Hartmut Wagner

"Pour Eliana" oder "Wie leuchteten die Erdbeeren so rot"

 Oh, was sind die Erdbeeren so rot und dick und lecker hier im Garten!

Die Sonne scheint so hell und warm! Das macht der Sommer!“,

ruft Eliana, die da mitten in den Erdbeerpflanzen,

ihren saftigen und prallen Früchten hockt.

Sie freut und freut und freut sich, lacht.

Und ich freue mich mit und lache auch.

 

Sieben Jahre zählt Eliana und meist nenne ich sie

Eliani“, „Lianchen“, meine „Ober-Super-Ganz- und Allerbeste“,

oder veräppel freundschaftlich die kleine Süße,

nehme sie ein kleines Bisschen auf den Arm und spreche:

Ach du meine vierzöpfige, aller lieblichste Käsefuß-Indianerin

vom Stamm der friedlichsten der Erdbeeresserinnen!“

 

Das stimmt ja gar nicht! Sieh mal her! Meine Füße, sehr

schön, sie stinken gar nicht, duften wie die gelbe Rose da!

Ha, ein wunderbarer Schmetterling! Der setzt sich jetzt darauf!“

Weise und altklug blickt mich Elianchen aus dunklen, großen Augen

unglaublich langbewimpert an, danach das braun grundierte, bunte Gaukeltier,

ein großes Pfauenauge, das im Windhauch auf der Blume schaukelt.

 

Ja wirklich, diese Füßchen, so hübsch und ganz besonders fein,

und dann nach Käse müffeln? Das kann ja überhaupt nicht sein!

Nur Milch und Honig fallen mir da ein, doch Harzerkäse, nein!

Haa! Eine ganz besonders dicke, rot und rote Riesenkugel!

Die schenk ich dir, weil du so lieb bist und so lustig lachst!

Hör auf damit, sofort! Sonst lach ich mich noch tot!

 

Hahaha! Hihihi! Prust! Lach und Kicher!“,

blitzt sie mich von rechts unten nach links oben an.

Fast hätte ich Dame, ach, Prinzessin Eliana nun getötet,

denn ich muss lachen, jetzt, genau so laut und froh wie sie.

Doch tot schon jetzt? Wie schrecklich! Lachgeplagte Zunge, schweige!

Drei Freudentränen rollen über meine Wangen, über ihre vier.

 

Und wieder fällt Frau Vierzopf etwas auf in der so nagelneuen Kinderwelt.

Energisch schüttelt sie das Haupt und dicke schwarze Zöpfe fliegen.

Das geht doch nicht! Guck mal da! Die braune Schnecke!

Die isst uns alle Erdbeeren auf.“ Dann nachdenklich:

Aber die hat ganz bestimmt auch Hunger und will essen.

Was machen wir da bloß? Kannst du mir das mal sagen?“

 

Ja, lassen wir die und ihre Sippschaft einfach so gewähren,

dann fressen die und fressen. Und uns bleibt wenig oder gar nichts mehr.“

Sie haben aber Hunger wie du und ich und Mütter, Väter, Schwestern, Brüder.

Wenn sie nicht essen, sterben sie. Wir helfen. Und ich weiß auch wie!“

Nun denn?“ „Am Teich, der schöne Rasen! Dahin bring ich die Schnecken.

Sie fressen ganz viel Gras. Und du, du brauchst es nicht mehr abzumähen.“

 

Nicht nur für Hungerschnecken schlägt ein weiches, liebevolles Herz

in diesem schlanken, für sieben Jahre großen, kleinen Langbein-Mädchen.

Nein, auch für mich, wenn ich mal wieder hoch im Memory verlor!

Oooch, du tust mir soo leid, mit deinem klitzekleinen Kartenhaufen!

Ich gebe dir so viele Karten, bis dein Stapel genauso hoch wie meiner ist.

Und jetzt hast du so viel wie ich und alle beide haben wir gewonnen.“

 

Kindliche Sonne, braunhäutig, mit dickem, schwarzen Krüselhaar, wärmt mich,

den siebzig Jahre alten Knacker, so viele Male mehr als unser großer Stern.

Und spendet Glück und weiß es nicht einmal. Und ist so neugierig, lebendig!

Die Allerganzbeste tanzt höchst graziös um meine Wäschestange.

Du jetzt auch, und haargenau wie ich. Ich mach es dir noch einmal vor!“

Ich rumple um die Stange. Und ernte? Lob! „Sehr gut. Doch müssen wir noch üben.“

 

Später im Stall ein Ball. Der Nachbarsjunge kommt,

ein wenig älter als Liani, und gleich begeistert von dem Sternchen,

das einst in der Karibik das helle Licht der Welt erblickte.

Bald spielen dominikanische Republik und Deutschland Fußball miteinander.

Die ausländische Mittelstürmerin, weit hübscher als Ronaldo, schießt ein Tor

und jubelt und umarmt mich ganz, ganz fest! Ach, möge das doch ewig dauern!

 

Jetzt spielen wir Verstecken. Der Garten ist ja groß und hat sehr viele Ecken.

Ein Riesenspaß! Leicht findest du mich nicht in Büschen, Bäumen, Pflanzen, Hecken!“

Ich zähle langsam, suche dann. Doch nirgendwo die holde Zauberfee!

Nichts, gar nichts, nichts! Im Teich nur Wasser, über ihm Libellen! Hummeln brummen.

Ha, da! Hinter dem Riesennachbarsauto, ein kleines schwarzes Ding, ein Zopf.

Ein kurzer Zupfer und Gekicher! „Gefunden. Du bist schlau!“ Und ob!

 

Meine Schwester schenkt meiner Freundin ein Plastikkarussell. Und nun ist Kirmes!

Ich bin zwei Brüder, Zwillinge, ein böser und ein lieber Bruder. Liani lenkt das Karussell.

Verkauft Billets. Zuerst dem Guten. Der steigt ein. Dann dem Bösen. Der nicht.

Das Karussell fährt ab. Er weint. Es hält an. „Was heulst du denn?“

Du hast mich stehen lassen.“ „Und du gestern deinen Bruder verhauen!“

Tut mir sehr leid!“ „Wirklich? Dann herein!“ Die Gnadensonne strahlt mich Bösen an.

 

Einmal weinte sie, oh schrecklich. Sie erklärte mir voll Freude ihren Kleincomputer.

Du musst auf meine Finger schauen! Hier! So ! Jetzt baue ich ein Schwimmbad.

Da das Blaue, Wasser! Du guckst nicht, nein und hörst nicht zu. Nur immer dein Besuch!“

Sie liegt auf meinem Sofa, schluchzt! „Ich will zu meiner Mama! Mama!“

Ein Häufchen Elend. „Mein Bruder und mein Freund! Ich entschuldige mich bei dir!“

Das brauchst du nicht. Du bist doch schon so groß!“ Danach Umarmung, Nähe!

 

Ich weiß nicht, wo Eliana gegenwärtig lebt, wahrscheinlich irgendwo jenseits des Meeres.

Doch fehlt sie mir an jedem Tag aufs Neue. Und fehlt und fehlt und fehlt.

Ihr Name, ach, ihr Name! Der stammt aus dem Hebräischen, bedeutet: „Mein Gott redet!“

Welch eine wunderbare Rede, auch, wenn es Gott nicht gibt.

Oh, was sind die Erdbeeren so rot und dick und lecker hier im Garten!

Die Sonne scheint so hell und warm! Das macht der Sommer!“

 

Und alle Blumen duften in dem grünen Garten.

Die Allerlieblichste und Schönste leider nicht!

Vielleicht nie mehr!
 

Eliana ist ein kleines Mädchen, das meine Frau im  Sommer 2016 ein paar Tage lang betreute. Und manchmal brachte sie die Kleine mit zu uns nach Hause. Liani hatte mich sofort ins Herz geschlossen und ich sie auch. Sie war mit einem großen Satz direkt in mein Herrz gesprungen und wohnt dort immer noch, obwohl sie jetzt angeblich auf der Heimatinsel ihrer Mutter, Santo Domingo, lebt.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.03.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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