Patrick Rabe

Sonne

Sonne. Heute habe ich auf dich gewartet.
Grübelnd habe ich nachts wach gelegen.
So vieles in meinem Leben liegt in Scherben.
Ein verflucht erwachsener Scherbenhaufen
Voller Profilneurosen, Unterschlagungsvorwürfen,
Eifersucht und enttäuschter Liebe.
 
Wäre ich nur der ach-so-wichtige Erwachsene,
würde ich zum Zyniker werden,
und all das nicht mehr an mich heranlassen.
Ich würde es mit einem messerscharfen Zucken meiner Mundwinkel
Als menschliches Gekrebse abtun.
 
Aber so bin ich nicht.
Ich möchte verletzbar bleiben,
denn erst dann erlebt man die Welt in
ihrer ganzen Schönheit.
 
Und…“Menschliches Gekrebse?“
Nun, ich bin doch auch ein Mensch,
unperfektverrücktliebenswert
in Generalunion.
„Nur wer fall’n auch fliegen kann“ (Grönemeyer)
 
Ich gehe also hinaus auf den Balkon.
Noch ist es fast dunkel,
aber das Grün der Bäume kann ich schon erahnen.
Und hunderte, tausende Vögel singen ihren Frühchoral,
bilden über mir eine Domkuppel des Morgenjubels.
 
Ich setze mich auf einen Stuhl
direkt unter diese Kuppel
und atme Morgendüfte:
Gras, Tau, Blüten,
und jenen eigentümlichen Geruch,
den die Luft am Morgen hat.
 
Meine Mutter sagte mal,
Morgens und Abends
sei das Chi am Reinsten.
 
Mag was dran sein.
 
Aber ich will mich jetzt auch nicht stören lassen
von esoterischen Konzepten,
sondern will den Morgen so empfangen
wie ein Kind.
 
Und ich spüre, wie die Nacht,
wie mein erwachsenes Hadern
von meinen Schultern fällt
wie ein schwarzer Mantel,
und ich lasse ihn bereitwillig los.
 
Immer kraftvoller wird das Jubeln der Vögel
und steigert sich schließlich zum Crescendo,
als die Sonne strahlend und gleißend
ihren ersten Zipfel über die Bäume schickt.
 
Cat Stevens fällt mir ein:
„Mine is the sunshine, mine is the morning!”
So empfinde ich heute auch.
Aber nicht mehr so triumphal,
wie noch vor Jahren,
als ich der Sonne meinen Weinbecher
zum Gruße leerte,
und trunken von Traubenmost
und Selbstgeilheit
mich ihr gleich wähnte.
 
Nein, jetzt bin ich weicher,
empfänglicher, demütiger,
sehe mich als Glied der Schöpfung
wie die Vögel
und freue mich über jeden Sonnenaufgang,
der meinen Eispalast
in fruchtbares, grünes Land verwandelt,
der Bitterkeit auflöst in Dankbarkeit.
 
Dankbarkeit, dass ich noch am Leben bin,
und das sehen, hören, riechen darf.
 
Verzweifle nicht, Herz,
freu dich des Morgens,
so viele Menschen begegnen dir mit Liebe,
nimm sie an,
gib sie weiter,
und deine Last wird kleiner.
 
Patrick Rabe, Fr. 17. 5. 2013, 6oo Uhr, Hamburg Langenhorn.
 
„…dass wir singend Lasten tragen, scheint die Sonne in die Welt“ (unbekannter Autor)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.05.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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