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Ernst Dr. Woll

Nachweihnachtliche Betrachtungen

"Wenn wir unsere Art und unser Katzenwesen erhalten wollen, dann brauchen wir neue Strategien", sagte eine erfahrene Katze, die seit mehr als 2 Jahren in einer größeren Stadt ohne festen Wohnsitz lebte. "Deshalb  will ich meine bisherigen Erfahrungen darstellen, um den Menschen auch zu zeigen, wie wir gemeinsam Mittel und Wege für ein harmonisches Miteinander finden könnten", fährt sie fort. "In meinem Bericht muss ich etwas weiter ausholen und damit beginnen, als ich Weihnachten vor 3 Jahren  im Alter von etwa 6 Monaten unter einen Tannenbaum gesetzt wurde und der lebende Mittelpunkt der ansonst toten Geschenke war. Mich interessierte schon das neben mir liegende Kuscheltier, es war aus Stoff und sollte figürlich einen Hund darstellen, obwohl es gar nicht danach roch. Die Düfte dieser Tiere hatte ich noch von meinem
 Tierheimaufenthalt, wo ich auch geboren wurde, in der Nase. Ja, wenn ich meinen Lebenslauf schreiben wollte würde der im Tierheim beginnen. Jedoch will ich nur kurz andeuten, dass damals die 2 Menschen,  die nun in diesem weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer ständig mit ihren beiden Kindern schwadronieren, mich etwa einen oder waren es zwei Tage vor Weinachten, von meinen Geschwistern trennten, mich in eine kleine Kiste sperrten und hierher in den Keller dieser Wohnung brachten. Ich füge diesen Zwischenfall noch ein, weil er typisch für den Umgang der Menschen mit uns Tieren ist. Vor längerer Zeit hörte ich, dass in Deutschland ein Gesetz beschlossen worden sei nachdem wir Tier keine Sache mehr sondern Mitgeschöpfe wären. Da frage ich mich wohl, ob sich das unser Mitgeschöpf Mensch gefallen lassen würde, fast 2 Tage in einer Kiste mit Gitter vor der Öffnung in einem relativ dunklen Keller abgesellt zu werden und nur Wasser und Trockennahrung zu bekommen; ohne im Geringsten zu wissen was ihn erwartet. So etwas gab es nur in Kerkern im Mittelalter. Damals aber erfreulicher Weise kaum für  Katzen, die führten da noch ein freies Leben. Ja freilich, ich konnte den Kellerraum durch die Gitteröffnungen sehen und wäre ich da freigelassen worden hätte ich bestimmt ein Versteck gefunden und wäre dann beim Öffnen der Kellertür auf und davon gerannt! Ob man mich wieder hätte einfangen können steht in den Sternen. Die Freiheitsberaubung seit dem Abholen im Tierheim war mir also ganz schön auf den Keks gegangen.
Nun aber zurück zur Weihnachtsbescherung. Ich war den Eltern direkt dankbar, dass sie nun die beiden Kinder energisch zwangen mich mal in Ruhe zu lassen und auch die anderen Geschenke anzusehen. Ich war inzwischen unters Sofa gehuscht, hatte mich unter der Kommode versteckt und, und, und, aber alles half nichts, die Kinder zerrten mich hervor und ich musste mit ihnen schmusen. Das forderte ganz schöne Überwindung für mich, denn vom Tierheim her war ich das kaum gewöhnt. Ich glaube, ich habe den Kindern deshalb auch einige Kratzer zugefügt. Sie nahmen es gelassen, sie schienen sich sogar über mein Wehren zu amüsieren. Endlich war nach diesem Befehl etwas Ruhe eingekehrt, da entstand neuer Ärger. Die Oma erschien mit ihrem Lebenspartner – aber etwas zu spät, denn ich vernahm ärgerliche Diskussionen zwischen den Erwachsenen. Es ging wohl darum: Die Jungen sagten:" Wir konnten mit der Bescherung nicht mehr warten, die Kinder waren zu aufgeregt;"die zu spät gekommenen waren jedoch beleidigt. All das berührte mich weniger aber diese Großmutter hatte einen Dackel mitgebracht,  der, nun zwar an einer Leine festgehalten, sich so gebärdete als wollte er mich auffressen; ich verkroch mich in die hinterste Ecke unter all die zur Entsorgung frei gegebenen Geschenkkartons. "Lass bloß den Dackel nicht los", schrie die Mutter, "die Kinder haben eine wunderbare junge Katze vom Weihnachtsmann bekommen!" Da war es aber schon geschehen.
Neben mir raschelte es und der Hund kam mit seiner Schnauze meinem Kopf immer näher. Dieser Geruch: Widerlich! Ich kratzte ihm im Gesicht, er jaulte auf und die Oma schrie: „Schafft sofort die Katze aus dem Zimmer – ich garantiere bei meinem Waldi  - so heißen viele Dackel – für gar nichts, wenn ihn Katzen ärgern, beißt er zu.“ Den Streit, der jetzt zwischen den Leuten entstand, konnte ich nicht bis zum Ende verfolgen, der Vater packte mich und brachte mich in die Küche. Ich war empört, wehrte mich energisch – er war aber stärker. Ich hätte all zu gern diesen aggressiven Dackel noch einige Kratzer beigebracht und nun musste ich allein mit meiner Wut in der dunklen Küche ausharren. Dagegen darf dieser Eindringling mit erleben, wie sich in dieser Familie ein Weihnachtsabend voller Einigkeit gestaltet. Na ja, eigentlich bin ich aber auch froh mich mal von dem „Bescherungsstress“ auszuruhen. Um mich jedoch mal richtig zu rächen, benutzte ich nicht das Katzenklo, das man im Flur – wohin die Tür offen stand - für mich extra aufgestellt hatte. Ich setzte einen Haufen unter die Eckbank. Es machte mir richtig Spaß zu hören, dass die Oma, als sie in die Küche kam rief: „Das stinkt ja fürchterlich  - bei euch esse ich nichts mit.“
Damit, das schien mir offensichtlich, war das friedliche Weihnachtsfest in dieser Familie gelaufen.  Ich musste bis zum nächsten Morgen in einer Abstellkammer, wo mein Klo stand, verbringen und war leider von allen weiteren Ereignissen ausgeschlossen. Am liebsten hätte ich diesen Leuten allen gesagt: „Für eine Katz' ist unterm Weihnachtsbaum nicht der richt'ge Platz!“
Die weiteren zu berichtenden Erlebnisse dieser Katze, die eigentlich ein Kater war, bestätigen die von ihr geforderte Notwendigkeit: Das Zusammenleben von Menschen und Katzen muss besser, moderner gestaltet werden. Die Domestikation braucht neue Strategien.
 
 




Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diese Geschichte liegen beim Autor (Ernst Dr. Woll).
Die Geschichte wurde auf Wunsch von Ernst Dr. Woll auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.01.2016. - Infos zum Urheberrecht




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In Märchen, in Fabeln, können Tiere sprechen. Was in dieser Weise in den 9 Kurzgeschichten ein Hauskater erzählt basiert auf vielen wahren Begebenheiten.

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