Hans Fritz

Schwarzrosenspiel


Lyrische Phantasie über Kriegszeiten - Nekropolis 1943

In der frühsten Morgenkühle
bricht der Pilger rüstig auf,
entfliehet rasch dem Stadtgewühle
folgt des Weges gradem Lauf.

Wandre weiter, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort.

Ein Blick zurück zur trauten Halle,
zum Rathaus mit dem Kupferdach,
zur Kirche dort am alten Walle,
zur prächtigen Linde beim Mühlenbach.
Schon schemenhaft die Zitadelle
mit der wunderträchtigen Quelle.
Wandre weiter, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort.

Hainrosen fehlt's an Farbenspiel,
Blüten sind nur schwach erstrahlt.
Auf der Statue grau Profil
die Sonne blutigrote Streifen malt.
Verschwimmen grüne Hügelketten
zu farblos grauen Silhouetten.
Erscheinungen recht ungewöhnlich,
doch klarer Himmel stimmt versöhnlich.
Wandre weiter, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort.

Hohe Pappeln säumen die Allee.
Nobelhütte beim Falkenhorst -
Rauch quillt aus dem Cheminée.
Bald zweigt ab der Weg, führt zum Forst.
Wandre weiter, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort.

Siehe wie die Glockenheide
leuchtet auf im Morgentau,
wie am Teich die Silberweide
taucht ins letzte Dämmergrau.
Wandre weiter, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort.

Drossellied und Finkenschlag
verkünden einen schönen Tag.
Kuckucksruf aus Waldes Mitte
begleite deine rüst'gen Schritte.
Vom hohen Ast der Häher warnt.
Wolfsspinne über Moose hastet,
wenn dein Fuss den Weg belastet.
Laufkäfer in der Bodenstreu getarnt.
Wandre weiter, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort.

Ist überschritten knarrender Steg,
breiter, fester wird der Weg,
gesäumt von Weissdornhecken,
die sich zur Heide hin erstrecken.
Wandre weiter, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort.

Bald streicht der goldne Mittagsstrahl
über lila webenden Blütenflor
vergoldet jeden Zaun und Pfahl.
Jubelnd steigt die Lerche empor.
Wandre weiter, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort.

In der Heide sanfter Abendröte
Pan begrüsst den Wandersmann,
spielt fröhlich seine Hirtenflöte -
und friedlich grast die Herde.
Es ist fürwahr ein Zauberbann,
entrückt den Nöten dieser Erde,
getilgt scheint alle Zeit
hier in Cherubs Ewigkeit.

Der Hirte spricht zum Gast mit Milde:
"Was suchst du hier, in menschenarm Gefilde?"
Der Pilger seufzt, er spricht gelassen:
"Meine Stadt hab ich verlassen,
der Heimat kehrte ich den Rücken,
einem Leben voller Last und Tücken.
Suche hier mein lieblich Land,
das ich sonstwo nimmer fand.
Pilgere, Städter, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort."

"Kommst aus der Idyllejäger Freundesbund?
Das wird der Sache wohl gerecht,
hier auf saftig grünem Weidegrund
der Mensch ist frei, Natur ist echt.
Es wird kommen eine dunkle Zeit,
Terror, Not und gross' Gefahr,
wie der Kenner kundig Schar
landauf landab es prophezeit.
Schon mehren sich die Zeichen,
dem Aufmerksamen offenbart,
mag er dem Unheil noch entweichen,
den achtlos Weilenden trifft's hart.

Auch ich weiss Signale wohl zu deuten.
Schwarz Gewölk zieht übers Land,
vom Himmel stürzt ein Feuerbrand.
Ich sag das allen Leuten
freimütig, unumwunden,
die den Weg hierher gefunden.
Möchte Menschen nicht vergrätzen,
doch helfen, die Lage richtig einzuschätzen."

"Wenn's nun eintrifft, wie verkündet,
wenn stolze Macht mit Satan sich verbündet,
wenn Unheil naht mit Riesenschritten,
da hilft kein Flehen, hilft kein Bitten?"
"Oh nein, mein Freund, leider nein,
das ist die Logik unsrer Zeitgeschichte.
Düstre Mächte sitzen zu Gerichte
und teilen die Geschicke planlos ein.
Weithin tönt Beelzebubs 'Hurrah'.
Harmagedon ist schon da!"

"Was wär' dein Rat, mein weiser Hüter?
Zur Umkehr wäre ich bereit,
auch wenn alle Hab und Güter
dem Untergang geweiht."
"Wisse Pilger, ein Wunder wird geschehen:
Was darniederliegt wird neu erstehen,
menschenwürdig, voller Pracht,
entwunden der Zerstörung Macht.
Die überlebt das mörderische Grauen
werden neu die Stadt erbauen.
Hoch Gemäuer über grünen Matten,
bunte Rosen schmücken die Rabatten,
Türme hoch und aufgelockerte Fassaden,
hell beleuchtet elegante Promenaden.
Des Menschen Traum geht in Erfüllung,
Freude, Eintracht, feierlich Enthüllung.
Drum wandre heimwärts, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort."

Der Pilger dankt dem Hirt sehr herzlich.
Was der verkündet hat ist schmerzlich,
doch fand er auch ein tröstlich Wort.
Die Stadt ist Heimat, wird es bleiben,
wenn gleichsam Pflicht und Sehnsucht treiben.
Drum wandre wieder, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort.

Wie von unsichtbarer Hand geleitet,
der Pilger stapft durch Waldes Dunkel,
beim Steg von Unkenruf begleitet,
wirrer Geister dumpf Gemunkel.
Wandre weiter, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort.

Sieh nur, wie die Glockenheide
leuchtet auf im Morgentau,
wie am Teich die Silberweide
taucht ins letzte Dämmergrau.
Wandre weiter, immerfort,
ohne Rast von Ort zu Ort.

Im Morgenscheine die Allee verlassen,
wo sind die Häuser, sind die Strassen?
In Trümmern liegt die Stadt,
wie's der Hirt verkündet hat.
Schaudernd steht der Pilger, schweigend,
im eingeaschten Rosengarten still verneigend.
Die glänzend helle Alabasterstele
nun russgeschwärzt vom Brandgeschwele.
Das Marmorbild, es scheint zu leben,
möcht' dem Pilger Botschaft geben.
Wie schaurig-schön der Klang -
der Blumenfeen Abgesang?

"Magst, Pilger, keine schwarzen Rosen?
Doch sieh, sie wollen dir gefallen,
sind die letzten gar von allen.
Weisse, rote, gelbe sind zerfallen,
verblichen in des Brandes Tosen.
Als Zeichen letzter Himmelsgüte
bleibt dir diese Todesblüte
in dem düsteren Trauerreich.
Dort wird nun sein auch dein Zuhause,
eine schmucklos kalte Klause,
an Freuden arm, an Unbill reich.
Doch magst du auf ein Wunder hoffen,
die Zeit wo keine Wünsche offen,
wenn Waffen schweigen
im Friedensreigen,
dann üb' dich täglich in Geduld.
Doch bedenke immer, wer trägt Schuld?
Wer hat Menschenrecht geschändet,
Volkes Freiheit böswillig verpfändet?"

[Älteres Gedicht aus dem „Archiv“]

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.11.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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