Marika Thommen

Tisch 7

Lautes Lachen,
Tisch 7 überfüllt,
die Runde komplett.

Mittendrin...
die Hauptperson,
groß,
attraktiv,
mächtig,
der laute Mittelpunkt.

Er bestimmt.
Er spricht.
Er erzählt,
ohne Pause.
Reißt alle mit.

Tisch 7 biegt sich vor Lachen,
ohne Ausnahme.

Temperament,
erhitzte Gemüter....

Laute Musik,
zu leise für Tisch 7.

Der Mittelpunkt
winkt mit dem Geldschein,
die Bedienung eilt,
Trinkgeld naht.

Seine große Hand,
umgreift ihr schmales Gelenk,
er führt sie vor,
greift an ihren Körper.

Tisch 7 tobt.

Der Mittelpunkt bestellt und zahlt,
großzügig,
für alle.
Runde um Runde.

Im Nebel aus Rauch,
sitzt er,
umgeben von Willigen
an der Stirnseite des Tisches.

Schwaden ziehen durch den Raum,
schwere Luft,
geschwängert von der Wirklichkeit.

Prosten sich zu,
heben ihre Gläser.

Auf eine neue Runde!

Glänzende große weite Augen....
Nahezu gierig.
Gierig nach Anerkennung.
Gierig nach Bewunderung.
Tisch 7 nimmt ihn wahr,
den Mittelpunkt.
Man kann ihn nicht übersehen,
nicht überhören.

Wächst in seiner Position,
unter der Anerkennung.
Erfüllt ihn.
Mit Stolz.
Unübersehbar.

Hitze im Gesicht,
Aschenbecher randvoll.
Glas zerbricht,
Alkohol fließt...
in neue Gläser.

Worte,
unter aller Würde,
der Bedienung.
Gelächter...




Der Alkohol,
der betäubt,
verfehlt sie nicht,
die Wirkung.

Fernab der Realität,
wird gesoffen,
geschrieen,
gelacht,
gekotzt....

Viel Arbeit,
der Bedienung.
Vorbei,
die laute Ruhe.

Mehr Alkohol.
Er zahlt,
der Mittelpunkt.
Seine Worte,
sie gehen unter,
im eigenen schreienden Lachen.

Alle lachen,
wenn auch grundlos.
Scheinbar grundlos....
Viel Bier, für viel Gelächter.

Wer nicht lacht,
zahlt selbst.

Er spricht...

Da lachen sie,
alle,
gemeinsam.
laut,
jeder lauter als alle zusammen.

Sie müssen lachen.
Er spricht!

Gekaufte Anerkennung.
Zu teuer für Nichts.

Langsam gehen welche,
andere schleppen sich,
gegenseitig.

Er schweigt.
Sein Kopf,
müde und schwer,
gestützt
in seine großen Hände.

Viel geredet,
viel gelacht.
Ein schöner Abend ?

Geld versoffen,
was ist schon Geld?
Die Ernte war reich.
Reich an Bewunderung,
Jubel.
Gelächter sein Beifall.


Zu zweit am Tisch,
der andere schläft.
Er steht auf.
Gepolter.
Sein Stuhl,
angepasst seiner Schwankungen,
fällt.
Der andere erwacht.

Erst schweigt er,
dann lacht er.
Laut.
Sehr laut.
Schreit fast.

Pech,
Bier bekommt er nicht.
Genug gelacht.



Verstanden hat er's nicht.
Lacht weiter.
Verschluckt sich.
Kotzt.

Übersättigt an Beifall.
Genug der reichen Ernte.
Er geht.

Seinen Mantel am Boden schleifend,
läuft er langsam gen Ausgang.
Blickt sich nicht um.
Geht ohne Worte.

Drückt die Tür noch fest ins Schloss.

Lehnt sich an die Wand in Ernüchterung.
Es regnet.
Wieder munter spürt er die Müdigkeit,
die Macht des Trinkens.

Läuft im Regen,
ohne Mantel,
ohne Hut.

Greift in leere Taschen,
die vorher voll,
mit Scheinen aus Papier....

Es ist ruhig auf der Strasse.
Ruhe,
die auch er spürt.
Das Gelächter von Tisch 7,
längst verstummt,
längst verhallt,
schmerzt nach.
Lässt sich nicht vertreiben,
wie eine lästige Fliege durch eine Handbewegung.

Stellt sich unter,
in der Bushaltestelle.
In der ein Pärchen,
eng umschlungen.

Heimlich,
peinlich berührt
bestaunt er neidvoll...

Soll er lachen?
Was bekommt er dafür?
Ein Stück der greifbaren Zärtlichkeit?
Liebe?
Geborgenheit?
Nähe?

Er lacht.
Ein nutzloser Versuch,
aber er lacht.

Ohne Erfolg.

Er lacht lauter.
Tränen erfüllen seine Augen.
Er lacht.
Spürt den Schmerz der Einsamkeit.

Dann weint er nur noch,
er,
der mächtige Mittelpunkt,
der er war,
vor wenigen Minuten.




Marika Brauer / 2000
erschienen bei mbverlag.com

....es gibt viele Situationen, in denen mir die Unwirklichkeit des Lebens oder einzelner Personen sehr bewusst wird. Dieses Gedicht kann man sicher auf eine hohe Prozentzahl der Weltbevölkerung projezieren, da heute, so meine Meinung, nur wenige Menschen erhobenen Hauptes sein eigenes Ich zu Markte tragen, sondern sich hinter Masken verstecken und Rollen spielen.
Weitere Gedichte im Lyrikbuch für knapp 5 Euro unter: www.mbverlag.com
Vielen Dank für Ihr Interesse.
Marika Thommen, Anmerkung zum Gedicht

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.06.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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