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Pierre-André Hentzien

„Du, Tante, dein Weihnachtsmann brennt!“ ©

 

Eine kritische Betrachtung der westlichen Konsumirritationen christlicher Prägung

(eine wa(h)re Geschichte)


Ich gebe zu, dass ich mit dem ganzen Weihnachtsgedöns nichts anzufangen weiß - teils, weil ich keinen Terror mag - weder den, der uns auf überfüllten Weihnachtsmärkten mit Glühweinständen dicht an dicht, Buden mit mundgeblasenem (und ebenso bemaltem) Christbaumschmuck und Hütten aus Holzimitat mit Räuchermännchen gleicher Bauart vom Rande des Erzgebirges dargeboten wird, noch jenen, der sich als Erfindung eines Softgetränkeherstellers aus den Vereinigten Staaten von Coca-Cola, McDonalds und Lady Liberty in Gestalt eines weißbärtig vermumten, rotgewandeten und leicht adipösen Osama-bin-Laden-Verschnitts verdingt, indem er kleine Kinder zum Weinen bringt - teils, weil ich als Ungläubiger nicht über die notwendige Spendenempathie für die bedrohten Völker und/oder Tiere dieser Welt, noch über das unerlässliche WhiteChristmasGen verfüge.

Nichtsdestotrotz musste ich mich dem einen, wenn auch nicht dem anderen, aussetzen, als sich Besuch von jenseits der Grenzen zivilisierten Lebens, sprich aus dem Ruhrgebiet, angekündigt hatte, um im Advent die Stadt, die Sehenswürdigkeiten und (so war es mir explizit aufgetragen worden) eben auch die Weihnachtsmärkte in Augenschein zu nehmen - als würde es derlei nicht auch in Duisburgs Urwäldern geben.

Mein Plan vom simplen Spaziergang im typisch nordischen understatement Einheitsgrau des Hamburger Vorweihnachtshimmels um die Außenalster war also schon im Vorfeld ins Wasser gefallen.

Und dann kamen sie - mein Bruder Frank, meine Schwägerin Manuela und der Beweis ihrer körperlichen Zuneigung in Person meines 5 jährigen Neffen Sascha.

Mein Bruder kommt ja gebürtig aus meiner Hamburger Mutter und sollte, so meinte ich, die weltstädtischen Gepflogenheiten seiner Heimatstadt mit der Muttermilch aufgesogen haben - doch ich irrte in beiderlei Hinsicht. Zum einen outete er sich als Flaschenkind, was so manches erklären könnte, zum anderen bewies er seine komplett provinzielle Naivität, als er vorschlug, doch mit dem familieneigenen Pkw in die Innenstadt zu fahren - schon wegen des Kindes und der vielen Dinge, die man sonst zu schleppen hätte, wie er erklärte.

Ich überzeugte die drei Halbweisen aus dem nahen Westen, dass es klüger wäre, die öffentlichen Verkehrsmittel in Anspruch zu nehmen, und verwies dabei in einer kleinen Anspielung unter anderem darauf, dass die Wahrscheinlichkeit der nach ein, zwei oder mehr Gläsern Glühweingenusses möglicher Weise eintretende Beeinträchtigung der Führungsfähigkeit eines Personenkraftwagens nicht eben von der Hand zu weisen sei - das zog.

Nachdem wir unsere Odyssee durch sämtliche Konsumtempel der Innenstadt endlich absolviert hatten; was drei Besuche der jeweils hauseigenen Bedürfnisanstalten einschloss, zu denen mein Neffe gegenüber einer Sanitärfacility-Managerin sehr trefflich bemerkte, dass es dort stinke, lagerte mein Begleittross seine erworbenen Schätze in einem der Hamburger Geschenkeverwahr-Busse zwischen und drängte zum Aufbruch auf den nächstgelegenen Weihnachtsmarkt.

In weiser Vorausschau hatte mein Bruder, der immerhin 2m 02 misst, seinen Sohnemann auf seinen Schultern geparkt - wobei vorausschauend der falsche Begriff dafür ist, Saschas zweimaliges Abhandenkommen im Kaufhausgedränge adäquat zu beschreiben - während er die Hand seiner Angetrauten in seiner schraubstockartigen Metallarbeiterflosse fixierte, sodass ein erneuter Verlust einer der Beiden unwahrscheinlich schien.

Dieser Umstand hinderte meine Schwägerin aber keineswegs daran ihren weiblichen Instinkten für Handtaschen und ähnlich unverzichtbaren Accessoires nachzugehen, indem sie ihn von einer zur anderen Seite der Budenreihen zog, wenn ihr Blick ein Objekt ihrer Begierde erspäht hatte.

Als ich mich auf ihren Ausruf hin, dass es dort drüben Handtaschen gäbe, zu erwidern erdreistete, dass es in Deutschland so gut wie immer und überall Handtaschen gäbe, und auf ihren Einwand, dass das wohl stimmen möge, die dann aber nicht aus Hamburg wären, kalt erklärte, dass die dort zu sehenden sehr wahrscheinlich keine original in Hamburg, sondern eher in Hongkong geschossenen wären, traf mich ihr Blick wie das Fallbeil einer Guillotine den Hals eines Delinquenten trifft.

Sie beendete unseren kleinen Disput, indem sie sehr richtig feststellte, dass ich von so was keinerlei Ahnung hätte.

Ich besann mich für die nächste unausweichlich bevorstehende Gelegenheit an den sehr klugen Ausspruch, dass man immer wissen solle, was man sage, aber niemals alles zu sagen, was man wisse, zu denken - leider bin ich ziemlich vergesslich.

Unterdessen entdeckte ihr Filius neben vielen Dingen des unverzichtbaren täglichen Spielbedarfs auch eine Wurstbraterei und nötigte uns, da er schier am Verhungern war, wie er unerschütterlich behauptete, diesen Schreckensort für Veganer und Vegetarier aufzusuchen.

Aus der Sicht meiner geradezu fanatischen Tierschutzschwägerin beging ich hier den zweiten Fauxpas des schon nicht mehr ganz taufrischen Abends, als ich auf ihren Hinweis, wie überaus gesund vegetarische Kost doch wäre und dass so ein Rindfleischwürstchen nur herzlosen „Tierkillern“ schmecken könne, leichtsinnig erklärte, dass meine Rindswurst von einem Tier stamme, dass sich nicht nur vegetarisch, sondern nach dem Ende seine Kalbalters sogar ausschließlich vegan durch den Genuss von Gras ernährte, und es somit auch als vegetarisch angesehen werden könne - und sie überdies meinem Essen das Essen wegesse.

Ihre Tofu-Bulette traf mich an der Stirn, was mich vermuten lässt, dass wir wohl keine guten Freunde mehr werden.

Nach zwei weiteren schier unendlich scheinenden Stunden auf drei weitern Weihnachtsmärkten, etlichen Stopps bei Zuckerwatte-, Los- und Luftballonverkäufern, Lebkuchen-, Mistelzweig- und Christbaumschmuckbuden, sowie Glühweinständen, begann mein Bruder, dieser Kerl wie eine Nordmanntanne - ach, was rede - wie eine ganze Schonung von Nordmanntannen - bedenklich zu schwanken, sodass wir Sascha von seinem Ausguck auf den Schultern seines Vaters erretten mussten.

Angesichts der allgemeinen Umstände und dem Zustand meines Bruders im Besonderen (dessen Ergebnis der Unbeherrschtheit seines Lendenbereiches ich nun zu tragen hatte) schlug ich vor den Abend ausklingen zu lassen und den Heimweg anzutreten.

So strebten wir gemessenen Schrittes, ich meinen Neffen auf dem Arm haltend, meine Schwägerin ihren mit Glühwein-Jägermeisterschuss beschwerten Ehegatten stützend dem Ausgang entgegen, als Sascha auf eine Verkaufsstätte für bereits erwähnte erzgebirgische Räucherfiguren vielerlei Gestalts deutete und sachlich sehr korrekt zu der in grobe Strickwaren gehüllten Fachverkäuferin sagte: „Du, Tante, dein Weihnachtsmann brennt!“

Als wir den Ort des Geschehens, sowie den dazugehörenden Weihnachtsmarkt verließen und die „Feuer, Feuer!“ - Rufe langsam verhallten, begann es leise zu... regnen.

 

 

©Copyright Dezember 2015 PiAH / Pierre-André Hentzien. Alle Rechte vorbehalten! Verwendung des Textes, auch Auszugweise, nur mit schriftlicher Zustimmung des Autoren! piah1964@yahoo.de

 




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Die Geschichte wurde auf Wunsch von Pierre-André Hentzien auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.08.2016. - Infos zum Urheberrecht




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