Martin Jungeblut

Der Grashalm

Man sähte reichlich Rasensaat,
damit die Stadt einst grüner ward.
Das Land umzäunt, vorm eilend Volk geschützt,
damit in Ruh es grünt und allen nützt.

Und so zeigt schon ein/zwei Regen später
sich des komm'nen Grünes erst' Vertreter.
Und wie viele seiner Brüder rings zuvor
reckt ein junger Halm zur Sonne sich empor.

Mit jedem Tag gewinnt er nun an Länge,
schiebt sich durchs Vettern-Halmgedränge.
So sprießt der Rasen eifrig in der Tat
dank ausgestreutem Düngsubstrat.

All die Gräser-Brüder an der Seit
und reichlich Sonn' zu jeder Zeit;
bewundernd ist der Leute Sicht:
"Das ist ein Leben, schöner geht es nicht!"

Denkt der Halm blinzelnd ins Sonnenlicht,
als mit einem Mal ein Brummen nähert sich.
Erst fallen die Halme hinter ihm,
dann kürzt ein Rasenmäher-Messer ihn.

Der Halm ist kurz geschóckt, dann wild entschlossen:
"Ich wachs aufs Neue unverdrossen!"
Gesagt, getan, gewinnt er neu an Maß
und füllt mit Grün den Platz, an dem er saß.

Die neue Rasenfläche Neugier bald erweckte,
der Mensch als Naherholungsfläche sie entdeckte.
Seither jeden langen sonnig' Tag,
drückt den Halm ein Badelaken flach.

Erst im Herbste ebbt die Handtuchwelle ab.
Der Halm ertrug es stoisch, doch nun ist der schlapp.
Endlich kann ungestört er spür'n der Sonne Wärm'.
Da erleichtert ein Hund überm Halme sein Gedärm.

Wieder im Dunkel, umher ein unangenehmer Duft.
"Was hilft's?", denkt der Halm, "Empor zur frischen Luft!" 
Wenigstens scheint der Mensch die Lust nun zu verlieren,
ihn mit dem Räsenmäher zu malträtieren.

Vom drohenden Unheil ahnt der arme Halm noch nicht,
das sich zusammenbraut im städtischen Amtsgeflicht:
Im Baudezernat war man zur Stund' sehr angetan,
fand eine Lücke noch im dicht' Bebeauungsplan.

Dem Halm und seinen Brüdern wird das nicht gefallen.
Als Tags darauf sich Baugeräte in den Boden krallen
und in dicken Soden sie reissen aus der Erde,
damit dort Platz fürs Neu-Gebäude werde.

Der Halm liegt mit freien Wurzeln auf der Seite,
denkt "Was nun? Kann in die Höhe, doch nicht in die Weite."
Da hatten wilde Kaninchen ihn schon erspäht
und als Zwischenmahlzeit auserwählt.

Und wie das letzte Grün verschwind't im Pflanzenfresser
denkt der Halm noch: "Früher war halt alles besser!"

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