Aylin

Lebensreise (Haibun)

Lebensreise

 

Im Alter noch war sie umgezogen. Nach einem wilden, prallen Leben voller Eindrücke. Voller Fragen. Auf der Suche nach dem Sinn, auf der Suche nach sich selbst. Eine Nomadenseele schrieb man ihr zu. Eine, die auf dem Weg ist.

 

Nomadenseele

sucht nur Futterplatz, nicht Heimat.

Schaut doch nie zurück.

 

Und doch tat sie es. Da waren die Jahre einer behüteten Kindheit. Tannen rauschten, Wälder wiegten Baumeswipfel über steinigem Fels. Schon als Kind kannte sie das: Unten zu stehen, hinauf zu wollen ebenso wie von oben herunter zu schauen. Niemals jedoch herablassend, Immer nur glücklich, die Chance und Gnade des Weitblickes genossen zu haben.

 

Schaust die Weite an,

die dich sicher trägt ins Fern

für den Augenblick.

 

Mehr wollte sie von diesen Augenblicken. Als einziges Arbeiterkind in der Siedlung studierte sie, lernte fremde Sprachen, um die verstehen zu können, die anders waren als sie selbst. Geheimnisvoll war das, fast mystisch. Die reich verzierten Kuppeln der Moscheen Nordafrikas, die tosenden Meere unbekannter Küsten, die Lieder afrikanischer Stämme, die zitternden Blüten der Orchideen Sri Lankas, das Lächeln der Menschen, das so viele Bedeutungen haben konnte.

 

Auf dem Weg allein,

auf der Suche nach sich selbst.

Wurzelvergessen.

 

Und doch kehrte sie immer wieder heim. Zu ihrer Familie. Sie genoss den Duft, den die alte Kaffeedose verströmte, immer wenn Mutter die Schublade aufzog. Sie roch es sofort, wenn sie nach langem Auslandseinsatz aus der Ferne erschöpft durch die Türe kam. Die Herzlichkeit der benachbarten Arbeiterfamilien, die Bewunderung dafür, dass eine von ihnen es geschafft hatte, so eine Karriere zu machen, die Wärme, die guten Wünsche, wenn sie wieder ging, das alles gab ihr Bestätigung.

 

Stärke, Kraft und Halt

geben uns die Wurzeln nur,

die immer binden.

 

Irgendwann gründete sie eine eigene Familie, doch immer wieder rief die sie Nomadenseele zur Herausforderung. Zur anderen Mentalität, zum fremden Ort

Sie bauten ein Haus weit weg von ihren Eltern. Heimeligkeit und Nestwärme schufen sie für ihr kleines Mädchen. Alles sollte so sein wie sie es von Zuhause kannte. Unzählige Menschen lernte sie kennen, mögen. Studierte Leute, die das gehaltvolle Gespräch mit ihr schätzten und deren oftmals doch kalte, marnorgeflieste Villen ihr ein Schaudern einflößten. Sie passte nicht zum kleinen Schwarzen. Sie mochte kein Surimi und keine Poolparties. Trotz des opulenten Einfamilienhauses aß sie gerne Erbsensuppe und liebte es, mit den Hunden durch Matschfelder zu tollen, auch, wenn sie eine feine Perlenkette trug.

Die Menschen aus den einfacheren Wohnvierteln hielten freundliche Distanz. Man kannte sie nicht, doch offensichtlich war sie keine von ihnen. Sie war eine von denen. So stand sie immer dazwischen. Irgendwie.

 

 

Nomadenseele,

wo gehörst du hin, wohin

im Dickicht dieser Welt?

 

Als Jahrzehnte später die erwachsene Tochter fort zog und ein Kind bekam, da hielt sie nichts mehr. Sie schaute auf den wuchtigen Walnussbaum, den sie selbst gepflanzt hatte und er wiegte die Krone bedächtig im Wind. Kurzentschlossen verkaufte sie das Haus und zog in eine kleine Wohnung nahe der Tochter und Enkelchen.

Ihre Bekannten rümpften die Nase. Von sozialem Abstieg war die Rede. Ob sie wohl nicht mehr genug Geld habe, wurde gemunkelt. Doch, hatte sie. Und dennoch wählte sie eine Wohnung aus den Siebziger Jahren. Dort wohnten noch viele Arbeiterfamilien, die die Wohnungen ursprünglich gemietet und sie dann gekauft hatten, als sie zu Eigentumswohnungen umgewandelt worden waren.

Von Anfang an fühlte sie sich von dieser Wohnanlage angezogen, denn sie erinnerte sie an den Ort, an dem sie aufgewachsen war. Ein Mischmasch von Menschen aus ganz Deutschland lebte nun hier: Aus dem Ruhrgebiet, Rheinland, Bayern, aus dem hohen Norden und auch einige ehemalige Gastarbeiter. Menschen, die ihre Heimat verlassen hatte, weil ihnen das große Chemiewerk bessere Verdienstmöglichkeiten versprach. Alle waren zu bescheidenem Wohlstand gelangt und alle hatten sich irgendwie zusammengerauft.

 

Nun wohnte sie schon ein halbes Jahr hier. Gerne hielt sie ein Pläuschchen mit den direkten Nachbarn, einer warmherzigen ehemaligen Bergmannsfamilie aus dem Kohlenpott. Wieder einmal saß sie heute bei ihnen in der Küche, um ihnen kurz den Wohnungsschlüssel zu geben, falls etwas mit dem Hund wäre. Ihr Mann und sie wollten einen Ausflug machen.

Die alten Leutchen lächelten verständnisvoll. Sie liebten Hunde. Als der Mann die Schublade aufzog, um den Schlüssel hineinzulegen, roch es nach Kaffee und einer alten Blechdose.

 

Nomadenseele

Schaust zwar nie zurück und doch

fandest du den Platz,

 

wo du ruhen kannst,

in dir selbst die Wurzeln spürst

nach langer Reise.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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