimmer.


Bürgermeister: Hallo Herr Doktor! Gratuliere ihnen zum summa cum laude. Alle Achtung, woher nehmen sie nur diese Gabe, alles, aber auch alles mit Bravour zu erledigen? Sie könnten hier in Über/All glatt mein Nachfolger werden. Einen besseren könnte ich mir kaum vorstellen.
Peter: Nein, Herr Bürgermeister. Sie machen das ausgezeichnet. Ich kann mir keinen besseren als sie vorstellen. Für mich wäre das nichts. Gut die Amtsgeschäfte würde ich wohl gerne erledigen, soweit sie hier im Hause zu erfüllen sind. Aber die Repräsentationen, die Feste, die Geburtstage der alten Leute, denen man immer was vorlügen muss, wie jung sie noch aussehen und wie lange sie noch leben werden. Der viele Alkohol, überall wo man hinkommt, muss man anstoßen, einen mittrinken, lächeln, den Menschen die Hände schütteln und so tun, als ob nur einem jeweils das Schicksal, dessen Hand man gerade schüttelt, wirklich am Herzen läge, so tun als ob man interessiert sei, hinhören, wenn die Leute den blanken Unsinn erzählen, so tun als ob man deren wirre Vorurteile teilen würde, eben heucheln auf der ganzen Linie.
Bürgermeister: Na so schlimm ist das auch wieder nicht. Man gewöhnt sich dran.
Peter: Nie eine fundierte eigene Meinung vertreten dürfen, sondern immer nur je nach Mehrheit mit den Wölfen heulen, zwischen den Wahlen nach den Wölfen der Partei, vor den Wahlen nach dem sog. Bürgerwillen. Das Sprachrohr für den kollektiven Stuss von politischen oder wirtschaftlichen Gruppierungen oder der grauen Masse sein. Nein! Herr Bürgermeister, diesen Teil der Amtsgeschäfte verabscheue ich für mich zutiefst. Und so viel Schmerzensgeld bekommt ein Bürgermeister auch wieder nicht, um darüber hinwegsehen zu können. Nein! Das könnte ich nicht. Ja, ich weiß, das muss sein. Ich bewundere sie dafür sogar aufrichtig, wie elegant sie das immer hinbekommen. Die Mitmenschen an der Nase herumzuführen, die sie dafür auch noch abgöttisch verehren. Dafür muss man eben geboren sein.
Bürgermeister: Nun Herr Doktor, es ist wahr, „zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“. Das Amt des Bürgermeisters ist ein ewiger Spagat zwischen menschlicher Integrität wie Seriosität im Amt und einem willfährigen Volkstribun mit dunkler Seele. Die soziale Intelligenz gepaart mit ethisch-moralischen Grundsätzen und die tiefsten Abgründe menschlicher Vorstellungskraft. Eigentlich bräuchte man, schon wegen des übervollen Terminkalenders und der immer viel zu knappen Zeit, zwei Bürgermeister, einen fürs Feine und einen fürs Grobe.
Peter: Das sehe ich ähnlich. Aber es ist wie immer im Leben. Den einen mag man nicht und wählt ihn doch und den anderen achtet man, würde ihn aber niemals mehrheitlich das Amt zutrauen. Kein Killerinstinkt heißt es dann. Das Raubtier Mensch lässt sich eben nur von einem noch stärkeren Raubtier lenken und leiten. Ist Macht im Spiel, hat der Verstand keine Chance.
Bürgermeister: Wobei wir beim Thema wären. Ich will ganz offen mit ihnen reden. Herr Doktor Schulze-Backes. Ich weiß, wie sehr sie sich gewünscht haben, Arzt zu werden. Sie sind noch jung! Sie haben noch Zeit, sich ihre Träume in Gänze zu erfüllen. Aber jetzt sind sie gefordert.
Peter: Ich kann ihnen nicht ganz folgen.
Bürgermeister: Wir haben doch gerade über das Amt des Bürgermeisters gesprochen, dass man dafür geboren sein muss und so weiter.
Peter: Ja, aber was hat das mit Paul und mir zu tun?
Bürgermeister: Genau gesagt, sehr viel. Sie Herr Doktor sind ein Frühaufsteher und ideal geeignet für die Amtsgeschäfte im Rathaus, Paul ist ein Nachtmensch und Volkstribun wie er im Buche steht. Jedermanns Liebling, solange der die blendende Fassade aufrechterhalten kann. Er hat Charme und man kann ihm selbst dann nicht böse sein, wenn man bemerkt, dass er einen gerade betuppt. Das ist eine seltene Gabe und bestens geeignet für den Firlefanz rund um die Kommunalpolitik.
Peter: Verstanden, aber weder Paul noch ich haben die Absicht, sie als Bürgermeister von Über/All abzulösen, da sei Gott vor.
Bürgermeister: Ist ja auch nicht nötig. Auch andere Städte haben hübsche Bürgermeisterposten. In Hinterwurmbach – ich zeige ihnen gleich wo das liegt – wird von den Sozis ein Volljurist als Bürgermeister gesucht und die haben an erfolgreich studierten Leuten wohl einen wahrhaft nicht behebbaren Mangel. Ihr beide sollt das Kind schaukeln. Einer vormittags und einer nachmittags. Eben das doppelte Paulchen.
Peter: Wieso um alles in der Welt sollten wir das tun? Paul hat hier im Rathaus einen guten Job und ich werde meine Karriere als Gerichtsmediziner beginnen.
Bürgermeister: Ach Herr Doktor, ich wünschte ihnen das wirklich von ganzem Herzen. Aber die Umstände verlangen Opfer, Opfer von uns in Über an der All wie Opfer insbesondere von ihnen. Ich weiß nicht wie ich es Ihnen sagen soll, aber wir werden auf die Dienste ihres Bruders verzichten müssen.  Ihr Bruder hat sich zu weit auf illegales Terrain vorgewagt und den Falschen aufs Kreuz legen wollen. Jetzt droht ihm sogar wegen Vorteilnahme im Amt ein Strafverfahren. Er wird nicht nur seinen Job und die Aussicht auf eine erfolgreiche Zukunft verlieren, wenn er hier nicht bald freiwillig die Segel streicht. Das kann auch ich als Bürgermeister und sein Vorgesetzter auch nicht mehr verhindern. Paul hat wissentlich ein total verseuchtes Grundstück als extrem günstiges Bauland verkauft und hinten herum die Hand aufgehalten. Der Käufer will beinahe um jeden Preis den Kopf von Paul. Ich habe ihn gesprochen, er würde gegen nicht unerhebliche Zugeständnisse der Stadt, wenn Paul aus seinem Gesichtsfeld für immer verschwindet, auf die Strafanzeige verzichten. Das ist die Bedingung. Selbst ihre Mutter könnten wir unter diesen Umständen nicht mehr länger im Rathaus beschäftigen. So ist die Sachlage.
Peter: Weiß meine Mutter von alledem?
Bürgermeister: Selbstverständlich! Sie hat mich eindringlich gebeten, mit ihnen darüber zu sprechen. Aber ich soll ihnen nicht sagen, dass sie Bescheid weiß. Sie selbst traut sich nicht, von ihnen ein weiteres Opfer zugunsten von Paul abzuverlangen.
Peter: Ich will mal Klartext reden. Für Paul hatte ich eigentlich nicht mehr vor in die Presche zu springen. Aber ich weiß nur zu genau, wie sehr das Herz meiner Mutter nicht nur an Paul, sondern seit Jahrzehnten an diesem Job hier im Rathaus hängt. Das würde ihr das Herz brechen. So gesehen habe ich offensichtlich mal wieder keine Wahl.
Bürgermeister: Das heißt, sie willigen ein?
Peter: Schweren Herzens!
Bürgermeister: Aber eine gute Nachricht hätte ich doch noch für sie. In der nahren Kreisstadt zu jenem Hinterwurmbach, wo sie hoffentlich bald tätig sein werden, ist im Krankenhaus eine Stelle frei und ich habe für sie schon mal vorgefühlt. Die würden sie wohl für die Nachmittagsschicht generell einplanen!




Siebtes Bild.
Wieder sieben Jahre später: Im Café Crohn von Hinterwurmbach. Die VIPs der Stadt dreschen – wie jeden Vormittag - Skat.

Kreditvermittler: Klau-Jogi Bern: Achtzehn! Zwanzig! Zwei! Null!
Architekt Nimm jun.: Passe!
Apothekersgatte Hugo Spanner: Ich auch! Oh! Die Weiber von unserem Rolf tragen ja von Tag zu Tag kürzere Röcke. Bald kann man ja im Stehen schon das Bermudadreieck sehen. Ich komm immer wieder gern hierher.
Bauunternehmerssohn Bott: Pass auf was du sagst, der Rolf „motiviert“ alle seine Sahneschnitten selbst im Hinterzimmer zwischen den Torten.
Nimm: Igitt! Und das bei seiner Krankheit. Eigentlich darf er amtsärztlicherseits die Konditorei selbst gar nicht mehr betreten.
Klau: So schlimm ist das?
Spanner: Ja, es ist chronisch und geht nie mehr weg. Wenn es schlimmer wird, lässt er sich in einem Krankenhaus bei Kassel still und heimlich mit Cortison behandeln und neu einstellen.
Bott: Hast du schon gehört, nachdem seine Eltern ihm das Café und die Konditorei überschrieben haben, hat er sie eiskalt auf Schmalkost gesetzt und nur noch Taschengeld und ein winziges Zimmer in dem großen Haus gelassen. Eigentlich eine gute Idee! Sollte ich auch machen.
Nimm: Gut, dass ich hier nur Kaffee aus dem Automaten trinke, sonst würde mir schlecht.
Bott: Der Rolf teilt nicht gern. Der ist knallhart. Hugo, du darfst nur hinschauen und dein Geld hier lassen. Wenn du deine Finger hier nicht bei dir behalten kannst, wird es übel. Selbst der Paul hat den Rolf mal so richtig kennen gelernt, als der seiner „leibeigenen“ Bedienung unter den kurzen Rock gefasst hat. Da versteht unser Rolf keinen Spaß. Ich habe nur immer verschwitzte Arbeiter um mich rum. So ungerecht ist die Welt. Mein Vater hat offensichtlich das falsche Unternehmen aufgebaut. Immer nur Kiesgruben und Straßenbau. Eine Konditorei hätte er mir vererben sollen! Immer nur Kies und Staub, da macht das Kohle verdienen auf Dauer auch keinen Spaß…
Spanner: Hat deshalb dein Vater irgendwann aus Verzweiflung seine Putzfrau geheiratet, weil er über die Jahre kaum eine andere zu Gesicht bekommen hat?
Klau: Ich hätte als Putzfrau deinen Vater bei dem vielen Kies auf dem Konto auch genommen. Echt clever!
(Eintritt Rolf Morbus)
Morbus: Na meine Herren, gute Karten? Wer oder was um alles in der Welt soll hier clever sein? Da kann ja nur von mir die Rede sein!
Klau: Du weißt doch wie sehr wir dich schätzen. Könnt ich noch ein leckeres Stück Sahnetorte haben? Nein, wir haben von Willi Dorn und seiner reizenden Gattin Wilma gesprochen.
Bott: Was faselst du da herum, spar dir dein Gequatsche für deine Kunden auf, denen du immer viel zu teure Kredite andrehst, damit du neben deinen sechs Kindern, deiner Frau dir auch noch die allseits bekannte lüsterne Geliebte Maggi leisten kannst. Auf der war doch schon jeder mal! Als rechte Hand des Chefarztes soll sie immer ohne Höschen zur Arbeit - und er selbst im OP - gekommen sein.
Nimm: Seine Eigentumswohnung am Rathausplatz war Jahre lang ein Liebesnest bis seine Frau dahinter gekommen ist. Später musste sie doch tatsächlich für die Wohnung Miete bezahlen, obwohl sie die Wohnung bereits in Naturalien mehrfach abbezahlt hatte.
Klau: Jetzt ist aber gut! Meine Maggi braucht halt ihre Streicheleinheiten und nun streichle ich sie eben.
Nimm: Bist du sicher, dass du sie allein streichelst? War die nicht mal mit dem Maggi aus dem Rathaus verheiratet? Der weiß tolle Einzelheiten zu berichten. Nein, meine Alte ist echt blöde und eingebildet, das ist manchmal echt zum Wegschreien. Neulich noch ist sie mit dem neuen Mercedes der Firma durch die Stadt gefahren und hat drei Männer entdeckt, die sie aus der Zeit noch als Putze in unserem Unternehmen vom Gesicht her kannte. Die hatten doch glatt gewagt, sich am Straßenrand jeder auf seine Schippe zu stützen und unseren Straßenbauarbeitern genüsslich bei deren Wirken zuzuschauen.
Nimm: Und? Was ist dabei?
Bott: Meine Alte machte eine Vollbremse, haute den Rückwärtsgang rein, fuhr zurück bis zu den Dreien mit der Schippe, stieg aus und brüllte sie an: „Sie und Sie und Sie. Eine Unverschämtheit, hier auf unsere Kosten zu Faullenzen! Morgen früh im Büro können sie sich ihre Papiere abholen. Faules Pack!“
Nimm: Ist doch normal, oder?
Bott: Ja, kann sein. Aber die haben mal bei uns vor Jahren gearbeitet, sind längst in Rente. Die wohnen nur dort, wo wir gerade die Straßendecke erneuern und hatten ihren Vorgarten in Ordnung gebracht. Zwischendurch haben sie gewagt, ihren ehemaligen Kollegen bei der Arbeit zugesehen und irrtümlich von meiner Alten einen öffentlichen Einlauf bekommen. Wie peinlich!
Morbus: Kein Wunder, dass meine Mutter mit deiner befreundet ist, meine ist noch blöder. Die liegt meinem Vater seit Jahren in den Ohren, mir das Geschäft zu überschreiben und wundert sich jetzt, dass ich ein sparsamer erfolgreicher Unternehmer bin. Deine haut ja immer noch das Geld der Firma nur so raus, wo soll das hinführen?
Spanner: Das kommt davon, wenn die Putze zur Chefin wird. Neureich, frech-dreist und strohdumm…
Bott: Das musst du gerade sagen. Deine Frau ist eine erfolgreiche Apothekerin, arbeitet von früh bis spät und du lebst auf ihre Kosten über deine Verhältnisse, hilfst so gut wie nie im Geschäft und steigst in der Stadt nur immer den kleinen Mädchen nach.
Spanner: Die kleinen Sahneschnittchen sind aber auch zum Anbeißen, eine wie die andere. Da kann ich nicht genug kriegen.
Nimm: Bist du deshalb nicht mehr als Grundschullehrer tätig. Konntest nicht mal da die Finger bei dir behalten?
Morbus: Also ein Stück Sahnetorte. Sonst vielleicht noch was?
(Betretenes Schweigen. Rolf Morbus verschwindet in die Küche hinter die mit allerlei Torten gefüllte Auslagetheke.)

Bott: Lieber Hugo, nicht, dass du eines Tages an die Falsche gerätst, die als Kind ein Kind von dir bekommt und dich die Eltern dann verklagen. Bei der gut gehenden Apotheke deiner Frau ist da Manches zu holen. Da ist auf dem Strich unter dem Strich günstiger. Warst du schon mal in Thailand?
Nimm: Wer sich als junges Mädchen mit diesem alten, geilen Bock einlässt, muss wissen was sie tut. Der ist doch mit seinen Neigungen stadtbekannt.
Klau: Was willst du immer von den jungen Hühnern, die haben doch kein Geld auf der Tasche. Die schnorren sich bei dir bestenfalls die Antibabypille und nutzen sie mit anderen.
Spanner: Das versteht ihr nicht. Das ist wie ein Jungbrunnen, die allerbeste Medizin, die ich kenne. Ihr braucht gar nicht so auf mir rumzuhacken. Ihr beide schmiert unseren Paul doch, wo ihr nur könnt. Habt sein altes Haus auf eure Kosten von Grund auf saniert. So räumt ihr zusammen alle Großbaumaßnahmen in der Stadt ab. Keine Schule, kein Feuerwehrhaus, kein Kindergarten, kein Supermarkt wo ihr nicht die Finger drin habt. Ist das besser? Ich hab meine Finger lieber woanders drin, das Geld verdient meine Alte.
Nimm: Wenn uns die Stadt endgültig zur Beute fallen soll, wie wir es im PIT-Seminar gelernt haben, dann muss man systematisch „investieren“, eben an den richtigen Stellen schmieren, damit die Sache rund läuft.
Spanner: Stimmt das, dass ihr mit dem Paul zusammen die alte Stadthalle für mehr als den zwanzigfachen ursprünglichen Preis an zwei gutgläubige Türken verkauft habt und die jetzt noch den Schall- und Feuerschutz am Bein haben. Die alte Bruchbude ist ja nicht mal das Grundstück minus Abriss wert.
Nimm: Sind doch nur Türken und schon bald pleite! Quem jucktum ?
Spanner: Aber da hängen doch zwei große Familien dran, die haben doch ihre ganzen Ersparnisse da in die Stadthalle rein gesteckt. Einer hat sogar seinen sicheren Job aufgegeben und seine Abfindung hergegeben!
Nimm: Mal was anderes. Unser Paul macht mir große Sorgen. Hab ich doch vor zwei Tagen die halbe Nacht mit ihm durchgesoffen. Am Ende hat er mir hoch und heilig versprochen, wir bekommen den Feuerwehrneubau. Als ich am nächsten Morgen ins Rathaus komme, um mir das schriftliche OK zu holen, zickt der auf einmal rum. Er wisse von Nichts, so ginge das nicht, erst mal eine ordentliche Ausschreibung! Europaweit und so.
Spanner: Das geht schon länger so. Im Rathaus nennt man ihn nur noch: „Abends JA, morgens NEIN!“
Nimm: Wenn das so weitergeht, müssen wir uns Gedanken machen. Nur haben wir so viel in den Paul investiert, da wird es unter dem Strich sehr viel teurer, wenn wir uns einen neuen Bürgermeister aufbauen müssen.
Bott: Nein, der Paul hat nur Probleme mit seinen Sozis. Die setzen ihm seit Jahren zu und lassen ihn Nichts so machen, was wir abgesprochen haben. Ich hab da ne andere Lösung. Wir schicken den Paul auf unser Seminar, damit er mal endlich lernt, sich gegen das Parteipack durchzusetzen.
Nimm: Gut, aber wer bezahlt das? Es sind immerhin 30.000 Euro!
Bott: Es ist eine gute Investition in die Zukunft. Wir alle haben von dem Seminar reichlich profitiert und Paul gehört zu uns. Wenn er erst mal seine Gehirnwäsche unserer Kirche hinter sich hat, voll auf Erfolg gebürstet wurde und unsere Erfolgsdenke verinnerlicht hat, wird er die Sozis mal so richtig aufmischen. Wetten, er wird als erste die Karte „Hässliche Rufmordkampagne“ als Befreiungsschlag ziehen. Die wirkt immer und ist das K.O. für die Sozis. Für uns wird es dann noch leichter sein, mit ihm in und mit der Stadt Geschäfte aller Art zu machen. Ich sehe schon vor meinem geistigen Auge das Reklameschild am Rathaus: „Selbstbedienungsladen -öffentliche Hand“.
Nimm: Oh Gott! Noch so ein Sozi auf unserem Insider-Seminar? Reicht nicht der Hinz Waldzeck? Der ist direkt nach dem Seminar so richtig abgedreht. Kaum zu Hause angekommen, hat er gleich seine Frau an die Luft gesetzt. Die wollte nicht wie er, dann hat ihr der Hinz gezeigt, wo der Hammer hängt. Er hatte ohnehin seit einiger Zeit ein Verhältnis mit der doofen Tochter vom Hausmeister. Die dicke Vera war ihm schon lange verfallen.
Hugo: Blöd in der Birne, gut im Bett…
Bott: Ganz so doof ist sie auch nicht, hatte damals heimlich ihr Goldkettchen nach einem Schäferstündchen bei Hinz zu Hause in seinem Ehebett deponiert und auch noch das Betttuch mit ihrem Parfüm besprüht, als er sich im Bad frisch gemacht hatte. Gab natürlich dann mit der Frau vom Waldzeck einen Riesenkrach. Hinz musste erst mal kleine Brötchen backen, wie die hier vom Rolf.
Hugo: Aber dann haben sie ihn auf unserem Seminar, das ihm sein Bruder spendiert hat, voll auf Erfolgskurs eingenordet.
Spanner: Was er da gelernt hat, hat er an Paul ausprobiert. Seither ist ihm der Paul verfallen, glaubt ihm alles, frist ihm geradezu aus der Hand. Hinz wird nachmittags im Rathaus immer stärker, nur vormittags ist Hinz kaum mehr zu sehen. Warum nur? Im Rathaus selbst weiß das auch keiner so recht einzuordnen.
Bott: Später hat sein Bruder immer wieder voller Reue im kleinen Kreis gezeigt, es sei sein Fehler gewesen, seinen Bruder Hinz dorthin zu schicken. Es sei eben nur für die Besten, und sein Bruder gehöre leider – wie er später einsehen musste - nicht dazu.
Klau: Also spielen wir jetzt endlich? Ich spiele „Null“.
Nimm: „Null“ spielst Du. Das ist ja wie in unserer schönen Demokratie, da regieren auch allein die Nullen in der Politik, das fängt bei unserem lieben Paul an und wer weiß, wo das in der großen Politik des Landes endet.
Klau: Mich interessieren die Nullen auf meinem Konto zwischen der ersten Zahl und dem Komma. Das macht mich an, das ist für mich Erotik pur! ! Das mit der Maggi ist Freizeitsport und hält mich fit. Und die zahlt auch noch dafür, hält mich überall frei und kauf mir Markensachen am laufenden Band.
Spanner: Lass stecken, das wissen wir. Du würdest selbst dein Gewissen verkaufen, wenn du eins hättest.




Achtes Bild.
Im Amtszimmer des Bürgermeisters von Hinterwurmbach. Aktenschränke an allen Wänden bis zur Decke. Nur ein kleines von Aktenschränken umbautes Fenster spendet ein wenig Licht.
Der Bürgermeister sitzt am Schreibtisch als die Vorzimmerdame Tusnelda Schwatz ohne anzuklopfen mit der Unterschriftenmappe beinahe unmerklich leise erscheint.


Paul: Danke Tussi, bitte hierher. Und schließt dann bitte die Tür. Ich möchte jetzt nicht gestört werden.
Tusnelda Schwatz: Ja, Paul.

(Paul hält ein wenig nachdenklich inne und greift dann plötzlich zum dem Telefon.)
Paul: Peter du? Hier ist Paul. Nur kurz, habe keine Zeit: Ich habe es mir überlegt. Du kannst ab Morgen zu Hause bleiben. Ich mache den Bürgermeister-Job jetzt auf meine Art, „My Way!“ Du hast mich ein Leben lang bevormundet, das hat jetzt ein Ende. Ich brauche dich nicht mehr. Also, du bist gefeuert, raus, Ende, aus!
(Paul legt genüsslich den Hörer auf und macht das V-Zeichen von Zeige- und Mittelfinger als übertriebene Siegerpose. Da klingelt das Telefon.)
Paul: Ja, hier Bürgermeister Paul Schulze-Backes… Ach Du noch mal. Also Peter was ist da nicht zu verstehen? Du bist hier im Rathaus ab sofort raus aus der Nummer! Ohne Wenn und Aber! - Wie bitte? Ach lass doch das sentimentale Gewäsch von wegen Bruder und so. Ich allein bin Paul und du bist nur noch Peter. Ende mit der Vorstellung vom doppelten Paul. Ich kann das ganz alleine, du wirst schon sehen. Ich habe nach einem absoluten Super-Seminar den ultimativen Durchblick. Ich weiß jetzt wo es lang geht. Wer sich mir in den Weg stellt, den werde ich vernichten! Wenn es sein muss, auch dich Peter. Lass es besser nicht darauf ankommen. Ich hab jetzt keine Zeit mit dir weiter zu plaudern, muss arbeiten, tschüß!
(Paul ruft in schrillem Ton die Vorzimmerdame herein)
Paul: Schwaaatz!
(Tusnelda Schwatz erscheint ein wenig verstört.)
Paul: Also Tussi, eh... Frau Schwatz, notieren sie: Ab morgen weht hier ein anderer Wind. Es wird sich einiges ändern. Grundsätzlich keine Termine mehr vor 12 Uhr! Der Hinz wird am Vormittag das Rathaus regieren. Alles hört ab sofort auf sein Kommando. Der hat mein volles Vertrauen und niemand sollte es wagen, sich ihm zu widersetzen. Auch nicht mein Stellvertreter im Amt. Dem traue ich sowieso nicht über den Weg. Sie, Frau Schwatz, passen schön auf und berichten mir haarklein, was und wie es hier läuft. Die Post wird ab sofort nicht mehr in der Poststelle geöffnet, sondern kommt direkt hierher ins Vorzimmer. Sie legen mir Alles vor und ich entscheide, was wir wem, wie weitergeben. Statements aus dem Rathaus gegenüber der Presse welchen Inhalts auch immer werden nur noch nach vorheriger Abstimmung mit mir gestattet. Amtsleiter Hedwig Wiesbaden werden wir kaltstellen, der hat mir zu viel Durchblick und erlaubt sich in meinem Hause eine eigene Meinung. Außerdem hat er sich, ohne mich zu fragen, in der Nachbarstadt als Bürgermeister beworben. Wenn ich nicht eingegriffen hätte, wäre er es letztlich noch geworden. Nicht auszudenken!
Der darf sich ab sofort mit den Asozialen als Leiter des Sozialamtes herumschlagen. Dann ist er erst mal für ne Weile beschäftigt. Und beinahe hätte ich es vergessen. Holen sie Vera Waldzeck aus der Registratur, sie wird ab sofort Kulturamtsleiterin.
Schwatz: Herr Bürgermeister, erlauben sie mir den Hinweis, wir haben gar kein Kulturamt.
Paul: Dann wird halt kurzerhand eins geschaffen, wo ist das Problem? Basta!
Schwatz: OK. Aber hat die überhaupt eine blasse Ahnung von Kultur? Die Vera hat doch nicht mal einen Schulabschluss! Die hält doch schon den Inhalt ihres Kulturbeutels für mehr als das volle Kulturprogramm!
Paul: Für mich ist der Kulturbeutel auch schon eine Herausforderung. Na und? Mehr Kultur schadet und verwirrt die Sinne. Die Menschen fangen sonst noch an, eigenständig zu denken und machen mir das Leben als Bürgermeister schwer. Kultur ist Ballast, teuer und absolut überflüssig. Wenn ich Geld in die Kultur stecke, dann in die höhere Bezahlung von Vera. Das freut den Hinz und rechnet sich deshalb letzten Endes auch für mich.
Bereiten sie für Hinz und Vera die Höhergruppierungen vor. Beide haben es verdient. Die stehen wie eine Eins zu mir und nur darauf kommt es an! Rufen sie mir den Hinz. Alles verstanden? Also an die Arbeit!
(Frau Schwatz schließt leise die Tür hinter sich beim Rausgehen. Paul mit sich allein. Er sprich zu sich selbst.)
Paul: Das wäre ja gelacht, nicht wahr Paul? Wir brauchen den Peter nicht. War ohnehin immer nur eine Spaßbremse. Was der kann, kann ich schon lange! Ihr alle werdet euch noch wundern…




Neuntes Bild.
Weitere sieben Jahre später: Im Amtszimmer des Bürgermeisters von Hinterwurmbach sitzt Paul am Rundtisch und trommelt mit den Fingern nervös auf der Tischplatte herum.

Paul: Frau Schwatz. Wo bleibt nur der Hinz!
Schwatz: Herr Bürgermeister, ich habe schon drei Mal in seinem Vorzimmer angerufen. Er sagt, er müsse noch schnell was erledigen und komme dann sofort hierher.
(Hinz kommt außer Atem schnell zur Tür herein und setzt sich an den Rundtisch.)
Hinz: Paul, die Sache steht auf der Kippe. Der lästige Redakteur weiß zu viel. Der ist wie ein Kaugummi, der klebt überall dran, den wird man nicht mehr so leicht los. Der ist auch an der Sache mit der Jugoslawin dran. Nur blöd, dass ihr Bruder den abgeschlagenen Kopf von ihr direkt vor dein Haus gelegt hat. Der Kaugummi will nun beweisen, dass du ein Verhältnis mit ihr hattest und ist auf dem Weg zum Bruder ins Gefängnis. Aber mach dir keine Sorgen, der spricht mit Niemandem über seine Tat. Der hat dem Staatsanwalt gesagt, er gesteht die Tat und alles andere ist aus seiner Sicht eine reine Angelegenheit der Familienehre.
Paul: Musste sich auch der Bruder einmischen. Mit ihrem Mann hatte ich einen klaren Deal.
Hinz: Was für einen Deal?
Paul: Ich nehme sie mir wann und so oft ich will bei ihr zu Hause und er bekommt die Hausmeisterstelle im Schulzentrum. Das konnte doch keiner wissen, dass der Bruder plötzlich und unerwartet zu Besuch kommt und dann im Wahn die Familienehre retten will. Der hat ihr den Kopf einfach so abgeschlagen und ist mit ihm als Trophäe durch die halbe Stadt bis vor mein Haus gerannt!
Hinz: Aber konnte es den keine Deutsche sein, mit der du was zwischendurch machst?
Paul: Nee, die war so süß, da konnte ich beim besten Willen nicht widerstehen. Wer hat hier im Hause den Kaugummi auf die Spur zu mir gebracht? Wer ist sein Informant? Wenn ich den erwische, mache ich die Sau einen Kopf kürzer!
Hinz: Ich verstehe ja deine Wut, aber wenn du das im Hause laut sagst, musst du schon eine Massenhinrichtung ins Auge fassen. Die Fülle der internen Informationen selbst aus dem engsten Kreis des Verwaltungsvorstandes lassen auf sehr viele Informanten schließen.
Paul: Egal, das regeln wir später. Erst einmal müssen wir einen Schuldigen an den Pranger stellen, das schreckt ab. Indizien sind hier wichtiger als Beweise. Wir nutzen die Gelegenheit, um im Hause die ekelhaften Freidenker zu isolieren.
Hinz: Du denkst an den Wiesbaden? Willst du dem die Fülle der Indiskretionen anheften? Der war doch gar nicht da, der weiß doch von Nichts, weil er in den fraglichen Wochen im Jahresurlaub war.
Paul: Wenn du jemandem etwas anhängst, bleibt immer was haften. Den machen wir mürbe. Der war auch wieder in diesem Jahr als Amtsleiter nicht auf meinem Geburtstagsempfang. Was sollen die Leute denken? Wenn das Schule macht, stehe ich eines Tages mit nur noch einer handvoll Getreuen aus der Verwaltung da. Alle anderen sind bisher zu feige, wegzubleiben.
Hinz: Und was machen wir in Sachen Kiesgrube? Der Kaugummi glaubt hier nicht an einen Freitod vom alten Willi Dorn. Du hast auch zu offensichtlich öffentlich gemeinsame Sache mit dem Sohn Bott gemacht. Alzheimer hin, Alzheimer her. Irgendwer muss den alten Willi Dorn zu dem entlegenen Schlammteich in der Kiesgrube geführt haben, so die Mutmaßung vom Kaugummi.
Paul: Du hast Recht. Ich mache dich zum verwaltungsinternen Ermittler. Du stellst alle Akten aus den Ämtern zu der fraglichen Sache sicher, verhörst alle Beteiligten, machst Vernehmungsprotokolle und stellst dem Wiesbaden eine Falle. Wenn nötig, manipulieren wir die Akten, stellen ihn mit dem Vorwurf der Schlamperei an den Pranger und geben dann die aufbereiteten Akten an die Staatsanwaltschaft weiter. Das wäre doch gelacht, wenn wir den Rädelsführer nicht über kurz oder lang klein kriegen.
Hinz: Du meinst, das können wir machen? Belasten wir uns nicht dann selbst?
Paul: Das macht nichts. Wir müssen das ja den Bürgern nicht sagen. Aber der Fall liegt über fünf Jahre zurück. Die Staatsanwaltschaft kann und darf in der Sache gar nicht mehr ermitteln, da sie verjährt ist. Selbst bei nachgewiesenen strafbaren Handlungen im Amt sind die nach fünf Jahren nicht mehr juristisch relevant. Ich werde im Rat der Stadt öffentlich eine Selbstanzeige gegen mich verlesen und die bald zu erwartende Antwort der Staatsanwaltschaft dazu mit dem Ergebnis: Einstellung!
Hinz: Genial! Dann bist du öffentlich rein gewaschen und wir können als die Saubermänner die Jagd auf die Maulwürfe eröffnen.
Paul: Das ist wie bei den Ratten: Alle wirst du niemals fangen können, der Aufwand wäre auch zu groß. Fang eine und zünde sie bei lebendigem Leibe an, die Todesschreie werden die anderen Ratten aus der Gegend verjagen. Dann hast du für eine Weile Ruhe.
Hinz: Es ist eigentlich egal, welche Ratte du ansteckst, oder?
Paul: Nein, es muss eine sehr starke Ratte sein, die viel aushält und besonders laut und lange mit dem Tode ringt. Hier im Hause ist das der Wiesbaden. Der gilt als Leitwolf der Freigeister. Wenn wir den für alle sichtbar psychisch kaputtmachen, dann wagt keiner mehr aufzumucken.
Hinz: Nächste Woche ist wieder Mitte Mai, meine Frau und alle, ihr treu ergebenen fleißigen Hände aus der Verwaltung, haben schon die Vorbereitungen für deinen Geburtstagsempfang getroffen. Das wird grandios. Noch pompöser als letztes Jahr.
Hinz: Und was machen wir mit dem Redakteur?
Paul: Kein Problem. Der hat in seinem letzten Artikel den Sportflitzer unseres Behinderten aufs Korn genommen, von wegen ne extra Behindertengarage von Steuergeldern und so. Wir werden uns öffentlich vor unseren behinderten Kollegen stellen und den Redakteur als heimtückischen Enthüllungsfreak brandmarken, der nicht einmal Respekt vor den Gebrechen anderer hat. Wir werden sagen, dies sei Teil einer Rufmordkampagne gegen Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Wenn ich die Fraktionen hinter mich bringe, werde ich im Namen der Stadt den Kaugummi verklagen lassen. Mal sehen, wie lange der das finanziell durchhält.
Hinz: Ich werde mal was in unserem städtischen Internet-Forum lancieren lassen, wenn du willst. Mir untersteht ja unsere EDV-Abteilung, da können wir uns genüsslich anonym austoben.
Paul: Ja gut, mache die Sau zum Neonazi, das wirkt immer. Zum Volksverhetzer, zum neuen Josef Göbels oder so. Wie hieß noch mal der Herausgeber vom Stürmer? Schreib aber unter einem Pseudonym, einem Namen, sagen wir mal, aus der griechischen Geschichte, die Geistesgrößen sind unangefochten, die stehen für das Gute und es wird keiner darauf kommen, dass wir dahinter stecken. Du mit deinem Realschulabschluss ich mit meinem hinlänglich bekannten Desinteresse für die Kultur, wir werden wohl kaum verdächtigt, die Drahtzieher zu sein.
Hinz: OK, ich schau mal im Internet nach, wie die griechischen Typen so heißen und such mir einen netten Namen aus.
Paul: Schau mal genauer in die Personalakte von dem Wiesbaden und streu neben einer Unzahl von derben Beleidigungen und Unterstellungen gegen den fiesen Kaugummi auch ein paar absolut persönliche, vertrauliche Einzelheiten vom Wiesbaden im Forum mit ein. Dann wird der Kaugummi recherchieren und zu dem Ergebnis kommen, der Wiesbaden hat ihm öffentlich ein paar auf die Fresse gehauen. Wenn dann die beiden sich öffentlich in die Wolle kriegen, wird das ein Schauspiel der kulturellen Oberklasse!

Im städtischen Internet-Forum waren dann die folgenden Einträge zu lesen:

Sokrates
Hallo liebe Mitbürger!
Nachdem ich diese Hetztirade gelesen habe, die mit einer solchen Polemik und menschlichen Verachtung geschrieben wurde, ist mir regelrecht schlecht geworden!
Beim Lesen dieser aufhetzenden Lektüre sind mir direkt Gedanken an einen Herrn Julius Streicher gekommen (Herausgeber des Stürmers in der Zeit des NS-Regimes), der versucht hat durch seine Polemisierung, Menschen und Dinge so zu politisieren und auch zu instrumentalisieren, dass ein ganzes Volk zum Massenmord getrieben wurde!
Dieses Blatt ist absolut verwerflich und gehört nicht in unsere heutige Gesellschaft, genauso wie dessen Verfasser und alle Personen, die daran mitgewirkt haben!!
Einen behinderten Menschen zu diskreditieren, sein Hab und Gut zu instrumentalisieren, ihm die Freude an Dingen zu verwehren, ihn als Waffe auszunutzen um offene Rechnungen zu begleichen ist moral-ethisch so verwerflich und antisozial, dass es mich sprachlos macht, solche polemischen Menschen (Verfasser) in meiner Gesellschaft zu wissen!
Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in meiner eigenen Stadt solch eine Hetzkampagne miterlebe. Ich hoffe, dass der Verleger dieser Hetztirade mit sofortiger Wirkung seine Zeitung aus dem Verkehr zieht, so etwas bzw. so jemand gehört nicht in unsere heutige Gesellschaft!
Ich muss sonst annehmen, dass Julius Streicher auferstanden ist und eine 2.Chance zur Volksaufhetzung bekommt!

Und nun noch ein persönliches Wort an den Verfasser der besagten Zeilen:
Da ich eine universitäre Ausbildung genossen habe, in der ich 2 diplomierte Abschlüsse gemacht und kürzlich mit meiner Promotion in Psychologie angefangen habe und einen durchschnittlichen IQ von 157,9 Punkten besitze, denke ich, dass ich Ihnen auf dem Weg Bildung weit voraus bin!! Für mich sind Sie eine sehr unintelligente Person. Ihre infantile Intelligenz spricht Bände! Solche Menschen wie Sie können von mir kein Mitleid erwarten, denn Sie sind nur unintelligent und polemisch!
 
Sie sind also leider ein unintelligenter Mensch und mit solchen Leuten befasse ich mich als überzeugter Scientologe nur einmal, aber bestimmt kein zweites Mal!
MfG ein sehr betrübter Mitbürger




Zehntes Bild.
Wieder im Amtszimmer des Bürgermeisters von Hinterwurmbach. Paul sitzt wieder am Rundtisch und trommelt mit den Fingern nervös auf der Tischplatte herum.

Paul: Wo der nur wieder bleibt! Frau Schwatz, können sie noch mal den Hinz anrufen?
(Hinz kommt eilig herein und berichtet im Stehen.)
Paul: Und?
Hinz: Der Kaugummi ist ein harter Brocken, der hat herausgefunden, dass das gar nicht der Wiesbaden war. Auch, dass die Infos wohl aus der Personalakte stammen müssen. Zu präzise sind die persönlichen Hinweise im Forum. Der Kreis der Verdächtigen ist damit sehr, sehr klein! Auch der Wiesbaden hat bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige wegen Missbrauchs seiner Identität und wegen Datenmissbrauchs erstattet. Unseren anonymen Brief mit der scharfen Munition aus der ehemaligen UdSSR hat der Kaugummi kurzerhand an das LKA weitergegeben. Ich habe das städtische Forum sofort abschalten und alle Dateien überschreiben lassen. Der Datenschutzbeauftragte hat sich schon in der Sache angesagt. Die Staatsanwaltschaft hat schon vorsorglich eine Klage auf Herausgabe aller Verbindungsdaten vorbereitet. Ich habe einen Crash der gesamten Datensicherung im Netzwerk provozieren lassen. Alles ist erst einmal weg! Im Hause habe ich verbreiten lassen, der EDV-Abteilung sei ein grober Fehler unterlaufen. Aber wer weiß, ob die nicht doch noch irgendwo die Daten rekonstruieren können. Wir müssen sagen, dass wir die EDV komplett auf ein neues System umgestellt haben, die alten Festplatten kommen in die Müllverbrennung, sonst sind wir dran. Wir haben nicht mehr viel Zeit.




Elftes Bild.
Im Café Crohn von Hinterwurmbach. Eine Versammlung sog. namhafter Bürger zur Wiederwahl von Bürgermeister Paul Schulze-Backes beginnt gerade.

Paul: Meine Damen und Herren, liebe Freunde. Ich freue mich, sie hier so zahlreich zu sehen. Wie sie wissen, ist gegen mich seit geraumer Zeit eine hässliche Rufmordkampagne von einem Journalisten, dessen Namen ich nicht in den Mund nehmen möchte und leider auch meiner eigenen Partei angezettelt worden, mit dem Ziel, mich mürbe zu machen und aus dem Amt zu verdrängen. Doch man beschädigt leider hauptsächlich das Amt des Bürgermeisters unserer Stadt und nicht so sehr mich persönlich.
Auditorium: Buh! Unverschämtheit. Unser Paul lebe hoch!
Paul: Mein Motto war von jeher ohne Wenn und Aber: „Versöhnen, statt Spalten!“ Aber hier hört der Spaß auf. Man bewirft mich dreist mit Schmutz aller Art, versucht mir was ans Zeug zu flicken, man will mich in die Knie zwingen, ich soll nur noch der Befehlsempfänger einer, meiner bisherigen Partei werden. Wollen sie das auch?
Auditorium: Niemals! Was bilden die sich ein! Macht sie fertig!
Paul: Wollen sie nur einen willfährigen Parteisoldaten als Bürgermeister oder einen, der unabhängig und für alle Bürger da ist?
Auditorium: Unseren Paul wollen wir! Paul wir unterstützen dich. Du bist unser Mann!
Paul: Wenn ihr mich wirklich weiter als Bürgermeister haben wollt, dann müssen wir gemeinsam einen Wahlkampf hinlegen, der nicht zu toppen ist. Das kostet Geld. Viel Geld. Wollt ihr den totalen Wahlkampf?
Auditorium: Ja, ja, ja!
Bott: Ich mache mal den Anfang, ich spendiere 30.000 Euro! Wer legt was drauf? Ich übernehme mal die Sammlung. Hugo, wie viel? 2.000. OK. Rolf, 500. Nimm & Nimm 8.000.
(Im Saal ist Stimmengewirr hörbar. Zahlen schwirren durch den Raum. 15.000, 2.000, 9.000, 200, 30.000 u.s.w.)

Bott: Ruhe bitte! Ich gebe das Endergebnis der spontanen Sammlung bekannt! Es sind 131.200 Euro heute Abend bis jetzt zusammengekommen. Es kann natürlich noch weiter für die Wiederwahl von unserem Paul gespendet werden. Heute ist ein guter Anfang gemacht. Ich danke allen im Namen der Stadt.
Paul: Ich danke ihnen allen für ihr Vertrauen in mich, trotz der hässlichen Rufmordkampagne. Es tut gut, aufrechte Menschen um mich zu wissen, die dem Bürgermeister menschlich verbunden sind und die sich aufopfern, das Gute siegen zu lassen. Wir sind die Guten! Die Kritiker und Miesmacher gönnen uns den Erfolg nicht. Doch Leistung muss sich wieder lohnen, auch für einen Bürgermeister! Wer mich wählt, wählt richtig. Wer mich nicht will, der wird keine Zukunft mehr in dieser Stadt haben dürfen. Machen wir die Kritiker ein für allemal fertig, kaufen wir nicht mehr dort, lassen wir uns von denen nicht mehr bedienen, zeigen wir ihnen, dass sie unerwünscht sind. Jagt sie aus der Stadt, die Nörgler, Freidenker, Intellektuellen und Kulturellen. Wir haben das Kapital und die Macht auf unserer Seite! Geld regiert eben mal die Welt. So einfach ist das. Zeigen wir ihnen, wer das Geld hat und wer folglich unsere Stadt regiert. Schluss mit dem miesen Sozialneid! Ende mit dem sozialen Schmusekurs, jetzt fördern wir volle Kanne ausschließlich die Wirtschaft in unserer Stadt. Liebe Geschäftsleute, werte Unternehmer, ich bin euer Mann!




Zwölftes Bild.
Im Amtszimmer des Bürgermeisters von Hinterwurmbach. Paul sitzt am Schreibtisch und studiert die Post. Der Informant aus dem Personalrat, Hans-Theodor Eitert kommt schnell herein.

Eitert: Hallo Paul! Hast du einen Moment Zeit. Die Personalratssitzung ist gerade vorbei.
Paul: Klar doch Hans-Theo, für dich immer…
Eitert: Also der Wiesbaden hat einen vertraulichen Brief an den Personalrat geschrieben. Der wirft doch tatsächlich dir und unserem Hinz eine grobe Verletzung der Fürsorgepflicht vor. Kannst du dir das vorstellen? Ihr hättet einen manipulierten Untersuchungsbericht in Sachen Kiesgrube mit leicht feststellbarer Personalzuordnung an die Presse gegeben. Er werde dadurch öffentlich als „Täter“ gehandelt. Ihr hättet ihn für vogelfrei erklärt. Da ist von Hausbesuchen, Einschusslöchern im Wohnzimmer und Handgranaten die Rede. Von echter Gefährdung. Er müsse sich und seine Familie schützen. Er werde ab sofort, auch im Rathaus, eine Pistole mit sich führen müssen. Er habe einen gültigen Waffenschein und so weiter.
Paul: Na, das ist doch prächtig. Läuft doch besser als erwartet. Der Wiesbaden schaufelt sich selber sein Grab. Versuche mal in Erfahrung zu bringen, ob er wirklich eine Schusswaffe im Rathaus mit sich führt. Dann werden wir unserer Fürsorgepflicht genüge tun und eine ernsthafte Gefährdung des Verwaltungspersonals und der Besucher feststellen. Der Wiesbaden ist außer sich und wird, wenn wir nicht einschreiten, Amok laufen.
Eitert: Meinst du das wirklich?
Paul: Ach wo denkst du hin? Der könnte doch nicht mal einer Fliege was zu Leide tun, der Waschlappen. Kein Killerinstinkt, das ist sein Problem. Ich kann diese intellektuellen Memmen vor Augen nicht mehr sehen. Wenn der Mumm in den Knochen gehabt hätte, wäre der längst an mir vorbeigezogen. Das Potential hat er ja, aber ihn steht immer sein Gewissen im Wege. Solche Typen werden es nie zu was bringen.
Eitert: Und was machen wir, wenn wir ihn mit einer Knarre hier im Haus erwischen?
Paul: Dann rufen wir den Amtsarzt und die Polizei und lassen ihn in Sicherheitsverwahrung abführen. Der ist eine ernste potentielle Gefahr für sich und andere. Stell dir vor, der Wiesbaden in der Irrenanstalt, und alle wissen es. Das wird ein Gaudi. Dann habe ich ihn endlich dort, wo ich ihn am liebsten sehe.




Dreizehntes Bild.
Im Amtszimmer des Bürgermeisters von Hinterwurmbach. Paul steht in der Ecke und spricht mit Hinz Waldzeck.

Paul: Der Kerl hat mich provoziert! Wieso kennt der mich so genau. Er wusste von meinem Bruder und dem Doppelspiel nicht nur im Rathaus hier. Er wusste, dass ich den alten Willi Dorn zum Schlammteich in der Kiesgrube geführt habe. Er wusste, dass ich mit seinem Sohn gemeinsame Sache mache und von ihm eine Million für das vorzeitige Erbe bekommen habe. Er zeigte mir tatsächlich ein Fax an mich, kannst du dir das vorstellen, in dem die genaue Kaufsumme der Stadthalle stand. Er hat mir auf den Kopf zugesagt, dass ich genau 100.000 Euro Schwarzgeld von den Türken über den Mittelsmann bekommen habe. Er kannte mein Verhältnis zu der Jugoslawin. Er hat mir sogar die Kontenverbindungen in der Schweiz und Luxemburg haarklein genüsslich aus dem Kopf aufsagen können. Der kannte selbst das Kennzeichen des belgischen Autos meines Freundes, mit dem ich das Bargeld regelmäßig über die Ardennen-Autobahn E25 nach Luxemburg geschafft habe. Der hatte mich voll in der Hand! Er hat mir Dokumente gezeigt, da wäre ich erledigt gewesen. Woher nur hatte der das alles? Als er auch noch von dem Wiesbaden anfing und mir Sachen vorhielt, die er gar nicht wissen konnte, die nicht mal der Wiesbaden weiß,, da wurde mir auf einmal eiskalt und ich wusste, der oder ich!.
Hinz: Aber du kannst ihn doch nicht vor den Mitarbeitern hier im Rathaus totschlagen. Du musst sofort weg. Lass alles stehen und liegen und hau ab. Ich werde die Polizei auf eine falsche Spur setzen, die muss jeden Augenblick hier sein. Nimm den Ausgang durch den Keller in die Behinderten-Garage. Beeil dich! Dann gewinnst du Zeit. Ich werde sagen, du bis über die Grenze abgehauen.
Paul: A…a… aber das war Totschlag im Affekt, nicht wahr? Das musst du unbedingt der Polizei sagen. Wenn der ausgepackt hätte, wäre es für uns gewiss schlimmer gekommen. Die schweigt jetzt für immer, die Sau! Hier die Dokumente, vernichte sie sobald du kannst!
Hinz: Aber musste es gerade der schwere Kerzenständer sein, den ich dir zum letzten Geburtstag geschenkt habe?
Paul: Der liegt so gut in der Hand und was anderes war grad nicht in der Nähe. Ein gezielter Schlag von hinten und die Sau ging butterweich zu Boden.
Hinz: Aber warum hast du noch weiter auf ihn eingeschlagen?
Paul: Der zappelte noch rum, der war nicht sofort tot. Nicht mal, nachdem die Schädeldecke laut und deutlich knackte. Das war eine Gefühl! Besser als zehn Orgasmen zugleich! Hätte ich den da nicht alle gemacht, der wäre noch als Zeuge im Rollstuhl angekommen, wie ich den kenne. Die Sorte Mensch gibt nicht auf, bevor sie nicht mausetot ist. So und nu´ ist erst mal Ruhe!
Hinz: Ich lasse sofort auch alle weiteren Beweismittel aus seinem Büro abholen. Gut, dass seine Sekretärin deine Geliebte ist, die tut ja für dich alles, ohne jede Ausnahme. Wie machst du das bloß, dass die Frauen dir immer gleich hörig sind. Ist es das Unschuldige, das Verlegene, das Geheimnisvolle, was du in deinem Blick hast? Du weckst im Vorbeigehen schon das Interesse, den unbändigen Beschützerinstinkt bei den Frauen? Ich muss immer ackern, um sie zufrieden zu stellen. Nu hau endlich ab!




Vierzehntes Bild.
Zu Hause im Wohnzimmer bei Familie Schulze-Backes

Paul: Mama, nun tu doch was! Die suchen mich überall nicht nur in Hinterwurmbach. Der Peter soll mich da raushauen. Am besten, wir sagen, es war ein Unfall. Oder besser, die Sozis waren es. Das hat bisher am besten geklappt, wenn man mir was wollte. Und die wollen mir alle was. Keinem kann man mehr trauen! Überall nur Feinde, die man vernichten muss, um selbst zu überleben. Ich bin doch dein Sohn. du kannst mich doch jetzt nicht hängen lassen.
Mutter: Ist es wahr, dass du deinen politischen Gegnern und allen anderen, die nicht deiner Meinung waren, immer direkt ohne jede Gnade hinterrücks an die Ehre und an die Existenz gegangen bist? Ist es wahr, dass du nicht eher geruht hast, bis sie seelisch und wirtschaftlich total ruiniert waren?
Paul: Aber Mama, die wollten doch alle mich ruinieren, mich töten! Was sollte ich machen! Es war immer nur Notwehr! Alle waren hinter mir her. Eine Rufmordkampagne nach der anderen gegen mich. Ich bin das Opfer! Ich bin der Gejagte, mich wollen sie scheitern sehen.
Mutter: Bist du wirklich total skrupellos? Habe ich dir das beigebracht?
Paul: Mama! Überall Feinde, keinen, auf den man sich verlassen kann. Sie kommen immer näher! Siehst du das nicht? Dein Paul ist in Gefahr!
Mutter: Paul!
Paul: Mama, wenn mir jetzt der Peter hilft, die Feinde abzuschütteln, werde ich dir zeigen, was in mir steckt. Ich bin so gut! Du wirst stolz auf mich sein.
Mutter: Ja Paulchen, ist schon gut. Mama regelt das für dich. Wir werden mit Peter zur Polizei gehen.
Paul: Nein Mama, bitte nicht! Nicht die Polizei! Bitte! Bitte!
Mutter: Paulchen beruhige dich. Wir gehen mit Peter zur Polizei, gestehen, dass Peter sich jahrelang neben dir auch als Paul ausgegeben hat, mit dir gemeinsam das Rathaus geleitet hat.
Paul: Aber wozu? Was soll das jetzt noch helfen? Die werden mich sofort verhaften!
Mutter: Niemand wird dir was tun. Lass mich das mal machen. Ich sage als Mutter aus, dass einer meiner beiden Söhne den Mord begangen hat.
Paul: Aber wozu?
Mutter: Still Paulchen, ich muss mich konzentrieren.
Paul: Aber wozu?
Mutter: Also ich sage als Mutter aus, dass einer meiner beiden Söhne den Mord begangen hat.
Paul: Aber wozu? Die werden mich verhaften!
Mutter: Also noch mal, ich sage aus und ihr schweigt!
Paul: Das verstehe ich nicht. Warum lieferst gerade du mich ans Messer!
Mutter: Paul hilf mir doch mal, du hast doch Jura studiert. Wie war das doch gleich? Gegen sich selbst braucht man nicht auszusagen, man muss sich nicht belasten, man darf als Angeklagter sogar lügen. Oder?
Paul: Das verstehe ich nicht.
Mutter: Und gegen einen Verwandten, hier sogar den eigenen Bruder braucht man auch nicht auszusagen. Da hat man – wie hat das Peter immer genannt – ein Zeugnisverweigerungsrecht. Stimmts?
Paul: Ja, ja! Aber wozu das alles?
Mutter: Ist doch ganz einfach. Man hat dich gesehen, wie du den Pressemann eigenhändig erschlagen hast. Da gibt es mehr als zwanzig Zeugen. Da hilft kein leugnen. Die DNA kann euch nicht überführen, ihre seit Eineiige Zwillinge. Hast du, wie sonst immer, Handschuhe getragen. Also keine verwertbaren Spuren, nur ein paar nutzlose Augenzeugen.
Paul: Ja Mama, aber die werden gegen mich aussagen.
Mutter: Niemand wird gegen dich aussagen. Nur gegen Paul.
Paul: Aber ich bin doch dein Paul.
Mutter: Ja Paul, du bist und bleibst mein Paulchen. Ich bin deine Mutter. Ich werde dich immer beschützen.
Paul: Aber warum soll ich dann zur Polizei?
Mutter: Jetzt beruhige dich und höre mir ganz genau zu. Die haben keine Spuren, aber mehr als eine Hand voll Augenzeugen. Die wissen, der Paul war das. Das können sie auch vor Gericht beweisen. Bis hierhin verstanden?
Paul: Ja Mama.
Mutter: Aber wer ist der Paul. Bist du das oder ist das der Peter? Über Jahre hat euch keiner, nicht einmal die engsten Freunde auseinander halten können. Wie sollen es die Augenzeugen können, zumal im dunklen . Wenn Peter und du zu Protokoll geben, dass ihr euch seit Jahren den Job als Bürgermeister geteilt habt, und schon früher in Über/All und davor auf der Uni und in der Schule, dann müssen die beweisen, wer von euch den Mord begangen hat. Keiner von euch braucht gegen sich oder seinen Bruder auszusagen.
Paul: Mama, du bist genial. Und dann wird das Verfahren wegen Mangels an Beweisen eingestellt. Im Zweifel für den Angeklagten! Hurra! Warum hast du nicht Jura studiert, Mama, du bist so unendlich schlau!
Mutter: Ich werde den Ermittlungsbehörden als Deal vorschlagen, dass Paul aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr als Bürgermeister kandidiert. Sie stellen aus Mangel an Beweisen die Ermittlungen ein. So bist du gerettet und die Staatsanwaltschaft erspart sich eine Blamage der besonderen Art.
Paul: Aber Mama. Das ist doch mein Leben!
Mutter: Still! Wenn du da noch mal mit einem blauen Auge davonkommst, weil dein Bruder es auf sich nimmt, für den Rest seines Lebens ebenfalls als möglicher Mörder zu gelten, dann hast du gefälligst den Bürgermeister aufzugeben. Werde Anwalt so gut du kannst und halte dich aus der Politik raus. Das hat dir nicht gut getan. Du siehst doch selbst wohin dich die Politik getrieben hat. Such dir einen jungen aufstrebenden Anwaltskollegen, der Biss hat, der die Arbeit macht und du lass deine Kontakte spielen. Du selbst brauchst ja gar nicht so viel vom Recht verstehen, dazu hast du ja dann den anderen. Pflege deine Kontakte und lass den lieben Gott einen guten Mann sein. Es wird dir gut tun, mal nicht immer im Mittelpunkt zu stehen, es wird dir gut tun, etwas bescheidener aufzutreten. Du wirst sehen, es ist gar nicht so schwer, die Mitmenschen zu respektieren und ihnen zu vertrauen. Wenn du erst einmal ein Mensch bist, werden dir die anderen auch menschlicher begegnen. Es ist wie bei einem Spiegel, dein Spiegelbild zeigt dir genau, was du gerade tust. Du wolltest immer nur die Zunge rausstrecken und wurdest böse, wenn dir dein Spiegelbild nicht im gleichen Augenblick bewundernd ein lächelndes Gesicht zeigte.
Paul: Mama, alle wollen mir was. Die wollen mich töten! Glaub mir doch, Mamma! Wie soll ich da wem auch immer vertrauen?
Mutter: Still Paulchen! Wenn du jetzt rechtzeitig mit dem Hinweis auf deine gesundheitliche Verfassung die Ambitionen auf eine Wiederwahl aufgibst, glaube mir, die sind in Hinterwurmbach auch Dank deines langjährigen Einflusses so kulturlos, die versüßen dir – wenn ich das in die Wege leite - gar noch den Abschied aus dem Amt des Lokalfürsten mit einem „großen Zapfenstreich“, der sonst nur dem Bundespräsidenten, dem Bundeskanzler und dem Verteidigungsminister als höchstes militärisches Zeremoniell der Bundeswehr in unserer Republik zusteht. Was willst du mehr?
Paul: Das hört sich gut an, ja das will ich!  Und dann lasse ich „My Way" von Frank Sinatra spielen. Der war immer mein Vorbild, vor allem mit seinen Verbindungen zur Cosa Nostra! Der ist immer seinen Weg gegangen. 
Mutter: Du wirst sehen, das neue, dir noch einmal geschenktes Leben wird dir gefallen. Du kannst all die Kontakte in der Stadt spielen lassen und alle werden zu dir laufen, um sich in Rechtsfragen vertreten zu lassen. Du kannst die Pension deiner langjährigen aufopferungsvollen Tätigkeit für das Wohl der Stadt einstreichen und noch eine Menge dazuverdienen. In der freien Wirtschaft lässt es sich gut leben, insbesondere nach einem öffentlichen Amt mit der üppigen Versorgung im Rücken.
Paul: Und so lange ich noch der Geschäftsführer des kommunalen Gründerzentrums bin, kann ich mit mir selbst den günstigsten Mietvertrag aller Zeiten aushandeln. Das habe ich ja auch für meinen Freund getan, der den Bistro im Gründerzentrum beinahe geschenkt bekommen hat. Warum soll ich mich da schlechter stellen? Das mit der Hochschule im Gründerzentrum, was ich zur Chefsache gemacht hatte,  war ja ohnehin nur ein Werbegag vor meiner geplanten Wiederwahl. Das war ja ohnehin zum Scheitern verurteilt. Daran werden sich die Menschen schon in ein paar Wochen nicht mehr erinnern. Und wenn, dann nur so, dass ich mit meiner Rechtsanwaltskanzlei dann dort sitzen werde, wo eine Hochschule hinsollte. Das schmeichelt mir und gibt akademischen Glanz.
Mutter: Paul, bleib auf dem Teppich. Du weißt doch was für ein kleines Licht du in Wirklichkeit bist! Fang nicht schon wieder an, etwas vorgeben zu wollen, was du mit deinem bescheidenen Verstand niemals einlösen kannst…



Im zweiten Teil der Trilogie zeigt sich, dass der Journalist, genannt der Kaugummi, mehr am Leben hängt, als am Tage der Tat allgemein erwartet wurde. Als Mordopfer wurde er in die Pathologie des städtischen Krankenhauses gebracht. Nur durch Zufall wurde bei der notwendigen Identifizierung der Person durch seine Frau im Kühlhaus entdeckt, dass er noch am Leben war. In der Folge lag er Monate lang im Koma. Dass es eine Art Wachkoma war, wurde aber im Krankenhaus nicht erkannt. Die bedeutenden Bürger der Stadt - und vor allem die, die sich dafür hielten - ließen es sich nicht nehmen, regelmäßig den armen Teufel im Krankenhaus zu besuchen. „Das gebietet der Anstand", hieß es allgemein und meist wohl eher gönnerhaft. Viele falsche Tränen wurden am Krankenbett vergossen, die Vergangenheit in alles Facetten wachgerufen und auch Lebensbeichten abgelegt.
Plötzlich erwacht der Journalist aus dem Koma. Als quasi neugeborenes Mitglied jener Gesellschaft von Hinterwurmbach fühlt er sich fortan dort absolut unwohl. Da durch das lange Koma offenbar im Sprachzentrum geschädigt scheint, wandelt er sprachlos durch die Stadt, sprachlos auf Gund der vielen unerträglichen Einzelheiten, die er sich wehrlos anhören musste. Sprachlos also im doppelten Sinne des Wortes.
Er schreibt nur noch eine Zeile in Anlehnung an Harpe Kerkeling: „Ich bin dann mal weg!" und tatsächlich macht er sich für die Hinterwurmbacher völlig unerwartet und unverstanden auf den weiten Weg nach und quer durch Asien, studiert die Menschen dort und die unterschiedlichsten Religionen. Er erfährt andere Weltansichten, lässt sich auf andere Kulturen und Mentalitäten ein und findet schließlich sich selbst dort wieder, wo er sich nicht gesucht hatte. Nachdem er in einem Buddhistischen Kloster letztlich völlig losgelassen hat, ist der befreit und ruht endlich wieder ganz in sich selbst.
Neugeboren als lächelnder Rebell lässt er sich - weise geworden und zurückgekehrt von der langen Pilgerreise - wieder auf Hinterwurmbach ein. Von den Freunden wie Sympathisanten sehnlich erwartet und von den anderen respektvoll als gefährlich-intelligent betitelt, weist der Journalist nur überhaupt keine Merkmale mehr eines Kaugummis auf. Er hängt weder am Lob, Ruhm oder gar Leben, nein, er tut, was er tuen muss, unbeirrt, gradlinig, aufrichtig, bescheiden...

Anmerkungen von Hartmut Urban zur Kurzgeschichte:

An die fleißigen Leserinnen und Leser meines ersten Beitrages unter
e-stories.de

Haben Sie herzlichen Dank für die überwältigende positive Resonanz,
was sich sowohl an Hand der persönlichen e-mails an mich wie an
den bisherigen Leserzahlen in nur einem Monat (über 3.100 Leser
vom 14.Juni bis 13. Juli 2010) widerspiegelt.
Dies ist Ansporn für mich, den 2. Teil, der in Arbeit ist, ebenso
spannend wie unvorhersehbar fertig zu stellen.

Nochmals herzlichen Dank,
Ihr
Hartmut Urban




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Die Geschichte wurde auf Wunsch von Hartmut Urban auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.06.2010. - Infos zum Urheberrecht




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