Wally Schmidt

Er war mal menschlich

 

 

Weil er arm war, musst' er früher sterben,

und es gibt auch nichts zu erben.

'Ne alte Jacke mit 'nem Loch,

die findest du dann schliesslich doch.

Irgendwo da liegt ein Schuh,

den zweiten gibt es nicht dazu.

Schaust du dich in der Bude um,

dreht sich bei dir der Magen rum.

 

Ein alter Tisch, ein Stuhl davor,

der zweite ist nur noch in Rohr.

In einer Ecke steht ein Schrank,

war einst vielleicht mal blitzeblank,

jetzt hat er eine Kruste Dreck,

erfüllte sicher manchen Zweck.

An der and'ren Wand, da gibt’s ein Bett:

auf vier Beinen nur ein Brett,

mit ganz zerwühlten, grauen Kissen.

Das Ganze ist total beschissen.

Dann gibt es noch den alten Herd,

der war sicher mal viel Wert.

 

Du schaust dich mal so richtig um,

und denkst vielleicht steht noch was rum,

was dir vielleicht entgangen ist,

etwas, dass man nie vergisst,

auch wenn man praktisch nichts mehr hat

und nur noch fragt: „Wie werd' ich satt?“

Du siehst mal unter's Bettgestell,

und dann findest du es schnell.

Ein Karton, sehr alt und braun,

dich verführt mal reinzuschau'n,

fest verschnürt mit einem Band.

Du nimmst ihn dann in deine Hand.

 

Du alles um dich rum vergisst,

als du siehst was drinnen ist.

In vielen Briefen kannst du lesen,

was dieser Mensch einmal gewesen.

Er hatte Geld, ein kleines Haus,

und kannte sich im Leben aus.

Ein schönes Bett, die Kissen weich,

ganz viele Freunde, manche reich.

Er lebte einst ein schönes Leben,

auch sein Beruf konnt' ihm was geben.

Hatte Kinder und 'ne Frau,

besass bei allem das Knowhow.

 

Und eines Tages sagte man,

Sie sind zwar noch kein alter Mann,

doch wir können sie nicht mehr gebrauchen,

geh'n sie nach Haus ein Pfeifchen rauchen.

Sie kommen sicher gut zurecht,

es geht ihnen doch nicht schlecht.

 

Er konnt' die Welt nicht mehr versteh'n,

doch er musste eben geh'n.

Er dachte erst, ich schaff' das doch,

dann fiel er in ein schwarzes Loch.

Die Kinder waren aus dem Haus,

und seine Frau, die riss ihm aus.

Er trank nur Schnaps und ass nichts mehr,

sein Portemonnaie war immer leer.

Er lag so richtig tief im Dreck,

dann nahm man ihm das Häuschen weg.

Was übrig blieb passt' in 'nen Sack,

den nahm er sich dann huckepack.

 

Erst wurd 'er arm, dann wurd'er krank,

und schlief des nachts auf einer Bank.

Bei Tag dann in der Suppenküche

sass er mit anderen am Tische,

die mit grauen und mit blonden Haaren,

genau wie er mal menschlich waren.

Vom Staat das Geld, es war bemessen,

so wenig, dass man's konnt' vergessen.

Er kroch dann in das Trümmerhaus,

und hauchte dort sein Leben aus.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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