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Peter Schönau

Jenseits von Boston

 

“Die Tageshöchsttemperaturen erreichen Werte von über dreißig Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit beträgt maximal 91% - und Ihre Haut wird sich wieder klebrig anfühlen, als schwitzten Ihre Poren Ahornsirup aus”, erklärt der Wetterprophet von ABC fröhlich.

 

Beverly ist ein Sommerort 25 Meilen nordwestlich von Boston an der Atlantikküste. Bei Ebbe stehen bewegungslos einige Fischreiher im grauen Schlick und halten nach Beute Ausschau, und aus dem grünen Vorland treten die Priele wie geschwollene Adern hervor. Das einzig Bemerkenswerte sind der Pub in North Beverly, er heißt “Commodore” und ist dem Restaurant gleichen Namens angeschlossen, das ganz anständige Seafoodgerichte auf seiner Speisekarte hat, wenn es auch keinen Stern im Michelin verdient und im neuesten “Zagat Survey” nicht erwähnt wird. Am Wochenende spielen im Pub irische Folkloremusiker und erinnern den Fremden daran, daß er sich im englischsten aller Neuenglandstaaten befindet, in Massachusetts. Aber ich sprach von den bemerkenswerten Dingen in der Mehrzahl, und richtig: bemerkens-, weil sehenswert, sind die zwei Feuerlöschzüge, die in der offenen Halle der Ortsfeuerwehr stehen: eine Symphonie aus blinkendem Chrom und rotem Lack. Man sieht förmlich die tapferen Feuerwehrleute, wie sie auf den Trittbrettern vorn und hinten stehen, an die Steigleiter geklammert, und sich in die Kurve legen, wenn sie unter ohrenbetäubendem Klingeln mit quietschenden Reifen durch Beverly rasen und dann zu zweit rhythmisch den Schwengel der Handpumpe hoch- und niederdrücken, um einen Brand in einem Haus in der Main Street zu bekämpfen. Hier ist Heldentum noch persönlich greifbar und kein Anhängsel der Technik. Weil es ihnen im täglichen Dienst an Action fehlte, sprachen die Feuerwehrleute in Danvers ihrem Chef vor kurzem das Mißtrauen aus: Ihm mangele es an Führungsqualitäten, sprich, die Brände waren in diesem Sommer bisher ausgeblieben.

 

Abends gehe ich zu “Papa Gino's”, wo es vor allen Dingen billige Pizzen zum Mitnehmen und zum “In”-Verzehr gibt, ergänzt durch große Pappbecher mit Coke, Limonade oder Eistee. Man bezahlt im voraus und wartet darauf, daß die Nummer auf dem Kassenbon aufgerufen wird. Gegessen wird umweltfreundlich: ohne Bestecke.

 

Der Pendlerzug der AMTRAK hat etwas von der Gemütlichkeit der schwäbischen Eisenbahn behalten. Zu den Haltestellen heißt es unter Punkt f: Bedarfshaltestelle und Aufnahme von Fahrgästen, wenn diese für den Maschinisten sichtbar auf dem Bahnsteig stehen.

 

Dafür, daß in Beverly auch wirklich nichts verborgen bleibt, sorgt außer dem Klatsch, der von Nachbar zu Nachbar getragen wird, die “Beverly Times”, die in ihrer Rubrik “Aus dem Gericht” unter voller Nennung von Namen und Adresse der Angeschuldigten über jeden Hühnerdieb berichtet, einschließlich des Urteils und des Strafmaßes. Wir erfahren dadurch, daß Barbara Cook, 23, aus Beverly, bei Rot über die Kreuzung gefahren ist und dafür zur Zahlung eines Bußgeldes von 50 Dollar verurteilt wurde und daß Joe Santo, 18, auch aus Beverly, angehalten wurde, als er Spirituosen in seinem Fahrzeug transportierte, und ebenfalls zu einer Geldstrafe von 50 Dollar verurteilt wurde.

 

Im Drugstore kaufe ich ein Spray gegen die Mücken. Günstige Brutbedingungen, ein warmer Frühling, haben sie in Wassernähe zu einer Plage gemacht. Die Countybehörden standen deswegen vor dem Problem festzustellen, ob das Mückenaufkommen in diesem Jahr wirklich größer war als im letzten Jahr, um den Haushaltsansatz von 100.000 Dollar für die Mückenbekämpfung nötigenfalls aufzustocken. Es wurde also jemand gesucht, der sich freiwillig von den Mücken stechen ließ und gleichzeitig die Bißhäufigkeit registrierte. Als Spitzenwert wurden mehr als 50 Bisse in der Minute gezählt, was erheblich über den Durchschnittswerten der letzten Jahre lag, wie das “Opfer” den “Evening News” stolz berichtete.

 

Lunch Time im Sports Pub in Waltham, einem Suburb von Boston. Zwei Fernsehgeräte sind eingeschaltet. In einem Programm wird eine Middle Class-Seifenoper aufgewärmt. Auf dem anderen flimmert alle fünf Minuten eine Ziehung von “Keno” über den Bildschirm. “Keno” ist amerikanisches Lotto. Aber die Ziehung erfolgt nicht nur ein- oder zweimal pro Woche, sondern alle fünf Minuten: next draw at 2.00 p.m. Höchstgewinn eine Million Dollar. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen von Gästen, die ihren Lottoschein abgeben, und alle fünf Minuten kann man am Bildschirm ablesen, ob die Tretmühle im Büro oder in der Fabrik morgen früh ein Ende hat oder nicht. Jim, der Mann hinter dem Tresen, trägt an beiden Handgelenken rote “Ärmelschoner”, und der Umfang seines Brustkorbs läßt mich auf eine Vergangenheit als Footballprofi tippen. Jim hat alles im Griff. Er füllt mit nachtwandlerischer Sicherheit verschiedenfarbige Flüssigkeiten in Becher und Gläser und schüttelt sie zurecht. Bis das Telefon klingelt. Anscheinend ist seine bessere Hälfte am Apparat, und Erfreuliches hat sie ihm, seinem Gesichtsausdruck und der Lautstärke ihrer Stimme nach zu urteilen, auch nicht zu sagen. Zuerst hält Jim den Hörer in respektvoller Entfernung - schließlich bohrt er ihn kurz entschlossen in den mit Eiswürfeln gefüllten Eimer, der auf dem Tresen steht. Er grinst mich an: “Now she can cool down her heels - jetzt kann sie sich abregen”, sagt er und schüttelt beidhändig eine weiße und eine rote Flüssigkeit in ein halb mit Eis gefülltes Glas.

 

Vor meinem Motel spielen zwei Halbwüchsige gegen die untergehende Sonne Pitcher und Catcher. Zu den Nikes tragen sie kurz über den Knien abgeschnittene schwarze Shorts und helle Sweatshirts. Ihre unfertigen Gesichter halten etwas von jener Unbekümmertheit fest, die immer schnell zur Tagesordnung übergeht und nur das Heute kennt - aber sie hat Amerika groß gemacht.

 

Ich liege in einem chinesischen Mondbett und träume von Clippern, die Tee und Reis aus China brachten und Rennen um das Blaue Band segelten, von den Walfängern auf der Jagd nach dem “right whale”, den großen “Entrepreneurs”, deren Ölporträts im Peabody-Museum hängen, und den größten Schonern, die jemals vom Stapel gelaufen sind, Sechs- und sogar Siebenmaster, und von Salem nach Indien und China segelten. Bis bedrohlich nah vor meinen Augen das freundliche Gesicht des AMTRAK-Schaffners mit seinem schwarzen Käppi und dem gelbblinkenden Messingschild daran auftaucht, der mir durch eine Flüstertüte aus der Haut des Penis eines Wals zuruft: “Next stop, North Beverly!”

 

 




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Die Geschichte wurde auf Wunsch von Peter Schönau auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.01.2011. - Infos zum Urheberrecht




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