Inge Offermann

Südblaue Tage in Marseille

Nach langer Bahnfahrt mit dem TGV
Ankunft am nächtlichen Bahnhof.
Durch die helle Halle
eine Treppe hinunter zu
einer Reihe Hotels, dort
an einer Rezeption Frage nach dem Weg.
Vorbei an einem dunklen Park
durch schwach ausgeleuchtete Straßen
zum Boulevard d’Athenes und dem Hotel
New St. Charles an der Straßenecke.
Nach Auspacken und abendlicher Pizza
in einem orientalischen Bistro
Fernsehen auf dem Hotelzimmer
und reisemüdes Einschlafen.

Morgens Straßengeräusche,
Blick vom schmalen Balkon
auf alte Gebäude, ein besuchtes Café,
Septemberlinden mit großen,
gelbgrünen Blättern sowie
blauen Spätsommermorgenhimmel.
Nach reichlichem Frühstück
folgt die Suche nach dem Hafen.
Mitten durch die Stadt gleitet
die weiße Straßenbahn fast geräuschlos
über Rasenstreifen unter hohen Platanen.
Überall bunte Geschäfte, Restaurants,
Menschenströme, blinkende Ampeln,
lebhafter Verkehr und hupende Autos.
Arbeitslose und Bettler
sitzen auf ausgetretenen Stufen
düsterer Jugendstilhäuser.
Ihnen bleibt nur Armut,
Sonne und viel Zeit.

Vor nachmittäglicher Schiffstour
noch Postkarten am Kiosk kaufen,
im Zimmer schreiben und dann das
Postamt hinter dem Hotel auf der
hügeligen Straße bei der neugotischen
Kirche Saint-Vincent de Pol finden
und danach noch einen Eiscafé trinken.
Später Abfahrt vom langgezogenen Hafen
vorbei an kahlen Felseninseln,
darunter auch Chateau d’If
mit wuchtiger Festung,
die sich hell aus blauem Wasser
ins Septemberlicht erheben.
Ansteuerung enger Felsenbuchten
mit Piniengrün und handtuchschmalen
Sandstränden, wo Menschen baden,
sich sonnen oder in Kanus paddeln.
Manchmal ein einsames Haus
zwischen Felsen, manchmal nur Strand.

Vor der Rückfahrt Blick
auf den Yachthafen Port Menoux
und den Sichelmondstrand von Cassis
mit Häusern, Bäumen und Felsen dahinter.
Vielleicht wird ein langjähriger Bekannter,
der von diesem Ferienort als Wohnsitz träumt,
unsere Postkarte erhalten und erfahren,
dass wir in seiner Wunschgegend waren.

Am zweiten Tag geht es durch
südlich enge Altstadtstraßen
zum Arce de Triomphe,
dessen steinerner Bogen
sich in den Azurmorgen schwingt
und von dort zum Hafen,
wo auf dem Fischmarkt
dunkelschalige Muscheln,
rosige Krabben, Hummer,
porige Kraken, glitschige Aale,
gefleckte Muränen und
silberne Sardinen angeboten werden.
Menschen bestaunen zugleich
die vornehme Motoryacht „Vandome“,
die einen breiten Anlegeplatz einnimmt
und zum Blickfang der Neugierigen wird.

Vom Hafen geht es
mit dem Tourenbus
auf gewundenen Straßen
spiralig die Altstadt empor
vorbei am ältesten Garten Marseilles
und am Palais Le Pharo zur Wallfahrtskirche
Notre Dame de la Garde
auf dem pinienbewachsenen Berg.
Im hochgewölbten Kirchenraum
wacht die blattvergoldete Madonna
über aufgehängte Modellschiffe,
bunte Wandfresken und
Blumenaltäre mit Kerzenlicht.
Vom Berg genießen wir
den herrlichen Rundblick
auf das dunstige Häusermeer,
das blaue Band des Hafens
mit Yachten und Kreuzfahrschiffen
und behäbigen Festungsmauern.

Die Rückfahrt führt durch Felshänge
mit rötlichen Spornblumen und Olivenbäumen
und traumhafte Villenviertel
mit Palmen, Bananen und Agaven
in blühenden Oleandergärten
wieder zum Ausgangspunkt
bei den teuren Hafenrestaurants.
Dazwischen führt eine mit
Blumentöpfen geschmückte Treppe
zu einem Fünfsternehotel
in weitläufigem Palmengarten
und seitliche Treppen durch
verwinkelte Gassen auf den
Lindenplatz von Le Panier mit Brunnen,
wo sich kaum ein Tourist aufhält.
Vorbei an morbiden Graffitiwänden
führt eine blumengesäumte Stiege
wieder in ein vornehmeres Viertel
hinter dem Hafen mit Bürogebäuden
und Hotels, wo es günstigen,
delikaten Flammkuchen gibt.

Hinter der weißen Kirche Saint-Ferréol
entdecken wir den Busbahnhof
und gelangen durch das
hochpreisige Lafayette-Kaufhaus
in ein Einkaufscenter mit
eleganten Boutiquen und Restaurants
zum Innenhof mit Blick auf den
terrassenartigen Ruinengarten

des historischen Museums.
Unter den Platanen hinter
dem Einkaufszentrum kann man
in bunten Läden bummeln und
unter Sonnenschirmen
delikaten Lammbraten mit Kartoffeln
oder türkische Köfte speisen.
Abends sitzt es sich gemütlich
in hotelnahen, orientalischen Bistros,
während der Verkehr an einem vorbeifließt,
Menschen unter schattigen Bäumen flanieren
und die Nacht samtig Altstadtwinkel ausfüllt.

Am dritten Tag gelangen wir
auf ansteigenden Einkaufsstraßen
zum regenbogensprühenden Brunnen
auf dem Estrangin Plaza
bis zu einem langgezogenen Markt
bei La Castellane entlang
einer breiten Chaussee
in grünem Geschäftsviertel.
Von dort fahren wir bei Wolkenwetter
zum stadtnahen Pradostrand.
Überrascht von einem Platzregen
flüchten wir in ein teures Restaurant,
wo es als günstigstes Gericht
eine teigdicke Käsepizza gibt.
Nachdem der Regen aufhörte,
wandern wir die sichelförmigen,
teilweise von Steinbuhnen
abgegrenzten Strandbuchten
entlang vorbei am Riesenrad
bis zum Vorort Borély
unterhalb eines Tafelberges.
Der graue Himmel verwandelt
sich in einen blassblauen,
das metallfarbene Meer
spiegelt den zarten Blauton.
Teilweise säumen Dünen den Strand
oder privat angelegte Gärten
mit blumenumstandenen Ferienkaten.
Muscheln finde ich keine im Sand,
nehme dafür einen dunklen,
feingebänderten Kiesel
vom Strand der alten Kapelle
als Reiseandenken mit.

Spätnachmittags wagen wir uns noch
in ein nordafrikanisches Viertel
mit bunten Läden, wo es
in einem Geschäft sogar
einen verwinkelten Innenbasar
mit Bekleidung, Teppichen
und Geschirr gibt.
Nach der Abendsiesta
besuchen wir nochmals den Hafen,
gehen in Richtung der Cathedrale de la Major
mit ihren helldunklen Rundbögen aus Werkstein,
wo wir zwischen der Festung San Nicolas
und dem Museum
der Zivilisationen
Europas und des Mittelmeers

mit netzartigem Außengitter
den Sonnenuntergang fotografieren,
wie reflektierte rosa Abendwolken
auf Meereswellen schaukeln,
bunte Lichter vom Sofitelgarten
vom Altstadthügel grüßen und
Notre Dame de la Garde
zartviolett angeschienen
im verdämmernden,
samtblauen Abend wacht.

Wehmütig kehren wir zum Hotel
unter den Septemberlinden zurück,
wohl wissend, dass uns der TGV
am nächsten Morgen aus
der facettenreichen Metropole
in südblauer Region wegbringt.

© Inge Hornisch

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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