Edward Suvega

Maskenballschabernack




Erfahrung erlebt,
viel erfahren,
über Manches im Klaren,
jetzt - und wohlüberlegt,
alle weitren Schritte meines Wegs,
keineswegs,
willens, erneut bitter,
zu scheitern an 11 Tagen,

Drum will mit Würde ich tragen,
die 205 als meine fatale Ziffer,
(Zellennummer, in der ohn' Furcht und Kummer ich die ersten 3,5 Tage schmachtete),
(Raum, in dem ich zwangsweis', den Schlaf der Gerechten verächtlich schlafend, übernachtete),

auf dem schäbigen schwarzen Pullover,
mit metallmüdem Reißverschluss,
ein verwaschner, zerschlissner, textil doofer,
mit einem speckigen alten Kragen,
mir verleihend Stärke - und Verdruss,
innre Freiheit in physisch versperrten Lagen,
(triumphierend) philosophieren lassen über große Fragen,

Besagten Pulli benäht' ich mit weißen T-Shirt-Streifen,
(in Sträflingsmuster, quer drüber,
viel Garn hatt ich für über),

in Sträflingsmuster, schön verwebt,
in mein seelisches Mauerwerk verstrebt,
im drahtenen inneren Nach-Begreifen,

Dazu diese alte weiße Schlabberhose,
doch der wahre Augenschmaus,
echter Hingucker und Rocker der Schose,
da beißt den Affen glatt die Laus:,
Die Kopfbedeckung - abrakadabra,
doppeltkopfhoch und reichlich bizarr,
gefertigt rund aus Kaninchendraht,
Stacheldraht obenauf,
1 Paar Handschellen, Fußfesseln auch,
und eine Pringles-Dose,
dort von JVA ein Luftbild drauf,
und umwickelt mit Fahrrad-Schellenschraub',

Man starrte,
ungläubig, erstaunt,
man tuschelte, grinste, lachte,
linste neugierig, kopfverrenkend,
es wurd gekichert, geraunt,
Einer stubste den anderen an,
manchem fielen fast die Augen aus,
manche hauten heiße Sprüche raus,
die meisten leisteten sich Bemerkungen:,
"Cool", "krass", "originell",
"kreativ", "wow", "sensationell",
einen kleinen Sieg errungen,
über die übliche Tristesse,
all die Bewunderung sorgte für Bestärkungen,
und ich sonnte mich weidend im allgemeinen Interesse,

Meine coolste Verkleidung,
seitdem ich mich verkleiden kann,
goldrichtige Entscheidung,
die bewusste Provokation,
durch Selbstkonfrontation,
und die Präsentation am Feiertag,
Expressionismus statt strikter Vermeidung...
 



Einer der Gründe für über eine Woche absoluter Abstinenz vom Schreiben (auch hier bei est.) lag in der karnevalistischen Woche, der bedingungslosen Hingabe zum wilden, bunten und wahnsinnigen, zum irren, lustigen Treiben - und der fröhlichen, ungezwungenen Narretei. Der Mensch scheint das zu brauchen - und auch ich bin seit Jahrmillionen... äh Jahrzehnten total verschossen in das Verkleiden!

Was hatt ich nicht schon alles für krasse, absurde, für mehr oder minder originelle oder grenzwertige Verkleidungen, außergewöhnlich, unkonventionell und immer für ein paar bewundernde Blicke gut. Aber so sehr aufsehenerregend wie dieses Jahr war es definitiv noch nie. Ich war in einer großen Stadt unterwegs, in einer, die zwar nicht unkarnevalistisch ist zur Faschingszeit, doch in der sich nicht gleich jeder verkleidet (dramatisch viele Menschen gingen einfach als sie selbst), die meisten aber wohl mehr oder weniger nun ja, "normal".
Aber definitiv, ohne prahlen zu wollen, muss ich eines zugeben: So sehr hatte ich diesen Effekt noch nie erlebt, dieses "All Eyes On Me". Es gab wohl wirklich KEINEN, der mich nicht gesehen hätte, dessen Blicke nicht auf mich gerichtet gewesen wäre. Ein zugleich schönes wie auch unangenehmes Gefühl. Wusste auch erst nicht, ob ich das wirklich machen sollte. Einen Tag vorher (am Rosensonntag) hatte die Verkleidung bereits in einer kleineren Stadt meiner Heimatgegend ihre (überwiegend zustimmende, positive, bewundernde) Wirkung nicht verfehlt. Doch ich zweifelte daran.

In diesem Jahr war mir nicht viel nach großem Feiern, was Karneval betrifft. Statt eines infantil lustigen Kostüms (wie sonst oftmals) wollte ich eher eine ernste Tonlage anstimmen visuell.
Zudem ließ mich meine Knasterfahrung nicht los (Alpträume oder sogar positive Trauminhalte kommen durchaus gehäuft vor in letzter Zeit) - und ich beschloss, sie ein für alle Mal zu verarbeiten.

Grundlage für diese Verarbeitung war die Idee, alte unbedruckte weiße T-Shirts von mir zu zerschneiden in Streifen, die dann auf meinen schwarzen Pullover mit Reißverschluss im Brustbereich angebracht wurden, wie bei alter Sträflingskleidung (meist weiße Streifen auf Schwarz). Links, auf Brust im Herzbereich, ein weiterer Aufnäher mit der in Blau gehaltenen Zahl 205 (identisch mit der Zellennummer der Zelle, in der ich von den 11 Tagen die ersten 3,5 verbrachte). War eine Heidenarbeit von mehreren Tagen, die Streifen und die Zahl aufzunähen, da ich sowieso kein großer Näher vor dem Herrn bin (dazu später mehr).

Auf dem Kopf trug ich ein selbstgefertigtes Kaninchendrahtgestell (Kreuzgitter), das hinten verstrebt war an den Enden ineinander, dazu ein Fahrradschlauch, der davor schützte, dass mich die Enden pieksen.

Am einen oberen Ende (linksseitig) des Drahtgestells, das oben mit einem ebensolchen abgeschlossen war, hing ein Paar Handschellen, obenauf auch noch ein Paar Fußfesseln (ich sammle solche Dinger schon ewig), dann noch oben drin eine Pringles-Dose, mit Fahrradschraubschellen befestigt. Auf ihr ein Luftbild der JVA, in der ich war - stark verfremdet allerdings durch ein paar Effekte, damit es nicht gleich leicht erkennbar ist, man will ja keine Probleme kriegen, wenn man so rumläuft.
Ergänzend dazu war mein Gesicht in "Sträflingsfarben", immer Schwarz-Weiß im Streifenmuster, mit Karnevalsschminke zugekleistert. So lief ich dann überall herum.

Interessant war übrigens die Reaktion der Polizei, die überall vor Ort die Straßenzüge sicherte: Einige Polizeibeamten guckten irritiert bis schockiert, manche gar ganz schön misstrauisch. Einige allerdings lachten herzhaft, andere grinsten wenigstens ein wenig.

Die Reaktionen der meisten Zivilbürger reichten von oben genannten Sprüchen bis hin zu lustigen, markigen Aussagen (meist im Suff, denn viele mühten sich redlich, die Promillegrenzen zu überschreiten), einige schossen gar Fotos.
Die Tage Rosensonntag und Rosenmontag waren jedenfalls ganz wunderbar.
Edward Suvega, Anmerkung zum Gedicht

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Edward Suvega).
Der Beitrag wurde von Edward Suvega auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.03.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Ein tiefes Blau - Berlin von Heiger Ostertag



Während eines Berlinaufenthalts lockt eine schöne Unbekannte den Schriftsteller Alexander Veldo in die Räume einer Vernissage. Dort wird er mit einem Bild konfrontiert, das ihn völlig in den Bann schlägt. Am nächsten Morgen ist das Gemälde verschwunden. Die Suche nach dem Bild führt Veldo tief in die faszinierende und vielfältige Welt der Kunst. Im Kunstmilieu selbst begegnen ihm Anne, Julia und Antonie, drei sehr eigenwillige Frauen, mit denen bald ein verwirrendes Beziehungsspiel beginnt. Im Hintergrund des Geschehens agiert der Händler Panduli, der Veldo für seine zwielichtigen Kunstgeschäfte zu nutzen sucht. Veldo macht sich in seinem Auftrag mit Julia auf die Suche nach dem verlorenen Bild. Auf der Reise intensiviert sich das kunstvolle Spiel ihrer Verbindung. Doch bald zerstören Pandulis dunkle Geschäfte die Idylle. Julia verlässt ihn und Veldo lebt kurz mit Anne und dann mit Antonie zusammen. Eine unbestimmte Drohung lastet über den Beziehungen, vor der Veldo nach Ägypten flieht. Vergeblich, denn während einer Schiffsfahrt auf dem Nil treten ihm erneut Anne, Antonie und Julia entgegen und Veldo verliert sich mit ihnen in einer surrealen, Angst erfüllten Traumwelt, aus der er nur mit Mühen entkommt. Schließlich kehrt er mit Anne nach Deutschland zurück, aber ihre Beziehung scheitert erneut. Monate vergehen, die er mit der Verarbeitung und der Niederschrift seiner seltsamen Erlebnisse verbringt. Und eines Tages macht Veldo eine eigenartige Entdeckung.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Erfahrungen" (Gedichte)

Weitere Beiträge von Edward Suvega

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Einausumaufabstieg (Brokdorf, Brunsbüttel, Biblis, Krümmel) von Edward Suvega (Allgemein)
drehmoment von Ginette Rossow (Erfahrungen)
45 % von Ursula Geiger (Klartext)