Yvonne Habenicht

Buchvorstellung: Das Haus der Lügen

 

  Was ein Neuanfang werden sollte, gerät zum Desaster. Ein Schicksalsroman, der das Leben von Menschen meherer Generationen im engen Zusammenleben umfasst.

Inhalt:
Der alternde Schriftsteller, Baruth, und seine 30 Jahre jüngere Lebensgefährtin, erhoffen sich in Berlin neue Impulse. Doch der Umzug ändert nichts an der Entfremdung. Ein neuer Mann tritt in Katharinas Leben, das Verhältnis zur Tochter spitzt sich extrem zu. Tochter Milli verliebt sich in die Sängerin Elsa und zieht zu ihr. Unvorhersehbare Zufälle stürzen alle Beteiligten in heftige Konflikte und die Hürden scheinen unüberwindlich. Die packende Schilderung einer Familie, die immer aufs Neue an Scheidewege gerät.

Leseprobe:

Richard Baruth blickte auf seine Hände. Hände eines alten Mannes, bleich, faltig, nutzlos geworden wie der ganze Mann. Seit Monaten versuchte er verzweifelt, wieder zu schreiben, sein Verleger saß ihm im Nacken. Bücher schreiben, das hatte Baruth nun fast sein Leben lang getan. Erfolgreiche Bücher, großteils verfilmt, die ihm zu Wohlstand verholfen hatten, weil er immer den Nerv der Zeit traf. Sein Kopf war stets voll gewesen von Ideen, Geschichten, Personen. Sie in Bücher, ja Bestseller umzuwandeln, war ihm nie schwer gefallen.
Jetzt aber war da nichts. Träte er vor den Spiegel, sähe er einen alten Mann, Verfall hinter gut erhaltener Fassade. Nicht etwa einen Mann, der zufrieden auf sein Lebenswerk zurückblickte, sondern einen, der nicht fähig war, es zu beenden. Durch das Fenster stach ein Sonnenfinger, strich über den Schreibtisch voll zusammenhang- loser Notizen und den leeren Bildschirm. Gedanken verblassten, bevor sie Form bekamen. Bald würde Katharina heimkommen, und er würde sich über den Schreibtisch beugen, als wäre er in die Arbeit vertieft. Der Sonnenfinger zog sich hinter eine Wolke zurück. Das Zimmer versank in grauem Licht.
Was half es? Er musste sich den Dingen stellen, der Tatsache, zu alt für Neubeginne, umwerfende Einfälle, eine 30 Jahre jüngere Frau zu sein. Ein Bergsteiger, der die Talsohle erreicht hatte, dies aber erst im letzten Moment erstaunt bemerkte, weil er sich noch auf dem Gipfel gewähnt hatte.
Die "Hätte" -und "Wäre wenn" -Gedanken kamen wieder. Er hätte Katharina nicht an sich binden dürfen. Hätte er einfach eine gute Zeit mit ihr genossen, ihre Jugend und Liebe, und wäre dann seinen Weg gegangen, ja, was wäre dann eigentlich gewesen? Wenigstens hätte er kein schlechtes Gewissen. Allerdings war er ehrlich genug, sich einzugestehen, dass er sich ein Leben ohne sie nicht denken konnte.
Vor 14 Jahren hatte er sie auf einer faden Party in Köln kennen gelernt, auf der sich junge Möchtegern-Schreiberlinge mit der Hoffnung auf Karriere an ihn hängten. Katharina war damals erst seit kurzer Zeit im Verlag. Mit ihren 26 Jahren sah sie mit echter Bewunderung zu ihm auf, sie hatte wirklich all seine Bücher gelesen, und auch darüber hinaus fanden sie schnell einen gemeinsamen Nenner. Obwohl er damals schon die 56 Jahre gerade überschritten hatte, fühlte er sich keineswegs alt, schon gar nicht zu alt für schöne Frauen.
Er war sportlich, fit, reiste viel, hatte Geld und Erfolg. Dinge, die einem Mann ewige Jugend zu verheißen schienen. Heute wusste er, wie trügerisch dieser Schein war, und dass auch der Glanz der Jugend der Frau an seiner Seite sein Altern nicht aufhalten konnte. Noch immer hätte sie seine Tochter sein können, aber immerhin war sie vierzig Jahre alt, eine reife Frau, und nicht zum ersten Mal stellte er sich die Frage, ob er ihr nicht ihre besten Jahre genommen hatte, dieses Jungsein, mit dem er sich geschmückt hatte wie ein eitler Gockel.
Sie waren zusammengewachsen in den Jahren, sie hatte teilgehabt an seiner Arbeit und seinen Erfolgen, seinen Höhen und Tiefen. Noch etwas, sie hatte eine Tochter mitgebracht, damals drei Jahre alt. Ein liebenswertes kleines Mädchen mit blonden Locken und schelmischem Lachen, das sich in sein Herz geschlichen hatte, obwohl er immer meinte, Kinder wären Kletten, die seinen Spielraum und sein Schöpfertum, seine Lebensart als Künstler einengen würden.
Bis die kleine Ludmilla, oder Milli, wie sie sie nannten, in die Schule kam, hatten sie sie auf all ihren Reisen mitgenommen. Während des ersten Schuljahres war Katharina des Kindes wegen erst in Köln, dann in Frankfurt geblieben. Dann wollte Richard nicht mehr darauf verzichten, dass sie ihn auf seinen Recherchereisen, zu den Lesun- gen, Gesellschaften begleitete, und sie hatten Milli in ein Internat gegeben. Katharina war für ihn unverzichtbar geworden, sie gab ihm nicht nur ein gutes Lebensgefühl, sie war auch seine Dolmet- scherin, sie half, die Eindrücke festzuhalten, die er sammelte. Sie waren nach Hamburg gezogen und hatten die gemeinsamen Reisen, das Leben voller Unternehmungen, die gemeinsame Arbeit wieder aufgenommen, alles, was ihm wichtig war.
Aber dann, vor vier Jahren, hatte ihn auf einer Schriftstellertagung der erste und eineinhalb Jahre später der zweite Herzinfarkt erwischt. Seitdem verlief das Leben in anderen, engeren Bahnen. Nicht nur sein Körper ließ ihn im Stich, auch sein Elan, seine Zuversicht, der viel bewunderte Optimismus, der unerschöpfliche Ideenreichtum. Nur mit größter Anstrengung hatte er das letzte Buch vollendet. Er fühlte sich von tausend Vorschriften gemaßregelt, wie viel Schlaf er brauchte, wann er welche Medizin zu nehmen hatte, was er essen und trinken sollte, welche Vorhaben zu anstrengend für den alten Mann waren, der er nun war. Ärzte mit aufgesetztem Optimismus stopften ihn in ein enges Korsett dessen, was für ihn gut und möglich war. Das Schlimmste war, dass ihn all das so tief verunsicherte, dass er auf seinen Herzschlag zu lauschen begann, jeden noch so kleinen Schmerz als Bedrohung empfand, sich schwach und überflüssig fühlte, seiner Sterblichkeit bewusst.
Er wollte nicht Sklave seines Körpers sein und war es doch. Bestimmt, redete er sich hoffnungsvoll zu, würde es in Berlin besser werden. Raus aus dem düsteren Gemäuer hier, dem regnerischen Hamburg, in die aufstrebende, quirlige Hauptstadt. Neues sehen, eine andere Umgebung, frische Eindrücke.

Trotz des Kaminfeuers fröstelte Katharina, als sie ins Wohnzimmer trat. Richard hatte zwei Gläser auf den Tisch gestellt und entkorkte gerade eine Flasche Weißwein. Es ließ ein Lächeln über ihr Gesicht huschen, dass er nie vergaß, welchen Wein sie am liebsten mochte, und dass sie nur eine ganz bestimmte Sorte Gebäck dazu mochte. Nie vergaß er das Datum ihrer ersten Begegnung, nie ihre Lieblingssüßigkeiten, nie, dass sie am liebsten Bernstein trug, ob nun gerade modern oder nicht. Auch dafür liebte sie ihn. Früher hatte er auch sofort bemerkt, wenn sie ein neues Kostüm oder Kleid trug, beim Friseur war oder das Parfum wechselte. Sie nahm ihm nicht übel, dass er dafür heute kein Auge mehr hatte. Sie war keine junge Frau mehr, und für ihn hatte die letzte Jahreszeit des Lebens längst begonnen, mochte sie das noch so weit wegschieben.
Während sie ins Schlafzimmer ging, sich eine Jacke zu holen, hörte sie das Telefon. Wer jetzt noch anrief, so spät am Abend? Sie lebten mittlerweile so zurückgezogen, dass außer der Maklerin, der sie schon den Verkauf des Hauses anvertraut hatten, einem Hand- werker oder Getränkelieferanten kaum mal jemand anrief. Sie warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel, während sie sich die Jacke umlegte. Viel zu blass war sie, nachlässig frisiert, ja, ein paar Falten waren da auch, kamen immer neue hinzu, besser nicht so genau hinschauen.
"Wer war dran?" Sie stellte die Frage, bevor sie wahrnahm, wie verblüfft Richard auf den stummen Hörer in seiner Hand blickte. "Was ist, Richard?"
"Milli. Sie ist unterwegs hierher. Ist aus dem Internat abgehauen. Die wusste noch nicht mal genau, wo sie jetzt ist. Ruft von einer Tankstelle an, von der Autobahn."
"Von der Autobahn? Abgehauen?" Katharina war so perplex, dass sie keine vernünftige Frage formulieren konnte.
"Ja, sie ist per Anhalter. Verdammt", erregte sich Richard, "sie sollte doch Geld für die Bahn haben. Wir haben sie, weiß Gott, nie kurz gehalten. Nun mach nicht so'n Gesicht. Sie ist schon mal hier aufgekreuzt, nur wegen eines Rüffels in ihrem geliebten Sportkurs. Vielleicht kennt sie den Fahrer ja, vielleicht einer, der das Internat beliefert, oder der Vater einer Schulfreundin."
So leicht mochte Katharina das nicht abtun. Was konnte nicht alles passieren? "Hat sie gesagt, wann sie ankommt?"
"In zwei Stunden oder so. Komm, bevor der Wein warm wird. Wir erfahren es noch früh genug."
Er wollte es Katharina nicht zeigen, aber im Stillen schmunzelte er über die abenteuerliche Göre, die einfach so ausgebüxt war. Regel- verstöße waren ihm sympathisch. Einer Mutter konnte man das natürlich nicht sagen. Mütter sorgten sich und zeterten, befürchteten und witterten, deshalb nahm man als Jugendlicher auch Abstand von ihnen.
"Habe sie gefragt, ob wir sie irgendwo abholen sollen, aber sie meinte, sie werde direkt hergefahren."
Katharina versuchte, sich damit zu beruhigen, dass es dann ja wohl doch jemand sein mochte, den Milli kannte. Fremde Autofahrer fuhren einen kaum direkt nach Hause. Sie drehte das Glas zwischen den Fingern.
"Es muss doch was vorgefallen sein. Klar, damals der Rüffel, aber da war sie auch zwei Jahre jünger. Was wissen wir überhaupt noch von ihr? Ihre Telefonate, und auch wenn sie hier ist - also, ich hab das Gefühl, sie ist immer so weit weg. Verstehst du?"
"Ich verstehe schon. Ist aber normal in dem Alter. Die nabelt sich eben ab. Für sie sind wir doch uralt."
Katharina biss sich auf die Zunge, fast hätte sie erwidert: Du vielleicht, aber ich doch nicht. Dabei hatte er Recht. Mit 17 hatte sie ihre Mutter für alt gehalten, für alt und für jemanden, der vom wirklichen Leben überhaupt keine Ahnung hatte, weil das doch jenseits der 40 gar nicht mehr stattfand.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 2009-08-08. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).