Andreas Roscher

Besuch

 

 

Sie besucht mich schon seit ich denken kann,

in regelmäßigen und unregelmäßigen Abständen;

regelmäßig wie der Schornsteinfeger,

den unfreiwilligen Glücksbringer,

unregelmäßig wie die Zeugen Jehovas,

diese vorsätzlichen Heilsverkünder.

 

Ich mag beides nicht,

aber das ist eine andere

Geschichte.

 

Gestern Nacht kam Sie mal wieder vorbei.

Als guter Gastgeber war ich vorbereitet:

Ich habe die Bude auf Vordermann gebracht;

die Teppiche ausgeklopft, Boden und Tisch

gewischt und reichlich Bier gekauft.

 

Sie kam erst um Eins, wir konnten sicher sein,

nicht gestört zu werden. Ich kann es nicht mehr

ausstehen, wenn man unsere traute Zweisamkeit

mit Anwesenheit traktiert.

 

Früher kam ich mit Ihr allein nicht klar,

sobald Sie vor der Tür stand, zogen wir

um die Häuser. Alle kannten uns und akzeptierten

uns wie siamesische Zwillinge.

 

Wir tranken, was das Zeug hielt, schliefen unseren

Rausch aus und zogen abends wieder los,

tagelang. Montagmorgens war Sie meist verschwunden,

um Donnerstagabend wieder auf der Matte zu stehen.

 

Ob Sie sich in der Zwischenzeit ausgeruht hat, oder

es mit anderen trieb? Kann sein.

 

„Weißt du noch, früher? Wir mit den Jungs und den Mädels.

Da hast du dich noch um mich gekümmert, mir was geboten.

Heute sitzen wir am Tisch, trinken Bier und du sitzt da, mit

deinem beschissenen Block und deinem verdammten Bleistift.“

 

Das Alter und andere Verpflichtungen haben meine Zeit für Sie

beschnitten, wie der übereifrige Gärtner die Hecke vorm Haus.

Kontrollierter Wildwuchs

Ich vertrag nicht mehr so viel, Bier und Besuche. Aber solang

die Zeugen Jehovas nicht mehr zu bieten haben, als mich zu erlösen,

werde ich weiterhin Teppiche ausklopfen und die Tischplatte polieren.

 

 

 

 

 

 

 

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