Wolf-Rüdiger Guthmann

Die Brieftaube

„Opa, Opa!“ machte Charlyn mich wach.
„Sieh doch mal aufs Scheunendach!“
Ehe ich mich aus dem Bett gewunden,
war sie aber schon wieder verschwunden.
Wird man so plötzlich aufgeweckt,
ist man erst einmal sehr erschreckt.
Ich musste rasch die Knochen regen
und dabei schnell überlegen.
Eigentlich ist Sonntagmorgen,
da gibt es sonst gar keine Sorgen.
Doch ein Gewitter war heute Nacht
und es hat mächtig mal gekracht.
Sollten der Wind und der Regen
etwa das Ziegeldach bewegen?
Ist der Sturm durch die Dachsparren gebraust
und samt Steinen zu Boden gesaust?
Oder baut der Storch als Test
schon für nächstes Jahr ein Nest?
Im Schlafanzug, mit kurzen Beinen,
sah man mich auf dem Hof erscheinen.
Ein kurzer Blick, die Angst ließ nach,
da saß ne Taube auf dem Dach.
Keine von den wilden, grauen,
die sonst sich auf den Hof hier trauen,   
die auf den hohen Bäumen brüten
und sich vor den Milanen hüten.
Nein, es war ein hübsches buntes Ding,
trug am Fuß nen breiten Ring.
Dessen Farbe war, ich glaube blau
und man sah die Schrift genau.
Diese Vögel, eigentlich Postboten,
bringen dem Taubenzüchter gute Noten.
Vielleicht in England aufgestiegen,
müssen sie hunderte km fliegen.
Und wer zuerst im Schlag einzieht,
als Belohnung einen Preis dann sieht.
Die Taube darf auch endlich brüten,
in Ruhe ihren Schlag behüten.
Diese hier war noch ganz verklebt,
doch sie hatte das Unwetter überlebt.
So was erleben wir jedes Jahr,
weil’ s Futter gibt bei unsrer Hühnerschar.
Als kleine besorgte Haustiermutter
holte Charlyn jedoch das Vogelfutter.
Ich streute es auf die hohe Mauer,  
dann zogen wir uns zurück auf die Lauer.
Und es verging nur kurze Zeit,
da war die Taube zum Fressen bereit.
Der Hunger hatte schnell gesiegt,
sie kam sehen, was da liegt.
Korn für Korn ward aufgepickt,
zurück aufs Dach und kurz genickt.
Dann fing sie sich zu putzen an,
damit sie weiter fliegen kann.
Sie plusterte sich rund wie Bügel,
spreizte Federn, hob die Flügel.
Sie knabberte an ihren Beinen,
wetzte den Schnabel an den Steinen.  
Das hat Charlyn gar nicht gepasst,
sie hätte sie gern angefasst,
ihr übers Federkleid gehaucht
und tröstende Worte gebraucht.
Auch ich konnte sie nicht fangen,
um an die Ringinschrift zu gelangen.
Mich interessierte das genauer
und ich war aus Erfahrung schlauer.
Ich nahm den Feldstecher zur Hand
und las was auf dem Ringlein stand.
„Serbska“ und eine Zahlenkolonne,
die für Eingeweihte eine Wonne.
Die Brieftaube saß auf dem First unterdessen,
als hätte sie ihre Heimat vergessen.
Sie hat sich nicht mal aus dem Staub gemacht,
als hereinbrach eine neue Nacht.
Am nächsten Tag gab’ s Sonne pur,
für Tier und Mensch die richtige Kur.
Die Taube trippelte her und hin,  
als hätt sie Liebe nur im Sinn.
Doch weit und breit kein Artgenosse,
wir hielten’ s schon für eine Posse.
Da hob sie kraftvoll ihre Flügel an,
stieß sich ab und flog sodann.
Sie drehte um’ s Gehöft zwei große Kreise
und suchte die Heimat-Richtung für die Reise.
Wie ein Pfeil schoss sie zum Wald das Stück,
Charlyn rief ihr noch nach: „Viel Glück!“
Nun hoffen wir, sie wird es überleben
und öfter uns die Ehre geben.   

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.07.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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