Elia Nazemi

Deine Heimat



Du fragst mich:
„ Woher kommst du Fremder?
Wie lange bleibst du?
Und wann?
Wann gehst du zurück,
zurück in deine Heimat?“

Wir sind seit Jahren Nachbarn.
Wohnen in diesem unscheinbaren Mietshaus,
am Rande der Großstadt.
Nie hast du mich gegrüßt,
nie trafen sich unsere Blicke.
Oft blieb mein Gruß unbeantwortet.
Schalte im leeren Treppenhaus des Mietshauses,
wurde leiser, immer leiser,
bis es in den oberen Etagen verstummte.

Und plötzlich fragst du mich:
„Woher kommst du Fremder?
Wie  lange bleibst du?
Und wann?
Wann gehst du zurück,
zurück in deine Heimat?“

Der Regen peitscht unaufhaltsam am kleinen Fenster des Flurs
Du bist sichtlich befreit.
Deine blauen Augen funkeln im gelben Licht der Lampe.
Als hättest du die Fragen ewig auf deinem Herzen getragen.
Wochen, Monate und Jahre,
den günstigsten Augenblick abwartend,
um es an diesem grauen Novembertag,
 im Flur unseres Mietshauses, zu stellen.

Die Regentropfen prallen am Fenster ab.
Wassertropfen rollen langsam an der kalten Scheibe herunter.
Wie erstart blickst du in meine dunklen Augen.
Die Schalwellen bahnen sich den Weg in die oberen Etagen,
bis sie leiser werden, immer leiser.
Und schließlich weiter oben verstummen.

Meine Blicke sprechen tausend Bänder,
und doch erkennst du Nichts in ihnen,
als siehst du hindurch, wartend auf eine Antwort.
Das Licht erlischt im Flur.

Wir stehen regungslos da.
Die Zeit scheint still zu stehen,
meine Stimme verweigert mir die Worte.
Stumm blicke ich in meine Kindheit,
finde mich an einem dieser sonnigen Tage des Sommers wieder.
Sehe glückliche Tage des Lachens,
Fühle die warme Umarmung der Mutter,
Berühre sanft meine Wiege,
die Wiege an der ich mich noch gut erinnere.
Atme die Luft voller Liebe und Zufriedenheit ein,
schreite durch enge Gasse der alten Stadt,

Tränen werden in meinen Augen geboren,
 rollen schnell meine Wangen herunter,
um schließlich auf meinen Lippen zu sterben.
Unberührt von meiner Trauer,
drückst du den Lichtschalter im dunklen Flur,

Du siehst meine Tränen nicht,
murmelst unverständliche Worte des Hasses,
um mit dem nächsten Windstoß am Fenster,
hastig die Treppen herunter zu laufen.
Deine Schritte hallen im Treppenhaus,
steigen in die oberen Etagen
und verschwinden allmählich.

Es folgt eine lange Stille,
Nur das Geräusch der Regentropfen an der kalten Scheibe,
dringen in die absolute Stille des Seins.
Meine Arme liegen angewinkelt auf den Knien,
darauf ruht mein Gesicht voller Tränen.
Gelegentlich höre ich mein eigenes schnurzen.
Richte meinen Kopf auf,
wische mit meinem Unterarm die Tränen vom Gesicht.

Die Frage lässt mich nicht unberührt,
die Heimat meiner Kindheit lag Plötzlich in Schutt und Asche,
Nachts fielen Bomben,
und am Tage donnerten Raketen.
Die Russen sagten: „Wir sind gekommen um zu helfen“
Doch unschuldiges Blut floss durch ihre Hände,
füllte trockene Bächer und Flüsse.
Überall blühten die Blumen des Krieges.
Überall säten sie die Samen des Todes.
Bei Nacht flohen die Menschen,
mit dem Hauch des Todes ganz nah am Nacken.

Nun sitze ich in diesem dunklen Treppenhaus,
fern ab der alten Strassen meiner Heimat,
finde keinen Trost,
habe keinen Halt
und niemand der mir die Tränen trocknet.
Wo ist Mutter?
Wo ist meine Wiege?
Mein stummer Schrei,
bahnt sich den Weg in dem dunklen Treppenhaus,
er steigt in die oberen Etagen,
wird lauter und lauter.
Durchbricht die alten, maroden Wände des Mietshauses

Hoch im Himmel sitzt Gott der allmächtige,
nur er sieht alle Menschen,
alles Leid und alle Freuden.
Doch an diesem kalten Novembertag,
sieht er meine Tränen nicht,
hört meine Schreie nicht,
wie so oft in all den Jahren,
in dieser trostlosen Fremde.

Ich sitze hier auf dem kalten, steinernen Boden,
die Augen voller Sehnsucht.
Die Sehnsucht nach den glücklichen Tagen des Lachens.
Tränen füllen die Becher meiner Augen.
Auch der Himmel weint bitterliche Tränen,
als fühle er meinen Schmerz, meine Trauer,
an diesem normalen, grauen Novembertag,
im Treppenhaus eines Mietshauses,
am Rande der Großstadt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.01.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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