Ulrich Degwitz

Der Wolkenkrieg

Der Kaiser sprach zu seinem Volke:
"Mein Volk, du mächtigstes der Welt -
dort über dir schwebt eine Wolke,
die mir, dem Kaiser, nicht gefällt.

Denn diese Wolke ist gefährlich,
gesandt von einer bösen Macht;
darum mein Rat, ganz klar und ehrlich:
Nehmt vor dem Satan euch in Acht!"

Durch Volkes Reihen ging ein Raunen.
Die Menschen reckten ihre Köpfe,
und blickten auf mit großem Staunen
wie Gottes furchtsamste Geschöpfe.

Das sah des Kaisers Feldmarschall
Und nun ergriff auch er das Wort:
"Dies, Bürger, ist ein Krisenfall -
drum lauft von eurem Platz nicht fort.

Der üble Feind will euch zwar schwächen,
doch soll er euren Mut nicht brechen,
denn nur die Stärke bringt den Sieg -
mit jener Wolke führet Krieg!"

Dies hörten gern die Generäle
(sie mußten schon so lange warten).
Im tiefsten Grunde ihrer Seele
war´n sie bereit für Ruhmestaten.

Dann wurde fleißig rekrutiert,
die Schwachen, Kranken aussortiert -
am Ende stand ein stolzes Heer
unter der Wolke, waffenschwer.

Doch wie wollte man sie nun besiegen?
Das Ungetüm war ja hoch droben
und schließlich gab es keine Stiegen,
die sich in den Himmel schoben.

Damals gab´s auch keine Flieger
um jene Wolke zu bekämpfen.
Folglich mußten Kaisers Krieger
ihren heißen Zorn noch dämpfen.

Die Sache wollte fast schon kranken -
es wurde eifrig debattiert -
da kam einer auf den Gedanken,
der im Geschichtsbuch ist notiert:

"Das, was im Wolkenkrieg uns nütze,
sind uns´re donnerndsten Geschütze -
die holt nun schleunigst hier herbei,
beschießt den Feind und wir sind frei!"

Der Plan wurde so durchgeführt,
derweil die Wolke ungerührt
weiter in der Höhe hing,
als wenn sie dieses nichts anging.

Doch schien es, als ob die Kanonen
ganz oben, wo die Götter wohnen,
hätten jemand aufgeweckt -
und dieser sich enorm erschreckt.

Denn dunkel wurde es ganz plötzlich -
die Finsternis war zu entsetzlich -
und im Himmel war ein Grollen,
wie wenn Götter Rache wollen.

Da fing es heftig an zu blitzen,
ein Sturm kam auf und Hagel fiel
und die Soldaten mußten flitzen;
Hier war höh´re Macht im Spiel!

Die Zahl der Opfer war erheblich,
ihr Schicksal ungeheuer kläglich -
und die gewaltige Armee
schmolz rasch dahin wie warmer Schnee.

Der Kaiser fiel jetzt auf die Knie
und sprach: "Ich war ein Idiot -
den Krieg verzeihe ich mir nie,
dafür verdiene ich den Tod".

Das Volk fand: "Die Idee ist fein"
und hieb auf seinen Kaiser ein.
Und die Moral von der Geschicht´?
Schreckt euer Volk mit Wolken nicht!

Der Autor im Rückblick (etwa 5 Jahre später) zum eigenen Text:

Die Erstfassung des "Wolkenkriegs" datiert vom März 2003 und entstand unter dem Eindruck des soeben begonnenen Irak-Feldzuges der so genannten "Coalition of the Willing" unter Führung der USA.

Leider ist es realiter anders ausgegangen als im Text: Der idiotische "Kaiser" fiel nie auf die Knie und wurde auch bei den Präsidentenwahlen 2004 nicht vom eigenen Volk für seine wahnwitzige Kriegstreiberei abgestraft - aber ein politisches Gedicht mit zeitgeschichtlichen Kontext bleibt es allemal.

U.D. im April 2008
Ulrich Degwitz, Anmerkung zum Gedicht

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.06.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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