Ramona Kirchmaier

Der See

 

 Sehr gerne ging ich an den See,
dort draußen in des Waldes Näh.
Denn lang schon, seit ich denken kann,
zog er mich magisch in den Bann.
 
Es war ein kühler Tag im Mai,
mir riss es fast das Herz entzwei.
Vor Leid und Schmerz und großer Not.
Vor Trauer, denn mein Kind war tot.
 
Ich lag mich untern Weidenbaum,
hier konnte ich aufs Wasser schauen.
Ich lag nur da um still zu lauschen,
dem sanften Wind- und Wasserrauschen.
 
Auf einmal hörte ich ein Klagen,
als möchte jemand mir was sagen.
Es hörte an sich wie ein Flehen,
ich stand auf um nachzusehen
 
Ich folgte diesen leisen Rufen
und ging hinunter an das Ufer.
Jetzt nahm ich deutlich und ganz klar,
die Stimme meiner Tochter wahr.
 
„Oh Mutter hörst du es denn nicht,
wer schon seit Tagen zu dir spricht?
So glaub mir, du bist nicht allein,
ich werde immer bei dir sein!“
 
„Mein Kind, ich habe es vernommen.
So wart auf mich, ich komm geschwommen.
Ich komm zu dir, gleich bin ich da,
dann bin ich immer dir ganz nah.“
 
Ich ging ins Wasser, wie in Trance.
Es war sehr kalt, bald war ich nass.
Zur tiefsten Stelle wollt ich hin,
auf dass ich ewig bei ihr bin.
 
„Nein, Mutter, nein, so soll’s nicht sein!
Lass meine Schwester nicht allein!
Warum verstehst du mich denn nicht?
Es ist das Herz, das zu dir spricht!“
 
Die Stimme riss mich aus dem Traum.
Was tu ich nur, ich glaub es kaum.
„Mein Kind, ich bin so krank und dumm,
hab keine Angst, ich kehr gleich um.“
 
Ich schwamm zurück, wach und beschämt.
Vom kalten Wasser fast gelähmt.
Und nur mit allerletzter Kraft,
hab ich ans Ufer es geschafft.
 
Ließ mich ins weiche Gras dann fallen
und ihre Worte widerhallen.
Und lange weinte ich  vor Glück,
denn meine Tochter war zurück.
 
 
© R.K.

 

 

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