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Ingo R. Hesse

Wenn selbst die Gauner müde sind

Ich hatte es mir selbst zuzuschreiben. Warum hatte ich auch nicht einfach, …? Aber was soll's? Trotz des Wissens um dieses grausame Fahrplan-Loch, hatte ich meine Sachen zusammen gesucht. Und trotz der wundersamen Verwandlung eines zuvor noch recht freundlichen Frauen-Gesichts in eine vorwurfsvolle, gefährlich anmutende Fratze, hatte ich den Schritt in die ungemütliche Freiheit gewagt.

 

Wenn man Tags zuvor nach wenig Schlaf um 04:00 Uhr aufgewacht ist und später dann nach etwa achtstündiger Reise gegen 16:00 Uhr am Ziel war, ist manche Sturheit nicht unbedingt klug. Aber war ich jemals in meinem Leben klug?

 

Kaum hatte ich die gegenüber liegende Bushaltestelle erreicht, hielt auch schon der Nachtbus. Ein Blick auf die Uhr. Ja um 01:20 macht es Sinn, solche Gefährte einzusetzen. Großstadt hat eben doch ihre Vorteile. Und der freundliche Busfahrer gab sich alle Mühe, mir die Anschlüsse Richtung Hauptbahnhof zu erklären. Zweimal Umsteigen inbegriffen. Meine Güte! Auf der Hinfahrt war mir alles irgendwie viel näher vorgekommen.

 

Ich weiß nicht, ob allen das Gefühl bekannt ist, das einen beschleicht wenn der Bus in den man einsteigen möchte, gerade losfährt wenn der Bus hält, aus dem man aussteigen möchte. Ich durfte das gleich zweimal erleben. Vielleicht deshalb fand ich die jeweils halbstündigen Erholungsphasen in fremder Stadt auf fremder Straße so erfrischend.

 

Gedanken an Schauspieler und andere Promis kamen auf. Wie sehr sie doch gerade diese Stadt lieben, ..und so, ...bekunden sie immer wieder. Ob man es nun wissen will oder nicht. OK, sie haben dort sicher nicht erlebt, was ich zuvor erlebt hatte. Aber mal ehrlich, ein Besoffener, der auf dem Bürgersteig das Verschieben ganzer Häuser-Reihen probt oder zwei Bedienstete der Verkehrswerke, die einen U-Bahnhof abschließen, ..kann man sich darin verlieben?

 

Naja, so ein bisschen weltstädtisches Treiben sah ich dann doch noch auf der beschwerlichen Reise gen Bahnhof. Restaurants die gerade abgeschlossen, andere die anscheinend gerade jetzt geöffnet wurden. Ein türkischer Händler wurde mit frischem Gemüse beliefert. Und zwischendurch immer mal Blaulicht und Martinshorn.

 

Vielleicht schien es ja nur so. Aber ich hatte schon das Gefühl, dass die Straßen vor dem Bus hektisch aufgeräumt wurden. Wenn ich nach hinten sah, sah ich noch Leben, fast buntes Treiben. Der Blick nach vorne hingegen, ..oh weh. Selbst dieser Glaspalast von Bahnhof lag dort als stände er noch im Rohbau und die Arbeiter kämen erst frühmorgens zurück um ihn fertig zu stellen.

 

Nur die gegenüber liegenden drei bis fünf fliegenden Bauten hielten den Begriff Großstadt aufrecht. Döner. Was sonst? Gebratene Nudeln. Ja klar. Kiosk. Geschlossen.

 

Nein, zumindest finanztechnisch hatte ich für Unvorhergesehenes vorgesorgt. Meine immer wieder zufallenden Augen, die nach dem Aussteigen die Kälte der Nacht dankbar aufnahmen, würden sich gleich in diesem Weltstadt-Bahnhof bei einem Griechen, Italiener oder zumindest bei McXXX schon wieder auf ein gebräuchliches Maß weiten.

 

Soviel zu meinem Plan.

 

Als ich realisierte, dass vor 05:11 kein Zug in Richtung Heimat fahren würde, war es gerade mal 02:35. Wow! Und meine erste Runde durch das Wunderwerk moderner Architektur hatte Niederschmetterndes ergeben. Von den Restaurants, die gar nicht vorhanden waren mal abgesehen. Es gab noch die, die geschlossen waren. Und McXXX.

 

Von Weitem hatte ich aber erkannt, dass die Ein-Euro-Kräfte dort keinerlei Anstalten gemacht hatten, sämtliche Ein- und Durchschläfer dieser Weltstadt höflich nach draußen, ..also in die überdachte Ladenstraße zu verbannen. Nein, dort wollte ich mich nicht zum Aufwärmen und Sättigen hinsetzen. Also die nächste Runde. Eine Etage tiefer. Ebene sagt man wohl in solch großen Gebäuden. Öde wäre wohl treffender gewesen.

 

Wann sind eigentlich die Warte-Säle abgeschafft worden, fiel mir ein. Es muss Jahrhunderte her sein. Erinnerungen kamen hoch. Wilde Nächte meiner Jugend. Damals hätte ich über ein paar Stunden Wartezeit im Bahnhofsviertel nur gelacht. Aber heute?

 

OK, also raus aus dem kalten Bahnhof, rauf auf die noch kältere Straße und die gegenüberliegenden Fressbuden angesteuert. Eine Vietnamesin oder Thailänderin schepperte gerade zusammen räumend mit ihren Wok-Pfannen und einer Geldkassette herum. Aber sie witterte ein Geschäft.

 

Na klar, wenn schon, dann nehme ich die große Portion gebratene Nudeln mit Huhn. Sie erzählte mir, dass sie auch mit einem Fahrplan-Loch zu kämpfen habe. Insofern war klar, dass sie mir das Gespräch nicht nur aufdrängen wollte, damit ich noch Getränke dazu nehmen würde. Was ich sowieso nicht tat. Denn, wie gesagt, einigermaßen war ich schon auf Eventualitäten vorbereitet.

 

Auf die Ratte, die vor meinen Füßen den Weg in ihren Unterschlupf suchte, aber eher nicht. Direkt neben dem Elektro-Wok Gestell. Ein kleiner Verschlag. Wahrscheinlich das Nudel- und Huhn Lager. Mit einem Vorhängeschloss vor Eindringlingen gut geschützt. Und unter der aus Schaltafeln bestehenden Tür einen bequemen Spalt für die Ratte gelassen.

 

Auf dem Rückweg machte ich mir Gedanken. Ob da vielleicht ein System dahinter steckte? Jedenfalls schmeckten die drei oder vier Stücke Hühnerfleisch, die ich in dem Pappkarton fand, irgendwie so, ..ich kann nicht sagen wie, ..aber irgendwie doch nicht nach .. .

 

Egal, warm war der Karton. Und die Wärme verteilte sich über meine Hände, durch meine Arme .. . Wie gut, dass ich noch vor Schließung der Nudelschmiede dort aufgeschlagen war. Nun noch eine bequeme Bank finden.

 

OK, bequem waren Bahnhofs-Bänke vielleicht in meiner Kindheit einmal. Heutzutage sind sie Idioten- und Chaoten-sicher. Das heißt, aus Stein oder Edelstahl. Ich bin in einem Alter, in dem man sich nicht mehr auf kalte Bänke setzen sollte. Und mein Rentner-Kissen hatte ich nicht dabei. Hatte ich doch mit einem warmen Nachtlager und nicht DAMIT gerechnet, als ich mich auf den Weg in die Weltstadt gemacht hatte.

 

Ich lehnte mich also an ein Geländer. Direkt neben einem dieser dreiteilgen Mülltrenn-Behälter. Und just als ich geschafft hatte beim Einführen eines weiteren Stückes Huhn in meinen Gourmet-Mund, nicht genauer darüber nachzudenken, beugte sich ein junger Mann neben mir ganz tief in diesen Müllbehälter.

 

„Papier“ Häh? Da sind doch keine Pfandflaschen! Oh weh! Noch im Ansatz konnte ich mich abwenden und mich zehn Meter weiter mit Blick woanders hin wieder in den Papp-Becher beugen. Nein, ich konnte nicht gleichzeitig die Ohren zuhalten. Aber gottseidank kam gerade ein ziemlich stolzer Kehrmaschinen-Fahrer mit seiner Kehrmaschine vorbei. Bzw. er wollte vor dem Geländer, an das ich mich, .. . OK! OK!

 

Man glaubt ja nicht, wie gut kalte Nudeln schmecken, wenn man weder an Ratten, noch an göbelnde Jugendliche denkt. Aber man glaubt auch nicht, wie viel Selbstbeherrschung dazu notwendig ist. Ich kann das. Das weiß ich jetzt. Und das macht mich auch ein bisschen stolz.

 

Nein, ich setze mich nicht! Nein, ich lege mich auch nicht! Und nein, ich döse auch nicht vor mich hin!

 

Etwa eine Stunde später saß ich vor mich hin dösend in einem lächerlichen Glasverschlag auf meinem Pullover auf einer Edelstahl-Bank. Und der Chinese neben mir buhlte um meine Zustimmung. Ein mittel alter Deutscher, der wohl genau so über das Fahrplan-Loch erfreut war wie ich, schrie in regelmäßigen Abständen den ganzen Bahnhof zusammen. Das gefiel dem Mann aus Fernost überhaupt nicht.

 

Die Schlafenden wachten auf. Die Friedlichen lockerten die Fäuste. Und ich staunte. Nicht nur, dass dieser Trottel anscheinend gar nicht wusste, dass das hier nicht der Bahnhof war auf den er schimpfte, schien ihn überhaupt nicht zu stören, dass niemand sein Geschrei hören wollte. „Scheiß Bahnhof! Ein Bahnhof ohne Züge! Das ist ja wie ein Puff ohne Nutten!“ und so weiter.

 

Kurz vor 05:00 Uhr fiel mir dann der erste Polizist auf. Was hätte er auch früher hier zu tun gehabt? Zu einer Zeit, zu der selbst die Gauner zu müde sind, ihrem Gewerbe nachzugehen. Das war in etwa die Uhrzeit, zu der ich entdeckte, dass oben, also auf der Ebene, die ich bisher nicht betreten hatte, weil ich dachte da führen nur Züge, die ja jetzt nicht fuhren, ..ja dass dort ein Billigbäcker mit warmem Gebäck und einem tatsächlich wohlschmeckenden Kaffee auf Leute wie mich wartete. Hoffentlich hat der junge Mann an der Kasse die tiefe Dankbarkeit in meinen Augen nicht als Verliebtheit gedeutet. Verdenken könnte ich es ihm aber nicht.

 

Und dann, ..ja dann kam noch die Papier-Auflage zum Einsatz, die ich seit Jahren in meinem Portemonnaie für solche Fälle mit mir herum trage.

 

Und das war dann der Moment, in dem ich sehr, sehr froh war, dass Bahnhöfe heute so völlig anders sind als früher. Ganz ohne Scheiß!

 

Naja. ;-)

 




Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diese Geschichte liegen beim Autor (Ingo R. Hesse).
Die Geschichte wurde auf Wunsch von Ingo R. Hesse auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.10.2016. - Infos zum Urheberrecht




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