Edward Suvega

Umbenennungswahnsinn





Raider hieß bald Twix,
sonst änderte sich nix,
Postleitzahlen wurden fünffingrig,
der Take-Away, der Kaffee für Unterwegs,
schmeckt jetzt sämig, fickerig,
nennt Coffee-to-go sich,
Mc Ribb ist ein billiges Wannabe-Steak,
und, wie einstig die Kiffpaläste,
heißen sie nicht mehr Caféhäuser,
wo man Kaffee, geröstet vom Besten,
kann konsumieren beim Pläuschchen,
sondern Coffee Shop,

Die Bäckereien sind keine Handwerksbetriebe mehr,
schnelle Backgeschäfte sind sie, "Back Shops",
also back = zurück/hinter/Rücken, Shop = Geschäft,
(Wär ich back in job, im Back Shop, wär's nicht top, Flopp),
Bake(ry) Shop wär richtiger,
doch werden alle früheren Begriffe nichtiger,
neue sprachliche Kräfte,
erobern die Gebrauchssprachbühne,

Doch auch wenn neuen Wortsterne aufglühen,
das romantische Rendezvous mutiert,
zum billigen Date ist degradiert,
und selbst wenn ARGE jetzt JOBCENTER heißt,
Im Grunde ist's aus alten Schläuchen,
aus ausgelaugten Bäuchen, nach alten Bräuchen,
der übliche Wein, derselbe Scheiß,

Nur weil es jetzt einen feinen andren Namen trägt,
ist nicht besser oder schlechter,
nur weil's terminologisch logisch verschieden,
hat's keine neue Wahrheit geprägt,
keine neue Deutungshoheit entschieden,
und ist keineswegs gerechter,

Mit neuen Namen, die sind Schall und Rauch,
wird man weder Welt noch Mensch, Tier retten,
durch neuen Fachjargon im Sprechen,
haut man niemand aus der Arbeitslosigkeit heraus,

Selbst die armen Kaffeebauern,
werden weder rasch noch auf Dauer,
davon profitieren,
wenn sich neue Benennungen etablieren!

Zu den Zeiten, als ich noch kein Vegetarier war, lässt sich sagen: Der Mc Rib von Mc Donald ist eine Zumutung. Zum Kotzen, dieses allzu würzig und unappetitlich dunkel zubereitete Rindfleisch. Das arme Tier!

Vor allem aber gilt: Jede Umbenennung birgt ein Risiko: Nichts wird durch sie besser: Im Aldi gibt es auf einmal die verdammten Joghurt-Gums (mit pflanzlicher Gelatine) von Katjes in der Billigversion, heißen jetzt allerdings "Joghurt to go" (so ein Schwachschwachschwachsinn!!!) - und dann dieser total bäbbäb (uralter mittelwestfälischer Ausdruck für "unsagbar peinlich und übel kakophonisch") klingende Anglizismus Coffee To Go, der mit Sicherheit einer der vielen falschen ist. Am schlimmsten aber: Die ARGE, ein Ableger vom Arbeitsamt, zuständig für die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen in Arbeit, zuständig auch für die Zahlungen von Hartz IV an die armen Schweine, die keine Arbeit haben, heißt jetzt nicht mehr ARGE, also Arbeitsgemeinschaft, sondern, "cooler", JOBCENTER. Bestätigen lässt sich auch hier leicht: Es ist eine linguistische Mogelpackung (wie so vieles andere, wie Raider, das zu Twix wurde und bis heute genauso schmeckt): Der Service verbessert sich nicht, wird sogar schlechter, die Leistungen sind dieselben - und die Anhebung des Maximalsatzes HARTZ IV in der läppischen Höhe von 5 Euro spricht allem Hohn, was viele arbeitslos gewordene Leute in all den Jahren hart erarbeitet haben.
Und wenn man dann noch bedenkt, dass... aber das würde zu weit führen. Mit so was belästigt man anständige Bürger nicht.

Fakt ist, wie immer, wie der Kanon, der Kontext, die Quintessenz und das Resümee aus allen meinen Texten sein muss: Alles Scheiße, Deine Elli.

Amen, Reverend.
Edward Suvega, Anmerkung zum Gedicht

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.02.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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