Brigitte Waldner

Vom Schicksal nicht verwöhnt

Es traf sich einst ein junges Paar
verliebt allein am Traualtar,
zwei Zeugen gab es im Geringsten,
die Hochzeit war direkt zu Pfingsten,


in dunkler Herrgottsfrüh um fünf,
in aller Stille, das war Trumpf,
das ist schon viele Jahre her,
die Lieben leben heut nicht mehr.


Ein Hochzeitsfoto gab es nicht,
kein Fotograf war dort in Sicht,
im Herzen trugen sie ihr Bild,
so dass die Ehe ewig hielt.


Sie waren anständig und fleißig,
und aus dem Nichts im Jahre 30,
erbauten sie ein schönes Haus,
dort zogen sie die Kinder auf.


Für beide war es große Liebe,
die treu ihr ganzes Leben bliebe,
für ihn war sie die beste Frau,
das wusste er bestimmt genau.


*


Der böse Krieg hat sie getrennt,
für sie gab es ein happy End.
Zuletzt gelang ihm seine Flucht
weit über Berge, Tal und Schlucht,


bevor er in Gefangenschaft
geriet. Mit letzter Kraft
hat er in wochenlanger Nacht
sich unverletzt nach Haus gebracht.


*


Der Mann war ein Naturtalent,
vom Schicksal war er nicht verwöhnt;
er konnte rechnen, schreiben, lesen,
war nicht in der Schul‘ gewesen,


Er musste schon als Kind am Feld
am Bauernhofe arbeiten,
nur wenig Brot gab es statt Geld,
recht dürftig waren jene Zeiten.


Er machte eine Maurerlehre,
sehr erfolgreich sich zur Ehre,
damit er sich was bauen konnte,
wo er mit seiner Frau dann wohnte.


*


Gezimmert wurde auch ein Wagen
dann musste er nichts Schweres tragen,
im Sommer zogen ihn die Ziegen,
mit Heu nach Hause von den Wiesen.


Im Haus vermieteten sie Zimmer;
sehr häuslich war die Gattin immer,
betreute gerne Sommergäste.
Am Abend gab es nette Feste


am großen runden Gartentisch
mit heißem Glühwein, würzig, frisch;
das wurde allseits hoch geschätzt;
da war man ja noch nicht vernetzt.


So großzügig der Bauerngarten,
so lecker waren alle Arten
von Obst, Gemüse und Salaten
mit Dahlien in den Rabatten.


*


Der Garten machte täglich Arbeit,
die Ernte machte allen Freud‘.
die Zeit war nicht für Rast am Strand,
die Ferien nicht eingeplant.


Erst später, in den alten Tagen,
vermochten sie mal wegzufahren,
verbrachten ein paar Tage dort,
per Reisebus ging es dann fort.


Gut sechzig Jahre hielt die Ehe,
so glücklich, wie es glücklich gehe,
bis halt der Tod die beiden schied,
und keiner machte einen Fehltritt.


So dankbar waren sie dem Leben,
wie freundlich haben sie gegeben.
Nun blühen Rosen auf dem Grab,
ein Lichtlein leuchtet jeden Tag.


© Brigitte Waldner


Foto: © Brigitte Waldner „Dahlien im Garten 1983“

 

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