Hans Fritz

Lobebär und Kunigunde


Wie schön sind doch die alten Sagen
zu lesen noch in unseren Tagen.
Von hohen Burgen, stolzen Schlössern,
Rittersleut und edlen Rössern,
von Liebesleid und Weltenschmerz,
von allem was bewegt das Herz.

Nach aussen ruhig und beschaulich,
doch mitnichten stets erbaulich
und nicht immer gottgeweiht,
dünkt uns längst entschwundene Zeit.

________

Im alten Haus bei der Bastei
ist Abendstille eingekehrt.
Die Gedanken werden frei,
von Tagesmühen unbeschwert.
Ja, der Ausblick tut sich lohnen,
schafft bunte Assoziationen.

Auf dem alten Dorfplatz dort
im kühlen Lindenschatten,
ist des Brunnens heiliger Hort,
wo schöne Mägde Kübel katten*.

Aus tiefem Brunnengrunde
steigt empor die alte Mär
vom treuen Ritter Lobebär
und der schönen Kunigunde.

 

So etwa könnte die Mär sinngemäss klingen …

Zur frühen Abendstunde
eilt zum Brunnen Kunigunde,
kommt zum Wasserschöpfen brav,
für den gnädigen Herrn Graf.

Durchs Dorf zum alten Schloss,
auf stolzem, schwarzem Ross,
heimwärts trabt ein Reiter.
Es ist Lobebär, der tapfere Ritter gar,
der lange in der Fremde war.
Grüssend schwenkt er lustig, heiter,
wie ein freudetrunkner Schelm,
seinen schmucken Ritterhelm.

Als er erblickt eine schön’ Gestalt
beim Dorfbrunnen, da macht er Halt.

«O, wen darf ich hier erschauen,
die schönste aller Frauen!
Vieltausendmal seid mir gegrüsst,
die, die Heimkehr mir versüsst.
Doch, Holde, darf ich’s wagen,
nach dem Namen dich zu fragen?»
«Bin Kunigunde, eine Magd,
dem Dorfgrafen** zu dienen.
Gerade als Ihr hier erschienen,
brach er auf zur Sauenjagd.»

Der Ritter, als ein wack’rer Zecher,
besitzt aus Silber einen Becher.
Er reicht ihn der Maid so ganz galant,
die nimmt ihn zögernd, ganz genant,
füllt randvoll auf mit frischem Quell.
Der Ritter leert den Becher rituell.
«Für diesen kühlen Labetrank
nehmt, Kunigunde, meinen grössten Dank.
Doch nun muss ich weiterzieh’n,
der schönsten Szene rasch entflieh’n.
Lange kann ich nicht im Land verweilen,
muss in die Welt hinaus so weit,
das Los der Kreuzesritter teilen,
in dieser leidbestückten Zeit.»
«O du wackerer Reiter mein,
in Gedanken werd’ ich bei Euch sein,
werd’ geduldig auf Euch warten,
beim roten Fels im Rosengarten,
wenn’s dämmert nach dem Brunnengang,
noch beim Abendglockenklang.»

Die Muhme*** Lobebär hat prophezeit:
Am Brunnen unter Linden
wirst grosses Glück du finden,
wenn du kommst zur rechten Zeit.
So glaubt er nun in Kunigunden
habe er dies Glück gefunden.

_______

Jahre sind ins Land gegangen,
als ruhmreicher Lobebär
kehrt zurück zum Schloss der Ahnen.
Beim Dorfbrunnen hält er wieder an.
Er trägt eine Gabe für Kunigunde,
ein Bund weisser Lilien.
Er wartet bis Mitternacht
im Rosengarten, beim roten Fels.
Gespenstiger Schattenwurf verdeckt
für Augenblicke Vollmondhelle.
Kunigunde kommt nicht.

Bei den Bauern wird es früh Tag.
Zwei Frauen gehen zum Brunnen,
tragen Kübel zum Wasserschöpfen.
Lobebär fragt nach Kunigunde.
«Wir kennen keine Kunigunde»,
sagen beide wie aus einem Munde.

_______

Lobebär reitet in schnellem Trab
viele Monde landauf, landab.
Da findet er an öder Stelle,
bei der alten Feldkapelle,
ein Kreuz aus Lindenholz geschnitzt,
Kunigunde Klenthaler eingeritzt.

Vor einer steinern Hölle tiefem Schlund,
im schaurig-düst’ren Erlengrund,
ruhen Ross und Reiter brav.
Ein verwaschen Epitaph
in einen Findling eingehauen:
Hier in der Wildnis rauer Auen,
am Fuss der schroffen Fluh,
finde, Lobebär, die letzte Ruh.

_________

Im Dorf da lebt noch fort die Mär
vom treuen Ritter Lobebär,
geht noch um die Kunde
von der schönen Kunigunde.

 

*heraufziehen, hochhieven
**ein Ortsrichter
***eine (alte) Tante

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.09.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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