Marc Schmidt

Pulsader der Moderne

„Der moderne Mensch hat ein neues Laster gefunden: die Schnelligkeit.“
- Aldous Huxley -


Diese Jungs hatten das schnellste Internet der Stadt und sie saugten alles, was in Reichweite ihrer downloadwütigen Klickfinger geriet. Sie bewegten sich im Highspeed-WLAN bei unbegrenztem Tempolimit auf den mobilen Datenautobahnen, verschickten in ihrem Intranet Datenpakete in unüberschaubarer Anzahl durch ihre leuchtenden Glasfaserkabel. Stromkabel, dick wie Unterarme, schlängelten sich durch die Flure wie Adern eines lebenden Organismus. Der Puls der Moderne ist atemberaubend hoch, aber in diesen Räumlichkeiten schlug das Herz besonders schnell.
 
Ich war nur kurz in ihrer nach Elektrosmog riechenden abgedunkelten Höhle, fühlte mich aber in jeder Sekunde unwillkommen. Als ich durch ihre Reihen schritt, starrten sie mich flüchtig durch ihre verspiegelten Sonnenbrillen an, die ihre verkümmerten Augen vor dem grellen Bildschirmlicht schützten. Meine Augen waren schnell überfordert. Permanente Reizüberflutung. An den Wänden flimmerten visuelle Eindrücke über hochauflösende Flachbildschirme; Anzeigen leuchteten in hellem Giftgrün; Tower strahlten in kaltem und rotierendem Blau; überall blitzten rote Punkte auf. Die Geräuschkulisse war trügerisch. Die Kühlungs- und Lüftungssysteme surrten leise und beruhigend, aber ab und an prasselten Tippgeräusche wie Gewehrsalven auf mich ein.
Je tiefer ich in ihr Heiligtum eindrang, desto feindseliger begegnete man mir. Sie hörten sogar mit dem Tippen auf, als ich an ihnen vorbeischritt. Einige zogen ihre Headsets von den Ohren, erhoben sich und folgten mir wie stumme Schatten, was mich zunächst irritierte, dann etwas nervös machte.
 
Ich lief stur weiter, widerstand der Versuchung, mich nach ihnen umzudrehen. Plötzlich näherten sich mir vier von ihnen aus der vor mir liegenden Dunkelheit und stellten sich mir mit ihren schwächlichen, vom ewigen Sitzen verkümmerten Muskeln und ihrer bleichen Vampirhaut in den Weg.
Ich seufzte, wollte das alles eigentlich nicht. Ich machte einen schnellen Schritt auf sie zu und sie stoben auseinander wie eine Herde nervöser Schafe. Anschließend wurden sie von der Masse einverleibt, die weiterhin beharrlich hinter mir her trottete.
Ich eilte weiter, hastete um eine Ecke und wäre beinahe mit einem jungen Kerl zusammengestoßen, der gerade einen Karton voller Energydrinks vor seiner Nase balancierte. Er setzte zu einer Entschuldigung an, doch als er mich genauer betrachtete, brach er ab und blickte mich mit panisch aufgerissenen Augen an. Er rannte davon, als hätte er einen Geist gesehen.
Der Gang verlief leicht schräg nach unten. Die Kabel wurden dicker, die Geräusche der Maschinen lauter. Da hinten mussten sie sein. Ich tastete in meinen Taschen herum und wurde ruhiger als ich das vertraute Metall erfühlte, spielte ein wenig damit herum.
Hier unten war es deutlich wärmer. Ich hörte ihre trippelnden, mich verfolgenden Füße und ihr von der ungewohnten Bewegung schnelles Atmen. Irgendwie taten sie mir Leid. Sie hingen am Netz wie Spinnen und ich war ein ungewollter Eindringling in ihr Reich.

Als ich die Generatoren erreichte, wurde ich bereits erwartet. Weitere Typen standen steif herum und starrten mich bestürzt an. Ich stoppte abrupt. Meine Verfolger ebenso. Räuspernd strich ich meinen Overall glatt und sagte:
»Guten Tag, die Herren. Wie Sie sehen können, bin ich im Auftrag der Elektrizitätswerke hier. Sie ahnen bestimmt den Grund...«
Betretenes Schweigen.
»Trotz der Mahnung...«, ich fixierte ein besonders verloren wirkendes Gesicht, »haben Sie erneut unser Netz illegal angezapft. Stellen Sie sich doch mal vor, es käme zu einer Überlastung!«
Sie sogen scharf die Luft ein. Keiner sprach.
»Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir Ihnen den Strom abstellen müssen. Des Weiteren muss ich Sie darauf hinweisen, dass wir rechtliche Schritte gegen Sie einleiten werden und Sie auf keinen Fall versuchen sollten, erneut Strom zu klauen…«
Ich ging auf die Generatoren zu und spürte einen leichten Druck an meinem Oberarm. Spindeldürre Finger bohrten sich in mein Fleisch, erst zaghaft, dann fest bittend.
»Wir brauchen den Strom. Bitte...«, wurde mir zugehaucht. Der junge Mann war den Tränen nahe.
Ich hatte wirklich Mitleid mit ihnen. Sie standen da wie kleine Jungen, die wegen einem dummen Streich zum Rektor zitiert worden waren und nun angstschlotternd auf ihr Urteil warteten.
»Ich mache nur meinen Job, sorry«, sagte ich schwach und drehte ihnen den Saft ab.
Sie stöhnten leicht auf und zogen sich in die Schatten zurück.
Der pulsierende Herzschlag wurde immer schwächer.
Plötzlich stand ich in vollkommener Dunkelheit.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

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