Monika Klemmstein

Geh doch einfach

"In drei Minuten geht mein Zug, und ich kehre nie wieder zurück."
Wie oft hab ich's schon gedacht: "Jetzt mach ich's wirklich! Ich geh für immer." Wie oft hab ich's ihm schon vor die Füße geschleudert. Gelacht hat er. Seine rotunterlaufenen Augen blickten mich jedesmal glasig an. Sein Atem, whiskyschanger, nahm mir fast die Luft. Ich wurde unscheinbar und klein - und blieb.
Alle hatten gute Ratschläge zur Hand: "Geh doch einfach, ich versteh gar nicht, was dich noch hält."
Wie sollte ich es erklären, verstand ich es doch selbst kaum. Wie oft habe ich abends gewartet. Mit jedem Blick auf die Uhr wuchs die Angst. Wie kommt er heute nach Hause? Kommt er überhaupt? Das Essen verkocht, und ich wußte, wenn er etwas haßt, dann verkochtes Essen.
Doch das war gestern abend wieder mal nur ein Anlaß von vielen. Es hat ihm Freude bereitet, Angst zu spüren. Meine Angst.
Die Angst kroch in mir hoch wie ein wildes Tier und wurde von Stunde zu Stunde stärker. Ich hatte versucht, mich abzulenken, ein Buch zu lesen. Immer wieder hörte ich auf Schritte im Treppenhaus. Wie hörten sie sich an? Schlurfend? Torkelnd?
"Bloß keine Angst zeigen", nahm ich mir vor, "das reizt ihn nur noch mehr. Ich werde ihm helfen, seine Schuhe auszuziehen". Denn das würde er nicht mehr schaffen. Dazu würde er zu besoffen sein. "Ich muß ihn bei guter Laune halten. Dann ganz schnell ins Bett gehen und einschlafen", nahm ich mir fest vor. Vielleicht würde er mich ja dann in Ruhe lassen.
Gegen Mitternach kam er. Laut, polternd.
Doch es hat alles nicht genützt. Er hat es bemerkt, meine Angst gespürt. Und meine Angst und Schwäche machten ihn stark. Seine ganze Wut traf mich, als er keinen Whisky mehr im Barfach fand. Nichts, einfach nichts mehr zu saufen. Und ich war schuld.
Als ich am anderen Morgen dieses fremde, geschwollene und blutverschmierte Gesicht im Spiegel sah, erschrak ich.
Das war ich?
Nein, das war nicht mehr ich! Keine Frau mehr. Kein Mensch mehr. Keine Würde mehr!
Alles hab ich getragen. Mein Mitleid mit ihm und seiner Sucht war stärker als mein Wille zu leben, zu überleben. Schuld? Wer trägt die Schuld daran, daß alles so kam? Ich hab sie jahrelang bei mir gesucht. Irgenwann fiel mal das Wort "Co-Alkoholiker". Das war mein Beitrag für die letzten Jahre.
Bis heute morgen. Da galt es nur noch: er oder ich.
Meine schmerzenden Glieer und mein wundes Herz haben sich entschieden. Für mich!
In drei Minuten geht mein Zug - und ich komme nie wieder zurück! Nie wieder

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.03.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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