Annelie Kelch

Der Alte

Verbittert, abgeschieden und verlassen

hockt er in seinem düstergrauen Haus.

Mag draußen auch im Sonnenschein der heit're Lenz

die Welt erneuern und mit bunten Blumen prassen:

Der Alte traut sich nimmermehr allein hinaus.

 

In seinem wilden, unwegsamen dunklen Garten

schauen viel mannigfache Gräser übern Zaun,

die Traufe, voller Moos, ist schon vom Roste braun.

Am Tag sitzt er am Tisch und legt sich Karten -

auf seinem Bette liegt er stundenlang bei Nacht,

hardert mit seinem Leben, hat auch an den Tod gedacht:

Ihm will er folgen, wenn es soweit ist, und Gott vertraun.

 

Doch kommt der Sommer dann mit roten Rosen,

wird ihm so milde und so weh ums harte Herz:

Wie gern würd' er sie einmal noch liebkosen,

die eine, die zurückgelassen ihn im Schmerz.

 

Dann strömen Tränen über seine tiefen Wangenfalten,

dann schütteln Sehnsucht und Erinnerung den Alten,

dann steigen frohe Melodien aus dem alten Schrankklavier.

Und qualvoll dringt ein Seufzer über seine blassen Lippen:

die ehrfurchtsvolle, bange Frage: „O du mein Gott -

wann bringst du mich zu ihr ...“

 

 

 

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