Ingo Laabs

Wilmersheide (Drei Gedichte)



Wilmersheide

Die Sonne brannte heftig auf der Wilmersheide
in dem Sommer damals –
ach, er war so lang und trostlos irgendwie
in meiner Einsamkeit

doch der beliebte Park der Großstadt
zog auch mich des Öftern an

im Schatten saß ich auf dem gelben Rasen
sah zum Freibad rüber
sah den Frauen zu

und manchmal
an gewissen Orten
auch den Dealern

Saß ich abends mit ʼnem Kumpel
irgendwo auf einer Bank –
wir tranken Bier –
dann fühlte ich mich
wie ein Urnenfeld im Nebel

öfter glaubte ich
im Dämmerbuschwerk
eine Frau zu sehen
fahle Augen

und der Mond
schien hin und wieder
durch sie durch



Die weiße Frau der Wilmersheide

Es liegt in warmen Sommernächten
die Wilmersheide oft im Dunst,
ein Nebel wie von Geistermächten
durchdringt den Park mit Gier und Brunst.

Der Handel blüht an dunklen Stellen
um Drogenrausch und junge Frauʼn.
Wer wagt das Treiben zu erhellen?
Die Staatsmacht lähmt ein dumpfes Grauʼn.

Allein der Mond wirft seine Strahlen
bisweilen bleich auf jenen Ort
und kündet sacht von stummen Qualen,
von Sucht, Verfall und Seelenmord.

Der Mond allein? – es geht die Sage,
hier zeige sich schon jahrelang
ein weißes Wesen, – und die Frage:
„Wer ist sie?“, stellt sich mancher bang.

„Wer ist sie? – Ach, ich willʼs nicht wissen!
Wer zu viel fragt, kriegt schnell Verdruss.
Wie sanft ist doch mein Ruhekissen,
weil ich nicht alles wissen muss!“



Die Domruine auf der Wilmersheide

Ist sie ein heilʼger Ort noch immer?
Es liegt ein sachter, weißer Schimmer
auf dem Basaltgestein.
Vernimmt wohl aus der Menschenmenge
noch jemand einstige Gesänge,
stimmt ins Gebet mit ein?

Oft sitzen Leute auf den Trümmern
und scheinen sich um nichts zu kümmern;
sie werfen achtlos fort,
was sie nicht mehr für nötig halten. –
Ob wohl die Sehnsucht nach dem Alten
bisweilen formt ein Wort?


 

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