Walter Raasch

Buchvorstellung: Hundsgemein!: Merkwürdige Hundegeschichten

 Gerade als ich aus der Tür trat, fuhr in gemütlichem Tempo mein Mercedes an mir vorbei.

Mit meinem Hund auf dem Fahrersitz.

Er sah wirklich lässig und souverän aus, fast wartete ich darauf, dass er grüßend die Pfote hob. Ich denke, ich habe in meinem ganzen Leben niemals verwirrter und dämlicher aus der Wäsche geguckt.



Leseprobe:

Esoterische Trainerin


Ich hatte mich mit einer neuen Hundetrainerin verabredet, die ihren Wirkungskreis in ein Naherholungsgebiet meiner Heimatstadt gelegt hat. Leider konnte mein Freund Uwe nicht mitkommen, da seine Tochter gerade das zweite Enkelchen in die Welt setzte. Ob er nun Geburtshelfer spielen musste und die Nachgeburt für seinen Hund aufheben wollte, weiß ich nicht, jedenfalls hat er mich im Stich gelassen.

Wir hatten uns für Zwei Uhr Mittags verabredet, und ich stieg pünktlich eine Minute vor der vereinbarten Zeit aus dem Auto. Ich sah eine Frau mittleren Alters in einer grünen, dick wattierten Outdoor-Jacke ungeduldig von einem Fuß auf den anderen treten. Ich hatte Bedenken, dass diese Joppe, die auch schlanken Menschen das Aussehen eines lebendigen Rollbratens verleiht, bei Sonnenschein und Temperaturen knapp über 20 Grad der Frau einen Hitzschlag verpassen würde. Als ich näher kam, wurde mir klar, dass diese Besorgnis unbegründet war.
Die Dame war derart dünn, dass sie jeder Wärme bedurfte, die sie erhaschen konnte. Das Gesicht, obwohl sie jünger war als ich, wirkte wie mumifiziert. Ihre Haut machte den Eindruck von mehrfach benutztem Backpapier. Der sehr runde Schädel sah aus wie eine mit Pergament überzogene Bowlingkugel.

Na gut, die würde jedenfalls niemandem vom Hundetraining ablenken. Hatte ich gedacht.

"Sie sind spät."
Obwohl sie klein und spargelig war, klang ihre Stimme tief und rau.
"Spät? Wir haben Clock Zwei."
"Aber beim ersten Termin sollte man höflicherweise etwas eher kommen. Ich warte schon 15 Minuten. Zeit ist Geld."
"Und wenn Sie um halb Zwei gekommen wären, hätten Sie eben eine halbe Stunde gewartet. Der Großteil der Menschheit nutzt die Uhr, um sich exakt zu einer bestimmten Zeit zu treffen. Ich zähle zu dieser langweiligen, phantasielosen Mehrheit. Was Sie für Kapriolen schlagen, ist Ihre Sache, aber machen Sie mich nicht für die Folgen verantwortlich."

Sie zeigte auf Doggie.

"Das ist der Hund?"

"Nein, das ist der Mensch. Er hat sich nur perfekt verkleidet. Ich bin der Hund."

"Sie atmen falsch."

"Ich tue was?"

"Sie atmen falsch."

"Aber der bisherige Erfolg gibt mir doch recht."

"Sie würden sich viel besser fühlen, wenn Sie richtig atmen würden."

"Wenn ich mich noch besser fühlen würde, müsste ich Vergnügungssteuer für meine bloße Existenz zahlen."

"Kümmern sie sich mehr um Ihre Körpermitte."

"Das könnte hier in aller Öffentlichkeit zu Verwicklungen führen. Ich denke, ich behalte die alte Ordnung bei und überlasse diesen Bereich der Obhut meiner Frau."

"Sie verstehen mich nicht. Sie atmen wirklich falsch."

"Soll ich die Luft besser durch eine andere Körperöffnung einziehen? Ausstoßen funktioniert ja mitunter."

"Wenn Sie mich nicht ernst nehmen, dann kann ich Ihnen auch nicht helfen."

"Ich habe ja nie gewollt, dass Sie mir helfen."

"Weshalb sind Sie dann hier?"

"Wegen des Hundes, in drei Teufels Namen."

"Fluchen bringt Sie auch nicht weiter. Sicher soll der Hund erzogen werden, aber Sie sollten sich eine holistische Sichtweise aneignen. Der Hund, Ihr Atmen, das ist alles eins. Wenn ein Rädchen nicht greift, dann kann die ganze Maschine nicht arbeiten."

"Habe ich Sie jetzt richtig verstanden? Wenn der Hund nicht zuhört, dann liegt es daran, dass ich falsch atme?"

"Natürlich. Was denken Sie denn? Sie müssen ihr Leben in den Griff bekommen, dann fasst auch ihr Hund Vertrauen."

"Und Sie sind in der Lage, mich dorthin zu bringen?"

"Aber ja. Wir finden gemeinsam Ihre Körpermitte, und Sie werden ein ganz neuer Mensch."

"Also die Sache mit der gemeinsamen Suche nach meiner Körpermitte halte ich für sehr unwahrscheinlich, und mir gefiel der alte Mensch ganz passabel, was bei dem Neuen nicht zu erwarten steht. Und woran erkenne ich schlussendlich, dass ich mein Leben im Griff habe?"

"Das merken Sie schon, wenn es soweit ist. Und wenn nicht, dann weise ich Sie darauf hin."

"Wunderbar. Ich spüre eine bedeutsame Erkenntnis. Danke schön. Welch schnelle und tief greifende Veränderung. Früher hätte ich gesagt, dass Sie sich zum Teufel scheren sollen, doch heute bin ich ausgeglichen und freundlich, und es ist mir egal, in welche Richtung sie verschwinden. Oben oder unten, mir ist beides Recht. Hier ist ihr Geld, und auf Nimmerwiedersehen."

Schon pfiff ich meinen Hund und machte mich auf den Heimweg.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 2008-10-28. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).