Gabriele Förster-Wöbke

1944 - Die Mutter

Eingezogen haben sie ihn.
Eingezogen.
Den Jungen, noch nicht siebzehn Jahr.
Eingezogen haben sie ihn.
Eingezogen.

Er ist so ein guter Jung,
kann nicht mal der Fliege 'was tun.
So jung noch - fast noch ein Kind,
dem man einfach den Frohsinn nimmt.

Eingezogen haben sie ihn.
Eingezogen.

Er hat jetzt Gewehr und Granaten
und soll mit dem Schießen nicht warten.
Schießen - auf den vermeintlichen Feind.
Im Frieden wär 's vielleicht sein Freund.

Mein Junge.
Irgendwo.
Irgendwo an der Front.
Fast noch ein Kind.

Wie gern würde ich ihn beschützen;
doch würde das auch nichts nützen.
Der Graben ist jetzt sein Zuhause.
Der Krieg, er macht keine Pause.

Mein Junge.
Irgendwo.
Im Wald. Auf freiem Feld.
Irgendwo an der Front.
Vielleicht schwer verletzt.

Schwerverletzte, die schreien
und nach der Mutter weinen,
sieht mein Junge jetzt ständig.
Ich hoffe, er ist noch lebendig.

Als Frischfleisch verheizt man die Jugend.
Der Krieg hat nichts übrig für Tugend.
Der Krieg ist längst schon verloren.
Nebenan wird ein Kind geboren.
Geboren in Not und Gewalt.
Im Krieg nimmt der Teufel Gestalt.

Ich muss mit den Kindern jetzt fort.
Wir müssen die Heimat verlassen.
Ziehen an einen sicheren Ort,
wo sie uns in Ruhe lassen.

Mein Junge.
Irgendwo.
Irgendwo an der Front..
Wenn er noch lebt.

Der Krieg ist nun schon ein Jahr vorbei.
ich hoffe, wir können hier bleiben.
Wir werden geduldet, doch es ist einerlei,
es herrscht überall großes Leiden.

Von meinem Jungen noch keine Spur,
noch gilt er als verschollen.
Ich hoffe er lebt noch, nur
wie wird er uns hier finden wollen.

"Mein Junge!
Da bist du!
Du lebst!
Gott sei Dank!
Vorbei ist das Warten,
die ständige Angst.
Dein Vater ist tot.
Hier herrscht große Not.
Doch es wird alles gut.
Verlier' nur nicht den Mut"

Mein Traum wurde wahr:
Er ist wieder da.
Meine Kinder!
Sie leben!
Alle!
Trotz dieser bösen Kriegsfalle.
Nun liegt es in meinen Händen,
alles zum Besten zu wenden

Ich will alles tun
und werde nicht ruhn.
Meine Kinder - mein Glück.
Hab' sie alle zurück.
Das Leben soll sich wieder gestalten.
Immer wollen wir zusammenhalten.

Eingezogen hatten sie ihn.
Eingezogen.

Er wird nie vergessen, wie 's war.
Vierundvierzig - im letzten Kriegsjahr.
Mein Junge, er kann wieder scherzen.
Den Krieg aber, wird er nie verschmerzen.
Kriegsgeschrei und Granaten
werden weiter im Traum auf ihn warten.

Eingezogen hatten sie ihn.
Eingezogen.



© 2018 Gabriele Förster-Wöbke


Nachdem ich das Gedicht "Gedanken zum Muttertag" von Gerhard Krause heulender Weise gelesen habe, konnte ich nicht anders .....

Hier findest Du das Gedicht von Gerhard Krause: https://www.e-stories.de/gedichte-lesen.phtml?229913
Gabriele Förster-Wöbke, Anmerkung zum Gedicht

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