August Sonnenfisch

November

 

November


Wer jetzt ohne Mantel nach draußen
sich wagt, der wird
vom November
eines Besseren belehrt!


Kahl sind Bäume und Sträucher.
Schon am Nachmittag
schwindet das Tagesgestirn.

Tagtäglich wächst die
anscheinend allmächtige Nacht.


Und der Kalender ruft uns
zur Volkstrauer über die
Kriegstoten der Welt. Ruft uns
zu Buße und Gebet.
Wie auch zum Gedenken
an die Toten in den Schlachten
wie im Frieden!

An meinem Schreibtisch
leuchtet jetzt eine
Kette von dreiunddreißig Lichtern.
Dreiunddreißig, wie das
Lebensalter des Christus.

Nach Zeitlosigkeit und Müßiggang
und innerer Einkehr
ist mir zumute
in diesen Tagen.
Wider den Strich läuft mir eine jede
unnütze Tat.

Der November ist mir
eine Vorübung
fürs Alter: in diesem Monat war
ich schon immer bejahrt.

Durchherbstelt und still sitzen
die Menschen
in den Cafés - Schutz
beieinander suchend
und Vertrautheit zueinander.

Doch volle Leistung fordert Gott Mammon
und die Ökonomie!
Als wäre es Sommer:
November hin - November her.
Zudem wirbelt der
Weihnachtsmarkttaumel

alljährlich
nötig-unnötige Geschenke
in die Häuser
der Erschöpften.

In Europas Mitte waltet jetzt
die Muße des November -
doch dessen ungeachtet
zwingen und zwängen die Menschen-
kinder sich weiterhin
zur Leistung. Zur
Stärkung des Kapitals in den Büchern.
Unser Selbst aber
zahlt dafür
die erkleckliche Zeche.

Eine Möglichkeit wir verschleudern:
die Verlangsamung und
die Einkehr
im November!
Allein den Erwerbslosen
ist sie vergönnt
und den Alten, den
Kurzarbeitern und den Kranken.






(c) August Sonnenfisch, Berlin, 18. November 1993 ff

Sonntag, 14. November 1993: Volkstrauertag
Mittwoch, 17. November 1993: Buß- und Bettag
Sonntag, 21. November 1993: Totensonntag

Siehe dazu auch das Sonnenfisch-Gedicht "November in Berlin"



 

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