Horst Fleitmann

Würde

Ein Mensch, hat das eigene Antlitz beschaut.
Im Spiegel, bei Licht, intensiv.
Ihm zeigten sich Dinge, es hat ihn gegraut.
Nun taten sich sehr viele Abgründe auf.
Der Schock der Erkenntnis saß tief.

Das schüttere Haar, sehr dünn und fast weiß,
die Augen, zu schmal an den Rändern.
Die Stirn lag in Falten, es wurde ihm heiß.
Entwickelte er sich zum alternden Greis?
Der Mensch dachte, das muss sich ändern.

Ihm kam die Idee, wie man jünger sich macht,
plant nun die Retusche, durchs Messer.
Checkt Websites für Schönheit, schlief kaum eine Nacht,
sah Fotos von Menschen, davor und danach
und sagt sich: "Ich mach's, dann wird's besser."

"Die Stirn nur alleine? Das lohnt sich doch nicht!"
Der Arzt in der Klinik, weiß schon, was er will.
"Wir puschen bei Ihnen das ganze Gesicht,
auch Ohren und Lippen, vergessen wir nicht."
Die Freude? Verhalten. Der Mensch wurde still.

Er ging, vor dem Eingriff, noch in die Natur
da stand majestätisch ein sehr alter Baum.
Der hatte nie eine Verjüngerungskur,
war überaus alt, doch, die Schönheit wohl pur.
Er strahlte durch's Alter. Durch Botox wohl kaum.

Der Mensch nahm den Baum nun als Vorbild sich an
Und stellt den Verjüngungswunsch ein.
Er sah sich mit anderen Augen nun an,
behielt seine Würde, im Alter, fortan.
Zufrieden mit sich, fuhr er Heim.

© Horst Fleitmann 09/2016

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