Helke Meierhofer-Fokken

Die Märchenschwestern oder Das Totenbeinlein

Schneewittchen, Schweeweisschen und Rosenrot,
waren einst die Schönsten im Land,
für ihren Liebreiz weithin bekannt:
so weiss wie Schnee und so rot wie Blut
und ebenholzschwarz ihr Haar.
Ihr Sinn ohne Falsch und Wankelmut.
Die Augen blitzende Diamant
und wie Bergseen, so klar.
Sie waren der Eltern höchstes Gut,
ihr Schicksal vorhersehbar,
ach fürwahr! Fürwahr!

Schneewittchen, Schneeweisschen und Rosenrot
sind nun schon lange tot.
Über ihren Gräbern weht der Wind,
zu Ende ihre Freud, zu Ende ihre Not,
die diamant‘nen Augen blind,
erloschen das leuchtend’ Abendrot.


Die Zeit verging, die Zeit verrann, ein ungestümer Knabe,
 nicht Kind mehr, noch nicht Mann,
hielt Rast an ihrem Grabe.
Mit gedankenloser Gebärde
wühlt und gräbt er in der Erde,
stösst auf ein weisses Gebein.
„Eine Flöte aus Elfenbein!.
Oh, welch schöne Flöte!“
ruft er mit Freudenröte,
„Die Flöte aus Elfenbein
ist nun für ewig mein!“
Voll Freud und Zuversicht
führt er die ‚Flöte‘ an‘s Gesicht
und hub an zu spielen.
Darauf eine Melodie erklang,
die tönt so traurig und so bang
als wie eine Totenklage.
Den Knaben plötzlich fror,
den Frohsinn er verlor
bis ans End‘ seiner Tage.

Schneewittchen, Schneeweisschen und Rosenrot
ruh’n wieder friedlich im Grabe.
Über dem Hügel leuchtet Morgenrot,
erlöset sie von aller Not
als wie eine Seelengabe.
Niemand stört die Totenruh‘,
ihr ewiger Schlaf nun tabu,
verschwunden ist der Knabe.

Helke Meierhofer-Fokken

P.S. Christa und Inge haben mich ihren Märchenideen angesteckt. Leider habe ich keine passende Rubrik gefunden.
 

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