Ramona Kirchmaier
Der Gast - ein Gedicht über die Unzufriedenheit
Er klopfte leise spät in der Nacht.
Ich habe erstaunt die Tür aufgemacht.
Er kam herein und ließ sich nieder.
Wir tranken Wein und sangen Lieder.
„Ach bleib, netter Gesell du, ich bin so allein!“
Er war so vertraut mir, da lud ich ihn ein.
Nie fühlte ich mich so wohlig entspannt,
er lachte mich an und nahm meine Hand.
Nun wurde er mein treuer Begleiter.
Er kam jeden Tag, immer fröhlich und heiter.
Er brachte bezaubernde Dinge mit
von seinem täglichen Himmelsritt.
Frühlingsblumen, so zart und so schön,
den Sommerwind, den ließ er sanft wehen.
Im Herbst, da waren nie bunter die Blätter.
Im Winter war er mein Lebensretter.
Es roch nach Leben, nach Liebe und Meer.
Ich ging darin unter, ich sah’s bald nicht mehr.
„So sag mein Freund, wo bleiben die Gaben?“
Er war ganz erstaunt: „ was willst du noch haben?“
„So bring mir doch Reichtum und schöne Frauen.
Ein großes Haus, das könntest du bauen.
Urlaubsreisen, ein Auto, ´ne Yacht.
Du hast schon so lange nichts Neues gebracht!“
Da wurde er traurig und senkte das Haupt.
„Das hätte ich niemals von dir geglaubt!
Es tut mir so leid, doch ich muss jetzt weiter,
ich war viel zu lange dein steter Begleiter!“
Er lief schnell davon, ich sah ihn nicht mehr
und rannte verzweifelt ihm hinterher.
Ich suchte ihn hier, ich suchte ihn dort.
Sein Name war „Glück“, doch er war fort.
© R. K.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.06.2010.
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