Wolf-Rüdiger Guthmann

Ostern 2011

Der Frühling hatte angeklopft,
der letzte Schnee vom Dach getropft,
die Hände mussten nicht mehr frieren,
da ging ich im Wald spazieren.
Die ersten Vögel sangen Lieder,
säuberten die Nester wieder.
Wie ich nun so ziellos lief,
an der Futterraufe mich ein  Zettel rief.
Tief gebeugt habe ich buchstabiert,
was da einer hingekliert.
Des Schreibers Hände waren wohl gefroren,
denn jeder Buchstabe hatte Ohren.
Ich las: "Liebe Hasenleute,
ein trauriger Tag ist heute.
Die Regierung legte fest,
dies Jahr gibt's kein Osterfest.
Das Budget wäre sehr schmal
und zu gering das Personal.
Viele unserer Hasengenossen
hätten gelangweilte Jäger erschossen.
Und viele, die sonst für Ostern geworben,
seien an überdüngten Kräutern gestorben.
Fachkräfte aus anderen Ländern
würden europaweit nichts ändern.
Wenn wir Ausländer erwählten,
sie Ostern in ihrer Heimat fehlten.
Und wir wollen doch hier auf Erden,
dass Ostern alle Kinder glücklich werden.
Von Fukushima käme jetzt geweht
leichte Radioaktivität.
Während wir uns in der Sasse aalen,
träfen uns gemeine Strahlen.
Diese Nachricht macht mir Sorgen,
deshalb treffen wir uns morgen."
Die Adresse, die dann genannt,
war als Schonung mir bekannt.
Unterschrieben war das Plakat
mit Oberhase Feldsalat.
Und so kam's am nächsten Tag,
dass ich dort auf der Lauer lag.
Nur eine Lücke hatte der lange Zaun,
durch die mussten sich alle traun.
Und dann kamen sie gelaufen,
einzeln und in großen Haufen.
Jeder Hase war dabei
mit seinem schönsten Osterei.
Die waren rot, gelb, grün und blau,
für die Augen eine Schau.
Manche waren sehr gemischt,
andere wie leicht verwischt.
Die Braunen ich nur nebenbei erwähne,
beim Hinsehen gab es manche Träne.
Erst kamen Punkte und Abziehbilder,
später wurde es noch wilder.
Manche grau wie die Raketen im Weltall
oder schwarz/weiß wie ein Fußball.
Die Hasen der Sorben und Wenden
trugen Kostbarkeiten in den Händen.
Muster, eingekratzt mit dünnen Kielen,
trotz der Finger voller Schwielen.
Nicht nur Hühnereier, wie gewohnt,
auch Eier von Gänsen und Schwänen haben gethront.
Selbst Eier von Tauben und dem Emu,
eins klein, eins groß, kamen dazu.
Und so ging es wie am Schnürchen,
Eier goldverziert oder mit Türchen.
Aus Zucker und Schokolade gegossen,
damit auch mal was anderes genossen.
Ich hörte, dass manche hartgekocht seien,
geeignet für die Tradition Waleien.
Manche mit bunten Streifen gedrechselt,
zwischendurch Farbe und Pinsel gewechselt.
Lackiert, mattiert, mit Leim genässt,
eins sogar in die Flasche gepresst.
Weich gekocht oder ausgeblasen,
beklebt mit Ohren, Mündern und Nasen.
Manche im Eierbecher standen,
an anderen sich Aufhänger befanden.
Jedes war auf seine Weise verschönt,
nur rohe Eier waren verpönt.
Denn geht mal eins entzwei,
gibt's ungewollt ein Spiegelei.
Das lässt sich weder tragen noch fassen,
man muss es einfach liegen lassen.
Doch soll es keine Beweise geben,
wo die Osterhasen leben.
Alle Hasen wollten Bereitschaft zeigen
und tanzten gemeinsam den Eierreigen.
Keiner es glauben wollte,
dass Ostern ausfallen sollte.
Dann saßen alle ganz leis
mit ihrem Ei im großen Kreis.
Ich schaute nur traurig drein,
sollte das dies Jahr alles gewesen sein?
Da hörte ich den Oberhasen quatschen
und kurz darauf die anderen klatschen.
Er sagte nämlich: "Gestern war der Letzte im März
und heute wäre alles ein Scherz."
Und dass er alle Hasen lobe
für die gelungene Osterprobe.
Mehr brauchte ich nicht zu hören
und wollte auch gar nicht weiter stören.
Jeder, der den Kalender kennt,
weiß, wie diesen Scherz man nennt.
Doch keiner weiß, wie glücklich ich bin,
drum grüßt erwartungsvoll
Eure Charlyn. 

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