Heidi Schmitt-Lermann

Der Weihnachtszug



 
 
Da stampfte die alte Dampfeisenbahn.
Ich hörte sie im stillen Zimmer.
Ganz langsam sie aus dem Bahnhof kam,
schnauft und keucht im Scheinwerferschimmer.
 
Sie rollte davon aus der großen Stadt,
hinein in die Landschaft der heiligen Nacht.
Wo es mächtig verschneite Wälder hat
und die Flocken schwebten leise und sacht.
 
Im Horchen lag ich gemütlich und warm,
ein Kind noch und lauschte dem fernen Ton.
Ein Teddy lag träumend in meinem Arm.
Die Eisenbahn ratterte weiter davon.
 
Wo wollten nur all die Menschen hin,
allein und einsam im fremden Zug?
Wollten sie heim im Familiensinn,
oder hatten sie dazu keinen Bezug?
 
Sah’n sie hinaus, im Winterdunkel
schemenhaft die Welt vorbei zieh’n,
am Himmel Wolken und Sternengefunkel
und Rehe von den Gleisen weg flieh’n?
 
Die Dörfchen lagen in Schnee gehüllt.
Christbäume leuchten mal hier, mal dort.
Hat so sich die Weihnacht für sie erfüllt
Im Getragensein von Ort zu Ort?
 
Der Zug schon leis’ in die Weite entfuhr.
Schönheit und Liebe ich jetzt begriff,
Stimmung geborgen ist Weihnachten pur.
In der Ferne heult noch ein langer Pfiff.
 
 
 
In der Nachkriegszeit waren noch viele ehemalige Gefangene und Soldaten unterwegs, um ihre Familien zu finden. Da musste man dankbar sein, wenn man eine Familie hatte. Von meinem Schlafzimmer aus konnte ich immer die Züge hören, die den Ostbahnhof in München verließen. 

 

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