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Martina Wiemers

kurze Verschnaufpause

 


"Nur einen kleinen Moment ausruhen“ , seufzt Frieda Holsteiner und stellt ihre schweren Einkaufstüten mit den Weihnachtsgeschenken vorsichtig auf die Bank am Brunnen. Um sie herum nur eilende Menschen und hektisches Treiben. Sie schüttelt verständnislos den Kopf und blickt auf den Weihnachtsbaum vor dem Kaufhaus am Alexanderplatz. Sie denkt an die Zeit zurück, als sie noch mit ihrem Mann und den Kindern in einer Kleinstadt wohnte und die ganze Familie gemeinsam feierte. Heute lebt sie in einem Seniorenheim in Berlin, nicht weit entfernt von der Wohnung ihres ältesten Sohnes.

Erschreckt blickt sie auf, als ein kleiner Junge plötzlich vor ihr steht. "Kannst du auch so schöne Schiffe kniffen wie mein Opa“, fragt er Frieda und hält ihr eine Zeitung hin. „Mal sehen, es ist lange her, das ich es probiert habe“, antwortet sie und beginnt die einzelnen Bogen mehrfach zu kniffen. „Ob die aber auch mit Passagieren schwimmen“ ruft neugierig der Junge, greift in die Hosentasche, holt eine Schnecke mit Haus hervor, legt sie ins größte Schiffchen und lässt es dann vorsichtig auf der Wasserfäche des Brunnens schwimmen.

„Wo hast du die denn her?“, ruft Frieda entsetzt. „Von meinem Opa, der züchtet sie für seine Laufenten, damit die im Winter nicht ihren Appetit verlieren. Im Sommer verleiht er sie zum Schnecken vertilgen an die Nachbarn, damit ihr Salat und die Erdbeeren nicht abgefressen werden", sagt Fabian stolz und läßt eine weitere Schnecke langsam am Brunnenrand entlangkriechen. „Wie heißt du denn und wo wohnst du ?“, fragt ihn Frieda und muss schmunzeln. „Ich bin der Fabian, wohne mit meiner Mama in Klein Machwitz und besuche jetzt, zu Weihnachten, meinen Papa hier in Berlin. Der arbeitet bei der Regierung. Mein Opa sagt, er passt dort auf, damit jeder auch das macht, was er soll.“

„Papa, Papa, die Frau hier kann genauso schöne Schiffchen kniffen wie Opa“, ruft Fabian dem Mann zu, der schon seit einiger Zeit am Brunnen ununterbrochen an seinem Smartphon hantiert. Der blickt kurz auf, kommt auf beide zu, nimmt Fabian an die Hand und geht, immer noch telefonierend, mit ihm über die Straße. Oben, über ihren Köpfen, donnert auf der Eisenbahnbrücke, die S-Bahn an den weihnachtlich geschmückten Häusern Berlins vorbei.

Frieda schaut den beiden noch ein Weilchen nach. Fabian hüpft fröhlich hin und her. Als sein Papa das Smartphon endlich einsteckt, zieht er eine Schnecke aus der Hosentasche und legt sie ihm auf die Hand. Angewidert wirft er sie im hohen Bogen auf die vielbefahrene Straße.

"Fröhliche Weihnachten lieber Fabian", murmelt Frieda Holsteiner leise, nimmt ihre Einkaufstüten und geht langsam nach Hause.

 

 

(C) Martina Wiemers

Ich wünsche allen Lesern und Schreibern  und auch dem Team von e-stories fröhliche Weihnachten und sage danke für das Wiedererinnern nach meiner langen Schreibpause. Martina Wiemers

 




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Die Geschichte wurde auf Wunsch von Martina Wiemers auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2016. - Infos zum Urheberrecht




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