Aylin

Menschenskizzen eines Tages

Menschenskizzen eines Tages

 

 

1

 

Es ist die fünfte Jahreszeit und als Vorortkölner setzen wir unsere Hüte auf, malen uns ein bisschen Tusche ins Gesicht und tauchen ein paar Tage ab in eine andere Welt. Einfach mal alles hinter sich lassen, schunkeln, lachen und aus vollem Halse singen. So kennen wir es, so lieben wir es. Und dazu brauchen wir keinen Alkohol.

Zum ersten Mal in der neuen Heimat, immerhin nur vierzig Kilometer von unserem bisherigen Wohnort entfernt, wollen mein Mann und ich heute schauen, was „op de schäl Sick“ so los ist zu Fasteleer.

Mein Federboahut in pink macht hier noch was her, und der türkischstämmige Nachbar vom Haus gegenüber, der ansonsten immer sehr zurückhaltend ist, lacht mich heute an. Vielleicht lacht er mich auch aus. Man weiß es nicht.

Er hat eine alte, runzelige Frau bei sich, die in orientalischer Landestracht gekleidet ist. Sie schaut mich erschrocken an, als ich freundlich sage: Ist die Mama zu Besuch gekommen? Er übersetzt nicht, sondern antwortet. Sie nix verstehen. Die alte Frau senkt den Blick. Ich schweige, fühle mich ein wenig hilflos.

Neben uns steigt ein Mann aus seinem Fiat, auf den in roten Lettern gedruckt ist: Rettungsgasse frei halten. Dankbar, der Situation entkommen zu können, spreche ich ihn an: Da ist aber einer besonders engagiert. Daraufhin hält er mir einen Vortrag, bei dem ich jeden Punkt bejahe und nicke. Natürlich ist es eine Schweinerei, wenn Autofahrer keine Rettungsgasse bilden und Menschenleben damit gefährden. Sollte viel härter bestraft werden. Ja! Auch der türkischstämmige Nachbar nickt.

Der Rettungsgassler hat sich in Rage geredet und stößt plötzlich aus: Ja, und unsere ausländischen Mitbürger können das besonders gut! Ich schaue ihn fassungslos an, der türkischstämmige Nachbar geht abrupt weiter, hört mich aber noch antworten: Naja, das können die Deutschen genauso gut.

Als wir ihn und seine Mutter überholen, tippt er mir freundschaftlich auf die Schulter und lobt: Schönes Hut. Und ich weiß nicht, was ich antworten soll.

 

 

2

 

Jetzt sind wir mit dem kleinen Enkel, den wir abgeholt haben, auf dem Weg zum Sessionsstart in den rheinischen Karneval. Um die symbolische Schlüsselübergabe des Bürgermeisters an den Karnevalsprinzen zu feiern, suchen wir uns ein Eiscafe am Rande der Bühne aus, wo man gut wird sehen können. Hunderte von Menschen hatten diese Idee wohl bereits vor uns. Es duftet nach gutem Kaffee und frischen Brötchen.

Ich frage ein älteres Ehepaar, ob wir uns zu ihnen setzen dürfen und die fein gekleidete, alte Dame nickt lächelnd. Aber natürlich, haben wir genug Platz, sagt sie mit rollendem R und dem Dialekt, schlesisch vielleicht, ostpreußisch oder polnisch, der mir so vertraut ist. Ihr Blick, mit dem sie mich bedenkt, ist offen und herzlich. Muss Kleines doch gucken, ist doch scheen. Sie erzählt von den Waffeln, die sie bei diesem Eiskonditor immer mitnehmen nach hause, weil ihre eigenen immer so trocken würden. Ich erzähle von meiner Tochter, dass wir hierher gezogen sind wegen des Enkels. Der Mann schaut mich väterlich an.

So nett, sagt sie plötzlich und streichelt mir über die Wange. Eine Wildfremde streichelt mir über die Wange.

Der Rest der Menschen beschäftigt sich mit sich selbst, jeder mit dem, den er mitgebracht hat. Die Trumm schlägt, die Kapelle dröhnt. Obwohl kölsche Lieder gespielt werden, singt niemand mit. Die Leute kennen den Text nicht. Sie schunkeln nicht, haken sich nicht ein, obwohl es sich auch hier Straßenkarneval nennt. Ich wirbele den Kleinen zu Brings Hallelujah durch die Gegend und Opa küsst mich. Alles schaut.

Der Kellner bringt eine Pappschale mit Waffeln gut verpackt und die beiden alten Leutchen stehen auf. Ich sage: Bleiben Sie doch!- Vielleicht, wir sähen uns wieder in Cafe, antwortet sie, bestimmt. Wir aus Kroatien. Und Sie? Ich lächle schweigend, weil die Antwort nicht wichtig wäre, und die alte Dame und ich drücken uns die Hände. Einen Moment lang muss ich an meine schon lange verstorbenen Eltern denken, und wieder sticht da der Schmerz in mir.

 

 

3

 

Da es an einem solchen Tag illusorisch ist, in der Stadt einen Parkplatz zu bekommen, haben wir das Auto zu hause gelassen. Nach ein paar Stunden machen wir uns mit dem Bus auf den Heimweg. Unerwartet ist dieser sehr voll, als wir einsteigen. Der Schwerbehindertenvierer ist belegt und mein Mann bittet, ihm Platz zu machen. Zwei Jugendliche spielen ungerührt weiter an ihren Handys, eine dickliche Frau mittleren Alters schaut unbeteiligt aus dem Fenster. Nur eine alte Dame steht auf. Mein Mann ist aber schon weiter gegangen und ich lasse mich hundemüde auf den Platz rechts vom Gang fallen. Den kleinen Enkel nehme ich auf den Schoß, denke aber mit Schrecken an die kurvenreiche und bergige Strecke. Also platziere ich ihn um auf dem Sitz der alten Dame, klappe die Lehne herunter, dass er sich festhalten kann und reiche meine Hand über den Gang, um ihn abzusichern.

Zwei Gymnasiasten stehen im Gang und unterhalten sich über ihren Philosophiekurs. Der eine trägt einen riesigen Pizzakarton unter dem Arm, dessen Inhalt nach mehreren Kurven verrutscht und sein Cancankostüm bekleckert. Der andere zwirbelt seinen dichten, angeklebten Bart und lacht mitleidig. Freunde ganz offensichtlich.

Nach ein paar Haltestellen steigt ein Mittzwanziger ein und hängt sich an die Halteschlaufe direkt vor meinem Enkel, da er die Dickliche wohl kennt. Die, die für einen Schwerbehinderten nicht aufstehen konnte. Er hat sehen müssen, dass ich meinen Enkel festhalten möchte. Auf meine Bitte, ob er etwas rücken würde, reagiert er nicht. Auch beim zweiten Mal nicht. Ich brülle : Hallo, geht’s noch, Junge. Manchmal vergesse ich, wie alt ich bin. Kackfrech schaut er mir ins Gesicht und die Dickliche auch. Ungerührt schiebe ich ihn zur Seite, hole meinen Enkel auf den Schoß und blaffe: Dumm geboren und nichts dazu gelernt.

Die beiden Gymnasiasten schauen herüber und grinsen. Die beiden arabischstämmigen Freundinnen mir gegenüber blicken mich fassungslos an. Ich aber drücke den Kleinen, schnuppere an seinem Haar, zeige ihm durch die riesigen Scheiben des Busses die vorbei fliegenden Wolken am Himmel und summe: „Superjeile Zick“…

 

 

4

Töchterchen muss trotz Weiberfastnacht arbeiten. Darum haben wir den Kleinen ja allein mitgenommen. Die Zufahrtstraße zu ihrer Schule ist heute wegen Karnevalsanfahrt gesperrt und als Einbahnstraße ausgewiesen, was einen Umweg von mindestens zehn Minuten ausmachen würde. Der Parkplatz jedoch liegt direkt hinter der Einbiegung. Also entscheidet sie sich spontan, dennoch in die Einbahnstraße zu fahren und sich flugs einen Parkplatz zu sichern.

Als sie aus dem Wagen steigt, kommt eine türkischstämmige Frau auf sie zu. Aufgeregt nestelt sie an ihrem Kopftuch, das fast ihr gesamtes Gesicht verdeckt, ihr langer Mantel weht im Wind. Sie schreit: „ Einebannsterraße“.

Wie oft hat Töchterchen erlebt, dass diese Mitbürger auf irgendwelche Hinweise grundsätzlich mit Nix verstehen reagieren.

Sie ignoriert die Kritik und geht weiter. Die Dame aber folgt ihr. Ihr Zeigefinger schwingt in der Luft und sie schreit: Einebannsteraße, Einebannsteraße!

Töchterchen bleibt stehen, sie ist spät dran. In drei Minuten beginnt ihr Unterricht.

Sie hebt beide Arme und sagt : Nix verstehn, nix verstehn! –

Du kein Deutsch? fragt die Dame irritiert. Polska, Polska, ruft Töchterchen zornig. Jak sie masc. Co slychac!.

Außer diesen Begrüßunsfloskeln, Überresten einer Freundschaft mit einem Polen, kann sie kaum ein Wort polnisch. Oh, sagt die Dame beeindruckt, ich nix Polkska sprecken. Dann geht sie kopfschüttelnd fort mit den Worten: Nix integeriert, nix integeriert…

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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