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Aus der Kategorie „Reiseberichte Argentinien“:

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Peter Schönau

Tango, Bier und Empanadas

 

 Buenos Aires - vor der Krise ist nach der Krise

 

DER NEUE ARGENTINISCHE TANGO IST VOR ALLEM JUNG UND HAT DAS BANDONEON WIEDERENTDECKT

 

habe ich irgendwo gelesen.

 

DIE ENKELGENERATION: die Gruppe "Los que vendrán" - DIE DA KOMMEN WERDEN -  und von der Gefahr, eine Torte zu backen, die nur dir selbst schmeckt.

 

Es ist eine heiße Sommernacht in Buenos Aires, im Amphitheater "Evita Perón" des Parque Centenario, eine der großen grünen Lungen der Stadt, mit einem künstlichen See, Spielplätzen, Karussells, und einer Stenwarte - ein beliebter Ausflugsort der Porteños, besonders an einem heißen und schwülen Wochenende.

Scheinwerfer tauchen die Bühne in gleißendes Licht, das Halbrund der Zuschauerränge füllt sich allmählich - der Eintritt ist kostenlos.

Das Amphitheater brannte 1955 ab und wurde erst 2009 wieder eröffnet. Heute ist es Schauplatz für ein Konzert der Gruppe "Los que vendrán". Eine Tangoformation, mit dem Untertitel "Bandeonistas sub 23". Das ist ihr eigentliches Markenzeichen. Alle Mitglieder der Gruppe sind unter 23 Jahre alt, und alle lieben das Bandoneon, ein Instrument, das eigentlich eine deutsche Erfindung ist und eine Weiterentwicklung der Konzertina darstellt. Die Gruppe besteht aus 7 Bandoneonisten. Der jüngste, Renato Venturini, stammt aus der kleinen Provinz Formosa und ist Jahrgang 1990. Er begann den Musikunterricht als er gerade sieben Jahre alt war, und spezialisierte sich ein Jahr später auf das Bandoneon. Trotz ihres jugendlichen Alters können fast alle schon auf eine bewegte Karriere zurückblicken. Sie spielen ihre Musik nicht nur in Argentinien, sondern sind auf einer Vielzahl von Tourneen als Mitglied verschiedener Tangoorchester schon in Europa und selbst in Japan und China aufgetreten. Sie stammen aus den verschiedensten Provinzen des Landes und haben einen unterschiedlichen Werdegang. Aber alle vereint der gleiche Ehrgeiz: Etwas Neues zu machen, ausgefahrene Wege zu verlassen.

Marco Antonio Fernández, dessen Familie aus der Provinz Misiones, im Norden Argentiniens, Zu Hause ist und dessen Musik stark folkloristisch gefärbt ist, hat es in einem Interview so zusammengefaßt: Etwas Neues machen mit den Mitteln, die man hat. Man verknüpft mit der Musik Erwartungen, aber nicht immer gefällt den Leuten, was dir selbst gefällt. Es besteht die Gefahr, daß du eine Torte backst, die nur dir selbst schmeckt. Doch mir gefällt es, etwas Neues anzupacken, Ideen zu entwickeln. Ich höre zu und will gehört werden, das ist mein Wunsch.

Es ist spät geworden. Auf der Avenida Corrientes frage ich den Besitzer des Zeitungskiosks, der gerade schließen will, nach dem kürzesten Weg zur U-Bahnstation Angel Gallardo. Er merkt, daß ich Ausländer bin und fängt mit mir eine Diskussion über die Krise an, an der in seinen Augen vor allem die Amerikaner (sie sind sowieso für fast alle Übel auf dieser Welt verantwortlich) und die Europäer schuld sind. Leider trifft die Krise zunehmend auch die Schwellenländer. Er hebt beschwörend die Hände und formt damit einen Kreis. Die Globalisierung, das ist ein System der kommunizierenden Röhren. Deswegen trifft die Krise auch uns. Ich frage mich, woher seine Kenntnisse der Physik stammen. Dann preist er den dritten Weg Argentiniens und lobt Christina Fernández de Kirchner, die Präsidentin, in den höchsten Tönen.

"In den letzten Jahren haben wir chinesische Wachstumsraten gehabt."

"Und die Inflation?" frage ich.

Er macht ein Gesicht wie der Patient, dem gerade ein Zahn gezogen wurde.

"Lüge, und wenn es stimmt, dann wird sie von denen geschürt, die ihr Vermögen ins Ausland tragen."

"Und die Korruption?" frage ich.

"Woher kommen Sie?"

"Aus Deutschland," sage ich.

Er nickt.

"Gibt es in Deutschland etwa keine Korruption?"

Wir trennen uns trotz unserer weltanschaulichen Differenzen mit einem freundschaftlichen Schulterklopfen. Man könnte es fast einen "abrazo" nennen.

Mittlerweile ist es beinahe 23.00 Uhr, wie mir ein Blick auf meine Armbanduhr zeigt, was bedeutet, daß keine U-Bahn mehr fährt. Deswegen beschließe ich, in der Avenida Diaz Vélez bei "Mario" noch ein Bier zu trinken.

Mario beton jedes Mal, wenn wir uns sehen, wie gut er es getroffen hat, daß er außer der argentinischen auch noch die italienische Staatsbürgerschaft hat.

Es ist Wochenende, die Tische auf dem Bürgersteig sind alle besetzt.

Ich trinke genüßlich mein eiskaltes Stella Artois und esse dazu einige knusprige Empanadas.

"Krise?"

Mario weist auf die vollen Tische.

"Bei mir nicht."




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Die Geschichte wurde auf Wunsch von Peter Schönau auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.07.2012. - Infos zum Urheberrecht




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