Manfred Gries

Wahre Liebe

Die Fahrt war lang gewesen. Zielstrebig bewegte sich der Mitsubishi auf den Favoritenkreis zu. Acht Stunden lagen zwischen dem Hof hinter unserem Haus und der Südautobahn, die zu “Ich find deine Stimme schön“ führte. Die erste Wegbeschreibung kam mir in den Sinn, während der Mitsubishi den 10. Bezirk erreichte. Verdammt - wie war das noch gewesen? Rechts aus dem Verteilerkreis herausfahren - und dann? Dann leuchteten die Benzinpreise einer BP Tankstelle in den Abend. Gelegenheit für eine Rast, kurz vor dem Ziel. Das Handy zeigte Kontakt mit A1 - einem österreichischen Provider. Der Billa hatte geschlossen und ich suchte verzweifelt die richtige Vorwahl aus dem Handynetz, das mir momentan zur Verfügung stand.

“Ich find eine Stimme schön“ meldete sich am anderen Ende der Leitung. Glück gehabt, dachte ich und ließ mir den Weg zu ihrer Wohnung noch einmal beschreiben. “Kuckuck, das ist doch ganz einfach. Du fährst ...“ - mein Ohr lauschte ihren Erläuterungen, die Blumen auf dem Beifahrersitz hechelten nach Wasser und die “Roaming Gebühren“ tickten vor sich hin. “Ich bin in 5 Minuten da“, beendete ich freundlich das Telefonat, drehte den Zündschlüssel in Richtung Innenstadt und erreichte die Wohnung in der von mir angegebenen Zeit.

Den Blumenstrauß in der Hand, klingelte ich voller Erwartung an der Haustür des Wohnblockes, aus dessen oberem Fenster ein älterer Mann auf mich herabschaute. Meine Erwartung steigerte sich mit der vergehenden Zeit nach meinem ersten Klingeln. Der ältere Mann lächelte zu mir herab und der Blumenstrauß hechelte deutlicher. Nichts geschah. Ich versuchte es erneut, trat ein paar Schritte zurück, lächelte dem Mann zu und lauschte der schweigenden Gegensprechanlage. “Ich find deine Stimme schön“ antwortete nicht. Was war in den letzten 5 Minuten geschehen? Hatte sich Unvorhersehbares ereignet in der Wohnung der Frau, die meine Stimme so schön fand? Ich klingelte ein drittes Mal.

Inzwischen waren weitere 5 Minuten vergangen und das Gesicht des älteren Mannes zeigte ein deutliches Grinsen, dem ich die Gedanken in seinem Kopf abspüren konnte. “Denkste“, dachte ich und blieb hartnäckig. Der fünfte Versuch wurde von Erfolg gekrönt. Bellend meldete sich die Gegensprechanlage und die Stimme von “Ich find deine Stimme schön“ fragte nach meinem Begehr und forderte nähere Angaben zur Person. Zugegeben, es war dunkel, und da muss man vorsichtig sein. “Ich bins, der Kuckuck“, gab ich mich zu erkennen. Das leise Surren der Haustür signalisierte mir, dass ich nun eintreten durfte. Die Blumen schöpften neue Hoffnung und das Grinsen des alten Mannes verschwand aus meinem Blickfeld, während ich auf den Fahrstuhl zuschritt.

Freudig begrüßte mich der Hund von Wien an der Wohnungstür und der Duft von sterilem Badeschaum begleitete das Wedeln seines Schwanzes. “Ich find deine Stimme schön“ schaute mich verführerisch an. “Entschuldige, aber ich musste noch baden, damit ich schön für dich bin“, lächelte sie mich an. An diesem Abend kamen wir einander näher. Zumindest bekam ich einen tieferen Einblick in die Badegewohnheiten der Dame meines Herzens. Die Blumen bekamen endlich Wasser und ich nahm auf dem Sofa im Wohnzimmer Platz. Wahre Liebe zeigt sich darin, dass am Ende alles gut wird. “Kuckuck, hattest du eine schöne Fahrt?“ Mit diesen Worten begann eines der Wochenenden in Wien, die mich diese Stadt so lieben lassen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.04.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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