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Peter Schönau

Brief aus Buenos Aires

 

Seit Freitag letzter Woche bin ich wieder in Buenos Aires - und obwohl seit meinem Weggang im Juli 2010 eineinhalb Jahre verstrichen sind, habe ich das Gefühl, daß sich nichts geändert hat: ich grüße die gleichen Leute, die Frau in der Wäscherei, den Änderungsschneider an der Ecke, die Kellner in den Restaurants, die mich freudestrahlend wiedererkennen, den Hausmeister, der sagt: "Sie haben ja gesagt, daß Sie zurückkehren würden", ich belege im Café den gleichen Tisch wie früher und treffe auf die gleichen alten Bekannten, mein Nachbar in der Wohnung nebenan hat noch immer den gleichen Job, und auch seine tägliche Routine ist die gleiche geblieben. Allerdings ist seitdem alles um mindestens 50% teurer geworden, dank der von der Regierung gegen alle anderslautenden Berichte mit Chuzpe als im einstelligen Bereich liegend (dabei beträgt sie in Wirklichkeit ca. 22-23%) behaupteten Inflation.

Ich fühle mich an die "Verlorene Zeit" von Marcel Proust erinnert. Eigentlich könnte ich die letzten eineinhalb Jahre in meinem Gedächtnis streichen, wenn ich hiergeblieben wäre. Müßte ich sie, das ist die Idee in "Zeitbeben" von Kurt Vonnegut, wiederholen, würde ich sie in Lichtgeschwindigkeit hinter mich lassen. Man könnte sie aus meinem Leben streichen.

Oder man müßte sich die Vergangenheit als Foto schicken lassen können - bei Nichtgefallen garantiertes Rückgaberecht.

 

Was bedeutet das? Selbst die Zeit ist relativ. Sie ist, wie Einsteins Relativitätstheorie, abhängig vom Standort des Beobachters: Sitze ich in einem stehenden Zug, registriere ich einen fahrenden Zug als solchen. Wenn aber auch der Zug, in dem ich sitze, fährt, registriere ich den Zug, der schneller fährt, als fahrenden Zug; sind beide Züge gleich schnell, bewegt sich keiner.

Man kann sehr viel Zeit durch Stillstand verlieren, deswegen habe ich mich immer bemüht, nie stillzustehen.

Auch die tägliche Realität von Buenos Aires hat mich schnell eingeholt. Die Temperaturen zwischen 35 und 40°C beklage ich nicht, wohl aber, daß wir seit gestern nachmittag bis heute nachmittag ohne Strom waren (ziemlich genau 25 Std.).

Dafür ist das übliche Verkehrschaos geringer als sonst, weil es die Porteños im Januar an die Küste zieht, um der Hitze in der Betonwüste von Buenos Aires zu entgehen.

Und man muß die Bemühungen der Stadt für die Radfahrer anerkennen: Auf einigen Hauptstraßen existieren jetzt besonders gekennzeichnete Fahrradwege.

Und daß Regierung lügt, daß sich die Balken biegen, ist nichts Neues und solange erträglich, solange die Presse dies kritisiert. Was sie noch tut; die Frage ist, wie lange sie diese Freiheit noch haben wird.

Trotzdem fasziniert mich diese Stadt, ihre kulturelle Vielfalt, ihr großes gastronomisches Angebot, ihre architektonischen Stilwechsel – jeder Stadtteil hat ein anderes Gesicht.

Ich liebe ihre schwülen, feuchten Sommernächte, ihre Straßen, die sich mit jungen Menschen füllen, bis zum Morgengrauen – diese Stadt ist eine junge Stadt.

André Malraux hat gesagt: Das ist die Hauptstadt eines Imperiums, aber wo ist das Imperium?

Und Ortega y Gasset hat behauptet, den Menschen in diesem Land mangle es an Verantwortungsbewußtsein, sie seien egozentrisch, und jeder sähe in sich den Nabel der Welt.

Jeder von ihnen hat Recht, auf seine Weise.

Dieses Land leidet an einer unheilbaren Krankheit, alle sind Opfer: Der Korruption, die sich wie ein Krebsgeschwür im gesellschaftlichen Korpus ausbreitet und den öffentlichen wie privaten Sektor gleichermaßen erfaßt, einer Paranoia, die in jedem Gestus der internationalen Gemeinschaft eine Verschwörung gegen ihr Land wittert und zu einer Wagenburgmentalität der herrschenden Klasse führt, und letztendlich eines tief verankerten Mißtrauens, durch das jeder im anderen nicht seinen Nächsten sondern seinen Feind sieht, der ihm nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt.

In dieser Situation zerbricht die Gesellschaft in viele Einzelgruppen, deren gemeinsamer Nenner nicht das allgemeine Wohlergehen sondern nur das individuelle Überleben ist.

 




Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diese Geschichte liegen beim Autor (Peter Schönau).
Die Geschichte wurde auf Wunsch von Peter Schönau auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.01.2012. - Infos zum Urheberrecht




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