Werner Gschwandtner

Buchvorstellung: Und ich glaube

 Ein Mädchen mit einer Atypischen Pneumonie. Eltern am Rande der Existenz. Intrige und Schicksalsschläge. Und dennoch gibt es Hoffnung, Glaube und Zuversicht. Familiäre Erzählung in der Weihnachtszeit. Modernes Märchen welches durchaus wahr sein könnte. Werner Gschwandtner, litterarum

Leseprobe Und ich glaube. Kapitel " Der Wunsch ", Seiten 50 bis 53

Eine helle Glocke ertönte. Amy Samantha Winters schlug nach dem vierten Klingelzeichen die Augen auf. Sie fühlte sich stark, nicht mehr krank, sondern irgendwie befreit und voller Lebensenergie. Leicht verunsichert blickte Amy um sich. Sie empfand die wohlige Wärme ihres Elternhauses und langsam setzte sich das Mädchen in seinem Bett auf.
Die Umrisse ihrer Umgebung wurden allmählich deutlicher und Amy erkannte, dass sie sich in ihrem Zimmer befand. Sie war zu Hause.
Die Vorhänge am Fenster waren nicht zugezogen. Eisblumen zierten die Scheiben. Das schimmernde Licht des vollen Mondes leuchtete ungehindert in den vertrauten Raum und Amy konnte erkennen, dass es leicht schneite. Das Glöckchen, welches das Mädchen geweckt hatte, schien sich überall hin zu bewegen und aus allen Ecken gleichzeitig zu klingen.
Sie schlug die weiche Steppdecke zurück, stieg aus dem Bett und lief, nachdem sie in ihre kuscheligen Hausschuhe geschlüpft war, zum Fenster. Hastig entriegelte sie die Sperren und öffnete es weit. Der frische Wind blies die angenehm kühle Luft in den Raum und unzählige Schneeflocken tanzten mit ihm ins Zimmer. Amy atmete die winterliche Luft in tiefen Zügen ein. Sie bemerkte genau den Unterschied und war froh, dass sie endlich das Krankenhaus hatte verlassen dürfen, wo sie sich immerhin vierzehn Monaten aufgehalten hatte.
Ein Meer voller Sterne funkelte am dunklen Nachthimmel und das Firmament war nahezu wolkenlos. Dennoch fiel Schnee, viel Schnee. Amy hob den Blick gegen den Himmel. "Sag, lieber Gott", flüsterte das Kind mit Tränen in den Augen, "ist es denn wahr? Hat sich mein Wunsch erfüllt?" Innerlich hoffte sie es sehr und ihre flehenden Hände falteten sich zum Gebet. Sie wollte um keinen Preis mehr aus dieser gewohnten Umgebung und Wärme herausgerissen werden.
Der größte Stern, der über dem elterlichen Haus stand, leuchtete auf und feiner Sternenstaub fiel von ihm ab. Er schwebte glitzernd zur Erde. Bunt flimmernd ließ er sich vom Wind zum Haus der Familie tragen, über den Garten der Winters hinweg und langsam durch das geöffnete Fenster in Amys Zimmer. Nahe der Decke, wirbelte der Glanz in allen Farben des Regenbogens im Kreis und formierte sich dann zu einem festen Körper. Schließlich wandelte sich das Gebilde zu einer schemenhaften Gestalt mit mächtigen Schwingen.
"Wer bist du?", fragte Amy etwas ängstlich und wich zuerst ein wenig zurück. Die Gestalt leuchtete in einem wunderbaren Licht und der Klang ihrer Stimme glich dem von lieblichen Glöckchen. "Mein Name ist Espoir Foi Ange", sprach die Gestalt in singendem Ton. Es klang wohltuend und friedlich, mit einem Hauch von Besinnlichkeit. "Ich bin ein Engel aus den himmlischen Gefilden unseres Herrn. Du darfst mich Ange nennen." Amys Augen wurden groß, ihr Herz pochte wild. Mutig und entschlossen machte sie nun einen Schritt vorwärts.
"Ein echter Engel?", fragte das Kind unsicher. "Hat Gott dich zu mir geschickt? Hast du mir meinen Wunsch erfüllt?" Amy Samantha hatte viele Fragen, denn wie oft im Leben hat man schon die Chance, einem wahrhaftigen Engel zu begegnen oder gar persönlich mit ihm zu sprechen. Die schemenhafte Gestalt leuchtete noch heller auf und der Körper festigte sich zu einem realen Mädchen. Nur die Flügel, die sich an den Rücken des Engels legten, blieben gut sichtbar erhalten. Ange reichte Amy die Hand und das Mädchen, zwar anfänglich zögernd, ergriff sie dann doch.
"Es tut mir Leid, meine Kleine", der Engel hob Amy hoch und setzte sie auf seinen Schoß, "du bist nicht wirklich zu Hause. Du befindest dich noch immer in deinem Krankenzimmer. Und", setzte Ange ihre Erklärung fort, "du bist noch immer krank. Das alles ist nur eine Illusion. Ein Traum, der für dich womöglich in Erfüllung gehen kann", endete der Engel mit einem Lächeln.
"Aber mein Wunsch", widersprach Amy, "ist alles was ich habe. Nur diesen einen möchte ich heuer erfüllt bekommen. Ich wünsche nur, nach Hause zu dürfen.", Wieder standen Tränen in den Augen des Mädchens. Ange führte die kleine, zarte Hand des Kindes an ihre Brust und fragte: "Kannst du die Kraft in mir fühlen? Spürst du den rhythmischen Schlag meines Herzens?"
Amy nickte.
"Siehst du", sprach der Engel weiter, "dein Wunsch führte mich zu dir. Und dein reines Herz. Ich bin gekommen, um dir zu helfen. Doch um das zu können", erklärte Ange liebevoll, "musst du mir auch helfen."
"Was muss ich tun?", fragte Amy nun gespannt. Ihre Tränen versiegten langsam und ihr Herz schlug schneller vor innerlicher Freude. Ange legte ihre Hand auf die Brust Amys und dem Kind war, als würde sie in sie eindringen. Sie fühlte eine Wärme in ihr Herz einziehen und für einen winzigen Moment konnte Amy frei und unbefangen atmen.
"Alles zu seiner Zeit", sagte der Engel freundlich, "alles was ab jetzt geschieht, ist der Wille Gottes. Glaube an ihn und glaube an deine Zukunft. Dann wird alles wieder gut." Ange griff nach hinten, fasste in ihr Gefieder und zog eine einzelne Feder aus dem Flügel. "Du erhältst ein Symbol von mir", sagte sie. "Dieses Geschenk ist nur für dich sichtbar und es soll dich an mich erinnern. An Espoir Foi Ange, den Engel der Hoffnung und des Glaubens." Sie blies die Daune an und verschloss sie in ihrer Faust. Funken sprühten aus derselben und ein schimmerndes blaues Licht legte sich über die gesamte Hand. "Es ist vollbracht." Als der Engel die Faust wieder öffnete, lag auf der Handfläche ein goldener Anhänger in Form eines Ginkoblattes.
"Dieses Blatt wird dich stets an mich erinnern. Trage es immer bei dir. Wenn du mich brauchst, kannst du mich mit diesem Zeichen erreichen. Ich werde dann immer bei dir sein." Amy Samantha nahm das Symbol und hängte es an ihre goldene Kette. Diese Kette war ein Gemeinschaftsgeschenk von ihren Eltern und Onkel Ralf zum achten Geburtstag gewesen, den sie leider bereits im Krankenbett hatte feiern müssen. Aber sie würde diesen Geburtstag, genauso wenig wie die vorangegangenen, niemals vergessen. Ihr Vater hatte eine Torte gebracht und es gab Musik und Luftschlangen. Auch hatte Amy mit ihren Großeltern in Wien telefonieren können. Das war eine besondere Freude für das Mädchen gewesen. Ange sagte noch, dass Amy sie immer nur mit Namen zu rufen bräuchte: "Dann werde ich dich besuchen."
Der Engel verschwand. Seine Stimme verklang in der Ferne und das Mädchen war wieder alleine im Zimmer. Amy Samantha räkelte sich in ihrem weichen Bett. Der Regen plätscherte an die verschlossenen Fenster und stündlich betrat Schwester Bell das Krankenzimmer und prüfte genauestens Amys Puls und Temperatur.

Leseprobe Und ich glaube. Kapitel " Countdown ", Seiten 100 bis 102
Young untersuchte das Mädchen. Er hatte sich letztlich bereit erklärt, dies vorerst mal ohne Bezahlung zu tun. Amy sang dabei von der Stillen Nacht und Young, der anfangs forderte, dass die Kleine damit aufhören sollte, erwischte sich plötzlich dabei, wie ihm eine Träne über die Wange lief. Er versuchte es zu ignorieren. Gefühle hatte er seit zehn Jahren nicht mehr verspürt. Seit dem Tag, an dem seine Familie gestorben war. Gestorben an einem Virus, den er nicht hatte finden können und das Unglück daher auch nicht verhindern konnte.
Amy fühlte plötzlich eine aufsteigende Welle von Übelkeit. Die Decke begann sich zu drehen und ihre Temperatur stieg an. Der Husten und der Schüttelfrost gesellten sich wieder zu dem armen kleinen Kind. Tief durchatmend streckte das Mädchen sich im Bett aus und schloss die Augen. Ihr Gesang verstummte. Der Professor registrierte das Geschehen. Hastig läutete Young nach der stationären Krankenschwester. Kurz darauf trat Susanne in das Zimmer und überraschte Young dabei, wie er sich über die Kleine beugte und ihr ein kühlendes nasses Tuch auf die heiße Stirn legte.
"Was ist geschehen?", fragte Bell, während sie Amy Samanthas Temperatur maß. Young gab einen kurzen Bericht. Amy war von einer Sekunde auf die andere in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen. Brandon Young blickte auf den Körper des Mädchens. Erneut lief eine Träne über sein Antlitz. Susanne lief los, um den Chefarzt zu holen.


"Du darfst nicht aufgeben", flüsterte er beinahe unhörbar, "kämpfe dagegen an. Halte nur noch ein paar Stunden durch. Bitte", endete er fast flehend, "stirb nicht. Zwei nicht gerettete Leben sind genug für einen einzigen Menschen." Brandon Young brach dabei in ein schmerzerfülltes Weinen aus. Alles das, was er seit zehn Jahren zu unterdrücken und zu vergessen versuchte, brach nun mit einem befreienden Seufzer aus ihm heraus. Das Herz aus Stein schmolz und Youngs früheres Ich trat in das Licht.


Brandon Young schüttelte sich. Es war ihm, als spaltete sich ein böser Geist von ihm ab und er konnte nun endlich wieder frei denken. Perry White war überrascht, Susanne Bell misstrauisch. Doch der Professor agierte rasch und ließ alle notwendigen Apparaturen kommen, die er für die Zellenreinigung benötigte. Zwei Leben hatte er in der Vergangenheit nicht retten können. Seine Tochter und auch seine Frau nicht. Sie starben und er musste tatenlos zusehen - konnte nichts dagegen tun. Doch dieses Mal wollte er es verhindern. Dieses Mal würde er, würde das Leben gewinnen. Young sah den Tod seiner Lieben wieder vor sich. Beide hatten, Gott alleine weiß woher, eine schwere Lungenentzündung davongetragen. Er hatte den bösen Erreger nicht wirklich erkannt. Und es war ihm auch nicht möglich gewesen, seine Familie zu retten. Danach wurde er zum Menschenfeind. Sein eigenes Versagen dominierte ihn bis an diesem Tag. Nun war das Herz aus Stein gebrochen und sollte für alle Zeiten verbannt sein.

Leseprobe zu " Und ich glaube "
© 2006 Werner Gschwandtner

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 2007-10-30. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).